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	<title>Wohlbefinden Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Auf ein Eis, Frau Staatsanwältin!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Sep 2014 15:03:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Kognitive Dissonanz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es sind manchmal ganz banale Dinge, die größere Diskussionen auslösen können. So auch bei meiner Frau und mir. So gönne ich mir von Zeit zu Zeit ein Eis in der Tüte, wobei mir als kalorienbewusstem Menschen klar ist: Für mich dürfte es eigentlich nicht mehr als eine Kugel Mango-Fruchteis geben. Eigentlich keine schwierige Entscheidungssituation, könnte [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Es sind manchmal ganz banale Dinge, die größere Diskussionen auslösen können. So auch bei meiner Frau und mir. So gönne ich mir von Zeit zu Zeit ein Eis in der Tüte, wobei mir als kalorienbewusstem Menschen klar ist: Für mich dürfte es eigentlich nicht mehr als eine Kugel Mango-Fruchteis geben. Eigentlich keine schwierige Entscheidungssituation, könnte man meinen. Aber wer sich mit italienischen Eisdielen auskennt, weiß, dass es beim Kauf von nur einer Kugel Eis oft ein Hörnchen gibt, das wie eine Papierwaffel anmutet. Bei zwei Kugeln besteht die Tüte dagegen meist aus einer wesentlich schmackhafteren und dickeren Waffelvariante. Deswegen entscheide ich mich meist dafür, zwei Kugeln beim Italiener um die Ecke zu ordern: Mango und noch einmal Malaga obendrauf. Natürlich hat eine Malaga-Kugel aus Milcheis wesentlich mehr Kalorien, aber da ich mir jedes Mal vornehme, nur diese zu verzehren und die Mango-Kugel bestenfalls einmal anzutesten und den Rest zu entsorgen, habe ich meinem in Kalorien bemessenen Gewissen zumindest halbwegs Genüge getan.</p>
<p>Meine so zurechtgelegte Welt, vor allem darauf ausgerichtet, möglichst künftigen kognitiven Dissonanzen (sprich: Regret, Bedauern) aus dem Weg zu gehen, ist jedoch seit gestern ins Wanken geraten. Denn zum Abendessen war unter anderem eine pensionierte Staatsanwältin zugegen, der ich meine Strategie präsentierte. „Das ist ja seltsam!“, wandte sie ein. Um sogleich fortzufahren: „Sie kaufen also zwei Kugeln Eis, um eine bessere Waffel zu bekommen, brechen aber den Verzehr auf halbem Wege ab und werfen das Eis samt Waffel weg? Wenn Sie konsequent handeln, kommen Sie demnach gar nicht erst dazu, das Hörnchen, um dessentwillen Sie die größere Eisportion gekauft haben, jemals zu genießen!“ Ich musste zugeben: Ich war vorgeführt bzw. der Irrationalität überführt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ein Augenblick potenziellen Wohlbefindens</strong></p>
<p>Wie konnte ich nur in eine solch peinliche Situation geraten? Ich, der Befürworter eiserner Disziplin und Rationalität, hatte nun die Wahl, entweder als irrational dazustehen oder der Willensschwäche überführt worden zu sein. Natürlich hatte Frau Staatsanwältin Recht, dass meine Strategie nicht besonders sinnvoll ist. Auch die meisten Ökonomen hätten ihr zugestimmt: Meine Eis-Kauf-Strategie war ökonomisch suboptimal. Geld für etwas zu bezahlen, was man am Ende gar nicht zu verbrauchen beabsichtigt.</p>
