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	<title>Gesellschaft Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Game-Stopp bei GameStop</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Jan 2021 05:53:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktienmärkte]]></category>
		<category><![CDATA[Dollar am Morgen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nein, Devisenhandel hat gestern kaum jemanden interessiert. Genauso wenig wie einige wichtige ökonomische Daten aus den USA. Dass dort das Bruttoinlandsprodukt in der ersten Schätzung im vierten Quartal 2020 gerade einmal um 4 Prozent (annualisiert) gestiegen ist, stellte für die Akteure keine Überraschung dar. Auch wenn die Medianschätzung der Ökonomen etwas höher lag. Und was [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Nein, Devisenhandel hat gestern kaum jemanden interessiert. Genauso wenig wie einige wichtige ökonomische Daten aus den USA. Dass dort das Bruttoinlandsprodukt in der ersten Schätzung im vierten Quartal 2020 gerade einmal um 4 Prozent (annualisiert) gestiegen ist, stellte für die Akteure keine Überraschung dar. Auch wenn die Medianschätzung der Ökonomen etwas höher lag. Und was die gestern ebenfalls publizierten Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe angeht, tue ich mich schwer, dass ich bei einem Zuwachs von 847 Tsd. Anträgen (Woche zum 22. Januar) schreiben soll, dass sie besser als von den Ökonomen im Mittel erwartet ausgefallen sind. Denn die Betroffenen warten weiterhin auf Hilfe aus dem Konjunkturpaket.</span></p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Überhaupt traten auch andere wichtige Daten wie die US-Quartalszahlen einiger Aktienunternehmen in dieser Woche oder der Ausgang der US-Notenbanksitzung am vergangenen Mittwoch in der Wahrnehmung der Akteure in den Hintergrund. Denn es gab Wichtigeres zu begutachten. Die Rede ist von den Aktien GameStop und Co., die auch die Schlagzeilen hierzulande füllten.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;"><strong>Die vielen Kleinen gegen die Großen</strong></span></h3>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Nun wollte ich eigentlich nicht über den Battle einer der größten Anleger-Communities im Internet (Wallstreetbets auf Reddit) gegen einige Hedgefonds-Manager schreiben, bei dem – angeführt von der GameStop-Aktie – der Kurs mehrerer Aktien durch die Decke geschossen war (eine ausführliche Darstellung der Ereignisse finden Sie etwa bei faz.net <strong><a href="https://www.faz.net/aktuell/finanzen/boersenkrimi-gamestop-privatanleger-treiben-preis-nach-oben-17166386.html" target="_blank" rel="noopener"><span style="color: #000000;">HIER</span></a></strong>).</span></p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Die einen, die Hedgefonds, hatten die GameStop-Aktie in großem Stil in Form von Leerverkäufen „geshortet“. Die anderen, die Kleinanleger, taten sich unter anderem über vorgenannte Plattform zusammen und kauften unter anderem massiv Call-Optionen. Und zwar in einer Größenordnung, die die Hedgefonds durch Rückkäufe ihrer Short-Positionen in eine sogenannte Squeeze trieben, die bei GameStop in der Spitze zu Kursgewinnen von über 1.900 Prozent allein in diesem Monat führten.</span></p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Eine Geschichte, wie sie ein Moralphilosoph nicht besser hätte schreiben können. Die vielen Davids in Form von Kleinanlegern und Daytradern hatten den Goliath, die Hedgefonds, geschlagen. Die guten Aktienkäufer übermannten die „bösen“ Leerverkäufer; so stellte sich in meiner Wahrnehmung das gängige Narrativ dar. Auch wenn ich diese Klassifizierung in keiner Weise teile.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;"><strong>Regeländerung mit großer Wirkung</strong></span></h3>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Für mich ist an dieser ganzen Geschichte nur eines wichtig: Sie stellt ein wichtiges Ingredienz zu einer Blase im Aktienmarkt – zumindest nach der Definition des Ökonomen Charles Kindleberger (vgl. meinen Beitrag <strong><span style="color: #000000;"><a style="color: #000000;" href="https://www.joachim-goldberg.com/2021/01/26/verflogene-inflationserwartungen/" target="_blank" rel="noopener">HIER</a></span></strong>) – dar. Denn die Bewertung der GameStop-Aktie hatte vor allen Dingen deswegen stratosphärische Höhen erreicht, weil man sich als Trader sicher wähnte, jemanden zu finden, der bereit war, einen noch höheren Preis zu zahlen. Und das auch noch mit vergleichsweise geringem Einsatz mit Hilfe von Optionen mit starker Hebelwirkung. Es blieb nur noch die Frage, welche Aktien die Kleinanleger als nächstes in Form von organisierten Käufen in Angriff nehmen würden.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><strong><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Im Margin-Würgegriff</span></strong></h3>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Aber diesem Treiben ist nun zunächst Einhalt geboten worden. Und zwar in einer Form, wie man sie in den USA vom American Wrestling kennt. Der Außenseiter hat den Favoriten im Würgegriff und den Sieg fast schon in der Tasche, wenn da nicht plötzlich ein anderer Akteur von außen in das Geschehen eingreifen und dem Beinahe-Sieger einen Klappstuhl an den Kopf donnern würde und somit dem Favoriten doch noch zu einem unfairen Sieg verhilft.</span></p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">So könnten dies zumindest die teilweise wütenden Trader erlebt haben, als, wie gestern geschehen, ein Broker „im Interesse seiner Kunden“ zeitweise keine neuen Aktien-Käufe in den normalerweise illiquiden Titeln von GameStop und Co., sondern nur das Glattstellen bestehender Long-Positionen erlaubte. Oder ein anderer Broker nur noch das Glattstellen im bereits Besitz befindlicher Optionen gestattete. Gepaart mit der Anweisung, dass Aktien-Long-Positionen bis auf weiteres mit einer ausgesprochen hohen und für Trader völlig unattraktiven Margin von 100 bzw. für Short-Positionen sogar mit einer Margin von 300 Prozent unterlegt werden müssen.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Zum Glück ist der EUR/USD-Handel so liquide, dass man nicht zu solchen Mitteln greifen muss. Dafür war es aber gestern vergleichsweise langweilig, zumal weder <strong>1,2005/10</strong> an der Unterseite (Auslöser für einen weiteren Momentumsverlust des mittelfristigen Aufwärtstrends) noch <strong>1,2235</strong> (zur Beendigung der Korrekturentwicklung) verletzt wurden.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;"><strong>Hinweis</strong></span></p>
<p><span style="font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;">Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.</span></p>
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		<title>Wahrheit – eine Frage der Wahrnehmung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Jan 2017 16:09:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<category><![CDATA[selektive Weitergabe von Informationen]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-9381 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2017/01/Spiegelhalle-300x114.jpg" alt="" width="300" height="114" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2017/01/Spiegelhalle-300x114.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2017/01/Spiegelhalle-768x293.jpg 768w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2017/01/Spiegelhalle.jpg 810w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Angeblich leben wir ja bereits seit einigen Jahren in einem postfaktischen Zeitalter, und der Begriff Fake News, womit vor allem gezielte Desinformationen aus dem Internet gemeint sind, ist spätestens seit der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA in aller Munde. Tatsächlich gewinnt man den Eindruck, als ob es vor der Entstehung der sozialen Netzwerke im Internet sowohl in den Medien als auch im zwischenmenschlichen Umgang die Wahrheit und nichts als die Wahrheit verlautbart worden war. So als ob wir immer nur offen und ehrlich miteinander umgegangen wären und es Lügen oder gar bewusst gestreute Falschinformationen im sogenannten faktischen Zeitalter nie gegeben hätte.</p>
