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	<title>Moral Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
	<lastBuildDate>Mon, 14 Nov 2016 17:16:23 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Trump und &#8222;The New Normal&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Nov 2016 15:20:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Selten hat eine Präsidentschaftswahl in den USA die westlichen Gesellschaften so gespalten. Und auch knapp eine Woche nach der Wahl scheinen sich viele Menschen noch nicht an deren Ergebnis gewöhnt zu haben. Vor allem, weil sich die Umfrageinstitute in dramatischer Weise geirrt haben. Und es scheint fast so, als ob die Angst, womöglich nicht der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-9275 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2-300x114.jpg" alt="ankerhirn" width="300" height="114" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2-300x114.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2-768x293.jpg 768w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2.jpg 810w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Selten hat eine Präsidentschaftswahl in den USA die westlichen Gesellschaften so gespalten. Und auch knapp eine Woche nach der Wahl scheinen sich viele Menschen noch nicht an deren Ergebnis gewöhnt zu haben. Vor allem, weil sich die Umfrageinstitute in dramatischer Weise geirrt haben. Und es scheint fast so, als ob die Angst, womöglich nicht der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen, sogar dazu geführt hat, dass viele Wähler bei Umfragen nicht aufrichtig geantwortet haben, aus Angst vor einer möglichen Isolation, wenn sie zu Kandidaten oder Parteien tendierten, die von den Medien und der offiziell vorherrschenden Meinung abwichen. Auch hierzulande galt es bis vor kurzem noch als schick, offiziell den designierten US-Präsidenten Donald Trump abzulehnen, weil er Standpunkte vertritt, die bislang gesellschaftlich als kaum akzeptabel galten.</p>
<p>Das hat sich nun geändert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Reset der Normen</strong></p>
<p>Genauso wie die anonyme Masse der US-Amerikaner, die vorgeblich Trump abgelehnt hatte, plötzlich zu einer Mehrheit von Trump-Anhängern mutierte, scheinen dessen Ideen auch hierzulande bei immer mehr Menschen auf Gegenliebe zu stoßen. Und wenn EU-Parlamentspräsident Martin Schulz jetzt fordert, dem designierten US-Präsidenten offen zu begegnen und praktisch von vorne anzufangen, indem beide Seiten „auf Null schalten“ und sich gegenseitig eine Chance geben, kann man dies einerseits natürlich als Zeichen des Respekts vor dem US-Wahlergebnis deuten. Zum anderen könnte sich in dieser Aufforderung zu einem Reset aber auch die unbewusste Änderung eines gesellschaftlichen Bezugspunkts dessen, was gemeinhin als akzeptabel gilt, andeuten. Gewissermaßen eine Verschiebung des Maßstabs für die Wahrnehmung dessen, was ethisch oder politisch korrekt ist, mithin eine klammheimliche Veränderung von gesellschaftlichen Normen und Referenzpunkten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Von extremen Ankern…</strong></p>
<p>Donald Trump und möglicherweise auch seine Berater haben es aus verhaltensorientierter Sicht geradezu meisterlich verstanden, den Bezugspunkt für soziale Normen zu verschieben. Es ist natürlich nicht erwiesen, dass sich Trump tatsächlich bewusst der Methode des Verankerns (Anchoring) aus der Verhaltensökonomik bedient hat. Aber mit seinen extremen Ansichten, die er im Wahlkampf vertrat, hat dies bei den Wählern zu genau einem solchen Effekt geführt. Ursprünglich wollte Trump 11 Millionen illegale Einwanderer ausweisen, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen, die Gesundheitsreform Obamacare abschaffen, Hillary Clinton ins Gefängnis stecken und alles, was nach Establishment aussieht, am liebsten aus der US-Gesellschaft verbannen. Mit der Diffamierung von Behinderten und Frauen, der Ausgrenzung von Hispanics, Schwarzen und anderen ethnischen Gruppen, der Ablehnung von Homosexuellen und Abtreibungsbefürwortern vertrat der designierte US-Präsident im Wahlkampf Extrempositionen, die weit jenseits des politisch Korrekten anzusiedeln sind. Schlechthin eine Absage an Gleichberechtigung, an eine multikulturelle Gesellschaft, an die Globalisierung, an alles Liberale und Intellektuelle.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>…zu neuen Bezugspunkten </strong></p>
<p>Mit diesen Extrempositionen wurden zunächst Anker, das heißt neue, für viele Menschen längst nicht mehr akzeptable Bezugspunkte, gesetzt. Und diese haben sie im Hinterkopf behalten, weshalb sie weiterhin eine ganz wichtige Rolle spielen, als Donald Trump nach seiner Wahl mit einem Male einige dieser Extrempositionen korrigierte. Plötzlich beabsichtigt er, „nur“ 3 Millionen Illegale auszuweisen, auch fordert er heute das Ende der Gewalt gegen Minderheiten, die nach Barack Obama benannte Gesundheitsreform wird teilweise beibehalten und selbst über eine strafrechtliche Verfolgung seiner Wahlkampfgegnerin Hillary Clinton wegen der E-Mail-Affäre will er noch einmal nachdenken. Im Lichte der im Wahlkampf vertretenen Extrempositionen wirkt dieses Zurückrudern oder Relativieren wie Balsam auf die Seelen derjenigen, die sich zuvor noch durch Donald Trumps Äußerungen verletzt und gekränkt fühlten. Mit anderen Worten: Für all diejenigen, die Trump nicht gewählt haben, ist diese Korrektur vormaliger Extrempositionen nichts anderes als ein relativer Gewinn gegenüber vorher Undenkbarem.</p>
<p>Und auch hierzulande sehen sich viele Menschen darin bestätigt, dass auch im Falle Trumps nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Mit anderen Worten: Trump und seine sicherlich wegen des Wahlkampfs überzogenen Ansichten seien gar nicht so schlimm und im Grunde habe er in manchen Punkten gar nicht mal Unrecht, räumen einige mittlerweile ein. „Geben wir ihm eine Chance“, fordern daher selbst gemäßigte Zeitgenossen. Immerhin sei er doch demokratisch gewählt, heißt es.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wie aus „unmoralisch“ relativ „moralisch“ wird</strong></p>
<p>Anhänger der Verhaltensökonomik, insbesondere der sogenannten Behavioral Ethics, wissen jedoch, dass einmal gesetzte Anker trotz besseren Wissens später nur unzureichend korrigiert werden. Aber es geht um mehr. Es ist nicht nur plötzlich legitim, Donald Trump gut zu finden, sondern auch den damit einhergehenden gesellschaftlichen Kulturwandel. Denn die Wahrnehmung dessen, was bislang als politisch oder ethisch korrekt angesehen wurde, hat sich wegen eben jener Verschiebung des Bezugspunktes zwischen Recht und Unrecht verändert. Genauso wie Gewinne und Verluste nicht absolut, sondern relativ zu einem Bezugspunkt wahrgenommen werden, verhält es sich mit den moralischen Werten eines „Gut“ und „Böse“. Denn tatsächlich geht es vor allem darum, besser oder schlechter im Vergleich zu anderen zu sein. Und genauso wie man sich an Gewinne und Verluste gewöhnt, kann sich auch die moralische Bewertung im Laufe der Zeit abschwächen. Vor allem auch, weil diese Trennlinie nach einer Weile infolge von Gewöhnungseffekten noch weiteren Veränderungen unterliegt. Und so werden unter diesen neuen Normen und Bedingungen Menschen Dinge tun, die sie selbst vor ein paar Wochen vielleicht nie für möglich gehalten hätten. Es ist die schleichende Veränderung der Normen und der Bezugspunkte, manchmal allein durch das Fortschreiten der Zeit, wodurch wir alle Gefahr laufen, korrumpiert zu werden und das, was wir vormals <strong>absolut</strong> verabscheut hatten, mit einem Male halbwegs, also <strong>relativ </strong>in Ordnung finden.</p>
