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	<title>Normabweichung Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Gegen den Schwarm</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Apr 2014 17:26:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Las kürzlich eine Anzeige, die das Buch Gegen den Schwarm – aus eigener Kraft erfolgreich werden bewarb. Nun habe ich dieses noch nicht gekauft und bislang auch nicht gelesen. Dennoch hat der Titel bei mir einige Assoziationen hervorgerufen. Nicht weil ich einen Ratgeber brauche, um erfolgreicher zu werden. Aber der Begriff „Schwarm“ taucht momentan häufig [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Las kürzlich eine Anzeige, die das Buch <i>Gegen den Schwarm – aus eigener Kraft erfolgreich werden</i> bewarb. Nun habe ich dieses noch nicht gekauft und bislang auch nicht gelesen. Dennoch hat der Titel bei mir einige Assoziationen hervorgerufen. Nicht weil ich einen Ratgeber brauche, um erfolgreicher zu werden. Aber der Begriff „Schwarm“ taucht momentan häufig auf, <span id="more-7081"></span>als Titel des Bestsellerromans von Frank Schätzing und in dem von der Netzgemeinde geschaffenen Kompositum der „Schwarmintelligenz“. Auch die Behavioral Finance beschäftigt sich mit diesem Phänomen, wenn auch unter der Bezeichnung „Herdenverhalten“, etwas, das vor allen Dingen Kommentatoren immer gerne in Anschlag bringen, um das Marktgeschehen zu erklären. Denn unter dieser Metapher kann sich jeder sofort etwas vorstellen. Schon sieht man sie laufen, eine wilde Horde blökender Schafe, die alle in die gleiche Richtung hinter dem Kurstrend herrennen und alles, was sich ihnen in dem Weg stellt, niedertrampeln. Angetrieben werden sie von Normen, denen sich Börsianer nur schwer entziehen können.</p>
<p>Und weil es sich beim Herdenverhalten um einen simplen, überall in der Natur zu beobachtenden Mechanismus handelt, glaubt man aufgrund dieses Verfügbarkeitsirrtums, dieses sei für den smarten Teilnehmer am Aktienmarkt zum eigenen Vorteil relativ leicht ausnutzbar.</p>
<p>Denn zum einen ist man überzeugt, die Masse der Teilnehmer an den Märkten habe sowieso nie recht. Und zum anderen wird behauptet, Herden seien träge und verhielten sich oft irrational. Doch sind das Behauptungen, die schwer nachweisbar sind. Dennoch lassen sich einige wichtige Erkenntnisse aus dem Herdenverhalten gewinnen, zum Beispiel der Umstand, dass dieses durch Normen begünstigt wird. Und diese Normen werden an den Finanzmärkten durch anerkannte und vielbeachtete Analysten begründet. Viele Börsianer richten ihre eigenen Entscheidungen gerne an solchen Mehrheitsmeinungen aus, weil sie sich durch die Akzeptanz dieser Normen selbst bestätigt und bei ihren Entscheidungen sicherer fühlen. Eine Abweichung von diesen Normen bedeutet hingegen, sich mit Unverständnis und Kritik von Seiten der Mehrheit auseinandersetzen zu müssen, und vor allem ein höheres Commitment, eine stärkere Bindung an die eigene Entscheidung, als wenn man mit dem Strom schwimmt, weil man sich damit zu einem eigenen Urteil über die Lage bekennt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Wann Contrary Opinion sich auszahlt</b></p>
<p>Dennoch hat sich schon vor vielen Jahrzehnten an den Futures-Märkten die Strategie der so genannten <i>Contrary Opinion</i> etabliert, wonach es sich angeblich auszahlen soll, wenn man seine Meinung gegen die der Masse ausrichtet. Grob gesagt: Wenn die Mehrheit der Börsianer optimistisch ist, solle man besser verkaufen, weil die Herde schon gekauft hat. Ist diese hingegen extrem pessimistisch, sollte man, zumindest diesem Ansatz zu Folge, kaufen. Also gegen den Schwarm handeln. Das hört sich zunächst spannend und profitabel an, weil eine derartige Strategie impliziert, womöglich am Höhepunkt einer Bewegung verkaufen bzw. am untersten Punkt einer Aktienkursentwicklung einsteigen zu können.</p>