<p>Ich selbst habe bereits bei meinen ersten Erfahrungen als Devisenhändler Anfang der 1980er Jahre erlebt, wie der permanente Einfluss von Informationen unser Entscheidungsverhalten beeinflusst. Das war zu einer Zeit, als es in den Finanzmärkten nur wenige mediale Möglichkeiten gab, Informationen zu verbreiten und zu empfangen. Verglichen mit heute lebten wir informationstechnisch gesehen in einer Wüste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Fake News gibt es schon lange</strong></p>
<p>Tatsächlich gab es im Handelssaal ein Telex-Gerät, das ein paar Mal am Tag klingelte, wenn es Neuigkeiten aus der Wirtschaft gab. Und als der erste Bildschirm der Nachrichtenagentur Reuters im Raum installiert wurde, betrachteten ihn viele Händler fast als so etwas wie Teufelszeug. Mit anderen Worten: Vor knapp 40 Jahren wurden während eines Handelstages nur wenige harte Fakten publiziert. Vielmehr bestand der größte Teil dessen, was man in den Finanzmärkten untereinander austauschte, aus Gerüchten. Gerüchte, die sich manchmal als wahr, ein anderes Mal jedoch als falsch herausstellten. Kamen diese Neuigkeiten von guten Händler-Freunden, denen man vor allen Dingen deshalb vertraute, weil man sie bei einem Forex-Treffen (jährliches Treffen der Devisenhändler) oder beim Besuch einer befreundeten Bank persönlich kennengelernt hatte, hatten diese naturgemäß eine höhere Wertigkeit. Als seriös galt, wen man gut zu kennen glaubte.</p>
<p>Wichtiger noch als Quelle und für wie seriös wir diese hielten, war jedoch die Frage, ob die Information zum bestehenden Engagement, etwa zu einer Long-Position in US-Dollar gegen D-Mark, passte. Damals wie heute wurden Nachrichten und Daten selektiv wahrgenommen. Was zur Position passte, wurde in seiner Bedeutung überschätzt, und das, was den Erfolg des Engagements hätte bedrohen können, wurde heruntergespielt oder sogar schlichtweg ignoriert. Einziger Unterschied zu heute: Damals gab es die Forschungsdisziplin der Behavioral Finance noch nicht. Und deshalb war niemandem bewusst, wie selektiv er genau wie alle anderen auch Informationen bewertete.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Selektive Wahrnehmung entscheidet</strong></p>
<p>Und das hatte Auswirkungen auf die Gespräche mit Kollegen und befreundeten Händlern, mit denen man permanent, in erster Linie telefonisch, in Kontakt stand. Und wenn ein Engagement schiefging, dann waren natürlich oft falsche Gerüchte – gemeinhin als Ente oder Lüge bezeichnet – daran schuld, weil die einen in die Irre geführt hatten.</p>
<p>Heute sagt man dazu „Fake News“.</p>
<p>Auch damals gab es (gerade von den Verlierern) immer wieder die Forderung, man müsse die Verbreiter von Fehlinformationen aufs Schärfste bestrafen. Eine Forderung, die übrigens niemals in die Tat umgesetzt wurde. Vermutlich, weil dies in der Realität ohnehin unmöglich gewesen wäre, aber vor allen Dingen, weil es bei der Desinformation nicht nur Verlierer, sondern auch Profiteure gab.</p>
<p>Aber auch ein anderer wesentlicher Aspekt darf nicht außer Acht gelassen werden. Gerade aufgrund der selektiven Wahrnehmung und Weitergabe von Informationen gab es nicht die prinzipielle Unterteilung in Gut und Böse. Es gab auch nicht Quellen, die immer im Besitz der Wahrheit waren oder ausschließlich Lügen verbreiteten. Gefragt war, was gerade passte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Steigende Informationsflut</strong></p>
<p>Auch die Zeitungen waren damals relativ leicht einzuordnen. Wer konservativ war, konnte sich darauf verlassen, in einem bestimmten Blatt Informationen und Meinungen zu finden, die sein Weltbild bestätigten. Und wer sich eher links einordnete, wusste ganz genau, welche Tageszeitung er kaufen musste, um seine politische Ansicht gut vertreten zu fühlen. Und prinzipiell galt: Medien des politischen Gegners logen sowieso immer.</p>
<p>Der wesentliche Vorteil der (auch nicht) „guten, alten Zeit“ bestand jedoch darin, dass die verfügbaren Informationen für uns auch schon seinerzeit aufgrund ihrer Vielzahl sowohl wahrnehmungstechnisch als auch bei der Verarbeitung schnell zu einer gewissen Überforderung führten. Aber die Anzahl der eintreffenden Nachrichten war dennoch im Vergleich zu heute noch überschaubar, und der europäische Devisenhandel war spätestens um 17:30 Uhr beendet. Ein einziger Anruf in einer anderen Zeitzone, etwa in New York am späten Abend zu mitteleuropäischer Zeit, genügte, um sich bei einem dortigen Händler über die wichtigsten Geschehnisse des Tages zu informieren. Natürlich selektiv aufbereitet. Und manchmal konnte man in diesen Gesprächen sogar heraushören, ob der Kollege gerade am Gewinnen oder Verlieren war.</p>
<p>Es mag wie eine Binsenweisheit klingen, wenn man heutzutage behauptet, in den vergangenen 40 Jahren hätte sich vieles verändert. Dies gilt zumindest hinsichtlich der Informationsmenge, die natürlich nicht auf die Finanzmärkte beschränkt ist, sondern uns längst im Alltag begleitet. Auch die Verbreitungsgeschwindigkeit von neuen Nachrichten hat sich exponentiell gesteigert. Was die Standardmedien angeht, kann man auch nicht mehr zwischen links und rechts unterscheiden, weil sich die Maßstäbe und gesellschaftlichen Normen verändert und verschoben haben. Etwa derart, dass man heute statt zwischen rechts und links, progressiv oder konservativ eher zwischen Anhängern und Gegnern des Establishments unterscheiden könnte. Während die Gegner Medien, die dem Establishment nahestehen, generell als Lügenpresse verunglimpfen, sehen die Vertreter des Establishments nur zu gerne das, was von den Gegnern geäußert wird, als Verschwörungstheorie an.</p>
<p>Beide Pauschalisierungen sind vereinfachend, polarisierend und falsch.</p>
<p><strong><br />
</strong></p>
<p><strong>Veränderter Freundschaftsbegriff</strong></p>
<p>Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, sondern hat zwischen diesen beiden Extremen eine Vielzahl von Grautönen. Viel bedeutsamer als diese Unterscheidung sind Charakter und Wesen der sogenannten Freundschaftsbeziehungen, die sich gravierend verändert haben und deren Anzahl ich dank Facebook im Gegensatz zu früher massiv steigern konnte. Von den mehr als 800 sogenannten Freunden kenne ich selbst zwar nur einen Bruchteil. Die meisten sind Freunde von Freunden, die irgendetwas miteinander – und daher auch mit mir – gemeinsam zu haben scheinen.</p>
<p>Auch wenn ich mittlerweile intern zwischen guten und weniger guten Freunden unterscheide, impliziert der Begriff des Freundes doch generell, dass dieser irgendwie ähnlich denkt wie ich und, was noch viel wichtiger ist, in meinen Augen als zuverlässige Quelle seriöser Informationen gilt. Leider ein Trugschluss, wie sich immer wieder herausstellt.</p>
<p>Facebook möchte nun eindeutige Falschmeldungen, die im Netz herumschwirren, auch mittels eines Recherchebüros („Correctiv“) herausfiltern und als solche kennzeichnen. Diese vordergründig gut gemeinte Idee hat jedoch auch wieder einen Haken. Denn die Mitarbeiter dieses Unternehmens sind natürlich auch nicht unvoreingenommen, und jeder von ihnen hat seine eigene Weltanschauung und unterliegt wie alle anderen auch der selektiven Wahrnehmung von Informationen.</p>
<p>Wenn man diesen Faden weiterspinnt, mag das Hauptproblem von Fake News (früher falsche Gerüchte oder Enten genannt) gar nicht einmal allein in deren Produktion liegen, sondern darin, ob deren Empfänger bereit sind, diese wahrzunehmen und zu glauben. Und wie in den Finanzmärkten gilt auch im Leben: Was zur Position (Weltanschauung) passt, wird bevorzugt angenommen und auch gerne weitergegeben. Und was nicht ins eigene Weltbild passt, wird in seiner Aussagekraft heruntergespielt, vielleicht sogar der Lächerlichkeit preisgegeben oder gleich ganz als Fake oder Lügenpresse abgetan.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/wahrheit-eine-frage-der-wahrnehmung/">Wahrheit – eine Frage der Wahrnehmung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Kurzgeschnittene Wahrheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Dec 2016 08:00:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Komplexitätsreduzierung]]></category>