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		<title>Moral ist relativ</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Sep 2015 11:01:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>VW drohen Strafen in Milliardenhöhe, mancherorts ist bereits die Rede von 18 Milliarden US-Dollar. Egal, wie hoch am Ende der Betrag sein wird, den VW zahlen muss, weil die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) dem Autobauer vorwirft, bei der Ermittlung von Abgaswerten seiner Dieselfahrzeuge manipuliert zu haben – die zur Diskussion stehende Größenordnung erinnert durchaus [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>VW drohen Strafen in Milliardenhöhe, mancherorts ist bereits die Rede von 18 Milliarden US-Dollar. Egal, wie hoch am Ende der Betrag sein wird, den VW zahlen muss, weil die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) dem Autobauer vorwirft, bei der Ermittlung von Abgaswerten seiner Dieselfahrzeuge manipuliert zu haben – die zur Diskussion stehende Größenordnung erinnert durchaus an die Skandale im Investmentbanking. Und wenn in der heutigen Ausgabe der „Financial Times“ John Gapper in seiner Kolumne die drei gefährlichsten Wörter im Geschäftsleben: „Jeder macht das“ zitiert, zeigt dies, dass die für den Skandal Verantwortlichen möglicherweise gar kein Bewusstsein dafür haben, etwas Unrechtes getan zu haben. Abgesehen davon, haben bereits schon vor VW auch andere Autohersteller durch kleinere oder größere Tricksereien dafür gesorgt, dass Dieselfahrzeuge ihrem Ruf, umweltfreundlich und niedrig im Kraftstoffverbrauch zu sein, gerecht wurden. Auch ist die Autoindustrie nicht allein, wenn es darum geht, Vorschriften und Regeln großzügiger als von ihren Erfindern gedacht auszulegen.</p>
<p>Einer fängt ganz klein damit an, und der harte Konkurrenzkampf, Kostendiktate oder auch interne Belohnungssysteme sorgen dafür, dass so ein unethisches Verhalten salonfähig wird. Und weil das alle tun, weil es scheinbar zur sozialen Norm wird, bekommen solche Tricks sogar den Anstrich des Legalen. Mit anderen Worten: Wie Menschen ihr eigenes Verhalten moralisch bewerten, hängt stark von den sozialen Normen ab, die in ihrem Umfeld herrschen. Deswegen wird auch niemand seine Handlung als unethisch empfinden, wenn er stets nur macht, was alle anderen auch tun.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Overconfidente Sünder?</strong></p>
<p>Problematisch wird es allerdings, sobald die Öffentlichkeit Wind davon bekommt. Schnell ist man dann – und auch meine erste Reaktion fiel ähnlich aus – mit Kommentaren zur Hand: „Wie kann man denn so blöde sein und glauben, nicht erwischt zu werden?“ Auch mag man aus verhaltensorientierter Sicht schnell dazu bereit sein, den Beschuldigten nachzusagen, sie seien in dem Vertrauen darauf, nicht erwischt zu werden, wohl etwas zu overconfident (= ein zu starkes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten) gewesen. Aber diese Sichtweise mag zu kurz greifen.</p>
<p>Tatsächlich geht es um die unterschiedliche Wahrnehmung dessen, was ethisch korrekt ist. Diese Bezugspunkte sind nämlich bei den Sündern andere als bei denjenigen, die sie erwischen und am Ende verurteilen. So mag es schon im Testlabor anfangen, wenn möglicherweise nicht ganz vorteilhafte Ergebnisse ein bisschen geschönt werden, um vor dem Chef gut dazustehen. Und es mag auch verständlich sein, wenn man mit möglichst geringen Kosten gesetzliche Vorschriften erfüllen möchte. Diese kleinen Verfehlungen, die sich mit der Zeit zu großen Sünden auswachsen können, werden von den Betroffenen manchmal sogar unbewusst und erst recht ohne schlechtes Gewissen begangen. Eigentlich müssten Gewissensbisse doch mit der Größe der Verfehlung mitwachsen. Stattdessen bewegt sich der Bezugspunkt, der die Grenze zwischen Recht und Unrecht markiert, mit der Akzeptanz innerhalb des eigenen sozialen Umfelds, etwa innerhalb des Unternehmens, in dem man beschäftigt ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Relativ schlechtes Gewissen</strong></p>
<p>Dieser Bezugspunkt, die Grenze zwischen Recht und Unrecht, stellt sich für Außenstehende ganz anders dar, weil er sich für sie in der Zwischenzeit nicht bewegt hat. Stattdessen gehen diese davon aus, dass Recht und Gesetz eingehalten werden, sie nehmen, wenn ein Gesetzesbruch aufgedeckt wird, für sich eine absolute Moral in Anspruch, während die Sünder im Laufe der Zeit ihre eigenen moralischen Ansprüche relativiert haben.</p>
<p>Ethik kommt immer dann ins Spiel, wenn Verluste entstanden sind, weil jemandes Verhalten unterhalb des allgemeingültigen Standards der sozialen Normen einer Gesellschaft als Ganzem liegt. Um solche Situationen zu vermeiden, genügt es jedoch nicht, sich auf Vorschriften und Regulierungen zu verlassen. Vielmehr müssen wir erkennen, dass es keine absolute Moral gibt. Außerdem sollten wir zu verstehen versuchen, warum Menschen unter bestimmten Bedingungen Dinge tun, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten. So ließe sich Fehlverhalten besser bekämpfen – ein Ziel, dem sich die so genannten Behavioral Ethics verschrieben haben.</p>
<p>Situationsabhängige Einflussfaktoren, die schleichende Veränderung von Normen im Laufe der Zeit können übrigens uns alle korrumpieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Mit-Schnitt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2014 05:00:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[1984]]></category>
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		<category><![CDATA[Umdeuten von Verlusten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nein, ich bin kein Freund von Alice Schwarzer und vieles, was die Frontkämpferin des Feminismus und Oberpriesterin der Moral in den vergangenen Jahren von sich gegeben hat, hat mir nicht gefallen. Kein Wunder, dass auch die Öffentlichkeit über sie hergefallen ist, nachdem ihre Selbstanzeige in Sachen Schweizer Kapitalanlagen bekannt wurde. Verständlich, nachdem man von dieser [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nein, ich bin kein Freund von Alice Schwarzer und vieles, was die Frontkämpferin des Feminismus und Oberpriesterin der Moral in den vergangenen Jahren von sich gegeben hat, hat mir nicht gefallen. Kein Wunder, dass auch die Öffentlichkeit über sie hergefallen ist, <span id="more-6921"></span>nachdem ihre Selbstanzeige in Sachen Schweizer Kapitalanlagen bekannt wurde. Verständlich, nachdem man von dieser Ikone der political correctness über viele mediale Kanäle und zahlreiche Talkshows immer wieder den moralischen Zeigefinger vorgehalten bekommt hat. Das ist so, als ob einem jemand immer wieder mentale Verluste unter die Nase hält. Aber wenn dann derjenige selbst eines Vergehens überführt wird, sind diese Verluste plötzlich null und nichtig, worüber man sich fast so wie über einen echten Gewinn freuen kann. Als ob Ethik und Moral nur von der Unbescholtenheit ihres Verkünders abhingen.</p>
<p>Und wer es gar wagte, auch nur eine klitzekleine Lanze für Frau Schwarzer zu brechen, lief sogleich Gefahr, in einen shit-storm zu geraten. Manchmal hatte ich den Eindruck, nicht wenige würden – falls diese Steuerhinterziehungen doch noch strafbar sein sollten – das Urteil gerne höchstpersönlich vollstrecken. Am liebsten würde manch einer Frau Schwarzer sogar das Recht auf einen Verteidiger absprechen. Ein Recht, das jedem Gewaltverbrecher und selbst Mördern zusteht. Aber einer gefallenen Moralistin? Ja, der Volkszorn, die Empörung war gewaltig. Viel weniger aus der Enttäuschung heraus, dass eine moralische Instanz wieder einmal nicht das gehalten, was sie versprochen hat. Vielerorts mag da auch die Erleichterung darüber mitgespielt zu haben, dass es doch viel weniger echte Gutmenschen gibt, als man denkt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Scheinheilige Medien</b></p>
<p>In den Medien wurde auch immer wieder scheinheilig die Frage gestellt, ob denn auch eine Frau Schwarzer das Recht auf Wahrung des Steuergeheimnisses hätte oder ob man schonungslos über ihren Fall berichten dürfe. Ja, man darf. Ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen. Aber die Frage danach, ob es legal oder zumindest legitim war, das Steuergeheimnis zu verraten, wurde gerade von den aufklärungssüchtig scheinenden Kommentatoren in der causa Schwarzer viel zu selten, wenn überhaupt gestellt. Natürlich sollen Informanten anonym bleiben. Aber durfte man in der Angelegenheit überhaupt Informationen über die Selbstanzeige der Schwarzer an die Presse weitergeben? War es womöglich eine undichte Stelle bei den Finanzbehörden, ein Schweizer Banker oder eine rachsüchtige Freundin: Wer hat den Medien einen Wink gegeben? Bei den ersten beiden würde dies einen Bruch des Steuer- bzw. Bankgeheimnisses darstellen und wäre sogar strafbar, bei der Freundin indes wäre es vor allem ein schwer zu verkraftender Vertrauensbruch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Über das Indiskutable nicht mehr reden wollen</b></p>
