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	<title>Mentale Konten Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Trump-o-logy</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Nov 2016 14:55:54 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Phänomen Donald Trump beherrscht auch zwei Wochen nach der Wahl die Schlagzeilen in den Medien ebenso wie die Finanzmärkte. Dabei fällt auf, dass die Wall Street einerseits eine ausgelassene Trump-Party feiert (Börsenzeitung) und dem US-Aktienmarkt vor lauter Euphorie gestern im morgendlichen Newsletter des Handelsblatts gar ein 15-prozentiger Anstieg seit dem Wahltag bescheinigt wurde, den [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-9300 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Senti_23112016-300x114.jpg" alt="senti_23112016" width="300" height="114" />Das Phänomen Donald Trump beherrscht auch zwei Wochen nach der Wahl die Schlagzeilen in den Medien ebenso wie die Finanzmärkte. Dabei fällt auf, dass die Wall Street einerseits eine ausgelassene Trump-Party feiert (Börsenzeitung) und dem US-Aktienmarkt vor lauter Euphorie gestern im morgendlichen Newsletter des Handelsblatts gar ein 15-prozentiger Anstieg seit dem Wahltag bescheinigt wurde, den ich in dieser Größenordnung offenbar verpasst haben muss.</p>
<p>Andererseits wird dem hiesigen DAX offenbar eine Konsolidierungszone zum Verhängnis, aus der er trotz aller Jubelrufe aus den USA bislang nicht nach oben ausbrechen möchte. „Langsam wird es peinlich“, konstatierte etwa ard.boerse.de diesbezüglich online. Dabei haben sich im Vergleich zum S&amp;P 500 sowohl der EURO STOXX 50 als auch der DAX gemessen an den Monatstiefs kurz vor oder nach dem Wahltag bislang nicht schlechter geschlagen. Aber ein 6-prozentiger Kursanstieg innerhalb einer sehr breiten, seit Wochen anhaltenden Konsolidierung klingt fast schon etwas langweilig. Dies scheinen die von der Börse Frankfurt allwöchentlich befragten Akteure aber immer noch positiv zu sehen – meinen Kommentar dazu können Sie dieses Mal <a href="http://www.boerse-frankfurt.de/nachrichten/aktien/Marktstimmung-Party-ohne-Musik-1654404" target="_blank"><span style="color: #ff0000;"><strong>HIER</strong></span></a> abrufen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die Videobotschaft</strong></p>
<p>Natürlich kann man sich die Frage stellen, warum ausgerechnet Europa bzw. Deutschland von einem Wahlsieg Donald Trumps profitieren sollten. Denn trotz aller geplanten fiskalpolitischen Maßnahmen des designierten US-Präsidenten, sollte man selbst angesichts eines damit verbundenen Aufwärtstrends des US-Dollar und den damit möglicherweise erwarteten steigenden Erlösen für die europäische Exportwirtschaft nie vergessen: Amerika comes first. Und im Zweifel müssen andere [angesichts möglicherweise drohender Handelsbarrieren] aus den USA draußen bleiben.</p>
<p>Jetzt werden mir gleich wieder einige sagen, ich solle doch nicht so pessimistisch sein, denn auch Donald Trump sei doch bereits dabei, zurück zu rudern. Tatsächlich hatte dieser gestern in einer Videobotschaft die Prioritäten für die ersten 100 Tage seiner Amtszeit dargestellt. Kommentatoren mögen darin nichts Überraschendes gefunden haben und sogar darauf verweisen, dass es wichtiger sei, darauf zu achten, worauf Trump in seiner Botschaft <strong><em>nicht</em> </strong>eingegangen sei. Mag sein, dass in dem etwa zwei-minütigen Videoclip nicht mehr die Rede von einer Mauer an der Grenze zu Mexiko ist. Auch dass die im Wahlkampf angekündigte Abschaffung von „Obamacare“ nicht mit einem Wort erwähnt wurde. Ganz zu schweigen von anderen von vielen als radikal empfundenen Maßnahmen. Kein Waterboarding also?</p>
<p>Dass all dies keine Erwähnung gefunden hat, heißt nicht, dass es nicht kommt.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Rabatte und Mentale Konten wirken </strong></p>
<p>Ich höre schon wieder die Stimmen, die mir weismachen wollen, dass der Mann eigentlich gar nicht so schlimm sei. Dies mag, gemessen an den durch den Wahlkampf extrem gesetzten Referenzpunkten, sogar eine relative Verbesserung sein. Nein, Donald Trump verkauft uns nicht die nackte Wahrheit, sondern eine extreme Vision, reduziert um einen kleinen Rabatt, aber am Ende mit dem gleichen Ergebnis. Genau so, wie man eben einen Gebrauchtwagen verkaufen muss.</p>
<p>Die mentale Kontoführung sorgt dafür, dass wir den Rabatt aus einem überhöhten Verkaufspreis separat und deshalb wie einen Gewinn wahrnehmen. Genauso verhält es sich mit der Einladung der Chefs der wichtigsten Nachrichtensender von Trumps Gnaden am Montag, der bei dieser Gelegenheit seinen Gästen dem Vernehmen nach, obwohl „off the records“, der Lüge bezichtigte und so richtig den Kopf gewaschen haben soll, nur um einem seiner offenkundigen Gegner einen Tag später zu bedeuten, dass er doch alle ganz lieb habe und seine journalistischen Gäste ein großartiges Juwel für Amerika, ja, die ganze Welt seien.</p>
<p>Soll doch da noch jemand von einer bevorstehenden Einschränkung der Pressefreiheit fabulieren. Ich ziehe es jedenfalls vor, statt mich mit diesen Spiegelfechtereien zu beruhigen, mich nicht auf das zu konzentrieren, was Trump sagt, sondern darauf, was er tut. Und da muss man sich nur die von ihm geplante Besetzung der Schlüsselpositionen seiner Regierung ansehen, um zu begreifen, was in den USA trotz anderslautender Beteuerungen zu erwarten ist.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/trump-o-logy/">Trump-o-logy</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Wochenausblick vom 19. Oktober</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Oct 2016 10:16:03 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[DZ BANK]]></category>