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		<category><![CDATA[Kontrollverlust]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eigentlich gehe ich gerne zum Friseur, denn dort kann ich stets auch ein wenig entspannen. Manchmal unterhalte ich mich auch mit der Friseurin, deren Alter ich auf deutlich unter 30 Jahren schätze, und dann plaudern wir über alles, was uns im Alltag beschäftigt. Aber bei meinem jüngsten Besuch ging es in unserem Gespräch nicht um [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-9327 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/12/Barbier-300x114.jpg" alt="" width="300" height="114" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/12/Barbier-300x114.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/12/Barbier.jpg 695w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Eigentlich gehe ich gerne zum Friseur, denn dort kann ich stets auch ein wenig entspannen. Manchmal unterhalte ich mich auch mit der Friseurin, deren Alter ich auf deutlich unter 30 Jahren schätze, und dann plaudern wir über alles, was uns im Alltag beschäftigt. Aber bei meinem jüngsten Besuch ging es in unserem Gespräch nicht um Rezepte für Weihnachtsplätzchen oder wohin man das nächste Mal in den Urlaub fahren könnte. Stattdessen erfuhr ich beim Haareschneiden, dass mein Gegenüber politisch viel besser informiert war, als ich es je vermutet hätte.</p>
<p>Sicherlich hätte man den Mord an einer Freiburger Studentin, mit einem unbegleiteten minderjährigen Flüchtling als mutmaßlichem Täter, auch noch als typisches Skandalthema abtun können, wie es gerne zwischen Waschen, Schneiden, Föhnen erörtert wird. „Wissen Sie, wir werden permanent schlecht und falsch informiert – Spiegel, Focus, alles Lügenpresse“, brach es jedoch plötzlich aus der Friseurin hervor. Auch bei den Terroranschlägen des 11. September 2001 sei die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt worden, „das waren doch die Amerikaner selber [die den Anschlag verübten]“, bedeutete sie mir. Woher sie denn diese brisanten Informationen habe, fragte ich vorsichtig. Konkret konnte sie mir das natürlich nicht sagen, aber immerhin seien doch das Internet und die sozialen Medien voll davon, erfuhr ich. Wenn so viele das sagen, muss doch etwas dran sein, erläuterte sie mir. Damit war klar, dass sie offensichtlich alles, was in der Presse zu erfahren ist, für manipuliert und gelogen hielt und daraus die Schlussfolgerung gezogen hatte, dass diejenigen, die diese (vermeintlichen) Lügen aufdeckten, im Besitze der Wahrheit sein müssten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ja, aber</strong></p>
<p>Ich wollte keinen Streit anfangen, zumal die Friseurin schon begonnen hatte, während sie das alles mit erregter Stimme vorbrachte, aufgeregt mit dem Kamm die Luft zu durchfurchen. Doch fühlte ich mich verpflichtet, der jungen Frau zu erklären, dass diejenigen, die andere der Lügen- oder Lücken-Presse bezichtigten, nicht notwendigerweise ehrlich sein müssten. Beinahe glaubte ich, Erfolg gehabt und mein Gegenüber überzeugt zu haben, denn sie hielt beim Haareschneiden inne und schien für einen Moment sehr konzentriert nachzudenken. Aber spätestens, als sie die Schere mit dem berühmten „Ja, aber“ am Haaransatz oberhalb meines Ohres wieder ansetzte, hätte mir klar sein müssen, dass ich genauso gut gegen eine Wand hätte reden können.</p>
<p>„Haben Sie sich schon einmal die Rückseite Ihres Personalausweises genauer angesehen? – Da kann man bei genauem Hinsehen den Teufel erblicken!“ Und zum Beweis zeigte sie mir ihren Personalausweis (in der alten Ausführung). Ich drehte die Karte hin und her, aber wollte absolut keinen Teufel erkennen. „Mit etwas Fantasie kann ich ein Fruchtbarkeitssymbol, vielleicht so etwas wie eine abstrakte Gebärmutter und einen Phallus oder so etwas Ähnliches erkennen. Aber den Gehörnten?“ „Sie sehen doch nur, was Sie sehen wollen!“ erwiderte meine charmante Friseurin. „Und Sie?“ – Schweigen. Ich gab auf, denn ich wusste, sie würde auch beim Betrachten einer Aufnahme  von den Wolkenkratzern des 11. Septembers in New York in den auf dem Foto befindlichen Wolken womöglich die Fratze des Bösen erkennen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Kontrollbedürfnis sucht einfache Erklärungen</strong></p>
<p>Es ist wohl dem menschlichen Bedürfnis nach Kontrolle geschuldet, dass es für die wichtigen Dinge, die wir erleben, eine Ursache oder zumindest eine Erklärung geben muss. Viele Menschen halten den Kontrollverlust, den sie erleben, wenn sie bedeutsame Ereignisse nicht einem bestimmten Urheber zuschreiben können, kaum aus. Und Erklärungen, die plausibel scheinen, weil sie auch noch ein passendes Ventil für Empörung und Schuldzuweisung bieten oder besonders gut ins eigene Weltbild passen, sind besonders beliebt.  Anders ausgedrückt: Wer solche Erklärungen anbieten kann, gilt automatisch als glaubwürdig und ehrlich, weil er im Besitz des Mittels gegen einen als bedrohlich empfundenen Kontrollverlust ist. Kein Wunder, wenn neben diesen Erklärungen auch alle anderen Informationen ungeprüft als Wahrheit akzeptiert werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>…, die nicht richtig sein müssen </strong></p>
<p>Aus den Erkenntnissen der Verhaltensökonomik weiß man ohnehin, dass die Verfügbarkeitsheuristik dafür sorgt, dass farbige, auffällige, zeit- und ortsnahe Informationen gegenüber anderen bevorzugt wahrgenommen werden. Am besten kommt eine Geschichte an, in der ein Ereignis oder eine Aktion geheimen Machenschaften mächtiger Menschen zugeschrieben wird, die selbst nur im Verborgenen tätig sind, also mithin Verschwörungstheorien. Und wenn dann auch noch prominente oder anerkannte Autoritäten solche mitunter ziemlich zweifelhaften Erklärungen implizit oder explizit bestätigen, dann verleihen sie diesen so etwas wie ein Gütesiegel. Möglicherweise werden somit Lügen zur Wahrheit verklärt.</p>
<p>Nicht dass jene anerkannten Autoritäten, zu denen naturgemäß auch die Politiker zählen, in der Vergangenheit nie gelogen oder Geschichten erfunden hätten. Das dramatische Wesen der heutigen sogenannten Post-Fact-Welt liegt darin, dass – und gerade das Beispiel Donald Trump zeigt uns dies besonders gut – Lügen plötzlich egal und wenn auch nicht legal, so doch zumindest legitim zu sein scheinen. Und kommen sie aus der Politik, bleiben sie sogar ungeahndet. Im Gegenteil: Wer besonders dreist lügt, bekommt besonders viel Zuspruch. Eine Dreistigkeit, die nur deswegen möglich ist, weil sie eben auf einfach und schnell begreifbare Erklärungen rekurriert. Möglicherweise nicht einmal, weil die Menschen jemand gesucht haben, der ihnen eine bessere Zukunft verspricht. Es ist ausgerechnet die Transparenz des Internets, die zu einer solch horrend großen Menge an Information geführt hat, dass wir dieser aufgrund unserer begrenzten menschlichen Aufnahmekapazitäten nicht mehr Herr werden können.</p>
<p>Auf der Suche nach Transparenz und Wahrheit ist es zu einem Information-Overkill, einem Gemisch von Wahrheiten und Lüge und einem Kontrollverlust gekommen, der eben zu einer selektiven Wahrnehmung des Einfachen, leicht Erklärbaren führt. Verbunden mit dem Nachteil, dass diese Vereinfachungen und Komplexitätsreduzierungen dennoch nicht zur Wahrheit führen müssen. Informationen, mit denen meine Friseurin und ich demnächst wählen gehen. Gut möglich, dass wir uns beide so oder so für das Falsche entscheiden.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/kurzgeschnittene-wahrheit/">Kurzgeschnittene Wahrheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Ein denkwürdiges Jubiläum</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Nov 2016 10:14:51 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Heute wird die T-Aktie 20 Jahre alt – wahrscheinlich nicht für jeden ein Grund zum Feiern. Und wenn ich heutzutage bei Veranstaltungen oder auch in meinem Bekanntenkreis nachfrage, wer denn noch T-Aktien von damals im Depot habe, sind es doch immer noch überraschend viele, die diesem Wert die Treue gehalten haben. Sicherlich nicht immer aus [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/ein-denkwuerdiges-jubilaeum/">Ein denkwürdiges Jubiläum</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8860 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/05/Fotolia-Mikro-300x114.jpg" alt="Fotolia Mikro" width="300" height="114" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/05/Fotolia-Mikro-300x114.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/05/Fotolia-Mikro.jpg 695w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Heute wird die T-Aktie 20 Jahre alt – wahrscheinlich nicht für jeden ein Grund zum Feiern. Und wenn ich heutzutage bei Veranstaltungen oder auch in meinem Bekanntenkreis nachfrage, wer denn noch T-Aktien von damals im Depot habe, sind es doch immer noch überraschend viele, die diesem Wert die Treue gehalten haben. Sicherlich nicht immer aus Überzeugung und wegen großer Erfolgsaussichten der Aktie, sondern häufig leider wegen teils horrender Buchverluste, die bis heute nicht realisiert worden sind.</p>