<p>Dennoch rate ich, nicht blindlings nach diesem Grundsatz zu handeln. Denn – um im Bild zu bleiben – kann man als Contrarian auch von der Herde schlicht überrannt werden. Aus Sicht der Behavioral Finance erscheint eine derartige Strategie ohnehin nur dann sinnvoll, wenn die Herde groß genug ist <i>und</i> mit ihren Investments schief liegt <i>und</i> so aufgrund ihrer Abneigung dagegen, Verluste zu realisieren (Verlustaversion), in ihrem Handeln  gefesselt bleibt. Ein (wenn auch nicht immer exaktes) Instrument, solche Marktsituationen zu erkennen, stellen Sentiment-Erhebungen dar. Dennoch sind nur wenige Akteure tatsächlich in der Lage, aus solchen Marktgegebenheiten Kapital zu schlagen. Weil sie in diesem Moment einsam sind und von anderen Investoren, die sich der Herde angeschlossen haben, weder argumentativ noch im Handeln bestätigt werden. Mit anderen Worten: Gegen den Strom zu schwimmen kann, sofern sich nicht sofort Gewinne einstellen, ganz leicht zu kognitiver Dissonanz führen. Und die muss man erst einmal aushalten können.</p>
<p>Vielleicht kann man es trainieren, derartige Dissonanzen zu überwinden, um zu einem erfolgreichen Contrarian zu werden. Wenn solche Übungen allerdings tatsächlich zum Erfolg führen und von vielen Menschen kopiert werden könnten, ergäbe sich jedoch eine ganz andere Gefahr: Nämlich zu einem neuen Investoren-Schwarm zu gehören, zu genau so einer Herde, die ebenso blind und geschlossen, nur aber in die andere Richtung rennt.</p>
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		<title>Berater-Bashing</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 Oct 2012 10:14:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Las unlängst in der Zeitung Die Welt[1] einen Artikel, der unter der etwas polemisch anmutenden Überschrift &#8222;Volkswirte experimentieren im Politik-Labor&#8220; den Eindruck zu erwecken versuchte, dass Politiker und am Ende auch die Bürger Versuchskaninchen der Verhaltensökonomen wären. Vor allem die Behauptung im Untertitel, wonach diese seit Jahren Barack Obama und David Cameron nur mit mäßigem [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/berater-bashing/">Berater-Bashing</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Las unlängst in der Zeitung <em>Die Welt</em><a title="" href="#_ftn1">[1]</a> einen Artikel, der unter der etwas polemisch anmutenden Überschrift &#8222;Volkswirte experimentieren im Politik-Labor&#8220; den Eindruck zu erwecken versuchte, dass Politiker und am Ende auch die Bürger Versuchskaninchen der Verhaltensökonomen wären. Vor allem die Behauptung<span id="more-5342"></span> im Untertitel, wonach diese seit Jahren Barack Obama und David Cameron nur mit mäßigem Erfolg beraten hätten, löste bei mir doch erhebliches Kopfschütteln aus. In dem Artikel von Martin Greive geht es um die beiden US-Verhaltensökonomen Richard Thaler und Cass Sunstein, die offenbar wegen des großen Erfolges ihres gemeinsamen Konzepts und Buches mit dem Titel <em>Nudge</em> beim britischen Premier bzw. beim US-Präsidenten so großen Eindruck hinterlassen hatten, dass sie zu deren Beratern ernannt wurden.</p>
<p>Beim Nudging (was so viel wie „anstupsen“ bedeutet) geht es darum, anstehende Entscheidungen in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen, Anstöße, die besonders gerne von Politikern gegeben werden. So kann eine leicht veränderte Darstellung ein und desselben Sachverhalts enormen Einfluss auf das subjektive Empfinden der Bürger haben. Denn da die Menschen Verluste mehr als doppelt so stark wie Gewinne in gleicher Höhe erleben, spielt es eine enorme Rolle, ob man ein Glas als halb voll, also wie einen Gewinn, oder halb leer, also wie einen Verlust beschreibt. Anders ausgedrückt: Die Verlustaversion führt dazu, dass Menschen nicht gerne ein Gut gegen ein gleichwertiges anderes Gut eintauschen, denn der Verlust dessen, was man hergeben soll wiegt schwerer als der Gewinn dessen, was man dafür bekommt. Dies ist auch der Grund, warum die meisten Menschen Veränderungen in ihrem Leben nicht allzu sehr schätzen und dazu neigen, Gewohntes nicht zu verändern, also lieber am Status quo festhalten. Und wenn es um Entscheidungen geht, werden vorgegebene Handlungsoptionen bevorzugt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Angewandte Behavioral Economics </strong></p>