		<category><![CDATA[Mentale Konten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Deutschen sparen wieder, trotz aller Bemühungen der Europäischen Zentralbank, die Inflation anzukurbeln. So gaben in einer repräsentativen Umfrage der Postbank (vgl. FAZ vom 14.10.) 80,4 Prozent der Bundesbürger an, Geld zur Seite zu legen – im Vorjahr waren es noch 75,8 Prozent gewesen. Trotz extrem niedriger Zinsen sieht es zumindest vordergründig danach aus, als [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Deutschen sparen wieder, trotz aller Bemühungen der Europäischen Zentralbank, die Inflation anzukurbeln. So gaben in einer repräsentativen Umfrage der Postbank (vgl. FAZ vom 14.10.) 80,4 Prozent der Bundesbürger an, Geld zur Seite zu legen – im Vorjahr waren es noch 75,8 Prozent gewesen. Trotz extrem niedriger Zinsen sieht es zumindest vordergründig danach aus, als ob die Anleger ihr Geld eher auf die hohe Kante legen, als es sofort auszugeben. Jetzt könnte man natürlich dagegenhalten, dass angesichts sinkender Konjunkturerwartungen und drohender Abschläge bei der Altersversorgung dieser Sparreflex nur folgerichtig sei. Aber es gibt auch eine Erklärung aus der verhaltensorientierten Kapitalmarktbetrachtung, die diesen Trend untermauert. Lesen Sie  <a href="https://www.dzbank-derivate.de/news/index/editorial/id/f24a800b9fcf8c66671b76c8e6148e6f83e48bfe/format/html" target="_blank"><span style="color: #ff0000;"><strong>HIER</strong></span></a> den neuesten Wochenausblick, Weekly: Der Faktor Mensch, den ich für die DZ Bank erstellt habe. Thema:<em> Sparen statt Verschwenden.</em></p>
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		<title>Der Fluch der Negativzinsen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Sep 2016 14:01:34 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-9129 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/09/Schwarzes-Loch-300x114.jpg" alt="schwarzes-loch" width="300" height="114" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/09/Schwarzes-Loch-300x114.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/09/Schwarzes-Loch-768x293.jpg 768w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/09/Schwarzes-Loch.jpg 810w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Es ist ein kaum vorstellbares Szenario, das der Ex-IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff für den Fall eines Ausbruchs einer neuen Finanzkrise aufzeigt: drastische Minuszinsen von -5 oder -6 Prozent und eine weitgehende Bargeldabschaffung. Maßnahmen, deren Erfolg nicht einmal gesichert ist. Und Maßnahmen, die die meisten Menschen nicht verstehen werden. Das hätte sicherlich auch für meine Schwiegermutter gegolten, wenn sie denn noch am Leben wäre. Und ich frage mich, was sie wohl dazu gesagt hätte.</p>
<p>Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie sich in ihren letzten Lebensjahren häufig bei mir darüber beklagt hatte, dass sie angesichts der immer niedrigeren Zinsen immer weniger Taschengeld zur Verfügung habe. Damals hatte sie immerhin noch Staatsanleihen mit einem Coupon von 4 Prozent p. a. in ihrem Wertpapierdepot und konnte sich so die eine oder andere Ausgabe leisten, die sie sich sonst nicht gestattet hätte. Ja, die alte Dame stand für mich stellvertretend für viele andere Sparer in Deutschland. Denn sie verfolgte eine weitverbreitete Strategie, bei der sie im Geiste unbewusst nicht nur für das gesamte Kapital, sondern auch für jede einzelne Zinszahlung ein eigenes Konto (bekannt unter dem Begriff „mentale Konten“) eröffnete.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ausgegeben statt gespart</strong></p>
<p>Egal, wie gering diese Zinszahlungen waren – meine Schwiegermutter erlebte sie wie viele andere auch stets als einen Gewinn. Und sie hatte deswegen auch kein schlechtes Gewissen, diese Gewinne zu verbrauchen. Dass sich dabei klammheimlich der Wert des Kapitalkontos durch die Inflation verringerte, für deren Ausgleich die Zinsen unter anderem eigentlich gedacht waren, schien sie nicht zu bemerken. Denn wenn das Kapitalkonto ohnehin über viele Jahre hinweg oder gar nicht angerührt wird, kann man auch nicht bemerken, dass man für dasselbe Geld über die Jahre immer weniger hätte kaufen können. Dass dieser Wertverlust oft sogar höher ausfiel als die gezahlten Zinsen, wurde ihr somit nicht bewusst.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Entkleideter negativer Realzins</strong></p>
<p>Erst als selbst die langfristigen Renditen unter 0 Prozent gefallen waren, begannen viele Menschen zu erkennen, dass so etwas wie eine negative Realverzinsung (Nominalzinsen minus Inflationsrate) eingetreten sein musste. Die hat es natürlich zu früheren Zeiten auch schon gegeben, aber sie wurde angesichts satter Zinserträge nicht wahrgenommen. Denn auch eine fünfprozentige Rendite hätte eine sechsprozentige Geldentwertung durch Inflation nicht wettgemacht. Aber bei null Prozent Zinsen und gleichzeitiger, wenn auch niedriger Inflation, hat der negative Realzins keine Kleider mehr an.</p>
<p>Ohne Kenneth Rogoff zu nahe treten zu wollen, der sich von hohen Negativzinsen verspricht, dass die Sparer endlich ihre Konten räumen – und für das Geld durch die weitgehende Bargeldabschaffung ein natürlicher Fluchtweg versperrt würde –, denke ich an die mentalen Konten meiner Schwiegermutter. Jene hätte sie, so sie denn noch lebte, nach wie vor beibehalten. Da wären nun die jeweiligen Zinskonten, angesichts der Strafverzinsung, jeweils im Soll. Bestrafungen, die meine Schwiegermutter wie viele andere Sparer stets als einen Verlust wahrnehmen würde. Verluste, die viele von uns wettzumachen versuchen. Strenggenommen, müsste man genauso wie bei einer außergewöhnlichen Neuanschaffung jedes Mal an sein Kapital herangehen, um die Minuszinsen auszugleichen. Aber das hätte meine Schwiegermutter so weit wie möglich vermieden und sehr wahrscheinlich, wie andere verzweifelte Sparer auch, zu einer anderen Strategie gegriffen:</p>
<p><strong>Sie hätte versucht, noch mehr zu sparen –</strong></p>
<p>um, so sehe ich das jedenfalls, die Verluste der negativen mentalen Zinskonten wieder wettzumachen. Vielleicht hätte sie unter diesem Druck sogar zu mehr Risikofreude geneigt. Aber von Aktien verstand sie genauso wenig wie von mentalen Konten. Wie es sich ihr auch nie erschloss, dass es überhaupt so etwas wie negative Zinsen geben könnte. Es wäre ihr Bauchgefühl gewesen, was ihr gesagt hätte, dass die Zeiten nur schlechter werden könnten. Und mit schlechten Zeiten kannte sie sich als Angehörige der Kriegsgeneration aus. Ihre Lehre aus der Geschichte: Die nächste Krise kommt bestimmt. Und für diesen Fall muss man schon jetzt beginnen, Geld zurückzulegen. Also noch mehr sparen.</p>