<p>Die T-Aktie war vor 20 Jahren der Beginn dessen, was man seinerzeit mit dem Begriff Börsenkultur verband. Und tatsächlich konnte die Aktie anfangs vom damaligen Börsenboom profitieren, der kurz nach der Jahrtausendwende dann sein jähes Ende fand. Viele Menschen, die auch aufgrund teils massiver Werbung zum allerersten Mal eine so genannte Volksaktie ihr Eigen nennen konnten, mussten in den folgenden Jahren erleben, dass es an der Börse eben nicht nur nach oben geht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Klassiker der Behavioral Finance</strong></p>
<p>Hatten die Akteure am Anfang noch die Erwartung, dass es sich bei den Kursrückgängen, die im Februar 2000 begannen, nur um „gesunde Korrekturen“ handelte, sollte sich dies später als Trugschluss herausstellen. Dennoch wurden viele schal gewordene Engagements ausgesessen, mancherorts gar zusätzlich in den fallenden Markt durch Hinzukäufe erhöht, um den Einstandspreis der früheren Transaktionen so zu „verbilligen“. Letztlich natürlich mit der Absicht, noch mit einigermaßen heiler Haut aus der ganzen Geschichte herauszukommen, wenn sich der Kurs erst einmal erholt hätte. Viele Anleger von damals haben selbst diese verbilligten Einstandspreise nie mehr wiedergesehen und wären heute vermutlich bereit, sogar  zu erheblich niedrigeren Preisen (um 18 Euro herum?) ihre T-Aktien aus ihren Depots zu werfen.</p>
<p>Die T-Aktie steht also für all das was man an der Börse an emotionalen Zuständen erleben kann: Hoffnung, Freude, Gier, Euphorie, Angst, Panik und manchmal auch Verzweiflung. Und wenn man Entscheidungen von Börsianern aus Sicht der Behavioral Finance beurteilen möchte, dient die Entwicklung der T-Aktie als klassisches Beispiel dafür, was man an den Finanzmärkten richtig und was man alles falsch machen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Special von börse.ard.de</strong></p>
<p>Das Jubiläum war daher für börse.ard.de Grund genug, ein Special online<strong> <em>20 Jahre T-Aktie: Ein Phänomen an der Börse</em></strong> zu produzieren, in dem<strong>,</strong> neben vielen bekannten Zeitzeugen<strong>,</strong> auch ich zum Interview gebeten wurde. Das komplette Special finden Sie <span style="color: #808000;"><a style="color: #808000;" href="http://multimedia.boerse.ard.de/20-jahre-t-aktie#2728" target="_blank"><strong>HIER</strong></a> </span>und meinen eigenen Beitrag <span style="color: #ff0000;"><a style="color: #ff0000;" href="http://multimedia.boerse.ard.de/20-jahre-t-aktie#2526" target="_blank"><strong>HIER</strong></a></span>.</p>
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		<title>Trump und &#8222;The New Normal&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Nov 2016 15:20:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Selten hat eine Präsidentschaftswahl in den USA die westlichen Gesellschaften so gespalten. Und auch knapp eine Woche nach der Wahl scheinen sich viele Menschen noch nicht an deren Ergebnis gewöhnt zu haben. Vor allem, weil sich die Umfrageinstitute in dramatischer Weise geirrt haben. Und es scheint fast so, als ob die Angst, womöglich nicht der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-9275 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2-300x114.jpg" alt="ankerhirn" width="300" height="114" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2-300x114.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2-768x293.jpg 768w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Ankerhirn-2.jpg 810w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Selten hat eine Präsidentschaftswahl in den USA die westlichen Gesellschaften so gespalten. Und auch knapp eine Woche nach der Wahl scheinen sich viele Menschen noch nicht an deren Ergebnis gewöhnt zu haben. Vor allem, weil sich die Umfrageinstitute in dramatischer Weise geirrt haben. Und es scheint fast so, als ob die Angst, womöglich nicht der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen, sogar dazu geführt hat, dass viele Wähler bei Umfragen nicht aufrichtig geantwortet haben, aus Angst vor einer möglichen Isolation, wenn sie zu Kandidaten oder Parteien tendierten, die von den Medien und der offiziell vorherrschenden Meinung abwichen. Auch hierzulande galt es bis vor kurzem noch als schick, offiziell den designierten US-Präsidenten Donald Trump abzulehnen, weil er Standpunkte vertritt, die bislang gesellschaftlich als kaum akzeptabel galten.</p>
<p>Das hat sich nun geändert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Reset der Normen</strong></p>
<p>Genauso wie die anonyme Masse der US-Amerikaner, die vorgeblich Trump abgelehnt hatte, plötzlich zu einer Mehrheit von Trump-Anhängern mutierte, scheinen dessen Ideen auch hierzulande bei immer mehr Menschen auf Gegenliebe zu stoßen. Und wenn EU-Parlamentspräsident Martin Schulz jetzt fordert, dem designierten US-Präsidenten offen zu begegnen und praktisch von vorne anzufangen, indem beide Seiten „auf Null schalten“ und sich gegenseitig eine Chance geben, kann man dies einerseits natürlich als Zeichen des Respekts vor dem US-Wahlergebnis deuten. Zum anderen könnte sich in dieser Aufforderung zu einem Reset aber auch die unbewusste Änderung eines gesellschaftlichen Bezugspunkts dessen, was gemeinhin als akzeptabel gilt, andeuten. Gewissermaßen eine Verschiebung des Maßstabs für die Wahrnehmung dessen, was ethisch oder politisch korrekt ist, mithin eine klammheimliche Veränderung von gesellschaftlichen Normen und Referenzpunkten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Von extremen Ankern…</strong></p>
<p>Donald Trump und möglicherweise auch seine Berater haben es aus verhaltensorientierter Sicht geradezu meisterlich verstanden, den Bezugspunkt für soziale Normen zu verschieben. Es ist natürlich nicht erwiesen, dass sich Trump tatsächlich bewusst der Methode des Verankerns (Anchoring) aus der Verhaltensökonomik bedient hat. Aber mit seinen extremen Ansichten, die er im Wahlkampf vertrat, hat dies bei den Wählern zu genau einem solchen Effekt geführt. Ursprünglich wollte Trump 11 Millionen illegale Einwanderer ausweisen, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen, die Gesundheitsreform Obamacare abschaffen, Hillary Clinton ins Gefängnis stecken und alles, was nach Establishment aussieht, am liebsten aus der US-Gesellschaft verbannen. Mit der Diffamierung von Behinderten und Frauen, der Ausgrenzung von Hispanics, Schwarzen und anderen ethnischen Gruppen, der Ablehnung von Homosexuellen und Abtreibungsbefürwortern vertrat der designierte US-Präsident im Wahlkampf Extrempositionen, die weit jenseits des politisch Korrekten anzusiedeln sind. Schlechthin eine Absage an Gleichberechtigung, an eine multikulturelle Gesellschaft, an die Globalisierung, an alles Liberale und Intellektuelle.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>…zu neuen Bezugspunkten </strong></p>
<p>Mit diesen Extrempositionen wurden zunächst Anker, das heißt neue, für viele Menschen längst nicht mehr akzeptable Bezugspunkte, gesetzt. Und diese haben sie im Hinterkopf behalten, weshalb sie weiterhin eine ganz wichtige Rolle spielen, als Donald Trump nach seiner Wahl mit einem Male einige dieser Extrempositionen korrigierte. Plötzlich beabsichtigt er, „nur“ 3 Millionen Illegale auszuweisen, auch fordert er heute das Ende der Gewalt gegen Minderheiten, die nach Barack Obama benannte Gesundheitsreform wird teilweise beibehalten und selbst über eine strafrechtliche Verfolgung seiner Wahlkampfgegnerin Hillary Clinton wegen der E-Mail-Affäre will er noch einmal nachdenken. Im Lichte der im Wahlkampf vertretenen Extrempositionen wirkt dieses Zurückrudern oder Relativieren wie Balsam auf die Seelen derjenigen, die sich zuvor noch durch Donald Trumps Äußerungen verletzt und gekränkt fühlten. Mit anderen Worten: Für all diejenigen, die Trump nicht gewählt haben, ist diese Korrektur vormaliger Extrempositionen nichts anderes als ein relativer Gewinn gegenüber vorher Undenkbarem.</p>