<p>Zum Glück gibt es ja auch noch Psychologen. Und die hätten mich wahrscheinlich verstanden. Denn man stelle sich nur einmal vor, wenn ich statt der ersten Malaga-Kugel auch noch peu à peu die Mangokugel abgeschleckt hätte. Das hätte mir natürlich zumindest mentale Bauchschmerzen bereitet, weil ich mehr Kalorien als erlaubt verbraucht hätte. Aber: Genau dieses negative Erlebnis wäre mir immerhin durch eine gute Eiswaffel wieder versüßt worden. Fühlt sich doch viel besser an als eine wässrige kalorienarme Mango-Kugel alleine mit einer schlecht schmeckenden Industriewaffel. Zumindest in der Gegenwart[1]. Und in der lebe ich und nehme manchmal sogar ganz bewusst in Kauf, die Disziplin zugunsten eines kurzen Gefühls des Wohlbefindens schleifen zu lassen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>[1] Entscheidungspsychologen würden nämlich einwenden, ich hätte zugunsten eines schnellen Wohlbefindens (Völlerei) in der Gegenwart einen Schaden in der Zukunft (Übergewicht) in Kauf genommen</p>
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		<title>Computerhandel III: Zyklische Erfolge</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Aug 2012 06:08:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Investmententscheidungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Tatsächlich lassen sich für computerisierte Handelssysteme keine regelmäßigen Erfolgszyklen feststellen. Denn die Summe aller möglichen zu verdienenden Extrarenditen, etwa im Devisenmarkt, ist begrenzt. Doch war es in trendreichen Zeiten einigen wenigen „Systemhändlern“ gelungen, beachtliche Gewinne mit computerisierten Handelsmodellen zu erzielen, was deren Mythos begründete und die Neugier vieler anderer Akteure an den Finanzmärkten weckte. Schon [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Tatsächlich lassen sich für computerisierte Handelssysteme keine regelmäßigen Erfolgszyklen feststellen. Denn die Summe aller möglichen zu verdienenden Extrarenditen, etwa im Devisenmarkt, ist begrenzt. Doch war es in trendreichen Zeiten einigen wenigen „Systemhändlern“ gelungen, beachtliche Gewinne <span id="more-4881"></span>mit computerisierten Handelsmodellen zu erzielen, was deren Mythos begründete und die Neugier vieler anderer Akteure an den Finanzmärkten weckte.</p>
<p>Schon bald gab es daher etliche Nachahmer, Trendfolger, die allesamt nach einem ähnlichen Ansatz handelten, deren Positionen aber insgesamt so groß wurden, dass sie den Markt beeinflussten. Aus Trendfolgern wurden Trenderzeuger. Mit der Folge, dass Trends nicht durch Fehlentscheidungen und Verlustpositionen von Menschen, sondern durch die Handelsmodelle selbst kreiert wurden, weswegen sie auch nicht von allzu langer Dauer sein konnten. Anders ausgedrückt: Systematische Ansätze gingen an ihrer eigenen Größe zugrunde. Die Gewinner dabei waren übrigens jene, die die großen Orders ausführten und aufgrund von deren hohen Volumina eine  entsprechend hohe Sicherheitsmarge verlangten, die natürlich (als Slippage) zu Lasten der Performance der Computertrader ging. Übrig blieben also, trotz aller Disziplin beim Handeln, Verluste, durch die die meisten computerisierten Trendjünger entmutigt und aus dem Markt geworfen wurden. Also waren es wieder Menschen, die in der Mehrheit dort die Entscheidungen trafen, und dank ihrer Schieflagen und Verluste bildeten sich auch wieder ausgedehnte Trends heraus. Und mit den Trends kamen die Gewinne zurück, auch für die wenigen hartgesottenen Computertrader, die bis dahin immer noch nicht aufgegeben hatten. Ihr Erfolg sprach sich schnell herum, auch andere Händler probierten computergestützte Modelle aus, so dass das ganze Spiel wieder von vorne begann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Self-fulfilling destruction</strong></p>
