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	<title>Groupthink Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Groupthink für einen Augenblick</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Oct 2011 07:16:02 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Während der vergangenen Tage ist ein regelrechtes Durcheinander um die diversen Euro-Rettungsprogramme entstanden. Da wurde über erweiterte Rettungsschirme in verschiedenen nationalen Parlamenten abgestimmt – hierzulande mit dem Versprechen, etwa den EFSF-Garantiemechanismus nicht weiter aufzustocken. Trotzdem diskutierte man lautstark über eine möglichst effiziente Verwendung der entsprechenden Mittel. Von großen Hebeln ist die Rede, von Ausfallversicherungen und [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Während der vergangenen Tage ist ein regelrechtes Durcheinander um die diversen Euro-Rettungsprogramme entstanden. Da wurde über erweiterte Rettungsschirme in verschiedenen nationalen Parlamenten abgestimmt – hierzulande mit dem Versprechen, etwa den EFSF-Garantiemechanismus nicht weiter aufzustocken.<span id="more-2642"></span> Trotzdem diskutierte man lautstark über eine möglichst effiziente Verwendung der entsprechenden Mittel. Von großen Hebeln ist die Rede, von Ausfallversicherungen und schön verpackten strukturierten Produkten. Dann stellt man fest, die derzeitige Notfalleinrichtung EFSF kann mangels Eigenkapital nicht zur Bank gemacht werden und dann nimmt man halt einfach den anderen, für 2013 geplanten Mechanismus namens ESM. So will es zumindest das Handelsblatt aus hochrangingen EU-Diplomatenkreisen erfahren haben. Schließlich stellt sich heraus, dass die Banken der Eurozone mit rund 200 Milliarden € kapitalisiert werden müssen. Wie wäre es da mit TARP?</p>
<p>Bei alledem bleibt ein Eindruck der Intransparenz, wobei sie Frage stellt, ob diese gewollt oder nur ein Zeichen geballter Inkompetenz ist. In beiden Fällen tun sich die Kommentatoren schwer, all diese gut gemeinten Pläne tatsächlich erklären zu können. Geschweige denn gemäß ihrer tatsächlichen Kosten abwägen zu können. Und wenn sich die Finanzminister der Eurozone treffen, denkt niemand an jene ungünstige Gruppendynamik namens &#8222;Groupthink&#8220; (<a href="http://www.blognition.de/markte/nur-eine-mehrheit" target="_blank">vgl. gestriger Beitrag</a>) mit dem Zwang zu konformem Denken. Darüber mag auch nicht der Wille zu einer gemeinsamen europäischen Wirtschaftsregierung hinwegtäuschen. Zwar ist die Zusammensetzung der EU-Finanzminister so bunt gemischt wie die Passagiere eines Flugzeugs, das sich gerade im Landeanflug befindet. Doch man stelle sich einmal die Situation vor, wenn der Pilot wegen schlechten Wetters kurz vor dem Aufsetzen das Gefährt noch einmal nach oben ziehen muss. Dann kann man plötzlich beobachten, wie aus einer ursprünglich bunt zusammengewürfelten Gruppe eine homogene Masse wird, die völlig gleichgerichtet denkt und handeln mag. Aus lauter Angst, womöglich einer Bruchlandung ausgesetzt zu sein.</p>
<p>Auch der Eurozone droht womöglich eine Bruchlandung: Mit anderen Worten: Die Politiker und Manager der Finanzkrise mögen demnächst in ähnlicher Weise ausgeliefert sein wie die Insassen des beschriebenen Flugzeugs. Und mit einem Male kommen sämtliche die Randbedingungen für das gefährliche Groupthink-Phänomen zusammen: Eine auf sich gestellte (abgeschottete) Gruppe neigt plötzlich zur Kohäsion, weil unter externem Stress und Zeitdruck eine gemeinsame Entscheidung gefragt ist. Ohne große Diskussion, Hauptsache man kommt irgendwie durch und übersteht den gemeinsamen Flug. Dann gibt es keinen mehr, der kritische Fragen stellt, Alternativen werden nicht mehr ausreichend berücksichtigt.</p>