<p>Es ist schon fast beängstigend, wie leichtfertig mit Geheimnissen gerade seit Edward Snowdens Enthüllungen (die ich hier ganz bewusst nicht bewerten möchte) in der jüngsten Zeit umgegangen wird. So sah ich am vergangenen Wochenende auf dem Nachrichtensender n-tv eine Pressekonferenz, bei der die Kanzlerin Angela Merkel noch einmal zu der bei einem Telefonat abgehörten „F***k the EU“- Äußerung von Victoria Nuland befragt wurde. Was war schlimmer, wurde Merkel implizit gefragt: Die verbale Entgleisung der US-Diplomatin oder der Umstand, dass deren Telefon von den Russen angezapft worden war? Die Antwort der Kanzlerin darauf fiel für mich fast schon beängstigend nonchalant aus: <i>„Über die Frage des Abhörens haben [wir ja] ausführlich in Deutschland diskutiert… das ist indiskutabel, da braucht man nicht weiter darüber zu reden“. </i>Doch! Wir dürfen nicht aufhören, darüber zu reden. Natürlich muss man Frau Merkel zugute halten, dass sie sich vermutlich nach dem ersten Schrecken an diese Ungeheuerlichkeit gewöhnt hat. Gewöhnung ist ein zwangsläufiger Prozess, der es auch immer mit sich bringt, dass man zunehmend etwas akzeptiert oder zumindest hinnimmt, was früher womöglich undenkbar gewesen wäre. Ja, es handelt sich um dieselbe Frau Merkel, die  die Äußerung der US-Diplomatin am Vortag noch als inakzeptabel bezeichnet hatte; eine Äußerung, die ohne dass illegale Abhören eines Gesprächs wahrscheinlich überhaupt nie ans Tageslicht gekommen wäre. Benutzen wir alle nicht, vor allen Dingen wenn wir uns unbeobachtet wähnen, manchmal Ausdrücke, die wir nie in der Öffentlichkeit sagen würden?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Schnelle Gewöhnung an Unerhörtes</b></p>
<p>Noch mehr stört mich aber, dass die Gewöhnung der Menschen an das gestern noch Unerhörte, das Verbotene eines Überwachungsstaates, schon sehr weit fortgeschritten ist. Nein, ich spreche nicht von den Ermittlungsarbeiten, die für die Aufdeckung und Verhinderung lebensbedrohlicher Kapitalverbrechen notwendig sind. Sondern davon, dass Abhören, heimlich Kopieren, ja, der Verrat am Mitmenschen hoffähig geworden ist. Wenn es zur Normalität wird, dass ein Staat über alles, was man tut, Aufzeichnungen machen und speichern darf, obwohl dies illegal ist, wenn man über das Indiskutable nicht mehr weiter zu reden bereit ist, wird auch das gegenseitige Ausspähen im privaten Bereich eines Tages normal werden. Vor allem, wenn einem großen Teil der Bevölkerung – wie unlängst für die USA in einer Studie ermittelt – kaum mehr Geld für den Konsum zur Verfügung steht<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>, muss man sich doch fragen, was diejenigen, die der großen Masse, ja am besten jedem Menschen auf der Erde, einen Tablet Computer mit eingebauter Kamera zum Schleuderpreis oder vielleicht sogar kostenlos zur Verfügung stellen wollen, dafür als Gegenleistung haben möchten. Denn das einzige, was die Armen dafür noch anbieten könnten, wäre deren Privatheit. Und plötzlich ist der Orwell‘sche Teleschirm aus dem Roman „1984“ tatsächlich bei uns im Wohnzimmer gelandet. Ganz nah. Ob dann unser Nachbar ins Gefängnis kommt, angezeigt von der eigenen kleinen siebenjährigen Tochter, weil er im Schlaf „Nieder mit dem großen Bruder!“ gemurmelt hat? Was heute noch undenkbar scheint, droht immer wahrscheinlicher zu werden, sobald wir beginnen, fast schon gelangweilt das bislang Indiskutable mehr und mehr zu akzeptieren.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Cynamon, Barry Z. and Fazzari, Steven M. (Jan 23rd, 2014): <i>Inequality, the Great Recession, and Slow Recovery</i>, <a href="http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2205524">http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2205524</a></p>
</div>
</div>
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		<title>Kulturwandel Teil 2: Auf dem Weg zu Behavioral Ethics</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Sep 2013 07:21:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Bonus]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Immerhin hat die Politik unter dem Druck der Öffentlichkeit reagiert und eine Menge Regulierungen vorgenommen, die der Wiederholung einer Finanzkrise, wie wir sie während der vergangenen Jahre erlebt haben, vorbeugen sollen. So wurde etwa eine Aufklärungspflicht gegenüber den Kunden eingeführt. Auch sollen die erfolgsabhängigen Bestandteile des Einkommens künftig gedeckelt werden. Das wirkt zum Teil wie [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Immerhin hat die Politik unter dem Druck der Öffentlichkeit reagiert und eine Menge Regulierungen vorgenommen, die der Wiederholung einer Finanzkrise, wie wir sie während der vergangenen Jahre erlebt haben, vorbeugen sollen. So wurde etwa eine Aufklärungspflicht gegenüber den Kunden eingeführt. Auch sollen die erfolgsabhängigen Bestandteile des Einkommens künftig gedeckelt werden. Das wirkt zum Teil <span id="more-6457"></span>wie ein überzogener Aktionismus, der eher den Sozialneid bedient, als dass er wirklich etwas ändern könnte. Denn die Reumütigen unter den Top-Bankern, die neuerdings gerne von „Demut“ sprechen, haben schon längst eine Lösung für ihr moralisches Dilemma gefunden: Sie haben einfach ihre Grundgehälter massiv erhöht, dann kann man sich beim Bonus leichter in Bescheidenheit üben<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>.</p>
<p>Wenn wir heute von „unethischem Verhalten“ sprechen, dann bezieht sich das nur auf diejenigen Fälle, die bekannt geworden sind und in denen einzelnen Protagonisten ein entsprechendes Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte. Konsequenzen wurden daraus aber erst gezogen, als die Verstöße gegen Ethik und Moral nicht mehr unter der Decke gehalten oder schöngeredet werden konnten. Dabei glaubte man, es sei damit getan, Mitglieder des Investmentbankings in einen Schnellkurs in Ethik zu schicken<a title="" href="#_ftn2">[2]</a>.</p>
<p>Mein Mitstreiter Herman Brodie hat es <a href="http://www.blognition.de/blog/gesellschaft/crashkurs-in-ethik/">(hier)</a> bereits einmal zum Ausdruck gebracht: Wie Menschen ihr eigenes Verhalten moralisch bewerten, hängt stark von den vorherrschenden sozialen Normen ab. Natürlich wird jemand seine Handlungen kaum als unethisch einstufen, wenn er stets nur das macht, was alle anderen auch tun. Und wenn die herrschende Norm darin besteht, Verkaufsziele über das Kundeninteresse zu stellen, warum sollte der Anlage-Berater seinen Klienten dann nicht Produkte verkaufen, mit denen diese  nichts, er aber sehr viel verdienen kann?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Kulturwandel mit sechs Grundwerten</b></p>
<p>Nun versucht die Deutsche Bank, mit sechs Grundwerten einen Kulturwandel einzuläuten. Dazu zählen: Kundenfokus, Integrität, Partnerschaft, nachhaltiger Erfolg, Innovation und Disziplin. Gleichzeitig wurde für die Mitarbeiter ein Verhaltenskodex entwickelt, der ihnen vorgibt, wie sie die sechs Grundwerte in der Praxis umsetzen können. Auf diese Weise soll sich der Wandel zum Guten vollziehen – und vor allem das schlechte Image der Bank bekämpft werden.</p>
<p>Aber alle ethischen Regularien und Kurse zur Verhaltensverbesserung laufen Gefahr, ihr Ziel zu verfehlen, weil sie von falschen Voraussetzungen ausgehen: Dass Menschen, sobald sie mit einem ethischen Dilemma konfrontiert werden, tatsächlich auch in der Lage sind, dieses zu erkennen.</p>
<p>Ganz abgesehen davon kostet es Geld, gut zu sein. Wenn man im Sinne des Grundwerts „Kundenfokus“ bei einer Geldanlage vor allem den Ertrag des Kunden im Auge hat und nicht mehr vorzugsweise die Rendite der Bank bei diesem Geschäft, wenn man tatsächlich in die Erforschung und Entwicklung von Innovationen investiert, statt alles, was als Non-Profit-Center gilt, im Zuge des permanenten Cost-Cutting ersatzlos zu streichen, dann könnte der Jahresgewinn am Ende tatsächlich niedriger ausfallen, als die Aktionäre sich das erträumt hatten. Was macht dann ein ethisch korrekter Unternehmensvorstand bei der Jahreshauptversammlung? Wie soll er dieses Ergebnis, das weit unter dem der weiterhin unethisch agierenden Konkurrenz liegt, gegenüber den Anteilseignern rechtfertigen?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Blinde Flecken</b></p>
