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	<title>Normen Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
	<lastBuildDate>Tue, 06 Oct 2020 04:49:28 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Die gut gefüllte Büchse der Pandora</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Oct 2020 04:48:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Dollar am Morgen]]></category>
		<category><![CDATA[Gewöhnungseffekt]]></category>
		<category><![CDATA[Normen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es ist schon merkwürdig, wenn auf der einen Seite die Nachrichtenlage an den Finanzmärkten von den Neuigkeiten zum Gesundheitszustand von US-Präsident Donald Trump beherrscht werden. Andererseits dürften viele Entscheider derzeit nicht wissen, wie es Trump tatsächlich geht. So gibt es viele Kommentatoren, die angesichts der widersprüchlichen Meldungen und Halbwahrheiten nicht so recht wissen, wie sie die Situation bewerten sollen. Gibt es Grund zum Optimismus? Oder ist alles...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;"><strong>EUR USD (1,1795)</strong>             Es ist schon merkwürdig, wenn auf der einen Seite die Nachrichtenlage an den Finanzmärkten von den Neuigkeiten zum Gesundheitszustand von US-Präsident Donald Trump beherrscht werden. Andererseits dürften viele Entscheider derzeit nicht wissen, wie es Trump tatsächlich geht. So gibt es viele Kommentatoren, die angesichts der widersprüchlichen Meldungen und Halbwahrheiten nicht so recht wissen, wie sie die Situation bewerten sollen. Gibt es Grund zum Optimismus? Oder ist alles nur eine Show? Bis zur Unterstellung, Trump habe die ganze Geschichte nur inszeniert. Fake News, sozusagen. Wenn dem so wäre, wäre dies allerdings eine sehr riskante Strategie des US-Präsidenten.<img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignright wp-image-12569" src="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2020/10/06102020.jpg" alt="" width="150" height="469" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2020/10/06102020.jpg 240w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2020/10/06102020-96x300.jpg 96w" sizes="(max-width: 150px) 100vw, 150px" /></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;"><strong>Neue Normen schleichend akzeptiert</strong></span></h3>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Was alle diese Geschichten gemeinsam haben, ist, dass sich unser Referenzpunkt, der die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit definiert, klammheimlich nach unten verschoben hat. Was wir möglicherweise noch vor einigen Monaten diesbezüglich als inakzeptabel empfanden, ist mittlerweile zur Normalität geworden (vgl. dazu auch meinen früheren eingehenden Blogbeitrag aus dem Jahr 2016<strong><span style="color: #000000;"> <a style="color: #000000;" href="https://www.joachim-goldberg.com/2016/11/14/trump-and-the-new-normal/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Trump und &#8222;The New Normal&#8220;</a>,</span></strong> insbesondere der Abschnitt <em>Wie aus „unmoralisch“ „relativ moralisch“ wird)</em>. Die neue Norm bedeutet, dass man ungestraft und ohne Konsequenzen ganz offen die Unwahrheit äußern darf. Die Lüge ist salonfähig geworden. Interessanterweise begründen die Teilnehmer an den Finanzmärkten ihre angeblich rationalen Entscheidungen nach landläufiger Meinung aber gerade durch ebensolche Informationen, deren Wahrheitsgehalt eigentlich fragwürdig sein sollte.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;"><strong>Umstrittenes Wahlergebnis langsam ausgepreist </strong></span></h3>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Umso bemerkenswerter ist es, dass die Risikofreude vor allen Dingen an den Aktienmärkten nach dem Wochenende ganz schnell wieder zurückgekehrt ist. Wie schon einige Male zuvor in den vergangenen Monaten. Die Kommentatoren, die noch am Freitag von dramatischen Kurseinbrüchen an den Aktienmärkten berichteten, die dann aber bei genauerem Hinsehen gar nicht so eindrucksvoll waren (vgl. mein Kommentar vom Sonntag <strong><a href="https://www.joachim-goldberg.com/2020/10/04/wie-krank-ist-donald-trump/" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><span style="color: #000000;">HIER</span></a></strong>), wie es die Nachrichtenlage eigentlich hätte vermuten lassen, stießen nun in ein anderes Horn.</span></p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Die Hoffnung auf Trumps Genesung soll die Nachfrage beflügelt haben. So hieß es zumindest anfangs. Später – zumal die Trump-Story widersprüchlich blieb – hatte man dann eine andere Hoffnung aus der offenbar immer noch gut gefüllten Büchse der Pandora zur Hand: Die Hoffnung, dass es beim US-Stimulus-Programm doch noch zu einem Kompromiss zwischen Demokraten und Republikanern kommen werde. Doch nicht etwa, weil Trump die Abgeordneten am Sonntag aufgefordert hatte, das Paket endlich auf den Weg zu bringen? Nein: Die Märkte haben preisen schlichtweg ein enges und umstrittenes Wahlergebnis zugunsten von einem klaren Wahlsieg der Demokraten langsam aus.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;"><strong>Bidens Vorsprung und der schwache Dollar</strong></span></h3>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Aber auch im Devisenhandel war der Dollar als Fluchtwährung angesichts der wieder aufgeflammten Risikofreude gestern nicht gefragt. Zumal der Handel offenbar die während der vergangenen Tage gestiegene Wahrscheinlichkeit, dass der Trump-Herausforderer Joe Biden einen deutlichen Wahlsieg einfahren könnte, langsam einzupreisen scheint.  Zumindest scheint sich die Meinung durchzusetzen, dass ein deutlicher Sieg Bidens als für den Dollar negativ zu bewerten sei. Und davon profitierte gestern auch der Euro. Allerdings muss er <strong>1,1805 </strong>überwinden, um vorsichtig einen neuen kurzfristigen Aufwärtstrend zu beginnen, der sich oberhalb von <strong>1,1860/65</strong> bestätigen würde. Auf jeden Fall bleibt die Gemeinschaftswährung oberhalb von <strong>1,1680/85</strong> stabil.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;"><strong>Hinweis</strong></span></p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.</span></p>
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		<title>Welt ohne Normen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Jan 2017 09:27:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Bezugspunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Grundrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Normen]]></category>