<p>Und auch hierzulande sehen sich viele Menschen darin bestätigt, dass auch im Falle Trumps nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Mit anderen Worten: Trump und seine sicherlich wegen des Wahlkampfs überzogenen Ansichten seien gar nicht so schlimm und im Grunde habe er in manchen Punkten gar nicht mal Unrecht, räumen einige mittlerweile ein. „Geben wir ihm eine Chance“, fordern daher selbst gemäßigte Zeitgenossen. Immerhin sei er doch demokratisch gewählt, heißt es.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wie aus „unmoralisch“ relativ „moralisch“ wird</strong></p>
<p>Anhänger der Verhaltensökonomik, insbesondere der sogenannten Behavioral Ethics, wissen jedoch, dass einmal gesetzte Anker trotz besseren Wissens später nur unzureichend korrigiert werden. Aber es geht um mehr. Es ist nicht nur plötzlich legitim, Donald Trump gut zu finden, sondern auch den damit einhergehenden gesellschaftlichen Kulturwandel. Denn die Wahrnehmung dessen, was bislang als politisch oder ethisch korrekt angesehen wurde, hat sich wegen eben jener Verschiebung des Bezugspunktes zwischen Recht und Unrecht verändert. Genauso wie Gewinne und Verluste nicht absolut, sondern relativ zu einem Bezugspunkt wahrgenommen werden, verhält es sich mit den moralischen Werten eines „Gut“ und „Böse“. Denn tatsächlich geht es vor allem darum, besser oder schlechter im Vergleich zu anderen zu sein. Und genauso wie man sich an Gewinne und Verluste gewöhnt, kann sich auch die moralische Bewertung im Laufe der Zeit abschwächen. Vor allem auch, weil diese Trennlinie nach einer Weile infolge von Gewöhnungseffekten noch weiteren Veränderungen unterliegt. Und so werden unter diesen neuen Normen und Bedingungen Menschen Dinge tun, die sie selbst vor ein paar Wochen vielleicht nie für möglich gehalten hätten. Es ist die schleichende Veränderung der Normen und der Bezugspunkte, manchmal allein durch das Fortschreiten der Zeit, wodurch wir alle Gefahr laufen, korrumpiert zu werden und das, was wir vormals <strong>absolut</strong> verabscheut hatten, mit einem Male halbwegs, also <strong>relativ </strong>in Ordnung finden.</p>
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		<title>In Richtung Unsicherheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Nov 2016 16:14:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Public Choice]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Märkte]]></category>
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		<category><![CDATA[Ambiguitätsaversion]]></category>
		<category><![CDATA[Börse Frankfurt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als mich im Anschluss an meinen Blogbeitrag von der vergangenen Woche ein Leser fragte, ob ich es denn für möglich hielte, dass Hillary Clinton ihren klaren Vorsprung gegenüber Donald Trump bei den US Präsidentschaftswahlen noch verspielen könnte, mit einem Ja beantwortete, hatte ich noch keine blasse Ahnung davon, was diesen Stimmungsumschwung tatsächlich auslösen könnte (vgl. [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-9246 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/11/Senti_02112016-300x114.jpg" alt="senti_02112016" width="300" height="114" />Als mich im Anschluss an meinen Blogbeitrag von der vergangenen Woche ein Leser fragte, ob ich es denn für möglich hielte, dass Hillary Clinton ihren klaren Vorsprung gegenüber Donald Trump bei den US Präsidentschaftswahlen noch verspielen könnte, mit einem Ja beantwortete, hatte ich noch keine blasse Ahnung davon, was diesen Stimmungsumschwung tatsächlich auslösen könnte (vgl. <strong><a href="http://joachim-goldberg.com/2016/10/26/eine-scheinbar-klare-sache/">HIER </a>und<a href="https://twitter.com/Der_Goldberg/status/791308548982632448" target="_blank"> HIER</a></strong>). Nun liegt Donald Trump jüngsten Umfragen der Washington Post und ABC News zufolge sogar knapp in Führung und es scheint gerade aus psychologischer Sicht mehr als fraglich, ob Hillary Clinton die drohende Niederlage noch abwenden kann.</p>
<p>Denn bei der Wahl zwischen Trump und Clinton hat ersterer den großen Vorteil, dass dessen frauenfeindliche Äußerungen und Neigung zu sexuellen Belästigungen bereits vor ein paar Wochen bekannt wurden und sich die Wähler mittlerweile bereits daran gewöhnt haben. Ganz anders die Ermittlungen des FBI gegen Clinton, die zu großen Teilen aus einem Aufwärmen bereits bekannter Tatsachen besteht, aber möglicherweise mit geheimnisvollen neuen Erkenntnissen gespickt sind.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Hauptsache ein eindeutiger Charakter</strong></p>
<p>Mit anderen Worten: Die Wähler wissen ziemlich genau – und wenn es auch moralisch noch so fragwürdig wäre – worauf sie sich bei einer Wahl Trumps einlassen würden. Es ist genau das, was gerade desillusionierte Wähler an ihrem Kandidaten lieben: Vertrauenswürdigkeit, Führungsqualitäten und – egal wie – ein Abrechnen mit dem politischen Establishment. Und Clinton? Sie steht nicht nur für ein „weiter so“ des Althergebrachten, sondern bleibt für viele Wähler undurchsichtig. Selbst wenn die Ermittlungen des FBI so kurz vor den Wahlen als zeitlich unpassend und ihr Direktor implizit der Parteilichkeit für den republikanischen Kandidaten beschuldigt wird, ist Clinton den Wählern zumindest wahrnehmungstechnisch eine Wundertüte: Wer weiß was da noch alles kommen mag.</p>
<p>Die US-Wahlen erinnern mich stark an das Brexit-Votum der Briten vor ein paar Monaten. Auch dort fühlten sich kurz vor dem Referendum die Brexit-Gegner in Partylaune, um anschließend eine kalte Dusche nehmen zu müssen. Damals wie heute frage ich mich auch, ob die Entscheider mit dem Referendum bzw. mit der US-Präsidentenwahl zumindest insofern überfordert sind, als wohl kaum jemand von Ihnen der Lage sein dürfte, sämtliche Folgen ihres Votums aus allen Blickwinkeln auch mit allen Konsequenzen zu überblicken. Und gerade in dieser schwierigen Entscheidungssituation bedienen sich die meisten Menschen sogenannter Heuristiken, Faustregeln, die im richtigen Kontext durchaus hilfreich sein können, weil sie die Komplexität schwer überschaubarer Sachverhalte verringern und zu schnellen Ergebnissen führen können. So bevorzugen sie etwa leicht verfügbare Informationen und Sachverhalte, die gerade Donald Trump offensiv präsentiert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Abneigung gegen das Mehrdeutige (Ambiguitätsaversion)</strong></p>
<p>Leider kommt es eben auch häufig zu ungenauen und verzerrten Einschätzungen, besonders bei ökonomischen und politischen Sachverhalten. Und die Experten der noch jungen Wissenschaftsdisziplin „Behavioral Public Choice“ sind davon überzeugt, dass sich die Wähler gerade in einem emotional aufgeladenen Umfeld wie die US-Präsidentschaftswahl für die Option entscheiden werden, mit der sie sich im Augenblick wohl fühlen, während Kosten oder Nutzen ihrer Wahl in den Hintergrund treten. Genauso wie die Börsianer klare Sachverhalte gegenüber unsicheren Situationen  bevorzugen, möchten auch die Wähler wissen, mit wem sie es zu tun haben als sich für eine mit Zweifeln (=Mehrdeutigkeit) behaftete Persönlichkeit (Ambiguitätsaversion) zu entscheiden.</p>
<p>Für die Börsianer bedeutet eine Wahl Donald Trumps genau das Gegenteil. Nach einer kurzen Phase der Unsicherheit Rückbesinnung auf den Aufwärtstrend im US-Aktienmarkt und anderswo. Ein knapper Wahlausgang – egal wer gewinnen sollte – bedeutet jedoch fortgesetzte Unsicherheit, denn der Verlierer wird alles versuchen, das Wahlergebnis als manipuliert oder gefälscht darzustellen und im Zweifel seine Niederlage nicht anerkennen. Ganz zu schweigen davon, wenn die/der neue Präsident(in) gegen eine Mehrheit im Senat oder gar im Repräsentantenhaus regieren muss.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Nicht zwingend wie nach dem Brexit-Votum</strong></p>
