Früchte des Bösen
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Es war ein klarer Morgen an einem dieser schönen Frühlingstage, als ich mich auf meine samstägliche Einkaufstour begab und als erstes den Spargelstand aufsuchte. Dort werden stets auch Erdbeeren angeboten. Erdbeeren, hübsch zum Verkauf aufgereiht in vier offensichtlich genau abgewogenen Körbchen. Vor mir wartete ein Herr mittleren Alters, während eine Frau soeben neben einem guten Kilo Spargel auch eines dieser schönen Erdbeerkörbchen auswählte.Und da geschah es. Just als sich die Verkäuferin zum Kassieren für einen Sekundenbruchteil wegdrehte, schnappte sich die Frau (ganz offensichtlich aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammend) eine Erdbeere aus einem anderen Körbchen, und platzierte es blitzschnell in ihr eigenes. Der Herr vor mir schien offensichtlich nichts bemerkt zu haben und schwieg. Aber auch ich selbst wollte kein Riesendrama wegen einer einzigen Erdbeere anzetteln. Trotzdem ärgerte mich diese Geschichte, denn ich hätte ja, wenn ich nicht so aufmerksam gewesen wäre, als nächster den um eine Erdbeere erleichterten Korb erwischen können. Vermutlich sogar, ohne es zu merken. Eine Bagatelle, oder? Dennoch hatte ich mich aber wahrscheinlich mehr über diese eine geklaute Erdbeere geärgert, als sich die Diebin über ihren kleinen Gewinn gefreut haben mag.
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Aber ich kam noch mehr ins Grübeln. Denn ich stellte mir eine alltägliche Situation vor[1], wie sie vermutlich in jedem Supermarkt vorkommt: Wie gerade jemand ein gutes Pfund Trauben in der Hand hält, sich eine dieser blauen Früchte in den Mund schiebt, um erst danach die Ware abzuwiegen. Im Prinzip genau der gleiche Diebstahl. Auch hier geht es nur um eine Traube. Aber dieses Mal würde ich mich nicht halb so sehr aufregen wie im Falle der einen Erdbeere. Möglicherweise, weil dieser Mundraub für mich nicht sogleich einen erkennbaren persönlichen Schaden nach sich zöge. Gleichwohl könnte er, sofern vielfach begangen, am Ende durchaus zu einer Preiserhöhung der Trauben im Supermarkt führen. Im Gegensatz zum Erdbeer-Delikt würden hier also die negativen Folgen des Diebstahls irgendwann sozialisiert werden, was zumindest in der Gegenwart keine unmittelbaren Konsequenzen für mich hatte.
[1] Tatsächlich hatte mich mein Geschäftspartner Herman, dem ich die ganze Geschichte erzählt hatte, auf diesen Gedanken gebracht.
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