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		<title>Eine langwierige Entscheidung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Apr 2016 12:51:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Baufinanzierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kontrollbedürfnis]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Freund B. Ist ziemlich wohlhabend. So gut betucht, dass er seiner 20-jährigen Tochter demnächst eine Eigentumswohnung kaufen will. Denn B. hat wie viele andere Anleger Angst vor Negativzinsen und will so einer schleichenden Erosion seines Vermögens entgehen. 500.000 Euro für eine 120 Quadratmeter große Altbauwohnung in einer deutschen Großstadt, das ist ein akzeptabler Preis, aber [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Freund B. Ist ziemlich wohlhabend. So gut betucht, dass er seiner 20-jährigen Tochter demnächst eine Eigentumswohnung kaufen will. Denn B. hat wie viele andere Anleger Angst vor Negativzinsen und will so einer schleichenden Erosion seines Vermögens entgehen. 500.000 Euro für eine 120 Quadratmeter große Altbauwohnung in einer deutschen Großstadt, das ist ein akzeptabler Preis, aber selbst für B. kein Pappenstiel, auch wenn er das Geld ohne größere Probleme aus seinem Vermögen aufbringen kann. Daher war es verwunderlich, dass er 20 Prozent des Kaufbetrags über ein Immobiliendarlehen finanzieren wollte. Er fühle sich damit einfach besser, so seine Erklärung. Außerdem würde seine Tochter ja nicht mietfrei in der Wohnung leben, sondern durchaus eine halbwegs marktgerechte Miete bezahlen müssen. Und mit der könnte er locker den Kredit bedienen, rechnete er mir neulich bei einem gemeinsamen Abendessen vor.</p>
<p>Jetzt galt es eigentlich nur noch, die besten Konditionen für einen Immobilienkredit mit zehn Jahre Laufzeit – dann hätte B. das Rentenalter erreicht – zu finden. Da gab es zum einen die Hausbank, deren schnörkelloses und transparentes Angebot am teuersten war. Ein anderes Kreditinstitut schlug vor, das Darlehen mit einem Bausparvertrag zu kombinieren. Das wäre Platz zwei gewesen. Doch wurmte es B., dass er als kostenbewusster Kreditnehmer eine Abschlussgebühr von einem Prozent der Bausparsumme (O-Ton: „Wer die wohl bekommt?“) bezahlen sollte. Umso besser, dass es noch einen dritten Anbieter, einen Lebensversicherer, gab, der mit Abstand die besten Konditionen zu bieten hatte.</p>
<p>Aber eine Versicherungsgesellschaft würde ihrem Namen nicht gerecht, wenn sie mit einem solchen Baudarlehen keine Risikolebensversicherung verknüpfen würde. Interessanterweise nicht auf das Leben des Kreditnehmers, sondern auf das der lieben Tochter. „Nein“, sagte der Versicherungsberater, B. müsse nicht unbedingt so eine Versicherung abschließen, aber dann würde der Kredit eben ein kleines bisschen (etwas mehr als die Versicherungsprämie) teurer. Klar, dass sich der kostenbewusste B. wie ein homo oeconomicus für das Darlehen mit Risikolebensversicherung entschied.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Angst vor späterer Reue</strong></p>
<p>Aber B. ist eben nicht nur ein kalt kalkulierender homo oeconomicus, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und die Angst, die B. in seinem Leben am meisten umtreibt, war wohl die, eine wichtige Entscheidung hinterher bereuen (regret) zu müssen. Kein Wunder also, dass B. noch einmal seine Tochter einer Befragung über ihren Freund, der mit in die neue Wohnung einziehen sollte, unterzog. Ob die Liaison zehn Jahre Kreditlaufzeit überstehen würde? Ob dem Freund zuzutrauen wäre, sich mit einer neuen Partnerin in der Wohnung einzunisten und sich eiskalt weigern könnte, auszuziehen? Solche und andere Szenarien wurden durchgespielt, die Tochter schwankte zwischen Wut über die Unterstellungen des Vaters und eigenen nagenden Zweifeln hin und her, kurz: Das familiäre Klima war empfindlich gestört.</p>
<p>Hätte B. bei seinem zumindest zum Teil nachvollziehbaren Misstrauen nicht besser das ganze Vorhaben abblasen sollen?</p>
<p>Vielleicht weil B. gleichzeitig immer noch die drohenden Negativzinsen im Hinterkopf hatte, sah er schließlich ein, dass es für den glücklichen Fortbestand von Freundschaften, Beziehungen oder Ehen keine Garantie gibt. B., überglücklich, seine Zweifel überwunden zu haben, rief seinen Kreditberater an, er sei „abschlussreif“.</p>
<p>Wenn da nicht der Gesundheitsfragebogen für die Versicherung seiner Tochter gewesen wäre.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die Macht der mentalen Konten</strong></p>
<p>Nicht dass sie in irgendeiner Weise Vorerkrankungen oder ähnliches vorzuweisen gehabt hätte. Aber sie rauchte. Und dieser Umstand erhöhte die Prämie für die Lebensversicherung um 2,70 Euro pro Jahr. Kosten, die B. den Rest gaben. Jetzt also noch so ein kleiner fieser Extra-Verlust nach all den interfamiliären Zweifeln und Diskussionen!</p>
<p>B. traf eine Entscheidung, die er gleich hätte treffen sollen: Er verzichtete auf den Kredit.</p>
<p>Denn solche nachträglichen Verluste, seien sie auch noch so klein, werden bei demjenigen, der sie bezahlen muss, separat (als zusätzliches mentales Verlustkonto) wahrgenommen und hinterlassen einen schalen Nachgeschmack. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, der Darlehensgeber hätte die Lebensversicherung von vornherein etwas teurer (d. h. die Kosten aggregiert) gestaltet? Das wäre vermutlich unbemerkt geblieben.</p>
<p>Mehr noch: Wenn B.‘s Tochter gar Nichtraucherin gewesen wäre. Das hätte dann die Versicherung nachträglich ein bisschen günstiger gemacht – B. hätte sich wegen des mentalen Zusatzgewinns gut gefühlt und die Finanzierung ohne Zögern gerne abgeschlossen.</p>