<p>Deswegen dürfte auch eine Strategie, vieler Investoren, die auf eine ähnliche Marktreaktion wie nach dem Brexit-Votum hoffen, dieses Mal möglicherweise nicht ziehen. Denn es ist keineswegs gesichert, dass die Börsen genauso wie im Juni mit einem kurzen Crash und mit einer sich anschließenden deutlichen Erholung reagieren werden.</p>
<p>Immerhin haben sich die Anleger, die die Börse Frankfurt wöchentlich befragt, zuletzt nicht mehr ganz so optimistisch gezeigt. Was das für die kommenden Tage bedeutet, entnehmen Sie bitte meinem heutigen Kommentar <span style="color: #ff0000;"><a style="color: #ff0000;" href="http://www.boerse-frankfurt.de/nachrichten/aktien/Marktstimmung-Realismus-verdraengt-Optimismus-nur-ein-wenig-1649369" target="_blank"><strong>HIER</strong></a></span>.</p>
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		<title>Der Glaube kommt ganz von alleine</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Sep 2016 14:46:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Investmententscheidungen]]></category>
		<category><![CDATA[Commitment]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Oft steht man vor Entscheidungen und trifft diese nicht, weil einem die richtige Überzeugung oder der Glaube an sie fehlt. Da steht man manchmal da und zermartert sich stundenlang das Hirn: „Soll ich oder soll ich nicht?“ Denn intuitiv mag man  die Einstellung haben, bevor man etwa in die Kirche geht, muss man an sie glauben. [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/in-glauben-und-treue/">Der Glaube kommt ganz von alleine</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Oft steht man vor Entscheidungen und trifft diese nicht, weil einem die richtige Überzeugung oder der Glaube an sie fehlt. Da steht man manchmal da und zermartert sich stundenlang das Hirn: „Soll ich oder soll ich nicht?“ Denn intuitiv mag man  die Einstellung haben, bevor man etwa in die Kirche geht, muss man an sie glauben. Aber was würde denn passieren, wenn man statt lange nachzudenken, einfach in die Kirche hinein ginge? Womöglich sogar öfters. Sie können sicher sein: Der Glaube wird mit der Zeit ohnehin von ganz alleine kommen. Je gravierender die Entscheidung (je höher das <em>Commitment</em>), desto fester die Überzeugung, das Richtige getan zu haben. Denn sein Denken kann man eher ändern als sein Handeln. Im Zweifel muss man etwas nur oft genug wiederholen, bis man schließlich selbst daran glaubt.</p>
<p>Das Drehen solcher Gebetsmühlen hat jedoch einen gravierenden Nachteil, falls die ursprüngliche Entscheidung falsch gewesen sein sollte. Denn im Gefolge einer solchen Fehlentscheidung werden stets auch nur solche Informationen und Nachrichten wahrgenommen, die diese nachträglich rechtfertigen und einen daher in der eigenen Haltung bestärken. Was wiederum bedeutet, dass eine Verhaltensänderung oder gar die Revision der einmal getroffenen (Fehl)entscheidung immer schwerer fallen wird.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Eine zweischneidige Angelegenheit</strong></p>
<p>Jetzt stellen Sie sich bitte einmal einen Fondsmanager vor, der ein größeres Aktienpaket eines bestimmten Unternehmens gekauft hat. Woran ja eigentlich gar nichts auszusetzen wäre, würde er nur nicht beim nächsten Interview in einem Nachrichtensender Vorzüge und Chancen dieser Aktie über alle Maße preisen. Dasselbe macht er dann noch einmal in einem Zeitungsbeitrag und wiederholt seine Meinung auch noch bei der am selben Tage stattfindenden Sitzung des Anlageausschusses. Während sich in der kurzen Zeit vermutlich nichts Fundamentales bei dem betreffenden Unternehmen ereignet hat, trifft dies leider nicht für die Überzeugung unseres Managers zu, der nun nicht mehr nur glaubt, das Richtige getan zu haben, sondern sicher ist, die beste aller möglichen Optionen gewählt zu haben. Und so dürfte es für ihn immer schwieriger werden, von der Entscheidung loszulassen, wenn diese sich wider Erwarten als falsch herausstellen sollte.</p>
<p>Daher habe ich mir angewöhnt, über meine Trades möglichst nicht mit anderen Menschen zu sprechen. Und schon gar nicht, Tipps dazu abzugeben.</p>
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		<title>Der Fluch der Negativzinsen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Sep 2016 14:01:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Mentale Konten]]></category>
		<category><![CDATA[Negativzinsen]]></category>
		<category><![CDATA[Realzinsen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es ist ein kaum vorstellbares Szenario, das der Ex-IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff für den Fall eines Ausbruchs einer neuen Finanzkrise aufzeigt: drastische Minuszinsen von -5 oder -6 Prozent und eine weitgehende Bargeldabschaffung. Maßnahmen, deren Erfolg nicht einmal gesichert ist. Und Maßnahmen, die die meisten Menschen nicht verstehen werden. Das hätte sicherlich auch für meine Schwiegermutter gegolten, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-9129 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/09/Schwarzes-Loch-300x114.jpg" alt="schwarzes-loch" width="300" height="114" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/09/Schwarzes-Loch-300x114.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/09/Schwarzes-Loch-768x293.jpg 768w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/09/Schwarzes-Loch.jpg 810w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Es ist ein kaum vorstellbares Szenario, das der Ex-IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff für den Fall eines Ausbruchs einer neuen Finanzkrise aufzeigt: drastische Minuszinsen von -5 oder -6 Prozent und eine weitgehende Bargeldabschaffung. Maßnahmen, deren Erfolg nicht einmal gesichert ist. Und Maßnahmen, die die meisten Menschen nicht verstehen werden. Das hätte sicherlich auch für meine Schwiegermutter gegolten, wenn sie denn noch am Leben wäre. Und ich frage mich, was sie wohl dazu gesagt hätte.</p>
<p>Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie sich in ihren letzten Lebensjahren häufig bei mir darüber beklagt hatte, dass sie angesichts der immer niedrigeren Zinsen immer weniger Taschengeld zur Verfügung habe. Damals hatte sie immerhin noch Staatsanleihen mit einem Coupon von 4 Prozent p. a. in ihrem Wertpapierdepot und konnte sich so die eine oder andere Ausgabe leisten, die sie sich sonst nicht gestattet hätte. Ja, die alte Dame stand für mich stellvertretend für viele andere Sparer in Deutschland. Denn sie verfolgte eine weitverbreitete Strategie, bei der sie im Geiste unbewusst nicht nur für das gesamte Kapital, sondern auch für jede einzelne Zinszahlung ein eigenes Konto (bekannt unter dem Begriff „mentale Konten“) eröffnete.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ausgegeben statt gespart</strong></p>
<p>Egal, wie gering diese Zinszahlungen waren – meine Schwiegermutter erlebte sie wie viele andere auch stets als einen Gewinn. Und sie hatte deswegen auch kein schlechtes Gewissen, diese Gewinne zu verbrauchen. Dass sich dabei klammheimlich der Wert des Kapitalkontos durch die Inflation verringerte, für deren Ausgleich die Zinsen unter anderem eigentlich gedacht waren, schien sie nicht zu bemerken. Denn wenn das Kapitalkonto ohnehin über viele Jahre hinweg oder gar nicht angerührt wird, kann man auch nicht bemerken, dass man für dasselbe Geld über die Jahre immer weniger hätte kaufen können. Dass dieser Wertverlust oft sogar höher ausfiel als die gezahlten Zinsen, wurde ihr somit nicht bewusst.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Entkleideter negativer Realzins</strong></p>
<p>Erst als selbst die langfristigen Renditen unter 0 Prozent gefallen waren, begannen viele Menschen zu erkennen, dass so etwas wie eine negative Realverzinsung (Nominalzinsen minus Inflationsrate) eingetreten sein musste. Die hat es natürlich zu früheren Zeiten auch schon gegeben, aber sie wurde angesichts satter Zinserträge nicht wahrgenommen. Denn auch eine fünfprozentige Rendite hätte eine sechsprozentige Geldentwertung durch Inflation nicht wettgemacht. Aber bei null Prozent Zinsen und gleichzeitiger, wenn auch niedriger Inflation, hat der negative Realzins keine Kleider mehr an.</p>