		<category><![CDATA[Trump]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Donald Trump ist noch keine zwei Wochen im Amt, und schon scheint die Welt wie auf den Kopf gestellt zu sein. Innerhalb kürzester Zeit hat uns der neue US-Präsident vorgeführt, dass es eine neue Unordnung gibt. Aber nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika, sondern in vielen anderen Bereichen der Welt verschieben sich derzeit [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-9391 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2017/01/Fotolia_124957885_S-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2017/01/Fotolia_124957885_S-300x201.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2017/01/Fotolia_124957885_S-768x516.jpg 768w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2017/01/Fotolia_124957885_S.jpg 846w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Donald Trump ist noch keine zwei Wochen im Amt, und schon scheint die Welt wie auf den Kopf gestellt zu sein. Innerhalb kürzester Zeit hat uns der neue US-Präsident vorgeführt, dass es eine neue Unordnung gibt. Aber nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika, sondern in vielen anderen Bereichen der Welt verschieben sich derzeit die gesellschaftspolitischen Normen. Und das nicht, wie ich vor einigen Wochen (<a href="http://joachim-goldberg.com/2016/11/14/trump-and-the-new-normal/" target="_blank"><strong>HIER</strong></a>) noch annahm, langsam und peu à peu, damit wir uns schleichend daran gewöhnen können und sich der Bezugspunkt dessen, was gemeinhin als gesellschaftlich akzeptabel gilt, unmerklich immer mehr verschiebt. Stattdessen hat sich der Maßstab für die Wahrnehmung dessen, was in unseren Augen als ethisch oder politisch korrekt gilt, nicht langsam verändert, sondern scheint zeitweise sogar schon völlig verschwunden zu sein.</p>
<p>Die einen sind schockiert, wenn nicht sogar paralysiert, weil sie nicht damit gerechnet hatten, dass Trump seine extremen Ansichten, die er im Wahlkampf vertrat, tatsächlich auch umsetzen würde. Längst geht es nicht mehr nur um die Diffamierung von Behinderten und Frauen, um die Ausgrenzung von Muslimen, Schwarzen und anderen ethnischen Gruppen, die Ablehnung von Homosexuellen und Abtreibungsbefürwortern, sondern um nichts Geringeres als die Abschaffung der Gleichheit vor dem Gesetz, der Pressefreiheit, der Menschenrechte und allem, was nach unserem Verständnis die westlichen Demokratien ausmacht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wahlversprechen erfüllt</strong></p>
<p>Längst wird nicht mehr zurückgerudert oder relativiert. Vielmehr hat es den Anschein, als müsste die US-Gesellschaft die neuen Regeln exakt so hinnehmen, wie sie gemeint waren. Hierzulande wenden sich zwar viele Menschen von Donald Trump ab, weil er für die Folter eingetreten ist. Waterboarding gutzuheißen, das geht vielen doch entschieden zu weit. Interessanterweise sind dies aber manchmal dieselben Leute, die mehr oder weniger offen den Hut vor Donald Trump ziehen, weil er (im Gegensatz zu den etablierten Politikern und Parteien) seine Wahlversprechen 100prozentig erfüllt. Auch wenn diese Vorsätze noch so irrsinnig gewesen sein mögen. Hauptsache: erfüllt. Wer sich an seine Versprechen und Zusagen hält, gilt als edel.</p>
<p>Und wenn die Trump‘schen Dekrete bei dem einen oder anderen doch Zweifel und Widersprüche auslösen sollten, beruhigt man sich mancherorts schnell mit positiven Argumenten. Trump habe eine große Vision, etwa den Schulterschluss mit Russland. Das kann nur gut für den Weltfrieden sein.</p>
<p>„Regt Euch doch nicht auf!“, sagen andere. Trump werde schon bald an seine Grenzen stoßen, wenn er erst einmal von seiner eigenen Partei zurückgepfiffen wird. Wo sind eigentlich die Demokraten? In meiner Wahrnehmung wirkten sie bis vor kurzem wie vom Erdboden verschluckt. Immerhin wird protestiert. In der ganzen Welt und innerhalb kürzester Zeit kamen etwa mehr als 4 Millionen Unterschriften online zusammen, um Trump verbal in seine Schranken zu weisen.</p>
<p>Aber dann muss ich wieder lesen, dass der Widerstand in den USA gegen Donald Trump gar nicht originär von Menschen kommt, die ihre bürgerlichen Grundrechte wahrnehmen wollen, sondern dass der Aufstand von steinreichen Persönlichkeiten bezahlt worden sein soll, die immer gerne für Unruhe sorgen. Und deswegen sei der Widerstand auch nichts wert. Eigentlich gebe es ihn gar nicht.</p>
<p>Donald Trumps Botschaft könnte allerdings auch noch anders verstanden werden. Denn wenn es ihm dem Anschein nach mühelos gelingt, in einem Land, das als Wegbereiter von Demokratie und Menschenrechten gilt, innerhalb kürzester Zeit alle Werte der Humanität und Meinungsfreiheit außer Kraft zu setzen, dann muss das doch wie Musik in den Ohren aller selbsternannten Autokraten klingen.</p>
<p>Ist von nun an alles erlaubt?</p>
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		<title>Trump und &#8222;The New Normal&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Nov 2016 15:20:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Verankerungsheuristik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Selten hat eine Präsidentschaftswahl in den USA die westlichen Gesellschaften so gespalten. Und auch knapp eine Woche nach der Wahl scheinen sich viele Menschen noch nicht an deren Ergebnis gewöhnt zu haben. Vor allem, weil sich die Umfrageinstitute in dramatischer Weise geirrt haben. Und es scheint fast so, als ob die Angst, womöglich nicht der [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/trump-and-the-new-normal/">Trump und &#8222;The New Normal&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-9275 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2-300x114.jpg" alt="ankerhirn" width="300" height="114" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2-300x114.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2-768x293.jpg 768w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2.jpg 810w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Selten hat eine Präsidentschaftswahl in den USA die westlichen Gesellschaften so gespalten. Und auch knapp eine Woche nach der Wahl scheinen sich viele Menschen noch nicht an deren Ergebnis gewöhnt zu haben. Vor allem, weil sich die Umfrageinstitute in dramatischer Weise geirrt haben. Und es scheint fast so, als ob die Angst, womöglich nicht der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen, sogar dazu geführt hat, dass viele Wähler bei Umfragen nicht aufrichtig geantwortet haben, aus Angst vor einer möglichen Isolation, wenn sie zu Kandidaten oder Parteien tendierten, die von den Medien und der offiziell vorherrschenden Meinung abwichen. Auch hierzulande galt es bis vor kurzem noch als schick, offiziell den designierten US-Präsidenten Donald Trump abzulehnen, weil er Standpunkte vertritt, die bislang gesellschaftlich als kaum akzeptabel galten.</p>
<p>Das hat sich nun geändert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Reset der Normen</strong></p>
<p>Genauso wie die anonyme Masse der US-Amerikaner, die vorgeblich Trump abgelehnt hatte, plötzlich zu einer Mehrheit von Trump-Anhängern mutierte, scheinen dessen Ideen auch hierzulande bei immer mehr Menschen auf Gegenliebe zu stoßen. Und wenn EU-Parlamentspräsident Martin Schulz jetzt fordert, dem designierten US-Präsidenten offen zu begegnen und praktisch von vorne anzufangen, indem beide Seiten „auf Null schalten“ und sich gegenseitig eine Chance geben, kann man dies einerseits natürlich als Zeichen des Respekts vor dem US-Wahlergebnis deuten. Zum anderen könnte sich in dieser Aufforderung zu einem Reset aber auch die unbewusste Änderung eines gesellschaftlichen Bezugspunkts dessen, was gemeinhin als akzeptabel gilt, andeuten. Gewissermaßen eine Verschiebung des Maßstabs für die Wahrnehmung dessen, was ethisch oder politisch korrekt ist, mithin eine klammheimliche Veränderung von gesellschaftlichen Normen und Referenzpunkten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Von extremen Ankern…</strong></p>