<p>Und nachdem der Pilot die Maschine heil auf die Erde herunter gebracht hat, geht jeder wieder seines eigenen Weges. Guten Flug!</p>
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		<title>Nur eine Mehrheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Oct 2011 09:24:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Investmententscheidungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Bei der letzten EZB-Sitzung des scheidenden Präsidenten Jean-Claude Trichet gebrauchte dieser zum ersten Mal seit Längerem bezüglich des Zinsbeschlusses nicht mehr das Wort &#8222;unanimous“ als Ausdruck einer einstimmig gefällten Entscheidung. Stattdessen gab es für den Entschluss, die Zinsen unverändert zu belassen, nur einen „consensus“, eine Mehrheitsentscheidung. Woraus einige Kommentatoren sofort schlossen, dass es bei der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Bei der letzten EZB-Sitzung des scheidenden Präsidenten Jean-Claude Trichet gebrauchte dieser zum ersten Mal seit Längerem bezüglich des Zinsbeschlusses nicht mehr das Wort &#8222;<a href="http://dict.leo.org/ende?lp=ende&amp;p=Ci4HO3kMAA&amp;search=unanimous&amp;trestr=0x8004">unanimous</a>“ als Ausdruck einer einstimmig gefällten Entscheidung. Stattdessen gab es für den Entschluss, die Zinsen unverändert zu belassen, nur einen „consensus“, eine Mehrheitsentscheidung.<span id="more-2637"></span> Woraus einige Kommentatoren sofort schlossen, dass es bei der nächsten Sitzung der Zentralbank unter neuer Führung von Mario Draghi eine Zinssenkung geben werde. Darüber kann man geteilter Meinung sein, zumal es bei anderen großen Zentralbanken wie etwa der Fed oder der Bank von England gerade bei den jüngeren Beschlüssen auch immer wieder Abweichler gegeben hat, die sich aber am Ende nicht durchsetzen konnten.</p>
<p>Einige Kommentatoren mag es aber auch beunruhigt haben, dass die EZB-Entscheidungen nicht mehr aus einem Guss sind. Frei nach dem Motto: Gerade in der Krise erwartet man doch Zusammenhalt. Das mag vordergründig richtig sein, kann aber bei näherem Hinsehen zu Entscheidungen führen, die man gelinde ausgedrückt nicht unbedingt als optimal bezeichnen kann. Mir fällt bei Konstellationen in Kleingruppen, von denen einstimmige Entscheidungen als Zeichen eines klaren Commitments erwartet werden, immer wieder der vom Sozialpsychologen Irving A. Janis in den 1970er Jahren geprägte Begriff des Groupthink-Phänomens ein. Allein schon der für solche Gruppen verräterisch klingende Satz &#8222;Wer nicht für uns ist, ist gegen uns&#8220; zeigt eine Abschottung gegen Einflüsse von außen. Ein Gleichklang der Einstellung und Meinungen führt dazu, dass nicht mehr ausreichend nach Informationen gesucht wird und nur Nachrichten, die die eigene Position bestätigen oder rechtfertigen wahrgenommen werden. Schlimmer noch: Der so genannte Stallgeruch erhöht noch einmal das Vertrauen in die gemeinsam getroffenen Entscheidungen. Denn gerade in wichtigen Entscheidungsgremien – sei es bei der Zentralbank aber auch in der Politik – versucht man intuitiv Menschen, Gleichgesinnte, Buddies etc. um sich zu scharen.</p>
<p>Wenn man dann auch noch unter Stress und Zeitdruck gerät, sind die Voraussetzungen für Groupthink erfüllt. Ein Phänomen, das deswegen so berüchtigt ist, weil es das Aussitzen, das Beharren auf einer Position oder auf zum Scheitern verurteilten Projekten unnötig verlängert. Die Gruppe hält im schlimmsten Fall solange an ihrer Entscheidung fest, bis sie ins Desaster führt.</p>
<p>So gesehen, war ich froh, dass sich für den jüngsten Zinsbeschluss der EZB &#8222;nur&#8220; eine Mehrheit gefunden hat.</p>
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		<title>Höhere Erfolgsquote?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Feb 2011 08:10:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenquote]]></category>