<p>Und so ist es den Beratern des britischen Premiers David Cameron zu verdanken, dass seit dem 1. Oktober 2012 dortzulande Arbeitnehmer automatisch in die betriebliche Altersvorsorge eingegliedert werden<a title="" href="#_ftn2">[2]</a>. Dabei hatte sich der Ökonom Richard Thaler eben jene Erkenntnisse über die unterschiedliche Bewertung von Gewinnen und Verlusten zunutze gemacht. Denn an einer <em>aktiven</em> Entscheidung für eine Altersvorsorge stört die meisten Menschen, dass sie ihren gegenwärtigen Konsum einschränken müssen, um in Zukunft irgendwann einmal einen höheren Lebensstandard genießen zu können. Ein Arbeitnehmer, der indes automatisch zu einem Programm zur Altersvorsorge geleitet wird, also <em>passiv </em>bleibt, muss eine solche Entscheidung gar nicht treffen. Mit einer ausdrücklichen Ablehnung des Programms dürfte er indes denselben Sachverhalt  genau umgekehrt wahrnehmen: Einbußen an Lebensstandard im Alter, verbunden natürlich mit einem höheren verfügbaren Einkommen in der Gegenwart. Und er hätte dabei das Gefühl, sich gegen eine geltende Norm zu entscheiden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Geringe Kosten, großer Erfolg</strong></p>
<p>Mit dieser so genannten „Opt-out“ Regelung, mit der man sich also aktiv gegen eine Vorgabe entscheiden muss, dürfte die britische Regierung eine wesentlich größere Anzahl ihrer Bürger dazu bringen, mehr fürs Alter zurückzulegen, als sie dies ohne diesen „Anstupser“ getan hätten. Die Kosten für dieses Programm sind übrigens für die unter Sparzwang stehende Regierung vergleichsweise gering, wenn man bedenkt, wie effektiv in diesem Fall bereits ein einziges richtig formuliertes Anschreiben an die zu Versichernden gewesen sein dürfte.</p>
<p>Doch zurück zum Beitrag von Martin Greive, der – im Widerspruch zur Unterzeile der Überschrift – in seinem Text selbst den Beleg erbringt, wie erfolgreich die Verhaltensökonomen in Großbritannien gearbeitet haben. Gleichwohl wirft er sie in einen Topf mit ihrem US-Pendant, dem Beraterteam des Präsidenten unter Leitung von Cass Sunstein, der im August dieses Jahres als Chef der US-Regulierungsbehörde zurücktrat. Zum einen dürfte es in Großbritannien aufgrund der politischen Struktur des Landes wesentlich leichter als in den USA sein, Gesetze auf den Weg zu bringen. Zum anderen zeichnen sich die im Artikel genannten positiven Beispiele angewandter Verhaltensökonomie dadurch aus, dass sie auf Erkenntnissen fußen, die bereits in vielen Experimenten von Wissenschaftlern bestätigt wurden.</p>
<p>Derartige Beweise vermisse ich jedoch, wenn auf Anraten der Ökonomen in den USA die Warnhinweise auf Zigarettenschachteln vergrößert und ablenkende Werbeschilder auf Autos verboten werden sollen. Denn um dergleichen zu empfehlen, muss man kein Verhaltensökonom sein. Genauso wenig wie für das Gesetz, das Schülern in den USA ein gesünderes Mittagessen vorschreibt. Dessen Entwurf fiel dennoch in die Zuständigkeit eines Chefs der Regulierungsbehörde,  der, so Barack Obama, immerhin an einer Reihe „historischer Errungenschaften“ im Interesse des amerikanischen Volkes mitgewirkt habe<a title="" href="#_ftn3">[3]</a>. So hatten die Berater des US-Präsidenten beispielsweise eine Rentenreform vorgeschlagen, die allerdings nie umgesetzt wurde. Doch sollte man dieses Scheitern eher den politischen Entscheidern als der Verhaltensökonomie zur Last legen, deren Vertreter sicherlich eine etwas sorgfältigere Beurteilung als die durch Martin Greive verdient hätten.