<p>Donald Trump und möglicherweise auch seine Berater haben es aus verhaltensorientierter Sicht geradezu meisterlich verstanden, den Bezugspunkt für soziale Normen zu verschieben. Es ist natürlich nicht erwiesen, dass sich Trump tatsächlich bewusst der Methode des Verankerns (Anchoring) aus der Verhaltensökonomik bedient hat. Aber mit seinen extremen Ansichten, die er im Wahlkampf vertrat, hat dies bei den Wählern zu genau einem solchen Effekt geführt. Ursprünglich wollte Trump 11 Millionen illegale Einwanderer ausweisen, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen, die Gesundheitsreform Obamacare abschaffen, Hillary Clinton ins Gefängnis stecken und alles, was nach Establishment aussieht, am liebsten aus der US-Gesellschaft verbannen. Mit der Diffamierung von Behinderten und Frauen, der Ausgrenzung von Hispanics, Schwarzen und anderen ethnischen Gruppen, der Ablehnung von Homosexuellen und Abtreibungsbefürwortern vertrat der designierte US-Präsident im Wahlkampf Extrempositionen, die weit jenseits des politisch Korrekten anzusiedeln sind. Schlechthin eine Absage an Gleichberechtigung, an eine multikulturelle Gesellschaft, an die Globalisierung, an alles Liberale und Intellektuelle.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>…zu neuen Bezugspunkten </strong></p>
<p>Mit diesen Extrempositionen wurden zunächst Anker, das heißt neue, für viele Menschen längst nicht mehr akzeptable Bezugspunkte, gesetzt. Und diese haben sie im Hinterkopf behalten, weshalb sie weiterhin eine ganz wichtige Rolle spielen, als Donald Trump nach seiner Wahl mit einem Male einige dieser Extrempositionen korrigierte. Plötzlich beabsichtigt er, „nur“ 3 Millionen Illegale auszuweisen, auch fordert er heute das Ende der Gewalt gegen Minderheiten, die nach Barack Obama benannte Gesundheitsreform wird teilweise beibehalten und selbst über eine strafrechtliche Verfolgung seiner Wahlkampfgegnerin Hillary Clinton wegen der E-Mail-Affäre will er noch einmal nachdenken. Im Lichte der im Wahlkampf vertretenen Extrempositionen wirkt dieses Zurückrudern oder Relativieren wie Balsam auf die Seelen derjenigen, die sich zuvor noch durch Donald Trumps Äußerungen verletzt und gekränkt fühlten. Mit anderen Worten: Für all diejenigen, die Trump nicht gewählt haben, ist diese Korrektur vormaliger Extrempositionen nichts anderes als ein relativer Gewinn gegenüber vorher Undenkbarem.</p>
<p>Und auch hierzulande sehen sich viele Menschen darin bestätigt, dass auch im Falle Trumps nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Mit anderen Worten: Trump und seine sicherlich wegen des Wahlkampfs überzogenen Ansichten seien gar nicht so schlimm und im Grunde habe er in manchen Punkten gar nicht mal Unrecht, räumen einige mittlerweile ein. „Geben wir ihm eine Chance“, fordern daher selbst gemäßigte Zeitgenossen. Immerhin sei er doch demokratisch gewählt, heißt es.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wie aus „unmoralisch“ relativ „moralisch“ wird</strong></p>
<p>Anhänger der Verhaltensökonomik, insbesondere der sogenannten Behavioral Ethics, wissen jedoch, dass einmal gesetzte Anker trotz besseren Wissens später nur unzureichend korrigiert werden. Aber es geht um mehr. Es ist nicht nur plötzlich legitim, Donald Trump gut zu finden, sondern auch den damit einhergehenden gesellschaftlichen Kulturwandel. Denn die Wahrnehmung dessen, was bislang als politisch oder ethisch korrekt angesehen wurde, hat sich wegen eben jener Verschiebung des Bezugspunktes zwischen Recht und Unrecht verändert. Genauso wie Gewinne und Verluste nicht absolut, sondern relativ zu einem Bezugspunkt wahrgenommen werden, verhält es sich mit den moralischen Werten eines „Gut“ und „Böse“. Denn tatsächlich geht es vor allem darum, besser oder schlechter im Vergleich zu anderen zu sein. Und genauso wie man sich an Gewinne und Verluste gewöhnt, kann sich auch die moralische Bewertung im Laufe der Zeit abschwächen. Vor allem auch, weil diese Trennlinie nach einer Weile infolge von Gewöhnungseffekten noch weiteren Veränderungen unterliegt. Und so werden unter diesen neuen Normen und Bedingungen Menschen Dinge tun, die sie selbst vor ein paar Wochen vielleicht nie für möglich gehalten hätten. Es ist die schleichende Veränderung der Normen und der Bezugspunkte, manchmal allein durch das Fortschreiten der Zeit, wodurch wir alle Gefahr laufen, korrumpiert zu werden und das, was wir vormals <strong>absolut</strong> verabscheut hatten, mit einem Male halbwegs, also <strong>relativ </strong>in Ordnung finden.</p>
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		<title>Clockwork Oranje</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Aug 2015 17:22:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[bargeldloser Verkehr]]></category>
		<category><![CDATA[mentale Kontoführung]]></category>
		<category><![CDATA[Normen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Meine Familie und ich verbrachten einen wundervollen Urlaub in der malerischen holländischen Hauptstadt Den Haag. Wir hatten uns in einem Privathaus eingemietet und versorgten uns die meiste Zeit selbst. In den Niederlanden ist fast alles wie bei uns. Der Müll wird getrennt, H &#38; M hat mehrere Filialen in der Fußgängerzone; es wimmelt von Fahrradfahrern, [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/clockwork-oranje/">Clockwork Oranje</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Meine Familie und ich verbrachten einen wundervollen Urlaub in der malerischen holländischen Hauptstadt Den Haag. Wir hatten uns in einem Privathaus eingemietet und versorgten uns die meiste Zeit selbst. In den Niederlanden ist fast alles wie bei uns. Der Müll wird getrennt, H &amp; M hat mehrere Filialen in der Fußgängerzone; es wimmelt von Fahrradfahrern, dennoch sind Auto-Parkplätze in der Innenstadt ziemlich rar. Nur der öffentliche Nahverkehr ist deutlich teurer als in Frankfurt, dafür funktioniert er reibungslos, und alle Bahnen fahren ausgesprochen pünktlich. Überhaupt wirkt alles ein bisschen sauberer als bei uns. Und wohlgeordneter, besser organisiert. Das fängt schon morgens beim Brötchenkaufen an, denn ich musste an meinem ersten Urlaubstag mit Erstaunen feststellen, dass ich in der Bäckerei mit Bargeld fehl am Platze war. In feinstem Englisch (Holländisch hätte ich wohl nicht so gut verstanden) erklärte mir deren Geschäftsführer, leider könne man in seinem Laden nicht mehr mit Euro und Cent, sondern nur noch mit einer Bank- oder Kreditkarte die (wirklich ausgezeichneten) Brötchen und Kuchenstücke erwerben.</p>