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		<category><![CDATA[Gruppenentscheidungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Frage, „Warum Deutschland eine Quote braucht“ (So der Titel des „Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 31. Januar), wird meist als Forderung nach einer späten Gerechtigkeit diskutiert. Inzwischen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel allerdings den Daumen gesenkt und die Debatte für sich abgehakt. Anders ihre Arbeitsministerin, Ursula von der Leyen, die die Quote weiterhin befürwortet. In [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Frage, „Warum Deutschland eine Quote braucht“ (So der Titel des „Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 31. Januar), wird meist als Forderung nach einer späten Gerechtigkeit diskutiert. Inzwischen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel<span id="more-871"></span> allerdings den Daumen gesenkt und die Debatte für sich abgehakt. Anders ihre Arbeitsministerin, Ursula von der Leyen, die die Quote weiterhin befürwortet. In derselben „Spiegel“-Ausgabe wird sie in einem Interview gefragt, auf welche Weise denn die Wirtschaft von den Frauen profitieren könne. Eine Frau sei nicht besser als die Männer, sondern anders, so die Antwort der CDU-Politikerin. Auf der anderen Seite steige das Risiko von Fehlentscheidungen, je homogener eine Gruppe sei. Und 97 % Männerquote in den Top-Gremien sein nun einmal „sehr homogen“, findet Frau von der Leyen. Ohne jetzt darüber urteilen zu wollen, ob allein die Zugehörigkeit zum selben Geschlecht Menschen einander schon sehr ähnlich macht, finde ich dennoch, dass die Ministerin hier einen wichtigen Punkt macht.</p>
<p>Denn tatsächlich kennen wir den Teamgeist, die Leistung und Leitung verschworener Kleingruppen aus den Finanzmärkten. Etwa in Gestalt von Anlageausschüssen oder Strategie- und Händlergruppen. Sie alle haben sich ursprünglich zusammengefunden oder wurden geschaffen, um sich gemeinsam besser für eine ungewisse Zukunft zu wappnen. Und dabei hat man versucht, möglichst homogene Teams zu schaffen, weil man glaubte, mit einer Gruppe von Gleichgesinnten weiter zu kommen als mit einer bunt zusammengewürfelten Schar von selbstbezogenen Solisten, prächtigen Paradiesvögeln und unbändigen Einzelkämpfern. Und sollte die Chemie dennoch einmal nicht mehr stimmen, führt im schlimmsten Fall ein kurzfristig engagierter Motivationstrainer die Gruppe an die Kletterwand oder auf himmelhohe Holzbalken im Outdoor-Parcours. Hier muss man sich gegenseitig sichern gegen den Absturz, hier lernt man zu vertrauen, sich fallen zu lassen und von den anderen aufgefangen zu werden. Und diese Erfahrung schweißt zusammen, vor allem gegen mögliche Kritiker. Trotzig klingt jetzt das Motto: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!“  Der Gleichklang von Einstellung und Gesinnung, das was etwa in Parteien den so genannten „Stallgeruch“ ausmacht, erhöht noch einmal das Vertrauen in die gemeinsam getroffenen Entscheidungen. Was aber, wenn externer Druck dazukommt, sich etwa plötzlich Misserfolge einstellen? Dann wächst die Gefahr, dass das Team dem so genannten „Groupthink“ verfällt. Ein Phänomen, das sich nach Meinung des Sozialpsychologen Irving R. Janis beim Club der guten, alten Buddies, also einer Gemeinschaft mit großem Zusammenhalt, besonders deutlich beobachten lässt.   </p>
<p>Gerade in den Finanzmärkten, aber auch in politischen Gremien, kann Groupthink zu kostspieligen Ergebnissen führen. Weil die Mitglieder dieser Gruppen irgendwann glauben, dass sie sich ohnehin im Besitz der Wahrheit befinden, und sich daher nicht mehr ausreichend informieren. Und wenn doch, dann nur, um Bestätigung für die eigene Position zu suchen. Mit der Folge, dass die Risiken eigener Entscheidungen unterschätzt, Beharren und Aussitzen begünstigt und Kritiker mundtot gemacht werden. Eine Serie schnell aufeinanderfolgender, kleinerer Erfolge beschleunigt diesen Prozess noch.</p>