<p>Wäre die Finanzkrise tatsächlich abwendbar gewesen, wenn die daran Beteiligten zuvor ein Training in Ethik durchlaufen hätten? Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte das nichts gebracht, schon weil wir uns nicht darüber im Klaren sind, wie sehr bei uns die Schere zwischen unserem moralischen Selbstbild und unserem tatsächlichen ethischen Verhalten auseinanderklafft<a title="" href="#_ftn3">[3]</a>. So fragen etwa die Autoren des Buches <i>Blind Spots<a title="" href="#_ftn4"><b>[4]</b></a></i> gleich zu Beginn, wie ethisch sich der Leser im Vergleich zu anderen Lesern einschätzen würde. Und zwar auf einer Skala zwischen null und 100, also zwischen dem „bösesten“ und dem „anständigsten“ aller Leser. Ein Wert von 50 würde demnach für eine durchschnittliche ethische Korrektheit stehen. Dennoch schätzen die Autoren, dass sich die meisten ihrer Leser etwa bei einem Wert von 75 sehen werden, sich also mehrheitlich für überdurchschnittlich „gut“ halten, was schlechterdings nicht möglich ist. Nur ein Fall von Overconfidence also?</p>
<p>Noch vor gut 25 Jahren gab es auf den Wirtschaftshochschulen und -Universitäten kaum einen Fachbereich mit Schwerpunkt auf Ethik oder Unternehmens-Moral. Wenn überhaupt, dann fanden solche Kurse oder Unterrichtseinheiten im Fachbereich Philosophie<a title="" href="#_ftn5">[5]</a> statt. Dort konzentrierten sich die Wissenschaftler aber vor allem darauf, herauszufinden, wie sich Menschen verhalten <i>sollten</i>, um moralisch einwandfrei zu handeln. Dabei geriet der Blick für die Realität meist völlig in den Hintergrund. Hier genau setzt die Behavioral Ethics an. In zahlreichen Experimenten und Studien haben die Protagonisten dieser relativ jungen Forschungsrichtung herausgefunden, wie Menschen Entscheidungen treffen, welche inneren und äußeren Faktoren diesen Entscheidungsprozess beeinflussen und wie man lernen kann, ethisch bessere Entscheidungen zu treffen.</p>
<p>Mehr dazu in der kommenden Woche.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Vgl. Mercer-Studie „Global Financial Services Executive Remuneration Report“ aus der Börsenzeitung vom 21. August 2013, S.3</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> So hatte im Herbst 2012 etwa die Bank Santander 800 ihrer britischen Privatkundenberater für den Besuch einer Umschulungsmaßnahme freigestellt. Unter anderem musste von da an jeder Berater einheitliche Berufsstandards einhalten, inklusive eines ethischen Verhaltenskodex.</p>
</div>
<div>
<p>&nbsp;</p>
<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Epley, Nicholas and Dunning, David (2000): <i>Feeling „Holier Than Thou”: Are Self-Serving Assessments Produced by Errors in Self- or Social Prediction?</i>  Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 79, No. 6, pp. 861 – 875</p>
</div>
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<p>&nbsp;</p>
<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> Bazerman, Max H.; Tenbrunsel, Ann E. (2011): <i>Blind Spots, Why We Fail to Do What’s Right and What to Do about It</i>, Princeton University Press, Princeton New Jersey</p>
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<p>&nbsp;</p>
<p><a title="" href="#_ftnref5">[5]</a> Bazerman, Max H.; Gino, Francesca (2012): <i>Behavioral Ethics: Toward a Deeper Understanding of Moral Judgement and Dishonesty</i>, Annual Review of Law and Social Science, Vol. 8, pp. 85 – 104, 2012</p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/kulturwandel-teil-2-auf-dem-weg-zu-behavioral-ethics/">Kulturwandel Teil 2: Auf dem Weg zu Behavioral Ethics</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Fragwürdiger Kulturwandel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Sep 2013 06:14:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Investmentbanking]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Neutralisierungstechniken]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstwahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Survivorship bias]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht irgendein Institut aus der Finanzbranche ins Gerede kommt, in dem keine Fälle von Betrug, Manipulation oder Insiderhandel publik werden. Vor allem die Finanzkrise hat das erschreckende Ausmaß dieser Verfehlungen offenbart: Es müssen viele gewesen sein, die in irgendeiner Weise an vordergründig harmlos erscheinenden Geschäftsvorgängen beteiligt waren, ohne dass [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/fragwuerdiger-kulturwandel/">Fragwürdiger Kulturwandel</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht irgendein Institut aus der Finanzbranche ins Gerede kommt, in dem keine Fälle von Betrug, Manipulation oder Insiderhandel publik werden. Vor allem die Finanzkrise hat das erschreckende Ausmaß dieser Verfehlungen offenbart: Es müssen viele gewesen sein, die in irgendeiner Weise an vordergründig harmlos erscheinenden Geschäftsvorgängen beteiligt waren, <span id="more-6447"></span>ohne dass sie jemals ein Bewusstsein dafür entwickelt hätten, ethisch nicht korrekt zu handeln. </p>
<p>Nur selten scheint sich ihr Gewissen gemeldet zu haben, weder als sie etwa bekanntermaßen vor Jahren in den USA Immobilienkredite an Leute vergaben, die sich die Häuser, die sie damit kaufen wollten, niemals hätten leisten können. Noch als sie zusammen mit ihren cleveren Analysten strukturierte Produkte entwickelt und diese anschließend so kompliziert verpackt hatten, dass sie selbst deren Zusammensetzung und mögliche Wirkung nicht mehr überblicken konnten. Auch die Verkäufer dieser Derivate, die um deren explosive Mischung hätten wissen müssen, wurden offenbar in keinem Moment von irgendwelchen Skrupeln befallen, während sie diese hochgefährlichen Produkte mit großem Erfolg in Umlauf brachten. Und wenn die Missetäter dann doch einmal mit den Folgen ihres unethischen Verhaltens durch andere oder ihr eigenes Gewissen konfrontiert wurden, fingen sie sofort an, die eigene Beteiligung an diesen kriminellen Machenschaften herunterzuspielen, nach dem Motto: „Ich habe das Derivat doch nur konstruiert“, oder: „Wenn ich es nicht verkauft hätte, hätte das jemand anderes getan“ oder: „Der Kunde muss doch selbst wissen, was gut für ihn ist.“ In der Soziologie bezeichnet man diesen Vorgang als „Neutralisierungstechnik“, die dem einen Zweck dient, das Selbstkonzept, ein moralisch einwandfreier Mensch zu sein, möglichst intakt zu halten<a title="" href="#_ftn2">[2]</a>.</p>
<p>Und sie alle ließen sich am Ende für ihr Handeln mit fürstlichen Boni belohnen.</p>
<p>Dabei hätten sie doch durchschauen müssen, dass, wenn nicht sie selbst, dann zumindest andere – zum Beispiel ihre Vorgesetzten – sich bei all diesen Geschäften keineswegs moralisch einwandfrei verhielten. Allein schon durch ihre Gewinn- und Zielvorgaben, bei denen jedem von vornherein klar gewesen sein muss, dass diese auf „anständige“ Weise niemals erreicht werden konnten. Wieso hat sich nie jemand darüber gewundert, dass die Gewinnziele jedes Jahr – unabhängig vom jeweiligen ökonomischen Umfeld und Wachstum – um rund 20 bis 30 Prozent erhöht wurden. Hat denn keiner gefragt, zu welchem Preis und auf wessen Kosten?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Minderleister und Querulanten?</b></p>