<p>Die größte Gefahr für den trendfolgenden Computerhandel besteht jedoch nicht nur im oben beschriebenen „Dinosaurier“-Effekt, wenn zu hohe Volumina letztlich zu einer so genannten s<em>elf-fulfilling destruction</em> führen können. Vielmehr ist es der Mensch selbst, der seinen ursprünglich selbst einmal gesetzten Regeln besonders nach einer Serie kleinerer Verluste nicht mehr folgen möchte. Meist rechtfertigt er diesen Abbruch damit, dass die Märkte sich irgendwie geändert hätten und sich plötzlich ganz anders und unberechenbar gebärdeten oder dass Fundamentaldaten (die in solchen Modellen normalerweise ohnehin nichts zu suchen haben!) nicht die gewohnten Reaktionen hervorrufen würden.</p>
<p>Dabei sind es nur eben jene kleinen Verluste, die uns ähnlich ärgern wie mehrere kleine Taxirechnungen. Aber hätte man das nicht vorher wissen müssen, als man sich den viel gerühmten so genannten <em>Track Record</em>, die Erfolgsbilanz des Trendfolgesystems oder -fonds zur Kontrolle angesehen hatte? Und wenn man diesen dann noch einmal genau betrachtet, findet man tatsächlich häufig nur Einzelverluste in einer Größenordnung von weniger als einem Prozent der Performance. Sieht auf dem Papier eigentlich harmlos aus. Selbst wenn das dreimal hintereinander geschieht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wohlbefinden kostet Geld</strong></p>
<p>Tatsächlich ist etwa ein Gewinn von 10 Prozent beeindruckend. Aber bei den Verlusten vergisst man schnell, dass sie in der Realität viel schmerzhafter sind als in der Theorie. Und man unterschätzt überdies, wie schnell man sich in Wirklichkeit an einen Gewinn gewöhnen kann. Ein Gewinn, den man übrigens bei Trendfolgern oft nicht an der Performancespitze realisiert, sondern erst nach einem Rücksetzer. Und von einem bereits mental vereinnahmten Gewinn etwas wieder hergeben zu müssen, ist besonders unangenehm.</p>
<p>Am Ende ist der Handel mit Trendfolgemodellen langfristig sicherlich als erfolgreich zu bezeichnen. Allerdings besteht das Hauptproblem für den Anwender darin, dass die Gewinne oftmals auf psychisch denkbar unangenehme Weise erwirtschaftet werden müssen. Denn Marktineffizienzen auszunutzen, die durch den Dispositionseffekt anderer Marktteilnehmer entstehen, bedeutet in der Konsequenz, das Gegenteil von sehr menschlichen Verhaltensmustern durchhalten zu müssen. Verhaltensmustern, die auf dem Wunsch beruhen, auf möglichst angenehme Art profitabel handeln zu können. Also mit vielen kleinen Gewinnen und nur wenigen, aber dafür größeren Verlusten. Doch das Handeln mit Computermodellen verläuft anders: möglicherweise sehr viel profitabler, aber durchaus auch unangenehmer. Zwar soll der Rechner die Disziplin aufbringen, die dem Menschen fehlt, aber es wird einem auch viel Disziplin dabei abverlangt, ihm dabei zuzusehen zu müssen, ohne eingreifen zu dürfen. </p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Anstrengende Sitzungen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Aug 2012 06:18:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
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		<category><![CDATA[Gewöhnung an Gewinne]]></category>
		<category><![CDATA[Gewöhnung an Verluste]]></category>
		<category><![CDATA[Schmerz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>War heute gerade wieder einmal beim Zahnarzt. Bohren war angesagt. Und da ich eine lang anhaltende Betäubungsspritze überhaupt nicht gebrauchen konnte, entschied ich mich für die schmerzhafte Prozedur. Ich könne ja eine Pause machen, wenn es zu anstrengend würde, bot mir der Doktor an. Drei Mal bat ich um Unterbrechung. Die Sprechstundehilfe fragte mich jedes Mal [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>War heute gerade wieder einmal beim Zahnarzt. Bohren war angesagt. Und da ich eine lang anhaltende Betäubungsspritze überhaupt nicht gebrauchen konnte, entschied ich mich für die schmerzhafte Prozedur. Ich könne ja eine Pause machen, wenn es zu anstrengend würde, bot mir der Doktor an. Drei Mal bat ich um Unterbrechung. Die Sprechstundehilfe fragte mich jedes Mal mit mitfühlender Miene: „Wollen Sie spülen?“, was ich natürlich gerne bejahte.</p>