<p>Ich würde mich zwar freuen, wenn Frau von der Leyen mit ihren Ausführungen auf das Groupthink-Problem angespielt haben sollte. Sie hätte damit zumindest theoretisch ein weiteres Argument für die Quote auf ihrer Seite. Nicht nur weil Frauen möglicherweise die Welt anders als Männer wahrnehmen. Oder weil sie mit externem Druck und Stress anders als ihre männlichen Pendants umgehen. In der Praxis dürfte es aber schwierig werden. Sicherlich: Das Klima in den Gremien könnte sich verändern, wenn mehr Frauen mit am Konferenztisch sitzen, hoffentlich wird dort in Zukunft auch lebhafter und kontroverser diskutiert – eine  Grundvoraussetzung übrigens dafür, das gefürchtete „Gruppendenk“ zu verringern.</p>
<p>Doch wenn man den Unternehmen die Frauenquote aufzwingt, werden sie dieser Pflicht nachkommen, indem sie vorzugsweise „homogene“ Frauen auswählen. Solche, die in die Männerrunde passen. Weil sie jenseits aller Geschlechtergrenzen eine gemeinsame corporate identity mit ihren Kollegen eint. Die Entscheidungen fielen dann wohl kaum anders aus als bisher, sie wären auch nicht unbedingt besser, nur weil jetzt ein gemischtes Team am Werke ist. Und Groupthink würde dadurch nicht vermieden. Der kleine Unterschied ist eben doch nicht so groß.</p>
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		<title>Meinungsverschiedenheiten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Nov 2010 12:01:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Man müsse den Widerspruch willkommen heißen, schrieb der Mathematik-Dozent Chandler Davis im Jahre 1959[1]. Er meinte damit den ernsthaften, systematischen und missionarischen Dissens, weniger aber den spielerischen, sporadischen oder gar anbiedernden Widerspruch. So sehr sollte man Meinungsverschiedenheiten schätzen, dass man sie nicht nur unermüdlich hervorbringen, sondern sich auch dagegen wehren müsse, wenn andere sie zu zerstören [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Man müsse den Widerspruch willkommen heißen, schrieb der Mathematik-Dozent Chandler Davis im Jahre 1959<a href="http://www.blognition.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/paste/pasteword.htm?ver=327-1235#_edn1">[1]</a>. Er meinte damit den ernsthaften, systematischen und missionarischen Dissens, weniger aber den spielerischen, sporadischen oder gar anbiedernden Widerspruch.<span id="more-6643"></span> So sehr sollte man Meinungsverschiedenheiten schätzen, dass man sie nicht nur unermüdlich hervorbringen, sondern sich auch dagegen wehren müsse, wenn andere sie zu zerstören drohten. Davis’ Appell blieb ungehört.</p>
<p>Der Professor verlor seine Dozentenstelle an der University of Michigan, nachdem er zuvor eine Gefängnisstrafe verbüßt hatte. Grund: Er hatte sich rundweg geweigert, mit dem Ausschuss des Repräsentantenhauses zur Untersuchung unamerikanischer Aktivitäten zusammenzuarbeiten. Davis hatte nämlich das Recht des Staates bestritten, ihn zu Erklärungen über seine politischen Überzeugungen zwingen zu können. Stattdessen berief er sich auf das Recht der Redefreiheit, das in der amerikanischen Verfassung festgeschrieben ist. Davis wurde wegen Missachtung des Kongresses verurteilt – ein Revisionsantrag wurde vom Obersten Gerichtshof nicht einmal zur Entscheidung angenommen.</p>