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		<title>Flüssiger Beton</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Feb 2016 15:01:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es ist noch gar nicht lange her, da erklärte mir jemand mit verblüffender Logik, dass ein Aktiensparplan eigentlich alternativlos sei. Ginge es mit den Kursen nach oben, wüchse das Vermögen, und ginge es mit dem DAX nach unten, würde man für das gleiche Geld – wie tröstlich – mehr Aktien bekommen. Was sich der schlaue [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist noch gar nicht lange her, da erklärte mir jemand mit verblüffender Logik, dass ein Aktiensparplan eigentlich alternativlos sei. Ginge es mit den Kursen nach oben, wüchse das Vermögen, und ginge es mit dem DAX nach unten, würde man für das gleiche Geld – wie tröstlich – mehr Aktien bekommen. Was sich der schlaue Ratgeber vielleicht nicht vorstellen konnte, war, dass man, wie jetzt geschehen, ganz plötzlich <em>viel </em>mehr Aktien für das gleiche Geld erhält. Ist da nicht etwas faul, wenn man Aktien geradezu nachgeworfen bekommt? Denn der besagte Aktiensparplan geht ja tatsächlich so lange gut, wie sich Aktienmärkte nach einem Kurssturz anschließend wieder erholen. Und in der Vergangenheit, so lehrt uns die Börsengeschichte, hat das ja auch immer geklappt. Ja, wir orientieren uns gerne an dem, was wir schon einmal erlebt haben, und das Internet sorgt dafür, dass wir im Zweifel solche Informationen sofort verfügbar haben. Zumal wir mit der Börsenhistorie zumindest unser Kontrollbedürfnis befriedigen.</p>
<p>Und da es Kursstürze, wie wir sie derzeit erleben, immer noch relativ selten, aber dennoch viel zu oft gibt, versucht man neue Krisen immer mit alten Krisen zu vergleichen. Wie war das noch damals, im Jahre 2008, als sich die Finanzkrise auf dem Höhepunkt befand? Ja, wir blickten in den Abgrund, Lehman ging Pleite, aber wir wurden gerettet. So einfach ist das. Mit diesem Wissen ausgestattet, könnte ein Aktiensparplan gleich einem Uhrwerk fortgesetzt werden. Solange man nicht den Mut verliert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Es ist noch immer gut gegangen</strong></p>
<p>Als ich kürzlich an gleicher Stelle (<strong><a href="https://www.joachim-goldberg.com/haus-gekauft/">HIER</a></strong>) über Immobilieninvestments und doppelte Commitments schrieb, ahnte ich nicht, wie viel Resonanz ich auf diesen Beitrag bekommen sollte. Unter anderem stellte ein Leser fest, dass es, sofern man Wikipedia Glauben schenken möchte, nach einem Rückgang des MSCI World vom Top um 30, 40 oder 50 Prozent keine fünf Jahre gedauert hätte, bis sich ein deutliches Plus einstellte. Damit verbunden ging der Vorschlag einher, man könne diese Erkenntnis auch dieses Mal einsetzen und sich im Falle entsprechender Kursrückgänge mittels eines günstigen Wertpapierkredits gestaffelt mit ETFs eindecken. Ein Kredit, den der Leser mit seinem abbezahlten Wohnhaus besichern wollte. Nach dem Motto: „Wir beleihen wir unser Eigenheim und können auf diese Weise einen Teil der verpassten Rendite zurückholen.“</p>
<p>Tatsächlich wird jedoch nur Beton verflüssigt, um diese Liquidität in eine andere Anlageklasse zu investieren. Mal abgesehen davon, dass sich die Börsen-Geschichte nicht in dieser Form wiederholen muss, bin ich kein Freund von Wertpapierkäufen auf Kredit in jedweder Form. Zumal es in der Börsengeschichte durchaus einige – wenn auch seltene – Phasen gab, in denen Aktien auch über einen sehr langen Zeitraum hinweg schlecht abgeschnitten haben. Es gibt keine Garantie, dass dieses nicht wieder geschehen könnte.</p>
<p>Noch wichtiger ist jedoch meines Erachtens aus verhaltensorientierter Sicht, dass beim Wertpapierkredit neben dem Commitment (Bindung an eine Entscheidung) eines Wertpapierkaufs vom Entscheider zusätzlich ein separat geführtes „geistiges“ Konto (mentales Konto) bezüglich der gestellten Sicherheit eröffnet wird. Dessen Wirkung wird oft unterschätzt und zwar dann, wenn sich beim Aktienengagement Verluste einstellen und die Sicherheit unterzugehen droht. Dann geht es um teils sehr starke psychische Bindungen und Belastungen, die sinnvolle Entscheidungen gerade in kritischen Phasen unmöglich machen können.</p>
<p>Verluste erhöhen in jedem Fall die Bindung an die dazugehörigen Entscheidungen, eben das so genannte Commitment. Und wer dafür optiert – gerade weil es in der Vergangenheit immer gut gegangen ist –, langfristige Engagements am Aktienmarkt einzugehen, muss vorher klären, ob er sich Buchverluste leisten und ob er sie auch psychisch aushalten kann.</p>
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		<title>Verlustbewältigung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Jan 2016 08:32:40 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Commission]]></category>
		<category><![CDATA[Mentale Konten]]></category>
		<category><![CDATA[Omission]]></category>
		<category><![CDATA[Thema des Monats]]></category>
		<category><![CDATA[Verlustbegrenzung]]></category>
		<category><![CDATA[WGZ Bank]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hinterher sei man immer schlauer, lautet eine Börsenweisheit. Sie trifft für diejenigen ganz besonders zu, die während der vergangenen zweieinhalb Wochen am Aktienmarkt bullish positioniert waren, aber dem rapiden Kurssturz tatenlos zugesehen und nun mit massiven Buchverlusten zu kämpfen haben. „Wäre ich doch rechtzeitig ausgestiegen, ich hab‘ es doch kommen sehen“ ist deswegen ein Satz, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Hinterher sei man immer schlauer, lautet eine Börsenweisheit. Sie trifft für diejenigen ganz besonders zu, die während der vergangenen zweieinhalb Wochen am Aktienmarkt bullish positioniert waren, aber dem rapiden Kurssturz tatenlos zugesehen und nun mit massiven Buchverlusten zu kämpfen haben. „Wäre ich doch rechtzeitig ausgestiegen, ich hab‘ es doch kommen sehen“ ist deswegen ein Satz, der zurzeit häufig zu hören ist.</p>
<p>Aber soll man jetzt noch aussteigen?</p>
<p>Gefühlt steigt nämlich das Risiko, genau „ins Loch hinein“ zu verkaufen mit jedem weiteren schwachen Börsentag. Und was wäre schlimmer als direkt nach einem Ausstieg womöglich Zeuge einer heftigen Aufwärtsbewegung des DAX zu werden?</p>
