Jenseits von Gut und Böse
Eigentlich wollte ich mich nicht zu Karl-Theodor zu Guttenbergs Promotion äußern – das haben andere schon zur Genüge getan. Auch weiß ich nicht, worin die Grenze zwischen einem kleinen und einem großen Plagiat besteht. Genauso wenig kenne ich den Unterschied zwischen einer bewussten und einer unbewussten Täuschung, wie es Professor Eckhard Freise bei Anne Will am Sonntagabend anhand der Promotionsordnung der Uni Bayreuth zu erklären versucht hat.
Viel erstaunlicher ist für mich auf den ersten Blick die Tatsache, dass 74 Prozent der Deutschen laut einer ARD-Umfrage vom Sonntag[i] der Ansicht sind, zu Guttenberg sollte sein Amt wegen der Dissertationsaffäre nicht aufgeben. Liegt dies etwa daran, dass sich die Deutschen für akademische Arbeiten oder Fußnoten-Rituale prinzipiell nicht interessieren oder womöglich einfach nichts davon verstehen? Oder handelt es sich in ihren Augen beim Abschreiben ganzer Textpassagen nur um ein Kavaliersdelikt?
Die Ursache, dass sich zu Guttenberg immer noch eines breiten Rückhalts in der Bevölkerung erfreuen kann, ist in der menschlichen Psyche zu suchen, für die Werte und Normen eine wichtige Rolle spielen. Von allen Informationseinheiten sind sie sogar die robustesten. Ihnen nicht gerecht zu werden bedeutet, kognitive Dissonanz zu erleiden. Diese entsteht natürlich auch, wenn uns diejenigen, die diese Werte für uns verkörpern oder zumindest besonders lautstark behaupten, dies im Gegensatz zu anderen zu tun, plötzlich enttäuschen. Die erste Reaktion auf diese Enttäuschung ähnelt der eines Händlers, der mit einem Male feststellen muss, dass die Aktien, die er für „richtig gut“ gehalten und daher gekauft hatte, entgegen seiner Einschätzung zum steilen Sinkflug angesetzt haben. Meist wird dieser Anleger aber nicht sofort verkaufen, um etwaige Dissonanzen zu vermeiden, sondern stattdessen nach Informationen suchen, die seine ursprüngliche Entscheidung rechtfertigen. Und alles Unpassende, alle Kritik an den Werten seines Depots wird verharmlost und heruntergespielt.
Genauso mag es sich bei vielen Menschen in Hinblick auf zu Guttenberg verhalten. Da regen sich vermutlich auch nur wenige darüber auf, dass dessen Parteifreundin, Monika Hohlmeier, in der ARD die drei getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan als menschliche Schutzschilde für den Verteidigungsminister verwendet. Angesichts dieser schrecklichen Ereignisse solle man doch bitteschön aufhören, Fußnoten zu zählen, so ihr Vorwurf. So zeigt sich wieder einmal: Im Krieg stirbt zuerst die Wahrheit.
[i] Quelle: ARD DeutschlandTREND extra vom 20.2.2011