<p>Die Panikmache vor Kommunisten in den USA der 1950er ist ein klassisches Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn ein Verhaltensmuster, das sich normalerweise nur in kleinen Gruppen beobachten lässt, mit einem Male auf eine ganze Nation übergreift. Die Rede ist vom Phänomen des <em>Groupthink. </em>Es zeigt sich vor allem dann, wenn Gruppen infolge äußeren Drucks oder einer Bedrohung – sei sie real oder auch nur subjektiv empfunden – sehr stark zusammenrücken (Kohäsion), Konflikte zu minimieren versuchen und stark nach Übereinstimmung streben. Ein typisches Groupthink-Symptom ist die Selbstzensur. So ist es in solchen Gruppen üblich, auf Abweichler, die eine starke Meinung gegen die Werte und Normen der Gruppe vertreten, unmittelbar und massiv Druck auszuüben.</p>
<p>Und weil der Kommunismus seinerzeit als nationale Bedrohung angesehen wurde, kam es zu einer landesweiten politischen Verfolgung von verdächtigen &#8222;Roten&#8220;. Chandler Davis wurde in  diesem Zusammenhang von zehn Mitgliedern der Fakultät der &#8222;Doppelzüngigkeit, Listigkeit und Unaufrichtigkeit, wie man sie von einem Universitätskollegen kaum jemals erwartet hätte&#8220; bezichtigt.</p>
<p>Ob diese ideologische Säuberungswelle tatsächlich die Nation gerettet hat, bleibt indes zweifelhaft. Aber sie wirkt auch noch bis in die Gegenwart, wenn zum Beispiel Anhänger des rechten Flügels behaupten, die Gesundheitsreform der US-Regierung hätte den Beigeschmack des europäischen Sozialismus. Oder man denke an die Liberalen, die das TARP-Rettungsprogramm für die Banken als unternehmerisches Sicherheitsnetz verhöhnten. Davis bedauert übrigens, dass der politische Diskurs in den USA seit den Vorgängen der 1950er Jahre verarmt sei. Mehr noch würden die meisten Ideen zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit und der Kontrolle der Bürger über die Ökonomie von der politischen Debatte ausgeschlossen<a href="http://www.blognition.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/paste/pasteword.htm?ver=327-1235#_edn2">[2]</a>. Eine dieser Ideen, ein progressives Steuersystem, ist übrigens noch nicht einmal aufgegriffen worden, als im Zusammenhang mit der Diskussion um die Steuersenkungen des früheren Präsidenten Bush die Ungerechtigkeit der Einkommensteuer erörtert wurde. Auch kann niemand leugnen, dass die quantitativen Lockerungsprogramme der US-Notenbank in Höhe von womöglich zwei, fünf oder gar zehn Billionen US-Dollar letztlich nur vom Abstimmungsverhalten des Fed-Offenmarktauschusses (FOMC) abhängen. Wenn man Davis’ Ausführungen folgt, könnte man sogar so weit gehen und die Finanzkrise von 2008 und der Folgejahre abermals als eine nationale Bedrohung, ähnlich der des Kommunismus vor gut 50 Jahren, auffassen. Eine Krise, in deren Folge sich erneut die Tendenz zum Groupthink-Phänomen herausbildet, das nicht auf eine Kleingruppe begrenzt bleibt, sondern sich mindestens auf eine nationale Ebene ausgeweitet hat.</p>
<p>Davis geht sogar noch weiter, wenn er feststellt, dass der Gewinner das &#8222;Big Business&#8220; sei, wenn Gedanken zensiert und Abweichler mundtot gemacht würden: &#8222;Die Macht, bestimmte Ideen auszuschließen, dient der Macht der Unternehmen.“ Leider gäbe es keine politische Partei, die gegen Unternehmen anträte. Und er fügt verdeutlichend hinzu: &#8222;Ich bin für Wahlen, aber es gibt keine Möglichkeit, dass ich gegen Goldman Sachs stimmen kann.&#8220;</p>
<hr size="1" /><a href="http://www.blognition.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/paste/pasteword.htm?ver=327-1235#_ednref1">[1]</a> Davis, C. (1960): <em>From an Exile, </em>ed. R.O. Bowen (Holt, Rinehart &amp; Winston), Erstdruck in <em>The New Professors, </em>Copyright 1960</p>
<p><em> </em></p>
<p><a href="http://www.blognition.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/paste/pasteword.htm?ver=327-1235#_ednref2">[2]</a> Hedges, C. (2010): <em>The Origin of America’s Intellectual Vacuum</em>, 15. November 2010 in truth-out.org</p>