<p>Ich solle mir nichts vormachen, aber in ein paar Jahren würde wohl in Holland niemand mehr mit Bargeld bezahlen.</p>
<p>Natürlich bin ich niemand, der sich gegenüber dem Fortschritt verschließt. Etwas merkwürdig kam es mir dennoch vor, als ich im Parkhaus in Amsterdam einen einzigen Euro an Park-Gebühr mit meiner Maestro-Karte mittels PIN-Zahlung beglich. Aber vor allem hatte ich nicht bedacht, dass bei all den kleinen Abbuchungen womöglich eine Postengebühr meiner Hausbank von jeweils 0,20 Cent pro Geschäftsvorfall anfallen könnte. Da wird das Parken gleich einmal 20 Prozent teurer. Und die Fahrt mit der Straßenbahn, die ohnehin schon stolze 3,60 Euro kostet, gleich mehr als 5 Prozent.</p>
<p>Aber lassen wir mal solche kleinlichen Rechnereien beiseite. Allein die Vorstellung, meinen Sohn nicht mal mehr schnell zum Bäcker schicken zu können, um ein paar Brötchen einzukaufen, weil er mit seinen 14 Jahren noch nicht über eine Geldkarte verfügt und ich ihn auch nicht mit meiner Karte samt Pin losschicken wollte, machte mich nachdenklich. Wahrscheinlich würden auch die 20 Euro von Tante E., die meine Kinder alljährlich im Geburtstagsbrief vorfinden, in Zukunft wegfallen. Ganz zu schweigen von den spontanen Spenden für Straßenmusikanten. Ohne klimpernde Euro-Münzen im Hut wären die wahrscheinlich ganz schnell weg. Die Frankfurter Zeil ohne Straßenmusik? Vielleicht ist das ja auch so gewollt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Schöne neue Welt</strong></p>
<p>So habe ich mich auch nicht mehr aufgeregt, als wir im Escher-Museum in Den Haag für 24,50 Euro (habe natürlich bargeldlos gezahlt) eine Familienkarte erstanden. Unter Familie versteht man in den Niederlanden Vater, Mutter und (maximal) zwei Kinder. Und weil ich auch meiner jüngsten Tochter nicht die schönen optischen Täuschungen des Escher-Museums vorenthalten wollte, entrichtete ich schweren Herzens den Extra-Eintritt von 6,50 Euro für das dritte Kind. Das fühlte sich nach dem Familienrabatt nicht nur wie ein heftiger Extraverlust auf einem gesonderten mentalen Konto an. Vor allem verstand ich die implizite Botschaft: Beim nächsten Mal sollte ich mich bei der Kinder(er)zeugung etwas zurückhaltender gerieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nach dem Museumsbesuch schritt ich auf den (peinlich sauber gefegten Vorplatz), wo ich unser Auto geparkt hatte. Sieben Euro Parkgebühr für etwas mehr als zwei Stunden hatte ich berappt, natürlich nur mit EC-Karte zahlbar. Ich blickte kurz in den blauen Sommerhimmel: Nein, keine Drohne weit und breit. Derer hätte es auch nicht bedurft, denn der Parkplatz war, wie viele Orte in Den Haag, sowieso videoüberwacht.</p>
<p>Schöne neue Welt. Clockwork Oranje.</p>
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		<title>Gegen den Schwarm</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Apr 2014 17:26:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Investmententscheidungen]]></category>
		<category><![CDATA[Märkte]]></category>
		<category><![CDATA[Commitment]]></category>
		<category><![CDATA[Contrary Opinion]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Las kürzlich eine Anzeige, die das Buch Gegen den Schwarm – aus eigener Kraft erfolgreich werden bewarb. Nun habe ich dieses noch nicht gekauft und bislang auch nicht gelesen. Dennoch hat der Titel bei mir einige Assoziationen hervorgerufen. Nicht weil ich einen Ratgeber brauche, um erfolgreicher zu werden. Aber der Begriff „Schwarm“ taucht momentan häufig [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Las kürzlich eine Anzeige, die das Buch <i>Gegen den Schwarm – aus eigener Kraft erfolgreich werden</i> bewarb. Nun habe ich dieses noch nicht gekauft und bislang auch nicht gelesen. Dennoch hat der Titel bei mir einige Assoziationen hervorgerufen. Nicht weil ich einen Ratgeber brauche, um erfolgreicher zu werden. Aber der Begriff „Schwarm“ taucht momentan häufig auf, <span id="more-7081"></span>als Titel des Bestsellerromans von Frank Schätzing und in dem von der Netzgemeinde geschaffenen Kompositum der „Schwarmintelligenz“. Auch die Behavioral Finance beschäftigt sich mit diesem Phänomen, wenn auch unter der Bezeichnung „Herdenverhalten“, etwas, das vor allen Dingen Kommentatoren immer gerne in Anschlag bringen, um das Marktgeschehen zu erklären. Denn unter dieser Metapher kann sich jeder sofort etwas vorstellen. Schon sieht man sie laufen, eine wilde Horde blökender Schafe, die alle in die gleiche Richtung hinter dem Kurstrend herrennen und alles, was sich ihnen in dem Weg stellt, niedertrampeln. Angetrieben werden sie von Normen, denen sich Börsianer nur schwer entziehen können.</p>
<p>Und weil es sich beim Herdenverhalten um einen simplen, überall in der Natur zu beobachtenden Mechanismus handelt, glaubt man aufgrund dieses Verfügbarkeitsirrtums, dieses sei für den smarten Teilnehmer am Aktienmarkt zum eigenen Vorteil relativ leicht ausnutzbar.</p>
<p>Denn zum einen ist man überzeugt, die Masse der Teilnehmer an den Märkten habe sowieso nie recht. Und zum anderen wird behauptet, Herden seien träge und verhielten sich oft irrational. Doch sind das Behauptungen, die schwer nachweisbar sind. Dennoch lassen sich einige wichtige Erkenntnisse aus dem Herdenverhalten gewinnen, zum Beispiel der Umstand, dass dieses durch Normen begünstigt wird. Und diese Normen werden an den Finanzmärkten durch anerkannte und vielbeachtete Analysten begründet. Viele Börsianer richten ihre eigenen Entscheidungen gerne an solchen Mehrheitsmeinungen aus, weil sie sich durch die Akzeptanz dieser Normen selbst bestätigt und bei ihren Entscheidungen sicherer fühlen. Eine Abweichung von diesen Normen bedeutet hingegen, sich mit Unverständnis und Kritik von Seiten der Mehrheit auseinandersetzen zu müssen, und vor allem ein höheres Commitment, eine stärkere Bindung an die eigene Entscheidung, als wenn man mit dem Strom schwimmt, weil man sich damit zu einem eigenen Urteil über die Lage bekennt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Wann Contrary Opinion sich auszahlt</b></p>
<p>Dennoch hat sich schon vor vielen Jahrzehnten an den Futures-Märkten die Strategie der so genannten <i>Contrary Opinion</i> etabliert, wonach es sich angeblich auszahlen soll, wenn man seine Meinung gegen die der Masse ausrichtet. Grob gesagt: Wenn die Mehrheit der Börsianer optimistisch ist, solle man besser verkaufen, weil die Herde schon gekauft hat. Ist diese hingegen extrem pessimistisch, sollte man, zumindest diesem Ansatz zu Folge, kaufen. Also gegen den Schwarm handeln. Das hört sich zunächst spannend und profitabel an, weil eine derartige Strategie impliziert, womöglich am Höhepunkt einer Bewegung verkaufen bzw. am untersten Punkt einer Aktienkursentwicklung einsteigen zu können.</p>