<p>Nun hat sich aber auch noch eine andere Weisheit bewahrheitet, die von einem Börsenexperten herumgereicht wurde: Während man sich im steigenden Markt über Kursgewinne freuen kann bekäme man im fallenden Markt für das gleiche Geld immerhin mehr Aktien, war da zu lesen. Allerdings dürfte sich selbst für einen Börsenprofi dieser „Kursvorteil“ überraschend schnell eingestellt haben. Die Frage ist nur, ob die Akteure jetzt den Mut haben, diese Strategie auch tatsächlich umzusetzen. Immerhin kommt dies der menschlichen Neigung, immer möglichst billig zu kaufen, psychisch entgegen.</p>
<p>Egal welche Strategie sich Anleger derzeit durch den Kopf gehen lassen, um etwaige Börsenverluste zu bewältigen – eigentlich ist eine Entscheidung fällig. Aber wenn man Anleger fragt, was sie im Zweifel theoretisch lieber erleben möchten:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>a) heute Aktien verkaufen und danach einen Anstieg des DAX von 10 Prozent zu erleben</p>
<p>oder</p>
<p>b) heute nichts zu tun und anschließend einen weiteren Kursverlust des DAX von 10 Prozent zu erleben,</p>
<p>würde sich sicherlich eine große Mehrheit für b), also für Nichtstun, finden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kein Wunder, dass folglich auch viele Kunden- oder Vermögensberater in solch einer Situation lieber die Option „abwarten“ empfehlen.</p>
<p>Manche Strategie zur Verlustbewältigung ist aber fragwürdig. Und deswegen habe ich mich in meinem heutigen Thema des Monats, das ich wie immer <strong><u><a href="https://www.wgz-zertifikate.de/de/zertifikate/infothek/goldberg/index.html" target="_blank">HIER</a></u></strong> für die WGZ Bank erstellt habe, mit dieser Problematik etwas eingehender auseinandergesetzt.</p>
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		<title>Aufs falsche Gleis gestupst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2015 13:13:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hedonomics]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Mentale Konten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Unlängst sollte mein Freund H. einen Vortrag in Nottingham halten. Und da die Veranstaltung 90 Minuten früher als geplant endete, dachte er sich, es wäre doch schön, diese Zeit zu nutzen und ein paar Züge früher als ursprünglich beabsichtigt die Fahrt zum nächsten Zielort anzutreten. Das Ganze stellte sich allerdings nicht als besonders einfach heraus, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Unlängst sollte mein Freund H. einen Vortrag in Nottingham halten. Und da die Veranstaltung 90 Minuten früher als geplant endete, dachte er sich, es wäre doch schön, diese Zeit zu nutzen und ein paar Züge früher als ursprünglich beabsichtigt die Fahrt zum nächsten Zielort anzutreten. Das Ganze stellte sich allerdings nicht als besonders einfach heraus, denn der gute Freund hatte sich zuvor auf eine bestimmte, besonders günstige Verbindung festgelegt, bei der die ganze Fahrt nur 68 englische Pfund kosten sollte. Auf Nachfragen am Bahnhof stellte sich jedoch heraus, dass er die Differenz zwischen dem Billigticket und dem vollen Fahrpreis von 135 Pfund für eineinhalb Stunden Zeitersparnis hätte nachentrichten müssen. Die Dame am Ticketschalter konnte den leichten Groll ihres Gegenübers jedoch nachvollziehen und schlug daher vor, er solle doch lieber die eingesparte Zeit für einen Stadtbummel nutzen und das Geld zum Shoppen statt für ein Zugticket ausgeben.</p>
<p>Ein klarer Fall von mentaler Kontoführung, dachte ich mir. Eigentlich müsste es mehr von solchen Menschen geben, dann wäre die Konjunktur schnell angekurbelt. Denn die Dame am Ticketschalter hatte schlicht und einfach mit dem Geld meines Freundes gespielt, das dieser noch gar nicht ausgegeben hatte. Aber durch die Verschiebung des Referenzpunktes von 68 auf 135 Pfund wäre ihn die Zugfahrt 67 Pfund teurer zu stehen gekommen als ursprünglich beabsichtigt. Statt diesen Verlust zu realisieren, dürfte es für H. erträglicher gewesen sein, dieses Geld auf ein anderes mentales Konto als ersparten Verlust bzw. Gewinn zu buchen und dieses Geld sozusagen als Windfall-Profit ohne Reue auszugeben. Geld, das mein Freund ohne diesen Vorfall vermutlich nicht einmal in Gedanken angerührt hätte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Und ein Nudge obendrein</strong></p>
<p>Die Geschichte zeigt allerdings auch noch etwas anderes. Nämlich wie die nette Dame am Bahnschalter – vermutlich unbewusst – meinen Freund H. zu einer glücklicheren Entscheidung anstupsen wollte. Über dieses so genannte Nudging ist gerade in der jüngeren Vergangenheit viel diskutiert worden. Vor allem, wenn der Staat seine Bürger zu angeblich besseren Entscheidungen anstupsen möchte. Von Bevormundung und Manipulation der Menschen war da erst kürzlich die Rede – ich habe unlängst <strong><u><a href="https://www.joachim-goldberg.com/herumgeschubst/">HIER</a></u></strong> dazu Stellung genommen. Dabei zeigt die Realität, dass wir durch Referenzpunkte in unserem sozialen Umfeld permanent zu Entscheidungen bewegt werden, die nicht immer zu unserem Besten sein mögen. Dennoch: Es gibt keine Nudge-freien Zonen in unserem Leben, auch wenn wir immer wieder gegenüber uns selbst und anderen beteuern, dass wir unsere Entscheidungen eigenständig und völlig unabhängig von irgendwelchen Einflüssen treffen.</p>
<p>Aber vermutlich möchten die Menschen zumindest bestimmen dürfen, von wem sie angestupst werden: Nämlich bestimmt lieber von einer charmanten Fahrscheinverkäuferin, die uns ganz uneigennützig mit guten Ratschlägen helfen möchte, als von Verhaltensökonomen, die extra von der Regierung eingestellt wurden, nur um uns Bürger glücklicher zu machen.</p>
<p>Doch H. kennt sich aus mit den mentalen Fallen, die aufzuzeigen das Ziel der Behavioral Economics ist. Zumal er generell zur Vorsicht neigt und es unter normalen Umständen nicht riskiert hätte, wegen eines zu ausgedehnten Stadtbummels am Ende womöglich auch noch den ursprünglich gewählten Zug zu verpassen. Aber wofür hat sich mein Freund H. am Ende entschieden? Gelangweilt am Bahnhof in Nottingham sitzen und 90 Minuten auf den Zug warten?</p>