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		<title>Frischer Wind in Jackson Hole</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Aug 2010 12:52:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Fed]]></category>
		<category><![CDATA[Groupthink]]></category>
		<category><![CDATA[Illusion der Einmütigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Irving R. Janis]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitdruck]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Heute früh habe ich mich richtig gefreut, als mich mein Mitstreiter Todo auf einen Artikel aufmerksam machte1, in dem zu lesen war, wie die Erkenntnisse der Behavioral Economics offenbar sogar das für die Finanzmärkte so wichtige Treffen der US-Notenbank in Jackson Hole erreicht haben. Denn Thomas Hoenig, Chef der Kansas City Fed2, hatte eine blendende [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Heute früh habe ich mich richtig gefreut, als mich mein Mitstreiter <em>Todo</em> auf einen Artikel aufmerksam machte<sup>1</sup>, in dem zu lesen war, wie die Erkenntnisse der <em>Behavioral Economics </em>offenbar sogar das für die Finanzmärkte so wichtige<span id="more-386"></span> Treffen der US-Notenbank in Jackson Hole erreicht haben. Denn Thomas Hoenig, Chef der Kansas City Fed<sup>2</sup>, hatte eine blendende Idee, als er die Liste der dorthin geladenen Gäste drastisch zusammenstrich.</p>
<p>Thomas Hoenig, bislang vor allem dadurch aufgefallen, dass er als einziges stimmberechtigtes Mitglied des Offenmarktausschusses der US-Notenbank gegen den derzeitigen Kurs der Fed votierte, machte sich nämlich Sorgen. Um beim Symposium in Jackson Hole so genannte<em> Groupthink-Effekte </em>zu vermeiden, verzichtete er nicht nur auf einige Mitglieder regionaler Notenbanken, sondern auch auf bedeutende Analysten wie den Chefökonom von Goldman Sachs. Stattdessen lud er mehr internationale Notenbanker ein.</p>
<p>Auch wenn manche der Nichtberücksichtigten innerlich vor Wut schäumen mögen, hat sich Hoenig offenbar Gedanken um die Qualität der Ergebnisse dieses weltweit beachteten Symposiums gemacht. Denn bislang waren in Jackson Hole offenbar alle Voraussetzungen dafür gegeben, dass das <em>Groupthink-Phänomen</em><sup>3</sup> so richtig aufblühen konnte. Weil sich dort alljährlich fast immer die gleichen Gesichter im 100 Personen fassenden Sitzungssaal der idyllisch gelegenen, aber weitgehend abgeschotteten Jackson Lake Lodge trafen. Menschen die sich teilweise schon lange kannten und vermutlich auch noch ganz ähnlich tickten. Experten, deren Denkweisen und Diskussionsbeiträge mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der gleichen ökonomischen Schule beruhten. Persönlichkeiten, die am Ende ganz leicht zu einer (illusionären) Einmütigkeit gelangen können. Zumal die Erwartungen an das Symposium angesichts der Finanzkrise immer höher gesteckt wurden.</p>
<p>Kurzum: Auch wenn Thomas Hoenig an einigen Voraussetzungen für <em>Groupthink</em> (Abschottung, externer Stress, Zeitdruck) nicht viel ändern konnte, hat er mit dem neuen Mix an Teilnehmern zumindest die Wahrscheinlichkeit eines guten Denk-Ergebnisses in Jackson Hole deutlich verbessert. Weil frisches Blut im Symposium die Meinungsvielfalt erhöhen kann und auch kontroverse Diskussionen wieder ermöglicht werden.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><sup>1 </sup>Bloomberg.com</p>
<p><sup>2</sup> Die Federal Reserve Bank von Kansas City organisiert das Treffen von Jackson Hole</p>
<p><sup>3 </sup>Das Groupthink-Phänomen geht auf den Sozialpsychologen Irving L. Janis zurück, das  dieser vor mehr als 35 Jahren entwickelt hat.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kein Umfaller</title>