<p>Aber, Augenblick mal! Vielleicht ist dieses Urteil zu hart. Denn das klingt, als ob es nur im Investmentbanking und dort ausschließlich unethische Menschen geben würde. Vielmehr sollte man nicht vergessen, was man im Aktienmarkt mit dem Begriff Survivorship Bias<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> bezeichnet. Unter den vielen Mitarbeitern, die im Laufe der Jahre aus Banken und Unternehmen ausgeschieden sind, befinden sich sicherlich auch etliche, die ihren Arbeitsplatz aufgegeben haben oder entlassen wurden, gerade weil sie die vorherrschenden Normen als unethisch empfanden und sich ihnen deshalb nicht unterwerfen wollten. Was oft genug für sie bedeutete, dass sie auf Beförderung, Gehaltserhöhung oder einen Bonus verzichten mussten. Häufig wurden sie regelrecht kaltgestellt und von den angepassteren Kollegen gemobbt;  von wichtigen Entscheidungsprozessen hielt man sie fern, mit der Begründung, sie seien Minderleister oder Querulanten. Am Ende bleiben in einem Unternehmen, in dem dieser Prozess eingesetzt hat, von allen Beschäftigen nur die skrupellosesten übrig.</p>
<p>In der Finanzbranche, so lautet das Ergebnis einer Umfrage der New Yorker Anwaltskanzlei Labaton Sucharow, „scheinen viele ihren moralischen Kompass verloren zu haben“<a title="" href="#_ftn4">[4]</a>. So hatte die Kanzlei 2013 eine Umfrage in Auftrag gegeben, bei der 250 Angestellte aus der Finanzbranche die Geschäftsmoral ihrer Wettbewerber beurteilen sollten. Mehr als die Hälfte der Befragten zeigte sich davon überzeugt davon, dass die Konkurrenz unethisch, wenn nicht illegal agiere. Und knapp ein Viertel der Interviewten ging sogar so weit zu behaupten, dass sich auch Kollegen im eigenen Unternehmen moralisch nicht besser verhielten.</p>
<p>Wenn also fast 30 Prozent der Befragten noch fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise glauben, dass es in der Finanzbranche krimineller Energie bedarf, um erfolgreich zu sein, muss man sich fragen, was es mit dem vielerorts propagierten Kulturwandel im Investmentbanking tatsächlich auf sich hat.</p>
<p>Und als etwa Paul Fisher, Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank von England, kürzlich die Vermutung aussprach, es könnte bei den quantitativen Lockerungsprogrammen – also einer Maßnahme zur Bewältigung der Finanzkrise –  im Oktober 2011 zu Manipulationen zulasten der Steuerzahler gekommen sein<a title="" href="#_ftn5">[5]</a>, fiel die Reaktion auf diesen ungeheuerlichen Verdacht eher bescheiden aus. Man kann sich daher des Eindrucks nicht erwehren, dass alles, den skandalträchtigen Schlagzeilen zum Trotz, so weiter geht wie bisher. Zwar ist immer wieder von Ethik die Rede, aber fast immer bleibt es bei Lippenbekenntnissen. Probleme kann man nicht mit demselben Denken lösen, durch das sie erst entstanden sind, hat Albert Einstein einmal gesagt.</p>
<p>Aber auch nicht mit denselben Leuten.</p>
<p>Was aber könnte man tatsächlich tun? Darauf werde ich im nächsten Beitrag eingehen.  </p>
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<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Dieser Beitrag ist Bestandteil eines in Kürze erscheinenden Aufsatzes „Behavioral Ethics“</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Sykes, G., and Matza , D.  (1957): <i>&#8218;Techniques of Neutralisation: A Theory of Delinquency&#8216;</i><i>,</i>American Sociological Review, Vol 22: 664 – 70</p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Es handelt sich um eine Wahrnehmungsverzerrung, bei der man sich auf diejenigen Menschen oder Dinge zu stark konzentriert, die einen bestimmten Prozess „überlebt“ haben. Dabei werden naturgemäß all diejenigen übersehen, die im Laufe der Zeit ausgeschieden und deswegen nicht mehr sichtbar sein können. Beim Aktienmarkt sind dies etwa Aktien von Unternehmen, die aus einem Index ausgeschieden sind und durch andere Werte ersetzt wurden.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> Vgl. deren Anwalt Jordan Thomas, FAZ vom 17. Juli 2013</p>
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<p>[5] Vgl. The Telegraph online vom 16.7.2013: <i>„Bankers &#8218;tried to manipulate QE&#8216;, says BoE&#8217;s Paul Fisher</i>”</p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/fragwuerdiger-kulturwandel/">Fragwürdiger Kulturwandel</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Transparenz und Tugendterror</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Apr 2013 08:33:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auch wenn der jüngste Schritt des französischen Staatspräsidenten François Hollande, die Vermögen aller Minister offenzulegen, von manchem Kommentator als Akt der Verzweiflung beschrieben wird, gibt es viele, die einen derartigen Schritt nach dem Schwarzgeldskandal um den ehemaligen Haushaltsminister Jérôme Cahuzac für überfällig halten. Immerhin befürworten 90 Prozent der Franzosen die Ankündigung Hollandes, jede Person, die [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/transparenz-und-tugendterror/">Transparenz und Tugendterror</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Auch wenn der jüngste Schritt des französischen Staatspräsidenten François Hollande, die Vermögen aller Minister offenzulegen, von manchem Kommentator als Akt der Verzweiflung beschrieben wird, gibt es viele, die einen derartigen Schritt nach dem Schwarzgeldskandal um den ehemaligen Haushaltsminister Jérôme Cahuzac für überfällig halten. <span id="more-5978"></span>Immerhin befürworten 90 Prozent der Franzosen die Ankündigung Hollandes, jede Person, die wegen Steuerbetrug oder Korruption verurteilt wurde, von der Wahl zu einem öffentlichen Amt auszuschließen. Noch vor dem Sommer soll ein <i>„</i>Moral-Gesetz<i>“</i> verabschiedet werden, aber Premier Jean-Marc Ayrault hatte bereits am Montag sein gesamtes Kabinett dazu aufgefordert, den eigenen Besitz offen zu legen. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass bei Bekanntwerden weiterer Steuerhinterziehungen aus dem französischen Parlament eine derartige Offenlegungspflicht für alle anderen Abgeordneten und Staatsdiener gefordert wird.</p>
<p>Das zurzeit weit verbreitete und durchaus verständliche Bemühen, aller Steuerflüchtlingen habhaft zu werden und die von Ihnen aufgesuchten Oasen trocken zu legen, passt zum Zeitgeist, endlich mit den Exponenten des Kapitalismus abzurechnen und jene für alle Zukunft per strenger Regulierung und Kontrollen an die Kandare zu nehmen. All dies schön verpackt mit dem Motto „soziale Gerechtigkeit“. Es ist sicherlich kein Zufall, dass ausgerechnet die Beigeordnete Ministerin im Ministerium für soziale Angelegenheiten und Gesundheit, Marie-Arlette Carlotti, als erste fast schon mit vorauseilendem Gehorsam im Internet ihr gesamtes Vermögen en détail der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.</p>
<p>Dieser noch so verständliche und durchaus nachvollziehbare Wunsch des Staates und vieler seiner Bürger nach Kontrolle hat natürlich seinen Preis. Nicht nur, weil sich mit der Zeit peu à peu der Referenzpunkt dessen, was an Kontrolle für zulässig gehalten wird, klammheimlich verschiebt. Überwachung im Namen der (sozialen) Gerechtigkeit sei doch legitim, höre ich bereits manchen Mitbürger argumentieren. Nein, ein bisschen zu viel Kontrolle hier, eine Grenzüberschreitung dort – das sei keine Tragödie, wenn man nichts zu verbergen habe, wird so mancher Moralapostel argumentieren. So werden diejenigen, die heute nach Regulierung und Kontrolle schreien, kaum ins Kalkül ziehen, wie schnell sie selbst einmal Objekt einer Überwachung werden könnten. Eine Gefahr, die vor allem von denjenigen Menschen unterschätzt wird, die sich im Glanze ihrer behaupteten Integrität sonnen. Kontrollen ja, aber doch nicht für einen selbst, sondern für die anderen.</p>
<p>Ich möchte jetzt nicht einmal auf den Orwell‘schen Überwachungsstaat rekurrieren, sondern vielmehr die berühmte Bienenfabel heranziehen, die 1705 von dem Arzt und Sozialtheoretiker Bernard Mandeville verfasst wurde und über die ich schon einmal <a href="http://www.blognition.de/blog/wirtschaft/eine-trilogie-von-neid-iii/">in einem anderen Zusammenhang</a> geschrieben habe. Tatsächlich erinnert der Mandevill‘sche Bienenstaat an unsere aktuelle Gesellschaft, in der sich einerseits arme Menschen vielfach krank arbeiten, während andererseits egoistische Reiche ihren Bedürfnissen (Lastern) ungehemmt nachgehen. Und weil sich die Masse der Arbeitenden betrogen fühlt, wird in der Bienenfabel die Auflösung des Staates beschrieben, so dass sich Tugend aller Orten durchsetzen kann. Es gibt keine Betrügereien mehr, keine Anwälte, die das Recht verdrehen, keine Ärzte mit besseren kaufmännischen denn medizinischen Fertigkeiten und auch keine korrupten Minister. Jeder erfüllt seine Pflicht, wirtschaftet sparsam, ist redlich, und sogar die Politiker leben „genügsam vom Gehalt“<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> . Aber im Bienenstaat sanken mit der neuen Genügsamkeit auch die Bedürfnisse und damit die Nachfrage. Die Preise von Immobilien und Land brachen ein, Handel und Handwerk verfielen – Kunst und Vergnügen? Kein Bedarf! Eine perfekt kontrollierte Welt ohne Wachstum also? Hoffentlich bleibt sie Utopie.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Mandeville, Bernard (1980): <i>Die Bienenfabel oder Private Laster, öffentliche Vorteile</i>, Suhrkamp, 2. Auflage p. 89</p>