<p>Nein, er ist am Ende doch noch shoppen gegangen. Und er wähnte sich glücklich, weil er sich auf sein Bauchgefühl verlassen hatte. Ein teurer Spaß übrigens, denn seine Einkäufe kosteten eindeutig mehr als der Aufpreis auf das Zugticket.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Falsche Ehrfurcht vor der schwarzen Null</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2014 21:17:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ob nun auf dem Thermometer oder in der Welt des Geldes – für viele Menschen spielt die Null eine ganz wichtige Rolle. Für manche ist sie die Trennlinie zwischen Gut und Böse, könnte man meinen. Auch für den deutschen Finanzminister Schäuble ist die Null offenbar ein so wichtiger Referenzpunkt, dass er für sie die merkwürdigsten [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ob nun auf dem Thermometer oder in der Welt des Geldes – für viele Menschen spielt die Null eine ganz wichtige Rolle. Für manche ist sie die Trennlinie zwischen Gut und Böse, könnte man meinen. Auch für den deutschen Finanzminister Schäuble ist die Null offenbar ein so wichtiger Referenzpunkt, dass er für sie die merkwürdigsten Verrenkungen vollführen und alle erdenklichen Opfer erbringen möchte. Da spielt es keine Rolle, dass unlängst die Wachstumsprognosen für die Eurozone zurückgenommen worden sind. Man kann es ja auch verstehen; schließlich hat er die historische Chance, zum ersten Mal seit 1969 als Finanzminister einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen zu können. Mit einer schwarzen Null sozusagen hätte er das Zeug, in die Geschichtsbücher einzugehen. Notfalls muss dafür eben gespart werden.</p>
<p>In der Bankenwelt scheint man anders zu denken. „Wir Deutsche sparen zu viel“ war unlängst in der „Welt am Sonntag“ ein Interview mit dem Chefanlagestrategen der Deutschen Asset &amp; Wealth Management, Asoka Wöhrmann, überschrieben. Man dürfe keine Angst vor Nullen haben, konnte man da lesen, und dem geneigten Leser wurde unvermittelt klar: Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis auch die Sparbücher der Normalverbraucher mit Strafzinsen belegt werden. Vorbei ist es also mit dem zuletzt noch winzigen Taschengeld, mit dem sich der ein oder andere zumindest aus den jährlich erwirtschafteten Mini-Zinsen eine kleine Extraanschaffung leisten konnte. Immerhin: Auch das haben wir zwar mürrisch, aber letztlich doch fast klaglos hingenommen. Weil die Zinseinnahmen stets als Gewinn erlebt wurden. Und diese Gewinne zu verbrauchen verursacht selbst bei konservativ eingestellten Menschen nicht sofort ein schlechtes Gewissen.</p>
<p>Mental wurde – obgleich die Zinszahlung teilweise als Inflationsausgleich für die Entwertung des gesparten Kapitals dienen soll – in zwei Konten gedacht: eines fürs Kapital und eines für die Zinsen. Selbst wenn das Kapital real eigentlich weniger wurde – es gab ja Zinsen. Damit ist jetzt Schluss. Jetzt geht es für viele Sparbuchbesitzer nicht nur real ans Eingemachte.</p>
<p>Ich wage schon jetzt eine Prognose: Ein Viertelprozent Strafzinsen werden von den Anlegern doppelt so stark bewertet werden wie ein Viertelprozent Habenzinsen. Verluste, so die Erkenntnisse der Behavioral Finance, wiegen schwerer als Gewinne gleicher Größe. Aber nicht nur das. Denn wenn die Europäische Zentralbank auf die Idee käme, auf die bei ihr unterhaltenen Einlagen noch höhere Negativzinsen als bereits jetzt zu fordern, könnte es sogar noch schlimmer kommen. Ein halbes Prozent Strafzinsen p. a. für Kleinsparer? Hatte man uns nicht immer wieder gepredigt, bei null Prozent Zinsen sei Schluss nach unten, das sei so etwas wie eine rote Linie?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Referenzpunkt Null</strong></p>
<p>Diese ominöse Null ist für uns nicht nur ein materielles, sondern auch ein psychisches Problem. Und eine Frage der Wahrnehmung. Denn die Null ist ein leicht zu merkender Referenzpunkt. So wie ein DAX bei 10.000 Zählern. Zu Zeiten, als es noch für zehnjährige Anleihen vier Prozent Zinsen p.a. gab, haben sich viele Menschen nicht die Frage gestellt, wie weit das investierte Kapital einer schleichenden Entwertung unterworfen wäre. Man hat es einfach nicht gemerkt.</p>
<p>Eine gleich hohe „Realverzinsung“ unterstellt, fällt es uns nunmehr sehr schwer, für eine Extraausgabe das Kapital angreifen zu müssen. Obgleich man bei fallenden Konsumentenpreisen theoretisch mehr für sein Kapital bekommen würde, eine schleichende Aufwertung also. Aber es will uns nicht einleuchten, dass man in Bälde etwas davon abgeben soll, ohne etwas davon zu haben. Ganz zu schweigen von all den institutionellen Anlegern, die auf Ausschüttungen angewiesen sind oder aus rechtlichen Gründen ihr Kapital (z. B. Stiftungen) nicht angreifen dürfen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Achtung, Fehlentscheidungen drohen!</strong></p>
<p>Die Konsequenzen sind für Privatanleger vielfältig und möglicherweise schwerwiegende Fehlentscheidungen schon jetzt absehbar. Sei es, dass man seine liquiden Mittel ganz einfach abhebt und unter die Matratze steckt. Ja, das kann ziemlich riskant sein. Vor allem, wenn man auch noch in der Nachbarschaft herumerzählt, wie man der Bank ein Schnippchen geschlagen hat. Als viel gravierender erachte ich aber die Suche nach Anlageformen, die man unter normalen Umständen nie in Betracht gezogen hätte. Ja, drei, vier oder gar fünf Prozent p. a.! Das sieht ja noch ganz toll aus im Vergleich zu Negativzinsen. Diese drei, vier oder fünf Prozent bekommt man allerdings nicht, ohne entsprechende Risiken einzugehen. Aber das wieder besser gefüllte mentale Zinskonto ermöglicht dann immerhin den Luxus einer Extraausgabe. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines kräftigen (Total)verlustes auf dem Kapitalkonto dabei erheblich größer als bei einer altmodischen Sparform ist. Soll man jetzt überhaupt noch fürs Alter sparen, wo man fürs Sparen doch bestraft wird? Aber einfach drauflos konsumieren, selbst wenn man es sich leisten könnte? Das macht ja auch der Herr Schäuble nicht.</p>