		<link>https://www.joachim-goldberg.com/kein-umfaller/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Aug 2010 13:23:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Märkte]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Axel Weber]]></category>
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		<category><![CDATA[Normabweichung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Was haben einige Kommentatoren heute Axel Weber kritisiert, weil er seine Meinung hinsichtlich der Liquiditätsmaßnahmen seitens der EZB geändert hat. Manch einer bescheinigt dem ehemaligen Oberfalken nicht nur, er sei zur Taube mutiert. Nein, es ging soweit, dass er sogar als „Umfaller“ tituliert wurde – womöglich, weil er seine Chancen verbessern wolle, um im Jahr [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/kein-umfaller/">Kein Umfaller</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Was haben einige Kommentatoren heute Axel Weber kritisiert, weil er seine Meinung hinsichtlich der Liquiditätsmaßnahmen seitens der EZB geändert hat. Manch einer bescheinigt dem ehemaligen Oberfalken nicht nur, er sei zur Taube mutiert. Nein, es ging soweit, <span id="more-365"></span>dass er sogar als „Umfaller“ tituliert wurde – womöglich, weil er seine Chancen verbessern wolle, um im Jahr 2011 Nachfolger von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet zu werden.</p>
<p>Natürlich hat sich der Bundesbankchef Anfang Mai mit Trichet und anderen Ratsmitgliedern der EZB offen angelegt als er sich kritisch zu den Anleihekäufen äußerte. Man könnte auch sagen, er war in der EZB das, was der Fed-Präsident von Kansas, Thomas Hoenig, für die US-Notenbank war: Ein einsamer Rufer in Sachen Inflationsbekämpfung. Solche Persönlichkeiten spielen in Gremien wie dem EZB-Rat nicht nur die Rolle eines advocatus diaboli. Vielmehr sind sie Beleg dafür, dass bei Entscheidungen von so großer Tragweite nicht nach dem Motto „eine Meinung, eine Information, eine Lösung“ verfahren wird, sondern auch kritisches Denken gefragt ist. Letztlich, um auch zu guten Entscheidungen zu kommen und nicht Opfer des so genannten <em>Groupthink</em>-Modells zu werden, für das das Streben nach gemeinsamen Normen und Harmonie (als Selbstzweck) eine Randbedingung darstellt.</p>
<p>So gesehen waren die kritischen Stimmen seinerzeit, Weber habe sich mit seiner offen vorgetragenen Kritik nicht diplomatisch verhalten, nicht hilfreich. Denn Groupthink kann gerade an den Finanzmärkten verheerende Auswirkungen haben, weil nicht mehr ausreichend nach Informationen gesucht wird und nur Meldungen Beachtung finden, die die Position rechtfertigen oder bestätigen. Die Folge: Mögliche Risiken einer Entscheidung werden  unterschätzt. Und so wird manches, offensichtlich zum Scheitern verurteilte Projekt unnötig verlängert, an manch politischer Entscheidung so hartnäckig festgehalten, bis sie in ein Desaster führt – die Geschichte kennt dafür zahlreiche Beispiele.</p>
<p>Wenn sich Axel Weber am Ende für eine Verlängerung der expansiven Politik bis ins kommende Jahr ausspricht, mag dies als Modifikation einer früheren Ansicht gewertet werden, mit der im Übrigen von Anfang an ein hohes Commitment verbunden war. Weil sie gegen eine Gruppennorm verstieß und auch noch öffentlich geäußert wurde. Solch eine Meinung ist nicht so einfach zu ändern und wird ganz bestimmt nicht plötzlich auf dem Altar der Diplomatie geopfert. Sie im Ernstfall zu überdenken, ist nicht als „Umfallen“ zu werten. Sondern, wenn Weber seine Einstellung wirklich geändert hat, sogar als Zeichen der Stärke.  Dann werden wir uns allerdings die Frage stellen müssen, was den Bundesbankpräsidenten tatsächlich zur Aufgabe dieses Commitments gezwungen hat<span id="_marker"> </span></p>
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