Kleingedrucktes
Mein Mitstreiter Todo ist amerikanischer Staatsbürger, wohnt aber nun schon seit gut 20 Jahren in Deutschland. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass er sich in puncto Service immer noch nicht so recht an die hiesigen Gepflogenheiten gewöhnt hat. Vor allem kommt er nicht damit zurecht, dass sich viele Verbraucherverträge einfach stillschweigend verlängern – das ist etwa so bei der Bahncard, bei meinem Fitness Club und bei einigen Internet- und Handy-Betreibern. Wenn man sich überhaupt einmal dafür entscheidet, einen solchen Vertrag, der nicht selten eine Kündigungsfrist von drei Monaten hat, zu beenden, heißt es fast immer: „schriftlich bitte“. Nein, nicht per Email oder FAX. Per Post muss das schon sein im Zeitalter der modernen Telekommunikation. Einfach nur mündlich am Telefon kündigen wie in Amerika geht schon mal gar nicht.
Obgleich Todo (wie ich auch) immer wieder von seinem Internetprovider Telefonanrufe bekommt, in denen ein kostenloses Upgrade der Leitungsgeschwindigkeit oder gar mehr TV-Programme „zum gleichen Preis“ angeboten werden, ist keine zusätzliche Unterschrift erforderlich, wenn er sich dazu entschließen sollte, das gut gemeinte Angebot anzunehmen. Und weil man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul sieht, las Todo das Dankesschreiben seines Internetproviders, wie viele andere Konsumenten auch, nicht so richtig sorgfältig. Also bestenfalls bis zur Unterschrift des Absenders. Doch gerade im Kleingedruckten erwies sich das tolle Gratis-Upgrade als Danaergeschenk: Falls es nicht innerhalb von 14 Tagen widerrufen würde, träte nämlich ohne weiteres Zutun ein Vertrag mit zwei Jahren Mindestlaufzeit samt stillschweigender Verlängerungsoption in Kraft.
Während Todo sich aufgrund seines aus den USA gewohnten Referenzpunktes „Anruf genügt“ mit Recht noch darüber aufregt, dass man sich hierzulande mit einem Haufen Papierkram herumschlagen muss, während man in anderen Kulturkreisen millionenschwere Verträge per Telefon abschließen kann, bewegt mich noch etwas anderes. Denn abseits von all den bürokratischen Hürden, vor denen mancher Verbraucher ohnehin schon kapituliert hat oder derlei Arbeit aus Faulheit gerne in die Zukunft schiebt, gibt es noch den so genannten Besitztumseffekt. Dieser alleine sorgt schon vielfach dafür, dass man selbst einmal gratis Erworbenes nicht mehr so gerne zurückgibt. Es sei denn im Tausch gegen einen noch besseren und noch länger laufenden Vertrag.