<p>Wir werden uns umgewöhnen müssen in einer Zeit drohender Deflation. Es geht nicht mehr darum, wo ich die meisten Zinsen bekomme. Vielmehr sollte man den Sachverhalt einfach anders darstellen (Reframing) und sich stattdessen fragen, wo man am wenigsten bluten muss. Eine Anlageform, die langfristig nur das Kapital erhält, ist unter diesen Umständen vielleicht gar nicht so schlecht. Deswegen sollte man sich auch nicht ärgern, wenn man demnächst bei den Ersparnissen für die private Altersvorsorge selbst bei seinem Lebensversicherer gesetzlich garantiert nur noch null Prozent bekommt. Das ist dann, relativ gesehen, immer noch ganz gut.</p>
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		<title>Geviertelte Freude ist vierfache Freude</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Jun 2014 17:00:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marketing]]></category>
		<category><![CDATA[Märkte]]></category>
		<category><![CDATA[Mentale Konten]]></category>
		<category><![CDATA[Quartalsdividende]]></category>
		<category><![CDATA[Segregation von Gewinnen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gerade schickt sich der DAX an, mit Mühen die 10.000er Marke zu erklimmen, aber da keine rechte Freude aufzukommen scheint, macht man sich natürlich Sorgen um den deutschen Anleger. Rechtzeitig zum seit Tagen geplanten medialen Jubelfest hat „Welt online“ deswegen eine Studie von Jens Kleine, Professor an der Steinbeis-Hochschule Berlin, veröffentlicht. Ja, wenn nach Recherchen [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Gerade schickt sich der DAX an, mit Mühen die 10.000er Marke zu erklimmen, aber da keine rechte Freude aufzukommen scheint, macht man sich natürlich Sorgen um den deutschen Anleger. Rechtzeitig zum seit Tagen geplanten medialen Jubelfest hat „Welt online“ deswegen eine Studie von Jens Kleine, Professor an der Steinbeis-Hochschule Berlin, veröffentlicht. Ja, wenn nach Recherchen von Ernst &amp; Young 58 Prozent der DAX-Aktien sich in den Händen ausländischer Investoren befinden und nur 34 Prozent der Deutschen so wenig DAX-Werte wie noch nie zuvor besitzen, dann ist es tatsächlich schlecht bestellt um die heimische Börsenkultur.</p>
<p>Und so sind neue, bahnbrechende Ideen gefragt – eine Herausforderung, die selbst Akademiker nicht einfach arrogant übergehen können. Ein Vorschlag hat selbst mich altes Börsenzirkuspferd neugierig auf Aktien gemacht. Nicht weil ich glaube, dass Aktionäre in Zukunft eine höhere Rendite erwarten könnten, sondern weil mir dieser Einfall aus Sicht der Behavioral Finance beachtenswert erscheint. Denn die Besitzer deutscher Aktien sollen endlich nicht mehr nur einmal im Jahr nach der Hauptversammlung ihre Dividende erhalten, sondern – wie es bereits bei US-Firmen und auch japanischen Unternehmen praktiziert wird – Dividenden parallel zum Quartalsbericht vierteljährlich ausbezahlt bekommen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Quartalsweise mentale Konten</strong></p>
<p>So mag sich der Professor gefragt haben, ob sich denn die Zahl derer, die bisher noch keine Aktien besitzen, im Falle einer quartalsweisen Dividendenzahlung eher für ein Engagement gewinnen lassen würden. Kenner der Behavioral Finance würden diese Frage intuitiv sofort bejahen. Weil wir Menschen für alle unsere Entscheidungen und Zahlungen mentale Konten im Kopf führen. Danach würde für jede Dividendenzahlung ein gesondertes geistiges Konto eröffnet und als Gewinn wahrgenommen, weswegen ein viermal im Jahr geviertelter (oder sogar jeweils etwas geringerer Betrag) einer einmaligen jährlichen Zahlung vorgezogen würde. Denn die Bewertung dieser vier Einzelgewinne (=Segregation) fällt in der Summe bei den meisten Menschen höher aus als die Bewertung einer jährlichen Einmalzahlung[1].</p>
<p>Auch wenn es verwunderlich erscheinen mag: Die Studie von Jens Kleine hat die Theorie der Mentalen Konten bestätigt: 22 Prozent von repräsentativ befragten 2000 Bürgern, die bisher noch keine Aktien besitzen, würden bei einer quartalsweisen Ausschüttung Aktien kaufen. Und 32 Prozent derer, die bereits Geld in Aktien angelegt haben, würden bei dieser Art der Auszahlung zusätzliches Geld in Dividendentitel investieren!</p>
<p>Schenkt man dem Bericht auf „Welt online“ Glauben, hat der Forscher herausgefunden, dass Quartalsdividenden die Zahl der Aktionäre in Deutschland um bis zu 3,5 Millionen, im ungünstigsten Fall immerhin noch um 500.000 erhöhen könnten. Abgehen von diversen rechtlichen Klippen, die man für die Quartalsdividende hierzulande noch umschiffen müsste, nenne ich die Diskussion darum gutes timing. Kommt die Aktien-Kultur ausgerechnet oberhalb von 10.000 DAX-Zählern also doch noch zurück?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>[1] Mehr dazu im Buch <em>Genial einfach Entscheiden</em>, S. 166 ff., das Christin Stock mit mir zusammen im vergangenen Jahr im Finanzbuchverlag veröffentlicht hat.</p>
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		<title>Lieber leben als zurücklegen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 May 2014 05:29:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Investmententscheidungen]]></category>
		<category><![CDATA[Bewertung im Zeitablauf]]></category>
		<category><![CDATA[Mentale Konten]]></category>
		<category><![CDATA[Sparen]]></category>
		<category><![CDATA[Ungleichverteilung]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Theoretisch ist es den meisten Menschen klar, dass sie Geld für die Zukunft zurücklegen sollten. In der Praxis ist die Sache allerdings komplizierter, denn niemand weiß, wie sich aus heutiger Sicht Gewinne oder Verluste in der Zukunft tatsächlich anfühlen werden. Unter dem Thema „Lieber leben als zurücklegen – ist uns unsere Zukunft egal?“ wird im [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/lieber-leben-als-zuruecklegen/">Lieber leben als zurücklegen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Theoretisch ist es den meisten Menschen klar, dass sie Geld für die Zukunft zurücklegen sollten. In der Praxis ist die Sache allerdings komplizierter, denn niemand weiß, wie sich aus heutiger Sicht Gewinne oder Verluste in der Zukunft tatsächlich anfühlen werden.</p>