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Ausgabe vom 28. Oktober 2012</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Das Gesetz soll zunächst nur für die Belegschaft großer Unternehmen gelten</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a>Vgl. <a href="http://dailycaller.com/2012/08/03/obama-regulatory-czar-cass-sunstein-resigns/" target="_blank">http://dailycaller.com/2012/08/03/obama-regulatory-czar-cass-sunstein-resigns/</a></p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/berater-bashing/">Berater-Bashing</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Mach&#8216; Dich locker!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 May 2012 05:54:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
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		<category><![CDATA[Gruppendruck]]></category>
		<category><![CDATA[Kognitive Dissonanz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gerade war ich auf der größten Internetkonferenz Europas, der Berliner Messe der Netzwelt, re:publica, angekommen, um bei der Verleihung des Finanzblog-Award der Comdirect Bank (youtube &#8211; Beitrag hier) als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion und der Preisverleihung mitzuwirken. Da stand ich nun, in zugegeben, teurem Zwirn mit Hemd und Krawatte unter dem Dach einer riesigen alten Fabrikhalle, [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/mach-dich-locker/">Mach&#8216; Dich locker!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Gerade war ich auf der größten Internetkonferenz Europas, der Berliner Messe der Netzwelt, re:publica, angekommen, um bei der Verleihung des<a href="http://finanzblog-award.de/news/" target="_blank"> Finanzblog-Award der Comdirect Bank</a> (youtube &#8211; Beitrag <a href="http://www.youtube.com/watch?v=RDtKBYcTf4Y&amp;feature=youtu.be" target="_blank">hier</a>) als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion und der Preisverleihung mitzuwirken. Da stand ich nun,<span id="more-3910"></span> in zugegeben, teurem Zwirn mit Hemd und Krawatte unter dem Dach einer riesigen alten Fabrikhalle, inmitten von vielen, meist jungen Menschen, von deren Dynamik man zweifellos angesteckt werden konnte. Weit und breit, umringt von offenen Hemd- und T-Shirt-Kragen, war ich der einzige Mensch mit Krawatte. Und ich erwischte mich dabei, dass ich mich so „overdressed“ unbehaglich zu fühlen begann und mich insgeheim fragte, ob ich dieses Accessoire angesichts der erdrückenden Menge leger gekleideter Menschen nicht ablegen sollte. Ich spürte den Druck, den man immer empfindet, wenn man von der Norm der Masse abweicht – Dissonanzen stellten sich fast schon zwangsläufig ein. Aber ich beschloss, das auszuhalten und mich nicht dem Zwang zur Lockerheit zu unterwerfen. Und doch war ich richtig froh als ich nach längerer Zeit endlich am Eingang einen jungen Mann entdeckte, der ebenfalls eine Krawatte trug. Würde ich ihn später bei der Preisverleihung wiedersehen? Die Krawatte wäre für einen Banker gerade repräsentativ gewesen. Dann glitt mein Blick etwas tiefer und ich erblickte ein No go für Banker: Shorts. Immerhin war ich froh, einen teilweise Gleichgesinnten in Sachen Kleidung gefunden zu haben. Meine Dissonanz verringerte sich merklich, ich begann, mich sicherer zu fühlen. Doch dann musste ich entdecken, dass selbst sämtliche Banker bei der Verleihung des Blog-Award keinen Schlips trugen.</p>
<p>Und dann schlenderte ich auch noch an einem Ordner vorbei, der mich etwas abschätzig musterte, um dann mein Outfit mit den folgenden Worten zu kommentieren: „Krawatte? Hier? Das geht gar nicht.“ Das war sie also die Messe der Innovation, der Transparenz im Zeichen der Freiheit, wo anscheinend jeder machen kann, was er will. Nur ich nicht.</p>