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		<title>Schuld und Schulden</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 Nov 2012 09:07:40 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Hatte kürzlich wieder einmal Gelegenheit, in der Frankfurter Heiliggeistkirche eine Diskussionsrunde in der Reihe EKHN-Forum verfolgen zu dürfen. Dieses Mal ging es um das Thema „Schuld und Schulden“, wobei an der Zusammensetzung dieser äußerst informativen Gesprächsrunde, geleitet von Dr. Rainer Hank, Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, vor allem reizte, dass Ökonomen [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/schuld-und-schulden/">Schuld und Schulden</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Hatte kürzlich wieder einmal Gelegenheit, in der Frankfurter Heiliggeistkirche eine Diskussionsrunde in der Reihe <em>EKHN-Forum</em> verfolgen zu dürfen. Dieses Mal ging es um das Thema „Schuld und Schulden“, wobei an der Zusammensetzung dieser äußerst informativen Gesprächsrunde, <span id="more-5465"></span>geleitet von Dr. Rainer Hank, Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, vor allem reizte, dass Ökonomen mit Theologen an einem Tisch saßen<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>. Doch es ging hier keineswegs um eine Begegnung von Gewinnstreben und Moral. Vielmehr waren sich alle Beteiligten überraschenderweise in ihrer positiven Haltung zur Schuldenthematik einig. Fehlte eigentlich nur noch ein Verhaltensökonom.</p>
<p>Bereits bei den einführenden Worten von Rainer Rank, der das Verhältnis zwischen Schuldner und Gläubiger beleuchtete, wurde ich hellhörig. So vertrat Hank die Auffassung, dass beide Partner bei der Vergabe eines Kredits grundsätzlich optimistisch seien – der Gläubiger, weil er hofft, eine gute Rendite zu erhalten und sein Geld eines Tages zurückzubekommen. Und der Schuldner, weil er mit dem geliehenen Geld etwas Neues (an)schaffen kann und davon ausgeht, der Mehrwert seines Investments<a title="" href="#_ftn2">[2]</a> übersteige die Kosten seiner Finanzierung. Mir fiel intuitiv das Phänomen der „Overconfidence“, jenes häufig zu beobachtende überhöhte Vertrauen in eigenen Fähigkeiten, ein. Denn aus den Finanzmärkten weiß man, dass (zu) viele Transaktionen nur deshalb zustande kommen, weil sowohl Anbieter als auch Nachfrager überzeugt sind, klüger als ihr Kontrahent zu sein. Jeder glaubt, mit seiner Entscheidung, etwas zu diesem Zeitpunkt zu kaufen oder es zu verkaufen, richtig zu liegen. Und das könnte auch für Gläubiger und Schuldner gelten. Ob es demzufolge womöglich viel mehr Schulden als nötig gibt?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wann die Schuld anfängt</strong></p>
<p>Im Verlauf der Diskussion, bei der es vor allem auch darum ging, wann die Schuld bei der Schuldenthematik ins Spiel kommt, gefiel mir die Ansicht von Jan Pieter Krahnen ganz besonders gut, der hervorhob, Schuld im moralischen Sinne entstünde erst bei einer Überschuldung. Wobei man natürlich unterscheiden müsse, ob es sich um eine durch Schicksalsschlag entstandene oder eine eigenverantwortliche oder gar absichtlich herbeigeführte Überschuldung handelt. Im ersten Fall besteht natürlich keine Schuld, aber wenn Gläubiger oder Schuldner, möglicherweise auch beide, die Überschuldung erkennen können, so der Ökonom, entstünde das, was man als Schuld bezeichnet. Vor allen Dingen, wenn man vielleicht in stillschweigender Übereinkunft schon bei Abschluss eines Kreditgeschäfts einen unsichtbaren Dritten mit ins Kalkül einbezieht, der dann am Ende für die Überschuldung aufkommen muss, ähnlich der Rolle des Staats mit seinen Rettungsschirmen in der derzeitigen Finanzkrise.   </p>
<p>Mehr noch forderte Krahnen, dass die Bedingungen, unter denen eine Überschuldung erlaubt sein könnte, von vornherein festgelegt werden. Damit komme der Frage, ob die Überschuldung kontrollierbar war oder auf externe unkontrollierbare Ereignisse zurückzuführen gewesen sei, eine besondere Bedeutung zu.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Geld auf den Stundenplan!</strong></p>
<p>Kontrolle auszuüben ist aus Sicht der Verhaltensökonomie gleichbedeutend mit der Notwendigkeit, sich zu informieren – wer sich nicht informiert, kann im Zweifel auch nicht kontrollieren. Demzufolge sehe ich nicht nur den schlecht informierten Gläubiger in der Schuld stehen. Vielmehr gilt dasselbe auch für einen betroffenen Dritten, dem womöglich Gläubiger und Schuldner gemeinsam eine faule Schuld aufdrücken wollen. Dieser Dritte ist etwa bei der Eurokrise der Bürger, der im Notfall als Bürge in Anspruch genommen werden muss. Oder wir alle über den Staat.</p>
<p>Wer sich nicht informiert, macht sich also irgendwie mitschuldig. Aber wohin man auch schaut – die Wirtschafts- und Finanzbildung ist schlecht. Konsumenten haben Probleme mit Prozentrechnung und dem Zinseszinseffekt. Viele Bürger verstehen nicht, was Inflation ist, oder wie sich Preise durch Angebot und Nachfrage bilden und verändern. Kurzum: Viele haben keinen blassen Schimmer. Einige haben auch einfach nur keine Lust, sich mit Geld und Finanzen auseinanderzusetzen, andere regelrecht <a href="http://www.blognition.de/tag/angst/">Angst</a> davor. Ausbildung tut Not und zwar am besten schon in der Schule als eigenes Fach auf dem Stundenplan! Dabei kommt auch den Wirtschaftsmedien eigentlich eine enorm wichtige Funktion zu: Sie müssen, möglichst unabhängig, aufklären und informieren. Wer jedoch glaubt, ausgerechnet Wissensvermittlung und gute Informationen in Geldangelegenheiten seien kostenlos, wer unaufgeklärt durch die Welt geht, trägt gewissermaßen selber die Verantwortung dafür. Wie auch für die Folgen.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Die weiteren Teilnehmer des Panels waren die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck, der evangelische Theologe Professor Dr. Klaas Huizing und der Direktor des Center for Financial Studies, Professor Dr. Jan Pieter Krahnen</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Aus Sicht eines Konsumenten besteht dieses „Investment“ im vorgezogene Verbrauch eines Gutes</p>
</div>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/schuld-und-schulden/">Schuld und Schulden</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Moral und Märkte</title>
		<link>https://www.joachim-goldberg.com/moral-und-markte/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Nov 2012 08:50:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Unlängst hatte ich Gelegenheit, den ehemaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin bei einem Vortragsabend persönlich zu überleben. Nida-Rümelin, der an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München den Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie innehat, sprach über „Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik&#8220;. Seine Ausführungen haben mich sowohl inhaltlich als auch rhetorisch so begeistert, dass ich mir umgehend sein neuestes [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Unlängst hatte ich Gelegenheit, den ehemaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin bei einem Vortragsabend persönlich zu überleben. Nida-Rümelin, <span id="more-5361"></span>der an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München den Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie innehat, sprach über „Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik&#8220;. Seine Ausführungen haben mich sowohl inhaltlich als auch rhetorisch so begeistert, dass ich mir umgehend sein neuestes Buch &#8222;Die Optimierungsfalle&#8220; zulegte, das auch Grundlage des von mir gehörten Vortrags war. Darin versucht Nida-Rümelin, die Grundlagen einer humanen Ökonomie zu skizzieren. Was mich jedoch sofort befremdete, war, dass er dabei seinen Begriff von ökonomischer Rationalität dem traditionellen Bild des homo oeconomicus entlehnt, einem Verständnis von ökonomischem Handeln also, das mittlerweile vielerorts als völlig überholt gilt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Schwierige Nutzenmaximierung</strong></p>
