Relative Psychopathen
Lange ist es noch nicht her, dass ein Händler einer Investmentbank einen Riesenverlust in Milliardenhöhe produziert hat. Passend zu diesem Desaster haben jetzt Wissenschaftler der Universität Sankt Gallen das Verhalten von 27 Händlern untersucht und dieses mit den Resultaten einer bereits zuvor veröffentlichten Studie über 24 Psychopathen in deutschen Hochsicherheits-Kliniken sowie mit einer gleich großen Kontrollgruppe[1] verglichen. Das Ergebnis ist erschreckend: So kamen die Leiter der Forschungsgruppe, Thomas Noll und Pascal Scherrer, zu dem Ergebnis, dass sich die Händler viel rücksichtsloser, egoistischer und weniger kooperativ als die Psychopathen und die Teilnehmer der Kontrollgruppe gerierten. Noch verblüffender fanden die Wissenschaftler, dass die Händler bei der Performance etwas schlechter abschnitten als die Psychopathen. Jedoch nur bei den absoluten Gewinnen. Bei der Maximierung der relativen Profite lagen sie indes vorn. Thomas Noll erklärte dazu, für ihn habe es etwas sehr „Destruktives“, wenn man den relativen Gewinn nur dadurch maximiere, dass man den absoluten Profit des Spielpartners verringere, so als würde man das Auto des Nachbarn, der die gleiche Marke fahre wie man selbst, mit dem Baseballschläger zertrümmern, „um selbst besser dazustehen“.
Diese Erkenntnis ist richtig, sollte aber nicht erstaunen. Auch wenn die Standardökonomie nach wie vor davon ausgeht, dass Menschen ausschließlich von Rationalität und Eigeninteresse geleitet sind und allein ihren ökonomischen Nutzen maximieren wollen. Ein Homo oeconomicus schert sich in der Tat nicht darum, wie sich die Menschen in seinem Umfeld fühlen. Weder im Positiven noch in Negativen. So gesehen dürften die Psychopathen, deren Persönlichkeit man stark vereinfacht als empathie- und verantwortungslos bezeichnen könnte, diesem Kunstmenschen sogar etwas näher stehen als die Händler.
Und was diese betrifft, hat die Behavioral Finance schon lange vor dieser Studie eindrucksvoll gezeigt, dass sie (übrigens wie andere Menschen auch) meist eben nicht ihren absoluten Gewinn maximieren. Denn: Menschen bewerten relativ. Der Umstand, dass jeder sich permanent mit anderen vergleicht – etwas, das die klassische Ökonomie bis heute ignoriert – führt dazu, dass die meisten sogar bereit wären, auf Gewinne verzichten, nur um anderen zu schaden. Sogar eigenes Geld würden sie womöglich nur zur reinen Schadenfreude aufwenden[2]. Natürlich möchte jeder gerne eine Million Euro haben. Aber noch wichtiger ist es ihm häufig, dass seine Freunde, Nachbarn oder Bekannten, also alle Leute, mit denen er sich vergleicht, keine Million besitzen. So wurde in einem Experiment gezeigt, dass sich viele Menschen, wenn sie die Wahl zwischen zwei gleich teuren Grundstücken haben, gegen das größere Areal entscheiden, sofern die Nachbarn ringsum noch größere Grundstücke besitzen. Dass sie stattdessen das kleinere Grundstück bevorzugen, scheint auf den ersten Blick zwar ökonomisch wenig sinnvoll zu sein, doch bietet dieses in ihren Augen den entscheidenden Vorteil, dass es das großflächigste in der ganzen Straße ist.[3]
So sollte es also nicht verwundern, wenn die Tendenz zur Maximierung des relativen Gewinns bei Händlern besonders stark ausgeprägt ist. Schließlich ist ihre Belohnung ebenfalls relativ: Je mehr sie aus dem gemeinsamen Bonuspool bekommen, desto weniger erhalten die anderen.
[1] Spiegel 39/2011 vom 26.9.2011
[2] Zizzo, D. J. & Oswald, A. (2001): Are People Willing to Pay to Reduce Others’ Incomes? Annales d’Economie et de Statistique, No. 63-34, S. 39-65
[3] vgl. auch Frank, Robert H.(2007): Falling Behind: How Rising Inequality Harms the Middle Class, (Aaron Wildavsky Forum for Public Policy) University of California Press