<p>Dennoch rate ich, nicht blindlings nach diesem Grundsatz zu handeln. Denn – um im Bild zu bleiben – kann man als Contrarian auch von der Herde schlicht überrannt werden. Aus Sicht der Behavioral Finance erscheint eine derartige Strategie ohnehin nur dann sinnvoll, wenn die Herde groß genug ist <i>und</i> mit ihren Investments schief liegt <i>und</i> so aufgrund ihrer Abneigung dagegen, Verluste zu realisieren (Verlustaversion), in ihrem Handeln  gefesselt bleibt. Ein (wenn auch nicht immer exaktes) Instrument, solche Marktsituationen zu erkennen, stellen Sentiment-Erhebungen dar. Dennoch sind nur wenige Akteure tatsächlich in der Lage, aus solchen Marktgegebenheiten Kapital zu schlagen. Weil sie in diesem Moment einsam sind und von anderen Investoren, die sich der Herde angeschlossen haben, weder argumentativ noch im Handeln bestätigt werden. Mit anderen Worten: Gegen den Strom zu schwimmen kann, sofern sich nicht sofort Gewinne einstellen, ganz leicht zu kognitiver Dissonanz führen. Und die muss man erst einmal aushalten können.</p>
<p>Vielleicht kann man es trainieren, derartige Dissonanzen zu überwinden, um zu einem erfolgreichen Contrarian zu werden. Wenn solche Übungen allerdings tatsächlich zum Erfolg führen und von vielen Menschen kopiert werden könnten, ergäbe sich jedoch eine ganz andere Gefahr: Nämlich zu einem neuen Investoren-Schwarm zu gehören, zu genau so einer Herde, die ebenso blind und geschlossen, nur aber in die andere Richtung rennt.</p>
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		<title>Am Anfang war der Kugelschreiber (Kulturwandel und Behavioral Ethics Teil 4)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Sep 2013 07:28:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[abnehmende Sensitivität]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dass sich kleine Verfehlungen mit der Zeit zu großen Sünden auswachsen können, ohne dass das schlechte Gewissen der Betroffenen im selben Umfang mitwächst, zeigte sich am Ende meines dritten Blogs zum Kulturwandel und der neuen  Behavioral Ethics. Am Anfang war es doch nur ein Kugelschreiber, der aus dem Büro mit nach Hause genommen wurde. Später [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Dass sich kleine Verfehlungen mit der Zeit zu großen Sünden auswachsen können, ohne dass das schlechte Gewissen der Betroffenen im selben Umfang mitwächst, zeigte sich am Ende meines dritten Blogs zum Kulturwandel und der neuen  Behavioral Ethics. Am Anfang war es doch nur ein Kugelschreiber, der aus dem Büro mit nach Hause genommen wurde. <span id="more-6493"></span>Später wird erst die Reisekostenabrechnung, dann die Steuererklärung zum eigenen Vorteil „frisiert“. Ein kleiner Versicherungsbetrug wiegt schließlich moralisch auch nicht mehr so richtig schwer, selbst beim „Incentive“-Besuch, zu dem der Chef in einen osteuropäischen Puff geladen hat, melden sich keine Skrupel. Dabei handelt es sich nicht einmal in allen Fällen um gesetzlich strafbare Vergehen. Im Nachhinein kann man das ja auch alles rechtfertigen und relativieren: Der Verlust eines Kugelschreibers wird dem Arbeitgeber kein Loch in die Bilanz reißen, und mit der leicht veränderten Reisekostenabrechnung wolle man sich ja nur zurückholen, was man dem Chef an unbezahlten Überstunden geschenkt habe. Und mogeln andere nicht auch beim selbstverursachten Haftpflichtschaden?</p>
<p>Bei vielen Sündern handelt es sich nicht immer um von Grund auf schlechte oder unehrliche Menschen. Häufig haben sie aber jede Tuchfühlung mit den gesellschaftlichen Normen verloren, schon weil in den Kreisen, in denen sie verkehren, weniger strenge oder sogar andere Normen gelten. (<span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.blognition.de/blog/politik/zweierlei-moral/">vgl. auch Blogbeitrag von Herman Brodie</a></span>).</p>
<p>Genauso muss man sich die Frage stellen, wie es möglich sein kann, dass sich Menschen in einem Bereich ihres Lebens moralisch einwandfrei verhalten und sogar mit ihrem Geld großzügig soziale Einrichtungen unterstützen, während sie eine zweite Existenz in einer anderen Welt führen, wo sie dann in großem Stile Steuern hinterziehen? Wie kann es sein, dass ein fürsorglicher Familienvater seinen Kindern Respekt und Rücksichtnahme predigt, um nur wenige Stunden später kaltblütig einen langjährigen Mitarbeiter zu feuern?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Keine gespaltenen Persönlichkeiten</b></p>
<p>Man muss nicht an Schizophrenie leiden, um zu derartig widersprüchlichen Verhalten fähig zu sein. Vielmehr bieten die Erkenntnisse der Behavioral Economics eine plausible und nicht pathologische Erklärung für dieses Phänomen<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>. Genau wie Gewinne und Verluste nicht absolut, sondern <b>relativ</b> zu einem Bezugspunkt wahrgenommen werden, verhält es sich mit „Gut“ und „Böse“ (vgl. auch Beitrag zum <a href="http://www.blognition.de/blog/behavioral-ethics/kulturwandel-teil-3-behavioral-ethics-als-loesung/">Kulturwandel Teil 3</a>). Tatsächlich geht es vor allem darum, „besser“ oder „schlechter“ im Vergleich zu anderen zu sein. Und so wie Gewinne und Verluste, mit abnehmender Sensitivität wahrgenommen werden, ergeht es auch dem Guten und Schlechten. Der erste Ladendiebstahl lastet demnach schwerer auf dem Gewissen als der siebte. Und auch das Hochgefühl, das sich beim „Sozialen Tag“ eingestellt hatte, als man im Auftrag des Arbeitgebers Suppen in einer Armenküche austeilen sollte, schwindet mehr und mehr, je öfter der Chef einen zu diesem Engagement verpflichtet. Zudem unterliegt der Referenzpunkt, die Trennlinie zwischen Gut und Böse, auch noch Veränderungen, besonders in Folge von Gewöhnungseffekten.</p>
<p>Ethik kommt vornehmlich dann ins Spiel, wenn Verluste entstanden sind, weil jemandes Verhalten unter dem Standard der sozialen Normen liegt. Um solche Situationen zu vermeiden, genügt es jedoch nicht, sich auf Regeln und Regulierungen zu verlassen. Vielmehr müssen wir erkennen, dass es keine absolute Moral und keine ethisch völlig korrekte Menschen gibt. Und verstehen, warum Menschen unter bestimmten Bedingungen Dinge tun, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten. Situationsabhängige Einflussfaktoren, die schleichende Veränderung von Normen, manchmal alleine durch Fortschreiten der Zeit, haben leider das Zeug, uns alle zu korrumpieren.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Genauso wie es in der verhaltensorientierten Ökonomie die mentale Kontoführung gibt, wonach Menschen für jede ihrer Entscheidungen im Kopf ein eigenes Konto führen, gilt dies auch für den ethischen Aspekt von Entscheidungen<i>. </i></p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
</div>
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		<title>Kulturwandel Teil 3: Behavioral Ethics als Lösung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Sep 2013 06:54:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Adaption]]></category>