<p>Um es kurz zu machen: Ich habe in der ganzen Argumentation die Erkenntnisse der Behavioral Economics vermisst. Denn spätestens seit Herbert Simon den Begriff der begrenzten Rationalität eingeführt hat, muss einem doch klar sein, dass der ökonomische Optimierer in der Praxis seine Präferenzen weder vollständig kennt noch jede seiner Handlungsalternativen durchrechnen oder deren Folgen richtig einschätzen kann. So vermögen wir uns zum Beispiel aktuell gar nicht auszumalen, wie sehr wir uns in der Zukunft an Gewinne und Verluste gewöhnen werden, weshalb wir deren tatsächlichen Nutzen nicht richtig einschätzen können. Weil wir in der Realität, im Gegensatz zum rationalen Entscheider, Verluste als viel gravierender erleben und bewerten als Gewinne in gleicher Höhe.</p>
<p>Zwar wurde mir auf meine Nachfrage, wo denn bei dem ganzen Diskurs die menschliche Psyche bleibe, freundlich vom Vortragsredner beschieden: „Ja, ja, Behavioral Economics, kenne ich natürlich auch.“ Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass Nida-Rümelin Erkenntnisse aus einer verhaltensorientierten Ökonomie nicht berücksichtigen wollte.</p>
<p>Stattdessen vertrat er in seinem Vortrag die Ansicht, der globale Finanzkapitalismus handle in seinem ausschließlichen Streben nach Effizienz und Optimierung verantwortungslos und habe auf diese Weise auch die seit dem Jahre 2008 herrschende Finanzkrise ausgelöst. Aber auch bei der Feststellung des Redners, eine funktionierende Kommunikation sei für den ökonomischen Erfolg unverzichtbar und eine gelingende Kommunikation setze die Befolgung der Normen Wahrhaftigkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit voraus, dachte ich weniger an Tugenden, von denen der eine Mensch mehr und der andere Mensch weniger hat. Sondern mir kam natürlich sofort Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz in den Sinn. Und dieser Theorie zufolge können selbst wahrhaftige Menschen bei aller Aufrichtigkeit Opfer einer selektiven Wahrnehmung werden. Was zu ihren Entscheidungen passt, wird stark vergrößert, und was nicht dazu passt, wird verkleinert oder manchmal sogar völlig ignoriert. Das betrifft sowohl die Rezeption als auch die Weitergabe von Informationen. So wird, um das Beispiel Nida-Rümelins aufzugreifen, der Rat, den eine Frau ihrer Freundin in einer Beziehungskrise erteilt, wesentlich auch davon abhängen, wie es gerade um ihr eigenes Liebesleben steht. Hat sie sich selbst gerade von ihrem Partner getrennt, wird sie die Freundin ermutigen, auch diesen Schritt ins Single-Dasein zu wagen. Hat sie sich indes dazu durchgerungen, trotz gravierender Verstimmungen einen Neuanfang mit ihrem Freund zu wagen, wird sie vermutlich auch der Freundin empfehlen, durchzuhalten und „an der Beziehung zu arbeiten“, wie sie selbst es sich vorgenommen hat. Ähnliche Verhaltensmuster finden wir auch an den Finanzmärkten. Empfohlen wird doch das, was jemand aufgrund seiner eigenen Entscheidungen für richtig hält, was aber nicht notwendigerweise das Richtige sein muss. Auf diese Weise können sogar „falsche“ Normen entstehen, die letztlich zu Herdenverhalten und Blasenbildung in den Finanzmärkten führen können. So gesehen, ist der ökonomische Mensch zumindest phasenweise durchaus zur Freundschaft fähig, eine Eigenschaft, die Nida-Rümelin ihm abspricht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Relative Moral durch Gewöhnung </strong></p>
<p>Wenn Professor Nida-Rümelin postuliert, dass „der ökonomische Markt nicht moralfrei“ sei, dann stimme ich ihm zu 100 Prozent zu. Aber auf Grund ganz anderer Einsichten. Der homo oeconomicus kennt tatsächlich keine Moral, nur existiert er in der Realität gar nicht, weil auch an den Märkten hauptsächlich nicht auf Profit programmierte Menschen agieren. Und deren Motive sind vielfältiger als das ewige, eindimensionale Maximieren von Gewinnen. Ich sehe stattdessen in der Gewöhnung die conditio humana schlechthin. Wir gewöhnen uns an unseren Reichtum, an den Komfort, den er uns ermöglicht, mit der fatalen Folge, dass wir ihn immer mehr steigern müssen, um überhaupt noch Befriedigung zu spüren. So entsteht Gier. Der Bonus muss eben auch jedes Jahr höher ausfallen. Wohin das führt, zeigt die aktuelle Finanzkrise. Dass dieser Mechanismus auch in anderer Hinsicht gefährlich werden kann, beschreibt der großartige Film <em>Dogville</em> von Lars von Trier – ein philosophisches Drama, dessen Erkenntnis darin besteht, dass Menschen auf Grund abnehmender Sensitivität durch Gewöhnung immer heftigere Gewalt und Repression anwenden und immer grausamer werden können, während die Selbstwahrnehmung der eigenen moralischen Integrität davon unangetastet bleibt. Ursache dafür ist  eine kaum wahrnehmbare Verschiebung von Referenzpunkten, die mit der Zeit zu massiven Verhaltensänderungen führen kann. Diese psychologischen Faktoren sind allerdings jenseits von Gut und Böse angesiedelt. Und gegen selektive Wahrnehmung und Gewöhnungseffekte kann man mit moralischen Appellen nur wenig ausrichten. Gleichwohl darf auch eine humane Ökonomie und neue Wirtschaftsethik sie nicht übersehen.</p>
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		<title>Damages</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Aug 2012 05:42:40 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vor kurzen erhielt ich einen tollen Tipp: Ein Freund aus Berlin, der lange in New York gelebt hatte, empfahl mir die DVDs einer US-Anwaltsserie mit dem Namen „Damages“, die 2008 auch in Deutschland unter ähnlichem Titel im Fernsehen lief, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Anfangs war ich skeptisch, ob es dem Drehbuchautor und Regisseur [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Vor kurzen erhielt ich einen tollen Tipp: Ein Freund aus Berlin, der lange in New York gelebt hatte, empfahl mir die DVDs einer US-Anwaltsserie mit dem Namen „Damages“, die 2008 auch in Deutschland unter ähnlichem Titel im Fernsehen lief, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Anfangs war ich skeptisch, <span id="more-4942"></span>ob es dem Drehbuchautor und Regisseur gelungen war, komplexe juristische Sachverhalte spannend zu inszenieren. Doch dann wurde ich sogar regelrecht süchtig danach, mir eine Folge nach der anderen anzuschauen, am besten im englischsprachigen Original.</p>
<p>„Damages“ ist ein juristischer Begriff und bedeutet so viel wie Schäden, aber auch Schadenersatz. Abgesehen von einem packenden Kampf zwischen Gut und Böse (wobei man phasenweise nicht mehr weiß, wer gut und wer böse ist) geht es in der ersten Staffel der Serie vor allem um viel Geld, das der Unternehmer und Milliardär Arthur Frobisher als Schadenersatz an seine ehemaligen Angestellten zahlen soll. Diese hatten durch so genanntes frontrunning ihres früheren Arbeitgebers (Frobisher hatte eigene Aktien verkauft, wohl wissend, dass sein Unternehmen direkt vor der Pleite stand) nicht nur ihre Arbeitsplätze, sondern auch einen Großteil ihres Besitzes verloren. Obgleich dem Milliardär strafrechtlich nichts nachgewiesen werden konnte, wurde, um auch eine Zivilklage abzuwenden, der Versuch eines Vergleiches unternommen. Die Summe, um die die Vertreterin der Sammelkläger, die selbstständige Anwältin Patty Hewes (gespielt von der grandiosen Glenn Close), und der Anwalt  von Arthur Frobishers mit allen Regeln der juristischen Kunst dabei feilschten, schwankte zwischen 75 Millionen und zwei Milliarden US-Dollar. Je nachdem, wer im Ermittlungsverlauf die jeweils besseren Zeugen und Beweismittel zur Hand hatte. Auch wenn der Bösewicht am Ende vollends zur Kasse gebeten wurde, konnte ich mich während der gesamten Serie nicht des Eindrucks erwehren, dass im amerikanischen Rechtssystem nicht zählt, was der Wahrheit am nächsten kommt, sondern vielmehr die Frage, wer den smarteren Anwalt hat. Am Ende der ersten TV-Staffel schien dann die Gerechtigkeit gesiegt zu haben, zumindest im Rechtsverständnis des amerikanischen Fernsehens, den die geprellten Angestellten bekamen, dank des unermüdlichen Einsatzes der Serienheldin Patty alias Glenn Close fast das ganze Vermögen ihres früheren betrügerischen Arbeitgebers als Schadenersatz zugesprochen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Fiktion und Realität liegen nahe zusammen</strong></p>