<p>Ich kann mich noch gut daran erinnern, als vor vielen Jahren im Investmentbanking der so genannte Casual Friday eingeführt wurde. Damals wurde als Zeichen der Lockerheit und des bevorstehenden Wochenendes vielerorts der Brauch eingeführt, dass die Banker am Freitag nicht mehr in Anzug und Schlips, sondern in zwangloser Bekleidung zur Arbeit zu erscheinen hätten. Damals wie heute habe ich mich durch meine Liebe zu Krawatten verdächtig gemacht und somit den Eindruck erweckt, jemand zu sein, der Freiheit nicht zu schätzen weiß. Tatsächlich tue ich mich schwer mit so viel Libertinage. Besonders, wenn sie einem als Zwang von oben oder von der Gruppe auferlegt wird.</p>
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		<title>Brandherde</title>
		<link>https://www.joachim-goldberg.com/brandherde/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Jan 2011 12:48:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Normabweichung]]></category>
		<category><![CDATA[Referenzpunkt(e)]]></category>
		<category><![CDATA[Status-quo-Bias]]></category>
		<category><![CDATA[Szenariodenken]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Immer wenn es irgendwo auf dem Globus eine schwerwiegende Krise gibt, sind die Kommentatoren schnell geneigt, von drohenden Ansteckungsgefahren zu sprechen. So geschehen etwa bei der Krise in der Eurozone. Dabei wird immer wieder gerne das Bild des Domino-Effekts bemüht,  also eine Verkettung von Ereignissen die aufeinander beruhen. Solche Szenarien, sind auf der einen Seite [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/brandherde/">Brandherde</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Immer wenn es irgendwo auf dem Globus eine schwerwiegende Krise gibt, sind die Kommentatoren schnell geneigt, von drohenden Ansteckungsgefahren zu sprechen. So geschehen etwa bei der Krise in der Eurozone. <span id="more-809"></span>Dabei wird immer wieder gerne das Bild des Domino-Effekts bemüht,  also eine Verkettung von Ereignissen die aufeinander beruhen. Solche Szenarien, sind auf der einen Seite sehr eingängig, sehen logisch und bildhaft aus und werden mit jedem Detail leichter vorstellbar und so für immer wahrscheinlicher gehalten. Auf der anderen Seite wird leider vergessen, dass mit Hinzufügen jedes weiteren Puzzleteils die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Szenarios sinkt – es handelt sich um so genannte verbundene Wahrscheinlichkeiten<a href="http://www.blognition.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/paste/pasteword.htm?ver=327-1235#_edn1">[i]</a>.</p>
<p>Der jüngste Sturz des tunesischen Machthabers hat bei vielen Kommentatoren zu ähnlichen Gedankengebäuden geführt. Nach dem Motto: Wenn es in einem Land des Maghreb Aufstände gibt, wirkt dies wie ein Flächenbrand. Wenn man sich indes den eigentlichen Auslöser für den Aufstand der tunesischen Bevölkerung, eine Selbstverbrennung, vor Augen hält, muss man sich natürlich fragen, warum es anderswo bis dahin nicht ebenfalls schon längst zu Aufständen mit Umstürzen gekommen war. Etwa in Marokko oder Algerien, wo Selbstverbrennungen bis dato keine vergleichbaren Reaktionen ausgelöst hatten.</p>
<p>Ganz anders liegen indes die Dinge in Ägypten. Hier waren nicht notwendigerweise zu hohe Lebensmittelpreise die Ursache für die jüngsten Aufstände, die mit einem Male eine Größenordnung annehmen, die bislang für dieses Land undenkbar waren. Die Menschen hatten ihren Herrscher und die damit verbundene Herrschaftsform jahrzehntelang als etwas Normales akzeptiert – ein Status quo, an dem nur wenige während all der Zeit rütteln wollten. Veränderungen im Machtgefüge des Landes waren für eine große Mehrheit undenkbar.</p>