<p>Am Ende war ich fix und fertig. Und mein Zahnnerv vermutlich auch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Nach dem Zahnarzt: Ab auf die Massagebank</strong></p>
<p>Ich rief – quasi als Belohnung der heldenhaft erlittenen Qual – meine Physiotherapeutin zwecks Massage an und bekam auch sogleich einen Termin. Auf der Massagebank angelangt, fragte sie mich, ob es mir recht sei, wenn sie zwei Handyanrufe zwischendurch annähme oder ob sie doch lieber die Telefonate verschieben solle…</p>
<p>Beide Erlebnisse haben gemeinsam, dass man durch Unterbrechungen sein Wohlbefinden beeinflussen kann. Im Zahnarztbeispiel sollen die Pausen einen Augenblick Schmerzfreiheit gewähren, während Unterbrechungen eines angenehmen Erlebnisses als störend empfunden werden – man möchte so viel Schönes wie möglich erleben. Beide Verhaltensweisen scheinen auf den ersten Blick intuitiv optimal. Doch es gibt Hinweise, dass das ein Trugschluss ist. Warum? – das erfahren Sie am Montag.</p>
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		<title>Das Los der Armen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Mar 2011 10:54:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Bewertung kleiner Wahrscheinlichkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Hartz IV]]></category>
		<category><![CDATA[Homo oeconomicus]]></category>
		<category><![CDATA[Lotterie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die gestrige einstweilige Verfügung des Landgerichts Köln, dass Hartz-IV-Empfänger in Nordrhein-Westfalen ab sofort nicht mehr an öffentlichen Glücksspielen teilnehmen dürfen, mag mancherorts wie eine Bombe eingeschlagen und für große Empörung gesorgt haben. Von einer Stigmatisierung armer Menschen ist in vielen Internetforen die Rede. Andere wiederum sehen in diesem Verbot die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen massiv beschnitten. [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die gestrige einstweilige Verfügung des Landgerichts Köln, dass Hartz-IV-Empfänger in Nordrhein-Westfalen ab sofort nicht mehr an öffentlichen Glücksspielen teilnehmen dürfen, mag mancherorts wie eine Bombe eingeschlagen und für große Empörung gesorgt haben. Von einer Stigmatisierung armer Menschen ist in vielen Internetforen die Rede. Andere wiederum sehen in diesem Verbot<span id="more-1054"></span> die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen massiv beschnitten. Ich möchte nicht darüber befinden, ob die Entscheidung, dass jemand, der soziale Leistungen bezieht, kein Geld für Glücksspiele verwenden darf, richtig ist oder nicht. Auch will ich nicht vor Spielsucht warnen. Die Risiken und Nebenwirkungen von Spielautomaten und Glückslotterien dürften hinlänglich bekannt sein. Schon gar nicht aber möchte ich mich dem homo oeconomicus anschließen, dieser vernunftgesteuerten Spaßbremse. Er, der notorische Besserwisser und Langeweiler, würde einem an dieser Stelle erklären, dass Glücksspiele kein sinnvolles Investment sind, weil sie eine negative Gewinnerwartung haben: Der Einsatz wird der winzigen Chance auf den Jackpot nicht annähernd gerecht. Sie beträgt lediglich 1 zu knapp 140 Millionen.</p>