<p>Mir wurde dabei auch bewusst, wie nah Fiktion und Realität möglicherweise beieinander liegen können. So musste ich unwillkürlich an die jüngste Diskussion über das Vorgehen verschiedener Investmentbanken denken, denen man vorwarf, sie wären in die mutmaßlichen Manipulationen am Libor in England oder in möglicherweise unerlaubte Iran-Geschäfte verwickelt. Während bei Zivilklagen auch hierzulande Vergleiche ein probates Mittel zu sein scheinen, kann man bei der US-Rechtsprechung den Eindruck gewinnen, als ob sogar bei strafrechtlich relevanten Vergehen am Ende  häufig ein außergerichtlicher Vergleich oder einem Vergleich ähnliche massive Zahlungen gegen Einstellung der Ermittlungen angeboten werden, ohne dass die Schuldfrage noch weiter geklärt würde. So geschehen bei der Credit Suisse, Barclays, bei ING und zuletzt bei Standard Chartered. Jeweils sind Millionen geflossen, für die letztlich nicht unbedingt die eigentlich Verantwortlichen aufkommen mussten. Denn am Ende sind es doch die Aktionäre, die diese Rechnungen beim Rechtsdeal begleichen, und nicht diejenigen, die für ihre, sagen wir mal, etwas unorthodoxen  Geschäftspraktiken auch noch in Form von Boni und anderen Vergütungsanreizen belohnt worden waren. Natürlich werden dann immer auch ein paar Leute gefeuert, die im Übrigen aber juristisch nicht weiter belangt werden. Doch hat der Vergleich in Form einer Strafzahlung vor allem den einen internen Effekt: Er sozialisiert die Verantwortung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Willkürliche Referenzpunkte</strong></p>
<p>Für die Öffentlichkeit bleibt so ein schaler Nachgeschmack, wenn etwa Standard Chartered sich mit dem New York State Department of Financial Services (DFS) auf eine Geldbuße von 340 Millionen Dollar einigt, um einem möglichen Entzug der New Yorker Banklizenz zu entgehen und um vor allem die ganze Geschichte möglichst schnell aus den Schlagzeilen zu bringen. Nicht nur, weil damit vieles vertuscht werden könnte, das womöglich von öffentlichem Interesse wäre. Vielmehr stellt sich für viele Menschen die Frage, ob denn nun die Zahlung von 340 Millionen Dollar eine schwere oder eine kleine Strafe darstellt, können sich doch die wenigsten doch überhaupt auf Grund fehlender eigener Erfahrungen ermessen, wie groß so ein Betrag denn eigentlich ist. Und so muss man sich, wie im Falle des schurkischen Arthur Frobisher aus der Fernsehserie, an fragwürdigen und willkürlich gesetzten,  externen Referenzpunkten orientieren. Beim Börsenbetrüger im Film war das dessen ganzes Vermögen. Und im Falle von Standard Chartered gab es immer hin Straf-Schätzungen von Analysten. Wie hoch würden die im schlimmsten Falle aussehen? Eine Milliarde Dollar? Das ist richtig viel und sieht auch noch rund aus. In den Augen vieler Bürger für eine Bank genau die richtige Strafe. So gesehen, sind 340 Millionen Dollar eigentlich gar nicht viel. Doch dürfte diese Art von Ablasshandel für Banken bei den Privatanlegern nicht wie eine vertrauensbildende Maßnahme aufgenommen werden. Aber wer weiß, ob diese dann nicht doch wieder schnell bereit wären, ihre moralischen Skrupel beiseite zu schieben, sobald man ihnen eine hohe Rendite in Aussicht stellt.</p>
<p>Und die Moral von der Geschicht&#8216;? Die gibt es diesmal leider nicht!</p>
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		<title>Behavioral Finance und Euro-Krise</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Jun 2012 10:59:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn man heute früh die Zeitungen durchblättert, sich die Meinung von Analysten und Händlern zu Gemüte führt, gewinnt man ganz leicht den Eindruck, am kommenden Wochenende würde mit den Wahlen in Griechenland für die Eurozone ein Schalter umgelegt. Dabei hat mein Kollege Herman Brodie in unserem heutigen Blog bereits ausgeführt, dass ein Grexit zwar ein [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man heute früh die Zeitungen durchblättert, sich die Meinung von Analysten und Händlern zu Gemüte führt, gewinnt man ganz leicht den Eindruck, am kommenden Wochenende würde mit den Wahlen in Griechenland für die Eurozone ein Schalter umgelegt. Dabei hat<span id="more-4401"></span> mein Kollege Herman Brodie in unserem <a href="http://www.blognition.de/blog/wirtschaft/falscher-masstab/" target="_blank">heutigen Blog</a> bereits ausgeführt, dass ein Grexit zwar ein binäres Ereignis (ja oder nein) ist, allerdings mit komplexer Wirkung. Und zwar von einer Komplexität, die für die meisten Finanzmarktbeobachter so undurchschaubar sein wird, dass die Griechenland-Thematik schon allein wegen der Komplexitätsaversion vieler Akteure bald in den Hintergrund gedrängt werden wird. Ganz zu schweigen davon, dass – egal welche Regierung in Zukunft über das Schicksal Griechenlands befinden wird – die Probleme die gleichen bleiben werden: In der Hauptsache verfügt das Land über zu geringe Mittel. Überhaupt hat es für mich schon fast etwas Befremdendes, wenn angesichts der Renditen von 7 Prozent für zehnjährige spanische Staatsanleihen das Griechenland-Problem immer noch so stark im Fokus steht. Die Welt hat sich bereits schon weiter gedreht.</p>
<p>Letztlich geht es um ein Politikum, wobei man den Eindruck bekommt, Deutschland bewege sich nur ganz langsam und wolle eigentlich gar nichts von der Position seiner Partner wissen. Und wenn sich unsere Kanzlerin bewegt, dann sei das bestenfalls schrittweise, wie sie es selbst ausdrückte. Dabei ist die deutsche Regierung unlängst doch erst erstaunlich schnell vorangekommen, wenn man bedenkt, mit welcher Geschwindigkeit die Rettung der spanischen Banken am vergangenen Wochenende vorangetrieben wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Behavioral Economics erhöht Verhandlungsgeschick </strong></p>
<p>Es scheint also bei der derzeitigen Krise der Eurozone nicht nur um den großen Wurf zu gehen, wie immer wieder gefordert wird. Eine Lösung, die von der deutschen Seite derzeit noch abgelehnt wird. Sei es, dass es um Eurobonds oder eine europäische Einlagensicherung geht. Vielmehr scheint Verhandlungsgeschick gefragt und damit auch der Einsatz der Erkenntnisse der Behavioral Economics/Finance.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Einfluss auf Fragen von Ethik und Moral</strong></p>
<p>Ich selbst durfte am Mittwochabend vor dem Länderspiel gegen Holland Gast bei Frank Meyers Metallwoche sein, wo es in einer Diskussionsrunde zum einen um die Verfassung der Finanzmärkte, zum anderen aber auch um die derzeitige Positionierung der Behavioral Economics ging. Im Laufe der Diskussion stellten wir schließlich fest, dass die Ideen der Verhaltensökonomik viel weiter gehen als eine Synthese aus Ökonomie und Psychologie zu bilden. Ihre Erkenntnisse beeinflussen auch die gesellschaftlichen, ethischen, moralischen und philosophischen Fragen der Finanzmärkte, aber letztlich unserer Gesellschaft. Dabei stellten wir immer wieder fest, wie ähnlich sich doch die Verhaltensweisen in den Märkten und in unserem Privatleben sind.</p>
<p>Einen fünfzehnminütigen Audioausschnitt der Diskussion, der sich vornehmlich mit den derzeitigen Entwicklungen an den Märkten beschäftigt, können Sie hier herunterladen.</p>
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<p>Das ganze Gespräch sowie einen Video-Zusammenschnitt finden Sie <a href="http://www.metallwoche.de/" target="_blank">hier</a>.</p>
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