<p>So gesehen, hatten die Ereignisse in Tunesien per se nichts Ansteckendes. Nein, es war keine Selbstverbrennung eines Menschen, die einen Domino-Effekt ausgelöst hätte. Aber die Vertreibung ihres einstigen Präsidenten Ben Alí hat bei vielen Ägyptern offenbar zu einer Veränderung ihres Wahrnehmungsspektrums geführt: Es wurden Handlungsalternativen vorstellbar, die über Jahre hinweg im Bewusstsein der Menschen verschüttet gewesen sein müssen. Auch weil mit dem Festhalten am Status quo eine gewisse Schicksalsergebenheit, Trägheit oder auch Bequemlichkeit verbunden war. Jetzt hat man offenbar gesehen, dass es auch anders gehen kann. Und dieses &#8222;anders gehen&#8220; muss einen so starken positiven Eindruck hinterlassen haben, dass immer mehr Menschen trotz der damit verbundenen Gefahren für Leib und Leben, bereit sind, sich von jenem Status quo zu lösen. Einem immerhin mächtigen Bezugspunkt, mit dessen Aufgabe, psychologisch betrachtet, auch noch eine hohe Normabweichung einhergeht, solange die Proteste nur von wenigen getragen werden. Die Not muss schon groß gewesen sein, um dem Umdenken Taten folgen zu lassen. Demonstrationen, deren Erfolg nicht einmal gewiss ist.</p>
<hr size="1" /><a href="http://www.blognition.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/paste/pasteword.htm?ver=327-1235#_ednref1">[i]</a> So hätte etwa ein Szenario, das aus fünf voneinander abhängenden Ereignissen mit einer geschätzten Eintrittswahrscheinlichkeit von jeweils 80%, besteht, insgesamt nur eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 0,8<sup>5</sup> = 32,8 Prozent.</p>
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		<title>Kein Umfaller</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Aug 2010 13:23:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Märkte]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Axel Weber]]></category>
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		<category><![CDATA[EZB]]></category>
		<category><![CDATA[Groupthink]]></category>
		<category><![CDATA[Normabweichung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Was haben einige Kommentatoren heute Axel Weber kritisiert, weil er seine Meinung hinsichtlich der Liquiditätsmaßnahmen seitens der EZB geändert hat. Manch einer bescheinigt dem ehemaligen Oberfalken nicht nur, er sei zur Taube mutiert. Nein, es ging soweit, dass er sogar als „Umfaller“ tituliert wurde – womöglich, weil er seine Chancen verbessern wolle, um im Jahr [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/kein-umfaller/">Kein Umfaller</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Was haben einige Kommentatoren heute Axel Weber kritisiert, weil er seine Meinung hinsichtlich der Liquiditätsmaßnahmen seitens der EZB geändert hat. Manch einer bescheinigt dem ehemaligen Oberfalken nicht nur, er sei zur Taube mutiert. Nein, es ging soweit, <span id="more-365"></span>dass er sogar als „Umfaller“ tituliert wurde – womöglich, weil er seine Chancen verbessern wolle, um im Jahr 2011 Nachfolger von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet zu werden.</p>
<p>Natürlich hat sich der Bundesbankchef Anfang Mai mit Trichet und anderen Ratsmitgliedern der EZB offen angelegt als er sich kritisch zu den Anleihekäufen äußerte. Man könnte auch sagen, er war in der EZB das, was der Fed-Präsident von Kansas, Thomas Hoenig, für die US-Notenbank war: Ein einsamer Rufer in Sachen Inflationsbekämpfung. Solche Persönlichkeiten spielen in Gremien wie dem EZB-Rat nicht nur die Rolle eines advocatus diaboli. Vielmehr sind sie Beleg dafür, dass bei Entscheidungen von so großer Tragweite nicht nach dem Motto „eine Meinung, eine Information, eine Lösung“ verfahren wird, sondern auch kritisches Denken gefragt ist. Letztlich, um auch zu guten Entscheidungen zu kommen und nicht Opfer des so genannten <em>Groupthink</em>-Modells zu werden, für das das Streben nach gemeinsamen Normen und Harmonie (als Selbstzweck) eine Randbedingung darstellt.</p>