<p>Allerdings haben die Verhaltensökonomen schon vor Jahren festgestellt, dass die meisten Menschen kleine Wahrscheinlichkeiten wesentlich höher einschätzen, als sie tatsächlich sind. Anders ausgedrückt: Von der Tatsache, dass an jedem Samstag jeder Lottospieler in der Republik glaubt, jetzt sei er aber mal dran, den Jackpot zu knacken, profitiert eine ganze Industrie.</p>
<p>Während die einen also schulmeisterlich erklären, dass Lottospielen irrational sei und deswegen den Geldbeutel der Ärmsten nur unnötig belaste, sollte man gleichzeitig bei aller kühlen Rechnerei nicht vergessen, dass mit dem Ausfüllen des Lottoscheins auch ein Traum gekauft wird. Ein Traum, der einem zumindest für ein paar Stunden in der Woche die Hoffnung vermittelt, vielleicht auf einen Schlag aus dem ganzen Schlamassel herauszukommen. Genau um diese Sehnsucht mag es auch George Orwell gegangen sein, als er in seinem Roman „1984“ beschrieb, was die wöchentliche Lotterie mit ihren riesigen Gewinnen für die Armen bedeutet. Auch wenn die Hauptpreise stets an Personen gingen, die in Wahrheit gar nicht existierten, war die Lotterie der Haupt-, wenn nicht der einzige Grund der Bedürftigen, überhaupt weiterzumachen und nicht an ihrer Not zu verzweifeln.</p>
<p>Diejenigen, die den Ärmsten das Lottospielen verbieten wollen, sei es, um sie zur Sparsamkeit zu erziehen oder um die Kosten für das soziale Netz zu drücken, sollten daher nicht unterschätzen, welchen Sinn und Nutzen kollektiv erlebte Wunschträume und Hoffnungen für benachteiligte Menschen haben können. Auch wenn es nur für ein paar Stunden am Mittwoch und am Samstagabend ist. Und wohl fast immer eine schöne Illusion bleiben wird.</p>
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		<title>Der Fluch des Gewinners</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Dec 2010 11:29:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Gewichtung von Wahrscheinlichkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Overconfidence]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrnehmung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Schon wieder hat in unserer Nachbarschaft eine neue Spielhalle aufgemacht und ist jetzt 24 Stunden  am Tag, sieben Tage die Woche geöffnet. Der Chef des Etablissements fährt nicht nur dann und wann mit einem tollen Schlitten vor, sondern ist auch – im Gegensatz zu seiner Kundschaft – sehr vornehm gekleidet. Sein Geschäfte laufen glänzend, so der [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/der-fluch-des-gewinners/">Der Fluch des Gewinners</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Schon wieder hat in unserer Nachbarschaft eine neue Spielhalle aufgemacht und ist jetzt 24 Stunden  am Tag, sieben Tage die Woche geöffnet. Der Chef des Etablissements fährt nicht nur dann und wann mit einem tollen Schlitten vor, sondern ist auch – im Gegensatz zu seiner Kundschaft – sehr vornehm gekleidet. Sein Geschäfte laufen glänzend,<span id="more-693"></span> so der erste Eindruck. Wer will da noch behaupten, in Deutschland unternähme jemand etwas gegen die Spielsucht der Menschen. Plötzlich erinnere ich mich an alte Zeiten, als ich als Heranwachsender manchmal beim Bier in meiner Stammkneipe Leuten am Geldspielautomaten bewundernd zusah, die anscheinend in der Lage waren, mit der Stopptaste des Automaten die drei Walzen der Mechanik so genau zum Stehen zu bringen, dass die für den Gewinn erforderliche Kombination tatsächlich im Sichtfenster erschien. Häufiger jedenfalls. Heute weiß ich natürlich, dass viele dieser Automatenspieler ihre Fähigkeiten nicht nur systematisch überschätzt hatten (also overconfident waren), sondern auch der Illusion erlegen waren, sie könnten die Maschine tatsächlich beherrschen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang gerne von Kontrollillusion. Damals habe ich mir übrigens nie die Frage gestellt, warum diese Spieler nie steinreich geworden sind.</p>