<p>Ohne Kenneth Rogoff zu nahe treten zu wollen, der sich von hohen Negativzinsen verspricht, dass die Sparer endlich ihre Konten räumen – und für das Geld durch die weitgehende Bargeldabschaffung ein natürlicher Fluchtweg versperrt würde –, denke ich an die mentalen Konten meiner Schwiegermutter. Jene hätte sie, so sie denn noch lebte, nach wie vor beibehalten. Da wären nun die jeweiligen Zinskonten, angesichts der Strafverzinsung, jeweils im Soll. Bestrafungen, die meine Schwiegermutter wie viele andere Sparer stets als einen Verlust wahrnehmen würde. Verluste, die viele von uns wettzumachen versuchen. Strenggenommen, müsste man genauso wie bei einer außergewöhnlichen Neuanschaffung jedes Mal an sein Kapital herangehen, um die Minuszinsen auszugleichen. Aber das hätte meine Schwiegermutter so weit wie möglich vermieden und sehr wahrscheinlich, wie andere verzweifelte Sparer auch, zu einer anderen Strategie gegriffen:</p>
<p><strong>Sie hätte versucht, noch mehr zu sparen –</strong></p>
<p>um, so sehe ich das jedenfalls, die Verluste der negativen mentalen Zinskonten wieder wettzumachen. Vielleicht hätte sie unter diesem Druck sogar zu mehr Risikofreude geneigt. Aber von Aktien verstand sie genauso wenig wie von mentalen Konten. Wie es sich ihr auch nie erschloss, dass es überhaupt so etwas wie negative Zinsen geben könnte. Es wäre ihr Bauchgefühl gewesen, was ihr gesagt hätte, dass die Zeiten nur schlechter werden könnten. Und mit schlechten Zeiten kannte sie sich als Angehörige der Kriegsgeneration aus. Ihre Lehre aus der Geschichte: Die nächste Krise kommt bestimmt. Und für diesen Fall muss man schon jetzt beginnen, Geld zurückzulegen. Also noch mehr sparen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/der-fluch-der-negativzinsen/">Der Fluch der Negativzinsen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Ein Whistleblower lehnt ab</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Aug 2016 10:54:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kognitive Dissonanz]]></category>
		<category><![CDATA[soziale Normen]]></category>
		<category><![CDATA[Whistleblower]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-8827 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/05/Fotolia-Mikro-Kopie-300x114.jpg" alt="Fotolia Mikro Kopie" width="300" height="114" />Es mag auch schon in der Vergangenheit so genannte Whistleblower gegeben haben, die bereit waren, ihren Arbeitsplatz, ihre persönlichen Kontakte zu riskieren, allein, um aus Gewissensgründen auf Missstände und Gesetzesverstöße in ihrem Unternehmen hinzuweisen. Einer von ihnen hat kürzlich von sich reden gemacht. Gemeint ist der ehemalige Deutsche-Bank-Manager Eric Ben-Artzi. Er geriet in die Schlagzeilen, nicht nur, weil er als Kronzeuge Bilanzmanipulationen aufgedeckt, sondern vor allem, weil er anschließend – abhängig von der Strafzahlung der Bank – eine Belohnung in Höhe von 8,25 Millionen US-Dollar<span style="color: #008000;"><a style="color: #008000;" href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></span>, die ihm die US-Wertpapieraufsicht SEC für diese Informationen zahlen wollte, abgelehnt hatte. Nach Angaben einer Zeitung begründete Ben-Artzi seine Weigerung, den ihm zustehenden Anteil an der Belohnung<span style="color: #008000;"><a style="color: #008000;" href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a></span> zu akzeptieren, damit, dass die Strafzahlung der Deutschen Bank die Falschen treffe. So müssten nicht die verantwortlichen Manager, sondern stattdessen Aktionäre und Angestellte der Bank, von denen derzeit etliche ihren Arbeitsplatz verlören, ihren Kopf hinhalten.</p>
<p>Mit Hilfe dieser hohen Belohnungen versucht man vor allen Dingen diejenigen auf den Plan zu rufen, die aus Angst vor Verlust ihrer materiellen Existenz bislang nicht bereit waren, gesetzwidriges Verhalten von Kollegen oder Vorgesetzten anzuzeigen. Denn ein Whistleblower verliert meist nicht nur seinen Job. Vielmehr läuft man Gefahr, auch danach als Verräter und Nestbeschmutzer gebrandmarkt zu werden, und so jemanden will auch kein anderes Unternehmen mehr einstellen. Besonders empfindlich reagiert die Finanzwelt auf derartige „Indiskretionen“. Das musste auch Eric Ben-Artzi erfahren. Mittlerweile ist er – immerhin – für ein israelisches Fintech Startup-Unternehmen tätig, wenn auch vermutlich zu einem Bruchteil seines früheren Gehalts. Auf jeden Fall hat sein selbstloses Verhalten für einiges Aufsehen gesorgt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Andersdenkende Angestellte</strong></p>
<p>So hob etwa Michael Skapinker in einem Kommentar für die „Financial Times“ hervor, wie sehr Whistleblowing dem Ruf eines Unternehmens schaden könne. Und wenn es erst einmal so weit gekommen sei, dass sich ein Mitarbeiter an die Öffentlichkeit statt an seinen Vorgesetzten wende, sei dies als Anzeichen für eine chronisch dysfunktionale Unternehmenskultur zu werten. Denn gesunde Unternehmen würden sich den Bedenken besorgter Angestellter weit früher, bevor die Probleme an die Außenwelt gelangten, annehmen. Tatsächlich seien Mitarbeiter, die mit den Praktiken ihres Arbeitgebers nicht übereinstimmten, wichtig für das Unternehmen. In diesem Zusammenhang verweist Skapinker auch auf eine wissenschaftliche Studie<span style="color: #008000;"><a style="color: #008000;" href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a></span>, die zu dem Ergebnis kommt, dass andersdenkende Angestellte zwar oft als nervig angesehen werden, sich aber gewissermaßen um das Unternehmen „kümmerten“. Solche Angestellten förderten und erhielten den guten Ruf ihres Arbeitgebers.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Soziale Normen entscheiden</strong></p>
<p>Ob Angestellte widersprechen, hängt jedoch davon ab, wie weit sie von Kollegen und Vorgesetzten dazu ermutigt oder für ihre Kritik bestraft werden. Und an dieser Stelle kommen die vorherrschenden sozialen Normen zum Tragen, also die Frage, wie diese selbst ihr Verhalten moralisch bewerten. Sicherlich wird jemand seine Handlungen kaum als unethisch einstufen, wenn er stets nur macht, was alle anderen tun. Ganz zu schweigen davon, dass Menschen nicht immer in der Lage sind, sobald sie mit einem ethischen Dilemma konfrontiert werden, dieses tatsächlich auch zu erkennen.</p>
<p>Kurzschulungen in ethischem Verhalten, Ethik-Hotlines oder ein Verhaltenskodex für Mitarbeiter, der diesen vorgibt, wie man bestimmte Grundwerte in der Praxis umsetzt, reichen jedoch nicht aus. Vielmehr müssen Mitarbeiter die Möglichkeit bekommen, ihre Bedenken mit Kollegen und Vorgesetzten ohne Furcht vor Repressalien besprechen zu können. Solange sich aber die sozialen Normen in den Unternehmen nicht ändern, vor allem weil Fehlverhalten der Verantwortlichen nicht sanktioniert wird, besteht für die Entscheider kein Anlass, umzudenken oder grundsätzlich etwas an ihrem Verhalten zu ändern.</p>
<p>Vorerst verursachen also geäußerte Bedenken eines besorgten Angestellten vor allem Dissonanz bei Kollegen und Vorgesetzten, die nicht einsehen, ihre bedenklichen moralischen Wertvorstellungen, die Grundlage der sozialen Normen sind, zu überdenken oder gar zu ändern. Und es ist jener Zustand der (kognitiven) Dissonanz, den Menschen nicht lange ertragen und dessen Ursache sie deshalb möglichst schnell beseitigen möchten.</p>
<p>Daran dürfte auch der Verzicht von Eric Ben-Artzi nicht viel ändern, mag er noch so vorbildlich sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="color: #008000;"><a style="color: #008000;" href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> </span>Dieser Betrag errechnet sich aus den 55 Millionen US-Dollar Strafe, die die Deutsche Bank im vergangenen Jahr zahlen musste, wovon drei Whistleblowern – einer von ihnen war Ben-Artzi – 16,5 Millionen Dollar (30 Prozent der verhängten Geldbuße) als Belohnung zustanden</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="color: #008000;"><a style="color: #008000;" href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a></span> Vgl. Internetausgabe der Financial Times vom 19. August 2016</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3"></a></p>