<p>Unter dem Thema <strong>„Lieber leben als zurücklegen – ist uns unsere Zukunft egal?“</strong></p>
<p>wird im Rahmen der Verleihung des comdirect finanzblog award 2014 (<a href=".:%20http:/www.finanzblog-award.de/einladung/">Näheres <strong>hier</strong></a>) am 6. Mai 2014 um 15.30 Uhr auf der re:publica 14 in Berlin eine Podiumsdiskussion stattfinden, zu der auch ich als Teilnehmer eingeladen bin. Deswegen zur Einstimmung ein paar Gedanken zu meiner Position.</p>
<p>Man kennt es ja zu Genüge: Gerade hat man sich dazu durchgerungen, ein paar Winterpfunde loszuwerden und wollte deswegen gleich morgen mit einer Diät beginnen. Doch gleich am nächsten Tag gibt es die erste Hürde: Freunde haben einen zum Abendessen eingeladen, und nun möchte man ihre Gastfreundschaft nicht beleidigen, indem man ihr köstliches Mahl verschmäht und stattdessen die Dose mit dem Diätpulver auspackt. Anders ausgedrückt: Menschen unterschätzen, dass sich Gedanken, Erinnerungen, Sichtweisen, Vorlieben im Zeitablauf ändern können. In der klassischen Ökonomie kommen solche Präferenzverschiebungen und Gewöhnungsprozesse schlichtweg nicht vor, in der Realität aber schon.</p>
<p>Die Standardökonomie geht davon aus, dass Menschen etwas Angenehmes umso höher bewerten, je früher es eintritt. Ein Geldgeschenk in Höhe von 1000 Euro ist uns heute lieber, als wenn wir es erst in einem Monat bekämen. Unangenehmes wird dagegen hinausgeschoben. Im klassischen Fall nimmt der Nutzen eines Geldgeschenks an jedem Tag, den seine Überreichung weiter in die Zukunft geschoben wird, mit einer prozentualen, konstanten Rate ab, er wird diskontiert. Um einem Entscheider eine spätere Auszahlung schmackhaft zu machen, muss man ihm also in der Zukunft einen höheren Betrag in Aussicht stellen, als er heute erhalten würde. Und zwar vermehrt um einen persönlichen Diskontfaktor.</p>
<p>Gemäß diesem Modell spielt es für einen Entscheider also keine Rolle, ob er heute 1.000 Euro bekommt oder 1.100 Euro ein Jahr später, also 1.000 plus einen Betrag in Höhe seines persönlichen Diskontsatzes. Bei diesem klassischen Modell bleiben Diskontierungsrate wie Präferenzen stabil. Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass weder die persönliche Diskontrate noch die Präferenzen stabil sind. Wer 1.100 Euro in 30 Wochen einem Geldbetrag von 1.000 Euro in 26 Wochen vorzieht, sollte sich genauso verhalten, wenn er vor die Wahl gestellt würde, 1.000 Euro heute oder 1.100 Euro in vier Wochen zu bekommen. Obwohl die zeitliche Distanz in beiden Fällen die gleiche ist, findet in der Praxis meist eine Präferenzumkehr statt: Mit einem Male entscheiden sich viele Menschen vorzugsweise für den niedrigeren, sofort ausgezahlten Geldbetrag und lassen dafür den 10 Prozent höheren Betrag, den sie erst vier Wochen später erhielten, dafür liegen.</p>
<p>In einer Welt, in der die Nominalzinsen hoch sind, mag Sparen für das Alter attraktiv erscheinen. Obwohl man weiß, dass die Geldentwertung via Inflation und Besteuerung einen großen Teil der Zinserträge wieder auffrisst, wird ein nominal hoher, künftiger Zinsertrag zumindest von den meisten Sparern als so genanntes „geistiges Konto“ parallel in ihrem Kopf mitgeführt, und das ist eine Strategie, die hilft, den „Schmerz“ über die in der Gegenwart aufzubringenden Sparraten zu mildern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Reallohnverluste vermindern Sparleistung</strong></p>
<p>Fallen diese nominalen Erträge jedoch aufgrund des heutigen Niedrigzinsumfeldes extrem gering aus, ist es vielen Menschen nicht mehr zu vermitteln, warum man für einen Verzicht in der Gegenwart auf minimale Gewinne in der Zukunft sparen soll. Das mentale Zinskonto ist nicht mehr hoch genug. Mit anderen Worten fragt man sich: „Wofür soll ich eigentlich sparen, ich bekomme ja eh‘ nichts dafür? Oder soll ich gar eine risikoreichere Anlage wählen, um in der Zukunft abgesichert zu sein?“</p>
<p>Viele dieser risikoreicheren Anlagen kommen für die meisten Menschen allerdings nicht mehr in Betracht. Sei es, dass man bereits schlechte Erfahrungen an der Börse gemacht oder mit Produkten, die während der Finanzkrise noch mit Hochdruck verkauft wurden, am Ende Schiffbruch erlitten hat. Oder liegt es etwa daran, dass viele Sparer in gewissem Sinne in Sachen Geld immer noch ökonomische Analphabeten sind? Abgesehen davon, dass sie sich ihrer eigenen Verhaltensmuster ebenso wenig bewusst sind.</p>
<p>Daneben kommt aber noch ein anderer Faktor zum Tragen, der zurzeit in der gesellschaftlichen Diskussion in den USA eine wesentliche Rolle spielt und manchmal auch in Europa thematisiert wird. Gemeint ist die sich immer weiter verstärkende Ungleichverteilung der Vermögen und Einkommen zwischen Arm und Reich, vor allem durch die Finanzkrise und die späteren Rettungsmaßnahmen der Notenbanken. Während nur das oberste Prozent – vor allem aber das oberste Promille – der Bevölkerung sowohl bei Einkommen als auch Vermögen noch reale Zuwächse verzeichnen kann, kann dies von 95 Prozent der Haushaltseinkommen der US-Bevölkerung nicht mehr behauptet werden. Reallohnverluste in der Gegenwart müssen entweder durch Konsumverzicht oder durch eine geringere Sparleistung ausgeglichen werden – ein Trend, der sich auch hierzulande immer mehr abzeichnet. Gleichzeitig herrscht weiterhin ein gnadenloser Wettbewerb um den sozialen Status. Aus Angst vor dem Abrutschen auf eine niedrigere gesellschaftliche Position werden monetäre Mittel verstärkt benötigt, wodurch es immer schwerer wird, Rücklagen zu bilden.</p>
<p>Unsere Zukunft ist uns sicherlich nicht egal, aber die Gegenwart ist uns wichtiger. Nicht einmal um eines besseren Lebens willen, sondern vielfach nur um zu überleben.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/lieber-leben-als-zuruecklegen/">Lieber leben als zurücklegen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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