		<category><![CDATA[Ethische Dissonanz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In meinem vergangenen Blogbeitrag zum angestrebten Kulturwandel – vornehmlich im Investmentbanking – ging ich zum Schluss auf die so genannte Behavioral Ethics ein, die unter anderem helfen soll, ethisch bessere Entscheidungen zu treffen. Denn nach wie vor formulieren die meisten Unternehmen, Institutionen und Betriebe ihre ethischen Leitlinien und Verhaltenskodizes alleine auf Basis einer normativen Ethik, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In meinem vergangenen Blogbeitrag zum angestrebten Kulturwandel – vornehmlich im Investmentbanking – ging ich zum Schluss auf die so genannte Behavioral Ethics ein, die unter anderem helfen soll, ethisch bessere Entscheidungen zu treffen. Denn nach wie vor formulieren die meisten Unternehmen, Institutionen <span id="more-6479"></span>und Betriebe ihre ethischen Leitlinien und Verhaltenskodizes alleine auf Basis einer normativen Ethik, was in etwa so effektiv ist wie ein moralischer Appell oder ein frommer Wunsch. Dabei wissen wir doch seit der Antike, dass als höchster moralischer Imperativ die Selbsterkenntnis gilt. Doch wie die Ökonomie operiert auch die Ethik mit idealisierten Modellen statt mit Menschen. Was diese tatsächlich im Innersten bewegt, wird in diesem Denken ausgespart. Kein Wunder also, dass die Welt seit Jahrtausenden kein besserer Ort geworden ist.</p>
<p>Erst vor wenigen Jahren entwickelte sich innerhalb der wissenschaftlichen Disziplin der Ethik eine neue Richtung, die als „Behavioral Ethics“ bezeichnet wird<a title="" href="#_ftn1"><i><b>[1]</b></i></a>. Einer ihrer Begründer ist der in Harvard lehrende Psychologe Max H. Bazerman. Ziel seiner Forschung sei es, so Bazerman, das tatsächliche Verhalten von Menschen zu beobachten und darzustellen, welche situativen und sozialen Kräfte sie beeinflussen, wenn sie sich mit einem ethischen Dilemma konfrontiert sehen. Die Erforscher der „Behavioral Ethics“ sind davon überzeugt, dass  sich das Entscheidungsverhalten von Menschen bei ethischen Fragestellungen systematisch erfassen, beschreiben und damit auch vorhersagen lässt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht übereinstimmen</b></p>
<p>Wenn wir etwa unser eigenes <i>künftiges</i> Verhalten vorhersagen sollen, formulieren wir zumeist Erwartungen, die mit unseren ethischen Vorsätzen, unseren Vorstellungen von Moral in Einklang stehen. Zum Zeitpunkt der Entscheidung aber, also in der <i>Gegenwart</i>, benehmen wir uns dann aber doch eher so, wie es unserem Charakter am meisten entspricht – manchmal unbewusst und ohne es tatsächlich zu wollen, manchmal eben unethisch.</p>
<p>Wird dieses unethische Verhalten schließlich offenkundig oder sogar nachweisbar, sind viele Menschen darüber erstaunt, wie es so weit kommen konnte. Dieses befremdliche Bild und unser idealisiertes Selbstbild eines moralisch weitgehend einwandfreien Menschen stehen in einem Gegensatz, der bekanntermaßen kognitive Dissonanz<a title="" href="#_ftn2">[2]</a> auslöst. Diese wiederum gleicht einem Unbehagen, das sich nur auflösen ließe, wenn wir unseren moralischen Fehltritt rückgängig machen würden, was allerdings nur selten möglich ist. Außerdem hindert uns die nahezu jedem Menschen innewohnende Verlustaversion<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> daran, einen solchen Schritt zu unternehmen.</p>
<p>Daher bleibt, um die Dissonanz zu verringern, oft nur das Umdeuten und Relativieren. Man nennt das auch Neutralisierungsstrategien (<a href="http://www.blognition.de/blog/gesellschaft/alles-ganz-harmlos%e2%80%a6/" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span> </a>und <a href="http://www.blognition.de/blog/behavioral-ethics/fragwuerdiger-kulturwandel/" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span></a>). Eine besteht darin, dem Opfer eine etwaige Mitschuld an dem Vorfall anzuhängen. Oder man versucht, die eigenen Fehler samt ihren Folgen herunterzuspielen und zu verharmlosen. Ein besonders beliebtes und erfolgreiches Ablenkungsmanöver aber ist die moralische Entrüstung: Man gibt den Saubermann und verurteilt mit großer Empörung die Sünden Anderer, gegen die sich die eigenen Verfehlungen plötzlich ganz unbedeutend und harmlos ausnehmen. Und wer dem Anschein nach so hohe moralische Maßstäbe hat, dem traut die Umwelt ohnehin nichts Böses zu<a title="" href="#_ftn4">[4]</a>.  </p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Eine Entscheidung zwischen relativ Gut und relativ Böse</b></p>
<p>Unsere eigene Moral ist oftmals nicht stabil und zeitweise sogar scheinheilig. Auch, weil sich die eigenen ethischen Bezugspunkte mit der Zeit verändern können. Damit ist Moral in erster Linie nicht absolut, sondern etwas Relatives. Denn wenn man Moral als eine Entscheidung zwischen „Gut“ und „Böse“ auffasst, hängt dieses „Gut“ oder „Böse“ von Verhaltensstandards ab, die von der Mehrheit der Menschen <i>zurzeit </i>akzeptiert werden, also von der gegenwärtigen Kultur und den heute gültigen Normen. </p>
<p>So gesehen kann Verhalten, das in der Vergangenheit einmal als moralisch „schlecht“ angesehen wurde, für die Menschen heutzutage mit einem Male akzeptabel sein. Und was umgekehrt früher einmal hoffähig war, kann heute als verwerflich gelten. Folglich kann jemand ohne sein eigenes Zutun, allein durch einen schleichenden Wertewandel, vom einst moralisch Guten ins moralisch Schlechte abgleiten.  </p>
<p>Ohnehin dürfte sich nicht jeder stets an die moralischen Gebote halten – sie alle zu befolgen entspräche in den Augen Vieler einem zwar erstrebenswerten, aber unerreichbaren Idealzustand. Kleine Abweichungen von diesen Standards scheinen daher verzeihlich zu sein, doch was mit einer kleinen Verfehlung beginnt, kann sich mit der Zeit zu einer großen Sünde ausweiten, ohne dass das schlechte Gewissen im selben Umfang mitwächst.</p>
<p>Wie es dazu kommt, möchte ich im vierten und letzten Teil über den „fragwürdigen Kulturwandel“ darstellen.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Bazerman, Max H.; Tenbrunsel, Ann E. (2011): <i>Blind Spots, Why We Fail to Do What’s Right and What to Do about It</i>, Princeton University Press, Princeton New Jersey</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Festinger, Leon (1957): <i>A Theory of Cognitive Dissonance</i>, Stanford University Press, Stanford</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Das ist die dem Menschen innewohnende Abneigung, Verluste und Fehlentscheidungen nicht gerne  realisieren, d. h. festschreiben zu wollen.</p>
</div>
<div>
<p>&nbsp;</p>
<p>[4] Genau genommen, spricht man in der Behavioral Ethics von der sogenannten „Ethical Dissonance“ die enger als der ursprüngliche Begriff der kognitiven Dissonanz gefasst ist. Vgl. hierzu auch Barkan R., Ayal, S., Gino F., Ariely D. (2012): <i>The Pot Calling the Kettle Black: Distancing Response to Ethical Dissonance</i>, Journal of Experimental Psychology: General 2012, Vol 141, No. 4, 757-773 </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
</div>
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		<title>Moment mal!</title>
		<link>https://www.joachim-goldberg.com/moment-mal/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Aug 2013 05:00:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Biennale]]></category>