<p>Obgleich ich von Automatenspielen nur wenig Ahnung habe, ist mir klar, dass die Mechanik dieser Geräte von damals nicht mit der heutigen Elektronik vergleichbar ist. Trotzdem vertrauen noch viele Spieler auf ihr vermeintliches Geschick, wenn sie der akustischen Begleitmusik, diesem irreführenden „Da da tüta tüta da“ zur blinkenden Risikoleiter folgen, bei der es um &#8222;Doppelt oder Nichts&#8220; geht. Dabei sehen die Auszahlungspläne solcher Automaten nicht vor, dass die sie mit Hunderten von Münzen fütternden Spieler langfristig als Gewinner aus der Halle gehen. Was jedem rational denkenden Mensch eigentlich klar sein müsste, wenn er liest, dass die Auszahlungsquote von Spielautomaten zwischen 96 und 98 % liegt.</p>
<p>Was also lässt die Menschen (von denen es so viele gibt, dass eine Industrie mit Milliarden Umsätzen davon leben kann<a href="http://www.blognition.de/wp-admin/post-new.php#_edn1">1</a>) Stunden lang an Automaten verharren, nur um sich die Zeit mit systematischen Verlusten zu vertreiben? Automaten, für die man weder eine besondere Intelligenz noch Geschicklichkeit benötigt. Natürlich würden Profispieler sofort einwenden, dass man ja immerhin mit kleinem Geld (0,20 €) die Chance auf eine so genannte Superserie hat (so bezeichnet man das Ziel, auf das ein Automatenspieler hinarbeitet, weil dann für eine bestimmte Zahl von Spielen Höchstgewinne erzielbar sind), und dass man bei einer solchen Superserie mit etwas Glück einige hundert Euro gewinnen könne. Da diese Gewinne mit einer sehr niedrigen Wahrscheinlichkeit auftreten, werden sie diese – wie dies bei kleinen Wahrscheinlichkeiten üblich ist – natürlich vergrößert wahrnehmen. Aber dies dürfte nicht der einzige Grund sein, warum Spieler an den Automaten festkleben. Zumal doch die verhaltensorientierten Ökonomen immer wieder darauf hinweisen, dass Verluste etwa zweieinhalb Mal so stark wahrgenommen werden wie Gewinne in gleicher Höhe.</p>
<p>Vielmehr ist es die Art und Weise, wie Gewinne und Verluste ausgezahlt bzw. belastet werden. Letztere bestehen in gleichbleibend hohen Einsätzen pro Spiel, an die man sich schnell gewöhnt, weil sie, solange man spielen möchte, regelmäßig und sicher sind. Ganz anders jedoch verhält es sich mit den Gewinnen. Sie sind unsicher und auch von unterschiedlicher Höhe, bleiben also unberechenbar.   Gerade deswegen sorgen sie länger für anhaltendes Wohlbefinden. Genauso wie man sich über ein unerwartetes Geschenk wesentlich länger und intensiver freuen kann als über eines, mit dem man schon lange fest gerechnet hatte<a href="http://www.blognition.de/wp-admin/post-new.php#_edn2">2</a>. Und genau für diese kleine Euphorie sind viele Spieler anscheinend  bereit, eine Menge Geld zu bezahlen. So gesehen sind Gewinne ein Fluch</p>
<hr size="1" /><a href="http://www.blognition.de/wp-admin/post-new.php#_ednref1">1</a> <a href="http://www.vdai.de/spielerschutz.pdf">Informationsblatt „Spielerschutz“</a>, Verband der Deutschen Automatenindustrie e.V. (VDAI)</p>
<p><a href="http://www.blognition.de/wp-admin/post-new.php#_ednref2">2</a> [i] Hsee, Christopher K., (2008): <em>Two Recommendations on the Pursuit of Happiness</em>, Journal of Legal Studies vol. 37</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/der-fluch-des-gewinners/">Der Fluch des Gewinners</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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