<p>So gesehen waren die kritischen Stimmen seinerzeit, Weber habe sich mit seiner offen vorgetragenen Kritik nicht diplomatisch verhalten, nicht hilfreich. Denn Groupthink kann gerade an den Finanzmärkten verheerende Auswirkungen haben, weil nicht mehr ausreichend nach Informationen gesucht wird und nur Meldungen Beachtung finden, die die Position rechtfertigen oder bestätigen. Die Folge: Mögliche Risiken einer Entscheidung werden  unterschätzt. Und so wird manches, offensichtlich zum Scheitern verurteilte Projekt unnötig verlängert, an manch politischer Entscheidung so hartnäckig festgehalten, bis sie in ein Desaster führt – die Geschichte kennt dafür zahlreiche Beispiele.</p>
<p>Wenn sich Axel Weber am Ende für eine Verlängerung der expansiven Politik bis ins kommende Jahr ausspricht, mag dies als Modifikation einer früheren Ansicht gewertet werden, mit der im Übrigen von Anfang an ein hohes Commitment verbunden war. Weil sie gegen eine Gruppennorm verstieß und auch noch öffentlich geäußert wurde. Solch eine Meinung ist nicht so einfach zu ändern und wird ganz bestimmt nicht plötzlich auf dem Altar der Diplomatie geopfert. Sie im Ernstfall zu überdenken, ist nicht als „Umfallen“ zu werten. Sondern, wenn Weber seine Einstellung wirklich geändert hat, sogar als Zeichen der Stärke.  Dann werden wir uns allerdings die Frage stellen müssen, was den Bundesbankpräsidenten tatsächlich zur Aufgabe dieses Commitments gezwungen hat<span id="_marker"> </span></p>
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		<title>Mutter kauft Brötchen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Jul 2010 12:52:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Kognitive Dissonanz]]></category>
		<category><![CDATA[Normabweichung]]></category>
		<category><![CDATA[Referenzpunkt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auch im Norden Deutschlands kann man gut rechnen, habe ich in einem Bäckerladen nahe der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins erfahren müssen. Eigentlich war das Procedere wie immer, wenn ich im Hause meiner Schwiegereltern weilte, mein Frühstückseinkauf für die Familie war quasi standardisiert: Acht Naturies, vier Mohnbrötchen und drei Laugenstangen. Nachdem die Verkäuferin das Backwerk  eingetütet hatte, flötete [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Auch im Norden Deutschlands kann man gut rechnen, habe ich in einem Bäckerladen nahe der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins erfahren müssen. Eigentlich war das Procedere wie immer, wenn ich im Hause meiner Schwiegereltern weilte,<span id="more-280"></span> mein Frühstückseinkauf für die Familie war quasi standardisiert: Acht Naturies, vier Mohnbrötchen und drei Laugenstangen. Nachdem die Verkäuferin das Backwerk  eingetütet hatte, flötete sie: „Heute gibt‘s für vier Naturies eins gratis“ Tolle Aktion, dachte ich, blickte auf meinen mittleren Leibesbereich und überlegte, wer wohl die beiden Gratisbrötchen essen solle – ich zumindest nicht. Aber nur, weil es etwas umsonst gibt, die Brötchen mitnehmen und am Ende sogar wegwerfen müssen? Nein, selbst heimlich (dann wäre es zumindest keine Abweichung von der gesellschaftlichen Norm gewesen) hätte ich sie nicht verschwinden lassen.</p>
<p>Die Verkäuferin bemerkte mein Zögern und fragte ihre Kollegin, ob es nicht eine andere Verrechnungsmöglichkeit gäbe. „Zieh ihm eins ab!“ entgegnete das Gegenüber, wohl im Range einer Thekenchefin. Der Preis nur eines Brötchens sollte verrechnet werden, wo ich doch zwei gratis für den Kauf von acht bekommen hätte? „Sind es denn nicht zwei, die Sie mir abziehen müssten?“ wandte ich ohne nachzudenken ein. Die Reaktion der Chefin kam postwendend: „Sie sollen ja die Brötchen essen und nicht das Geld!“</p>
<p>Auf dem Weg nach Hause rechnete ich nach und mir wurde peu à peu der Unterschied zwischen „gratis“ und einem Rabatt bewusst. Aber auch ein komische Gefühl, das in mir nagte. Ja, zwei von zehn Brötchen sind tatsächlich 20 Prozent und bezogen auf acht wären das immer noch 1,6 Brötchen…</p>