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		<category><![CDATA[Kognitive Dissonanz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auch in diesem Jahr konnte ich es nicht lassen: Ich bin mit meiner Familie wieder nach Venedig, meiner europäischen Lieblingsstadt, gereist. Trotz der üblichen Vorbehalte, die ich bei dieser Gelegenheit immer wieder von Freunden zu hören bekomme. Zu heiß sei es um diese Jahreszeit, ganz zu schweigen von den vielen Touristen und dem fauligen Gestank, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Auch in diesem Jahr konnte ich es nicht lassen: Ich bin mit meiner Familie wieder nach Venedig, meiner europäischen Lieblingsstadt, gereist. Trotz der üblichen Vorbehalte, die ich bei dieser Gelegenheit immer wieder von Freunden zu hören bekomme. Zu heiß sei es um diese Jahreszeit, ganz zu schweigen von den vielen Touristen und dem fauligen Gestank<span id="more-6408"></span>, der sich regelmäßig im Hochsommer über der Lagune breitmache – allesamt unbegründete Vorurteile. Venedig ist selbst im Juli fantastisch, und die 35 Grad im Schatten sind dort wahrlich besser auszuhalten als in Frankfurt.</p>
<p>Venedig ist aber auch die Stadt der Warteschlangen. Dies bekamen wir etwa bei unseren Besuch der Biennale zu spüren, wo ich geschlagene 45 Minuten vor dem Kassenhäuschen ausharren musste, bis ich endlich mein Familienticket kaufen durfte. Eine Eintrittskarte für 50 Euro, die wie bereits schon vor zwei Jahren nur für Familien mit maximal zwei Kindern gilt. Wir aber haben nun einmal drei Kinder, so dass noch einmal 14 Euro extra fällig waren. Aber darüber habe ich mich schon gar nicht mehr aufgeregt, zumal ich ja gelernt habe, für dieses Extra-Ticket, also für einen zusätzlichen „Verlust“ kein separates mentales Konto einzurichten.</p>
<p>Dafür hatte ich ein Erlebnis der anderen Art auf dem Lido, der Venedig vorgelagerten Insel, die einst als mondänes Seebad mit Luxushotels galt und die wir jeden Nachmittag zum Entspannen und Abkühlen im Meer aufsuchten. Und da wir uns bereits seit einigen Jahren angewöhnt haben, in Venedig überwiegend selbst zu kochen, statt essen zu gehen, war auf dem Rückweg vom Strand ein Besuch im Supermarkt nicht zu vermeiden. Dieser erfreut sich anscheinend nicht nur unter Touristen großer Beliebtheit – jeden Abend ist der Laden proppenvoll. Natürlich mit entsprechend langen Schlangen an der Kasse. So reihten auch meine Frau und ich uns geduldig ein, während die Kinder noch nach ein paar Getränken und anderen Erfrischungen suchten – vor uns lagen mindestens 20 lange Minuten. Aber wir waren ja im Urlaub und hatten Zeit.</p>
<p>Die Schlange quälte sich Stück für Stück langsam vorwärts, bis auch wir uns der letzten Kurve vor der Kasse nährten. Alles blieb zivil, und die ungeschriebenen Gesetze des Schlangestehens wurden stillschweigend eingehalten. Niemand drückte, niemand drängelte. Als plötzlich ein Rollstuhl, in dem eine Dame zusammengekrümmt saß und an dessen Rückenlehne ein prall mit Lebensmitteln gefülltes Netz hing, von einem vornehm gekleideten Herrn, offensichtlich der dazu gehörige Ehemann, ohne Rücksicht auf Verluste in eine kleine Lücke manövriert wurde, die sich beim Aufrücken vor unserem Vordermann kurzzeitig aufgetan haben musste. Das Vehikel schoss geradezu nach vorne, so dass einem nur noch übrig blieb, die eigenen Füße in Sicherheit zu bringen, bevor sie überrollt wurden. Was den Lenker dieses Gefährts jedoch nicht dazu bewog, ein paar Worte des Bedauerns oder der Entschuldigung zu finden. Im Gegenteil: Er wies nur mit der Schulter auf seine kranke Frau, als sei deren – sicher schweres – Schicksal Erklärung und Rechtfertigung genug für seinen rasanten Fahrstil.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Wenn Normen aufeinanderprallen</b></p>
<p>Natürlich bin auch ich dazu erzogen worden, mich behinderten Menschen gegenüber zuvorkommend zu zeigen und ihnen, wenn nötig, auch hilfreich zur Seite zu stehen. Aber das ebenso siegesgewisse wie süffisante Grinsen, das für einen ganz kurzen Augenblick über das verhärmte Gesicht der Dame im Rollstuhl huschte, war weder mir noch den Anderen in der Schlange entgangen. Sprachlos sah ich meinen Hintermann an. Auch dessen Augen drückten nur eine Mischung aus völliger Überraschung und gleichzeitiger Empörung aus. Denn hatte ich zunächst für einen Augenblick geglaubt, es handele sich hier um einen Notfall, so war jetzt offensichtlich, dass dieses Paar sich nur die Poleposition an der Kasse erobern wollte. Aber ein kurzer Blickkontakt mit den anderen Wartenden genügte, so als würden wir uns gegenseitig rückversichern, dass wir gemeinsam Stillschweigen bewahren wollten und niemand seinem Unmut verbal Luft verschaffen würde. Vielleicht waren wir uns alle ja auch nicht ganz sicher, ob das in dieser Situation angemessen gewesen wäre. Also sahen wir stumm zu, wie der Herr in aller Seelenruhe seine Waren auf das Laufband legte, bezahlte und seine Einkäufe anschließend umständlich wieder im Netz verstaute. Während seine kranke Frau still dasaß und ins Leere starrte. Uns anderen im Supermarkt würdigte sie keines Blickes mehr.</p>
<p>Was aber hatte sich da mental bei mir abgespielt? Durch das Aufeinanderprallen zweier starker sozialer Normen war kognitive Dissonanz entstanden, die ich dadurch beseitigen konnte, dass ich die ganze Geschichte im Geiste zu einem „Notfall“ umformte. Doch als der Herr ohne Eile seine Waren auf das Laufband legte und am Ende auch noch gemütlich den Rollstuhl in Richtung Ausgang schob, blieb nur noch, den Vorfall einfach zu ignorieren.</p>
<p>      </p>
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		<item>
		<title>Drauf gepfiffen!</title>
		<link>https://www.joachim-goldberg.com/drauf-gepfiffen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Jun 2013 06:38:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Adaption]]></category>
		<category><![CDATA[Normen]]></category>
		<category><![CDATA[Snowden]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>
		<category><![CDATA[Whistleblowing]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ist der US-Informant Edward Snowden ein Verräter oder ein Volksheld? – Eine Frage, die die Gemüter derzeit bewegt und für kontroverse Diskussionen sorgt. Ist Snowden ein Whistleblower, der einfach nur Alarm schlagen wollte, um Fehlverhalten, Missstände und Ähnliches an die Öffentlichkeit zu bringen? Jemand also, der von einem Denunzianten abzugrenzen ist, weil er uneigennützig handelt, [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/drauf-gepfiffen/">Drauf gepfiffen!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ist der US-Informant Edward Snowden ein Verräter oder ein Volksheld? – Eine Frage, die die Gemüter derzeit bewegt und für kontroverse Diskussionen sorgt. Ist Snowden ein Whistleblower, der einfach nur Alarm schlagen wollte, um Fehlverhalten, Missstände und Ähnliches an die Öffentlichkeit zu bringen? <span id="more-6269"></span>Jemand also, der von einem Denunzianten abzugrenzen ist, weil er uneigennützig handelt, der seinen Arbeitsplatz, seine beruflichen und privaten Kontakte riskiert, um einzig aus Gewissensgründen auf gesetzeswidriges Verhalten hinzuweisen? Und der nicht wegen finanzieller Anreize aktiv wird und den man mancherorts sogar als positiven Verräter bezeichnen würde. Unzweifelhaft ist dennoch, dass dem Whistleblowing der Beigeschmack des Verrats anhaftet. Hätte sich Snowden darüber im Klaren sein müssen, bevor er seine Stelle bei der NSA (National Security Agency) antrat, dass Spionieren zu seinem täglichen Arbeitsgebiet gehören würde und er somit kein Recht haben sollte, Informationen über Späh- und Abwehrprogramme der Geheimdienste der USA und Großbritanniens an die Medien weiterzugeben? Oder hat Snowden anfangs das Ausmaß und die Bedeutung seines Arbeitsfeldes unterschätzt und erst mit der Zeit Skrupel bekommen? Dies alles sind Fragen, die ich weder bewerten noch endgültig beantworten kann. Das Einzige, was sicher scheint, ist: Die betroffenen Staaten haben kein Interesse daran, dass der tatsächliche Umfang ihrer Überwachungsmethoden an die Öffentlichkeit gerät.</p>