<p><span style="color: #008000;">[3]</span> International Journal of Business Communication: <a href="https://www.researchgate.net/publication/295877235_Learning_to_Contradict_and_Standing_Up_for_the_Company_An_Exploration_of_the_Relationship_Between_Organizational_Dissent_Organizational_Assimilation_and_Organizational_Reputation">https://www.researchgate.net/publication/295877235_Learning_to_Contradict_and_Standing_Up_for_the_Company_An_Exploration_of_the_Relationship_Between_Organizational_Dissent_Organizational_Assimilation_and_Organizational_Reputation</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Von der einfachen Information zur Ideologie</title>
		<link>https://www.joachim-goldberg.com/8964/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Jul 2016 08:41:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Public Choice]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Confirmation Bias]]></category>
		<category><![CDATA[Familienideologien]]></category>
		<category><![CDATA[Ideological Bias]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologische Voreingenommenheit]]></category>
		<category><![CDATA[selektive Wahrnehmung]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-8965 alignleft" src="http://joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/07/Kommunikation-300x137.jpg" alt="Kommunikation" width="300" height="137" srcset="https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/07/Kommunikation-300x137.jpg 300w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/07/Kommunikation-768x350.jpg 768w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/07/Kommunikation-800x366.jpg 800w, https://www.joachim-goldberg.com/wp-content/uploads/2016/07/Kommunikation.jpg 802w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
<p>Traf unlängst einen guten Bekannten, der sich nicht nur gelegentlich, sondern sogar ziemlich oft Gedanken über den ökonomischen und politischen Zustand Deutschlands und der EU macht. Man könnte ihn ohne weiteres als einen gebildeten und neuerdings permanent „besorgten“ Mitbürger bezeichnen. Jemand aus der gehobenen Mittelschicht. Und jemand, der von sich behauptet, in politischen Angelegenheiten durchaus rational zu entscheiden und, was für ihn noch viel wichtiger ist: Er hält sich für einen unbefangenen, neutralen Beobachter.</p>
<p>Wer sich mit den Erkenntnissen der Verhaltensökonomik befasst, weiß, dass die meisten Menschen keine neutralen Analysten sind. Das gilt nicht nur für die Finanzmärkte, sondern auch für die Politik. So werden etwa bei wichtigen politischen Entscheidungen, wie etwa unlängst dem Brexit-Referendum (vgl. <span style="color: #339966;"><a style="color: #339966;" href="http://joachim-goldberg.com/2016/06/30/ein-wut-votum/" target="_blank"><strong>HIER</strong></a></span>), meist nicht Kosten oder Nutzen einer Entscheidung gegeneinander abgewogen. Vielmehr sind es am Ende die einfachen Parolen, Vorschläge oder Ideen, die den Ausschlag geben, wofür sich ein Wähler entscheidet. Interessanterweise handelt es sich dabei gleichzeitig um die Zutaten, aus denen Ideologien zusammengebraut werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Leicht verfügbare Information</strong></p>
<p>Ideologien existieren und sind deswegen so einflussreich, weil sie einfach gestrickt, aber letztlich aus Informationseinheiten bestehen, die zum einen mental leicht verdaubar sind und zum anderen Menschen emotional ansprechen. Informationen, die sich schnell einprägen und einfach zu erinnern sind und sich deshalb auch schnell übermitteln lassen. Mit anderen Worten: Ideologien müssen leicht verfügbar sein, damit sie sich ausbreiten können. Aber es ist eben auch diese leichte Verfügbarkeit, die ganz schnell zu Irrtümern und einer fehlerhaften Bewertung der tatsächlichen Situation führen. Mit der Folge, dass Ideologien häufig herzlich wenig mit der Realität zu tun haben.<strong><a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Familienideologien wirken lange</strong></p>
<p>Dennoch beeinflussen Ideologien unser politisches Entscheidungsverhalten. Und zwar nicht nur das ihrer glühenden Verfechter bis hin zu unbelehrbaren Extremisten. Nein, eigentlich betrifft es jeden von uns. Selbst Menschen, die sich für weltoffen halten, richten sich nach bestimmten vorgefassten Ideen und Meinungen, deren Ursprung sich mitunter bis in die Kindheit zurückverfolgen lässt. So können dazu bestimmte Überzeugungen gehören, mit denen man gute Erfahrungen gemacht hat –weil sie zu mehr Wohlstand, zu einer Verbesserung in der sozialen Rangfolge geführt haben oder mit anderen positiven Erfahrungen und Belohnungen verbunden waren. Es lassen sich manchmal sogar regelrechte Familienideologien feststellen, die unbewusst viele Entscheidungen im späteren Leben beeinflussen können.</p>
<p>Aufgrund der Erkenntnisse des Sozialpsychologen Leon Festinger<strong><a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a></strong>  und seiner Theorie zur Kognitiven Dissonanz müssen wir davon ausgehen, dass Wähler bis hin zu politischen Entscheidern selektiv Informationen suchen und auch weitergeben. Informationen, die bevorzugt wahrgenommen werden, wenn sie ursprüngliche Überzeugungen oder gar Glaubensrichtungen bestätigen. Was nicht zum Weltbild passt, wird hingegen heruntergespielt, wenn nicht ignoriert. Und trotzdem haben die meisten Menschen das Gefühl – und dies gilt vor allen Dingen für gebildete Personen und gut unterrichtete Experten –, rational und unbefangen zu urteilen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ideologische Voreingenommenheit</strong></p>
<p>Anhänger der verhaltensorientierten Wissenschaftsdisziplin „Behavioral Public Choice“<a name="_ftnref2"></a><strong><a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a></strong>, die sich mit dem irrationalen Verhalten politischer Akteure und Wähler beschäftigt und dessen Folgen für Politik und Gesellschaft untersucht, sprechen daher von einer so genannten <em>Ideological Bias</em>, einer ideologischen Voreingenommenheit.</p>
<p>Diese Voreingenommenheit führt dazu, dass neue, oft auch verwirrende und widersprüchliche Informationen an die eigenen Wertvorstellungen, an Schemata angepasst und auf diesem Wege gefiltert werden. Kein Wunder, dass sich mit der Zeit eine sich selbst verstärkende Überzeugung ausbildet, die durch weitere selektiv wahrgenommene, kongruent gemachte Informationen solange bestätigt wird, bis daraus ein unerschütterliches Weltbild geworden ist. Dummerweise sind es demzufolge vor allem die gut informierten Personen, die Gefahr laufen, ideologisch besonders voreingenommen zu sein<a href="#_ftn4" name="_ftnref4">[4]</a>.</p>
<p>Um auf nun auf meinen Bekannten zurück zu kommen: Es spricht einiges dafür, dass er zwar besser als viele andere informiert sein mag. Aber mittlerweile frage ich mich besorgt, ob seine permanente Besorgnis vielleicht gar nicht rational begründet, sondern vielmehr ebenfalls das Ergebnis einer ideologischen Verkrustung seines Denkens ist und ob nicht auch er, dieser kluge Kopf, mittlerweile wie ein Hamster im Rad ewige Kreise im hermeneutischen Zirkel dreht und von der Realität nur noch sieht, was er sowieso schon wusste und zu sehen erwartet hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a></span> Vgl. David Hirshleifer (2008): <em>Psychological Bias as a Driver of Financial Regulation, European Financial Management</em>, Vol 14. Iss. 5 (November 2008) pp. 856-874</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2"></a><span style="color: #0000ff;">[2] </span>Leon Festinger (1957): <em>A Theory of Cognitive Dissonance</em>, Stanford, Stanford University Press</p>
<p><span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a></span> Vgl. etwa: Gary J. Lucas &amp; Slaviša Tasić (2015): <em>Behavioral Public Choice and the Law</em>, West Virginia Law Review 199 (2015)</p>
<p><span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a></span> Charles S. Taber  Milton Lodge (2006): <em>Motivated Scepticism in the Evaluation of Political Beliefs</em>, American Journal of Political Science vol. 50, No. 3 (July 2006)</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/8964/">Von der einfachen Information zur Ideologie</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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