<p>Eigentlich wollte die Bäckerei mit ihrer Werbeaktion doch nur Gutes bewirken, vielleicht mit dem Hintergedanken, den Umsatz durch die Abgabe von Gratisbrötchen anzukurbeln. Oder zumindest die Kundenbindung durch diese Maßnahme zu erhöhen. Aber was hätte ich besser machen können? Hatte ich nicht richtig entschieden, wenn ich die reduzierte Brötchenrechnung akzeptierte, statt Lebensmittel wegwerfen zu müssen,  nur weil sie umsonst zu bekommen waren? Dennoch blieb durch die ganze Rechnerei ein dissonanter Nachgeschmack. Vielleicht hätte ich besser einen Laden aufsuchen sollen, wo es gerade keine Werbeaktion gab. Dann hätte ich immerhin mit dem Glück des Ahnungslosen unbelastet mein Frühstück genießen können, statt diesen Blog zu verfassen.</p>
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		<title>Dissonanzen eines Schiedsrichters</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Jun 2010 08:55:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Verschiedenes]]></category>
		<category><![CDATA[Kognitive Dissonanz]]></category>
		<category><![CDATA[Normabweichung]]></category>
		<category><![CDATA[selektive Wahrnehmung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jetzt sind sie also von der Fifa nach Hause geschickt worden, diejenigen WM-Schiedsrichter, die bislang nicht so recht zu überzeugen wussten. Unter ihnen auch der Italiener Roberto Rosetti, der beim Spiel Mexico – Argentinien in Gerede gekommen war, weil er den Gauchos einen Treffer zuerkannte. Ein Tor, das, wie sich bereits Sekunden später per Replay an [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Jetzt sind sie also von der Fifa nach Hause geschickt worden, diejenigen WM-Schiedsrichter<span id="more-797"></span>, die bislang nicht so recht zu überzeugen wussten. Unter ihnen auch der Italiener Roberto Rosetti, der beim Spiel Mexico – Argentinien in Gerede gekommen war, weil er den Gauchos einen Treffer zuerkannte. Ein Tor, das, wie sich bereits Sekunden später per Replay an der Stadionleinwand herausstellte, aufgrund einer klaren Abseitsstellung zu Unrecht gegeben wurde. Rosetti wurde also umgehend mit einer Information konfrontiert, die die Richtigkeit seiner soeben getroffenen Entscheidung in Frage stellte. Anders ausgedrückt: Die Bilder im Stadion müssen  einen hohen Grad an kognitiver Dissonanz beim Referee ausgelöst haben. Ähnlich wie bei einem Börsianer, der gerade Aktien gekauft hat, deren Kurs direkt hinterher in die Tiefe stürzt, ist ein solcher Zustand ausgesprochen unangenehm. Ein Zustand, aus dem es jedoch immerhin zwei Auswege gibt.</p>
<p>Der eine lautet: Handeln. Rosetti hätte das Tor für Argentinien annullieren und somit seine Entscheidung revidieren können. Was zugegebenermaßen laut Fifa-Reglement verboten gewesen wäre und vermutlich sogar eine Strafe nach sich gezogen hätte. Aber auch ohne diese Drohung hätte sich der Schiedsrichter – wie die meisten anderen Menschen auch –  mit einem solchen Rückzieher schwer getan. Weil er das Eingeständnis eines Fehlers gewesen wäre. Und das auch noch vor aller Öffentlichkeit, rund um den TV-Globus! Eine Öffentlichkeit, die aber höchstwahrscheinlich gerade wegen dieses Eingeständnisses Rosetti zum Helden hätte küren können. Er, der sogar den Mut hatte, einmal von den ohnehin umstrittenen Normen der Fifa abzuweichen.</p>
<p>Stattdessen hat er das getan, was die meisten von uns in einer solchen Situation machen würden, um die unangenehmen Dissonanzen zu beseitigen: Das, was zur ursprünglichen Entscheidung passt (etwa die Regeln des Weltverbandes), besonders stark wahrzunehmen. Und das, was die Entscheidung in Frage stellen würde, einfach zu ignorieren. Vielleicht war es deswegen auch so einfach, Rosetti nach Hause zu schicken.</p>
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