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<p><b>Whistleblowing für Geld</b></p>
<p>Aber es scheint noch andere Formen des Whistleblowing zu geben, nämlich die Aufdeckung von Verbrechen und Straftaten gegen Geld. Sei es, dass eine Frau Informationen über den Hedgefonds ihres Ex-Manns an die US-Börsenaufsicht SEC liefert, der darauf des Insider-Tradings überführt werden kann und dafür eine Million US-Dollar kassiert (Näheres dazu in einem früheren <span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.blognition.de/blog/wirtschaft/whistleblower/">Blogbeitrag hier</a></span>), sei es der Verkauf von Schweizer Kontendaten an die Steuerermittler europäischer Staaten. Verrat für einen guten Zweck also, der, obwohl in der Schweiz illegal, hierzulande legitimiert wird, weil der Staat ein starkes Interesse an diesen Informationen hat. Steuerhinterziehung und Insider-Tradings sind strafbar<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>;  deshalb ist auch das Pfeifen für Geld willkommen!</p>
<p>Vielleicht sollen die hohen Belohnungen ja auch diejenigen auf den Plan rufen, die bislang aufgrund materieller oder ideeller Hindernisse nicht bereit waren, gesetzwidriges Verhalten von Kollegen oder Vorgesetzten anzuzeigen, weil sie sich einer „lokalen“ Gruppennorm verbunden fühlten oder in einer vertrauensvollen Beziehung und nicht in Scheidung lebten. Hätte Judas Ischariot Jesus ohne finanziellen Anreiz verraten? Manchmal stellt Rache selbst in den Augen entlassener Mitarbeiter oder betrogener Ehefrauen und -männer einen zu niedrigen Beweggrund dar, als dass sie bereit wären, dem ehemaligen Arbeitgeber oder Partner auf diese Weise eins auszuwischen.</p>
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<p><b>Verrat nach Motivlage</b></p>
<p>Mir selbst geht es aber nicht um den Verrat nach Motivlage, denn Moral ist etwas Relatives und unterliegt Normen, die sich mitunter auch verändern können. Viel mehr stört mich, dass mit den Enthüllungen eines Edward Snowden ein Überwachungssystem ungeahnten Ausmaßes aufgedeckt wurde, das in wenigen Monaten bereits zur neuen Norm werden könnte. Dafür sorgt schon allein die Gewöhnung der Menschen an das heute Unerhörte, das Verbotene eines Überwachungsstaates. Da beruhigt mich nicht, dass der Absatz des Romans „1984“ von George Orwell in jüngster Zeit sprunghaft angestiegen ist und man sich hierzulande allzu schnell mit dem Versprechen mancher Politiker zufrieden gibt, dass sie für eine rückhaltlose Aufklärung sorgen wollen.</p>
<p>Wenn es zur Normalität wird, dass ein Staat über alles, das man tut, Aufzeichnungen machen und speichern darf, obwohl dies illegal ist, braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn eines Tages Privatleute einander ausspähen. Zum Beispiel aus Neid und Rachsucht. „Was regst du dich denn auf? Du bist doch auch bei Facebook, Twitter et cetera, du bist doch eh schon nackt!“, werden manche das achselzuckend kommentieren. Und dann kommt meist der Satz: „Ich hab‘ ja sowieso nichts zu verbergen.“ Wenn sie sich da mal nicht täuschen. Denn auch die Normen, was als erlaubt und was als schändlich oder verboten gilt, können sich leicht verschieben.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Streng genommen handelt es sich dabei nicht um Whistleblowing, denn die Motive dieser Menschen sind nicht uneigennützig</p>
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		<title>Déjà vu oder Sauerei</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Jun 2013 17:45:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Normen]]></category>
		<category><![CDATA[Risikoaversion]]></category>
		<category><![CDATA[soziale Kontrolle]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Bin diese Woche viel unterwegs gewesen und daher kaum zum Schreiben gekommen. Aber der Besuch im Sportstudio musste heute einfach noch sein. Schon der Disziplin wegen. Und dann hatte ich schon wieder dieses déjà vu Erlebnis, das sich in letzter Zeit für mich vermehrt zu wiederholen scheint. Da war sie wieder, eine von vielen trainierenden [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Bin diese Woche viel unterwegs gewesen und daher kaum zum Schreiben gekommen. Aber der Besuch im Sportstudio musste heute einfach noch sein. Schon der Disziplin wegen. Und dann hatte ich schon wieder dieses déjà vu Erlebnis, das sich in letzter Zeit für mich vermehrt zu wiederholen scheint.<span id="more-6245"></span></p>
<p>Da war sie wieder, eine von vielen trainierenden Damen, auf einem Laufband, selbiges steil eingestellt. Ich, ein paar Meter dahinter, auf dem Crosstrainer. Nach 45 Minuten waren wir beide schweißnass. Sie, ein paar Minuten vorher fertig, verließ das Gerät in Richtung Reinigungssäule, der Platz an dem sich der Spender für die Papierhandtücher und die Literflasche Desinfektionsmittel befinden. Eigentlich hätte es jedem klar sein müssen, was jetzt zu folgen hatte. Wo es doch auf jedem Sportgerät draufsteht: Die Bitte um Reinigung nach dessen Gebrauch. Allein die Anwesenheit der anderen drei oder vier mittrainierenden Männer und Frauen wäre eigentlich Garant genug gewesen, dieser Bitte gebührenden Nachdruck zu verleihen – allein ihre Anwesenheit hätte schon genügend soziale Kontrolle bedeutet.</p>
<p>Aber die Frau verschwand, ohne ihrer Verpflichtung, das Sportgerät zu reinigen, nachzukommen – ich kochte wieder einmal innerlich. Wo ich doch eigentlich nur hätte warten müssen, bis die Sportsfreundin aus der Umkleide herausgekommen wäre, um sie vor allen anderen zur Rede zu stellen. Bei einem Mann – ein solcher verließ übrigens vor ein paar Tagen ebenfalls sein Sportgerät ohne es nach intensivem Gebrauch zu reinigen – wäre ich vermutlich reservierter (sprich risikoavers) gewesen, hätte einem Schrank gegenüber vorsichtshalber den Mund gehalten. Aber darf man eine Frau so bloßstellen? Ich tat es nicht. Genauso wenig wie die Mittrainierenden, die eigentlich etwas von all dem hätten mitbekommen müssen. Offenbar gab es neben der Norm des Saubermachens eine noch höher stehende.</p>
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