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	<title>Eskalierendes Commitment Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Teures Unterfangen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Jan 2015 06:50:07 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Nun hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) tatsächlich die Interventionsgrenze des Franken im Verhältnis zum Euro von 1,20 CHF aufgegeben. Naturgemäß haben die Märkte darauf mit einem Schock reagiert. Gleichwohl spielt es für mich eine eher untergeordnete Rolle, auf welchem Niveau sich der Wechselkurs des Franken in den kommenden Tagen etablieren wird. Immerhin ist es der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nun hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) tatsächlich die Interventionsgrenze des Franken im Verhältnis zum Euro von 1,20 CHF aufgegeben. Naturgemäß haben die Märkte darauf mit einem Schock reagiert. Gleichwohl spielt es für mich eine eher untergeordnete Rolle, auf welchem Niveau sich der Wechselkurs des Franken in den kommenden Tagen etablieren wird. Immerhin ist es der SNB gelungen, seit Herbst 2011 den von ihr gewünschten Wechselkurs standhaft zu verteidigen – damals und zuletzt im Dezember 2014 hatte die Nationalbank immer wieder betont, sie werde ausländische Valuten (notfalls in unbegrenzter Höhe) kaufen, um dieses Ziel zu erreichen. Damals sprach ich von einem schweren Sündenfall (vgl. <a href="https://www.joachim-goldberg.com/ein-schwerer-sundenfall/"><strong>HIER</strong></a>), zumal sich seinerzeit keine andere Zentralbank finden wollte, die die SNB in ihrem Vorhaben unterstützte. Psychologisch gesehen war dies ein riesiges eskalierendes Commitment, das über die Jahre mit einer massiven Erhöhung der Währungsreserven einherging. Diese erfahren nun mit der gestrigen Entscheidung der SNB eine kräftige Abwertung, die sie Milliarden Franken kosten wird.</p>
<p>Auf den ersten Blick dürfte sich die SNB mit der Aufgabe der Interventionsgrenze einen massiven psychologischen Vertrauensverlust eingehandelt haben. So stellte sich mancher Händler in einer ersten Reaktion die Frage, ob denn die Zentralbank völlig die Kontrolle über das Marktgeschehen verloren habe, wenn sie so heftig reagiere. Wie stünde es in einer vergleichbaren Situation um das Versprechen der Europäischen Zentralbank, für die Stützung des Euro alles Erdenkliche zu tun? – Ein Gedanke, der in diesem Augenblick so manchem Devisenhändler durch den Kopf gegangen sein mag.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die Kapitulation</strong></p>
<p>Bei genauerem Hinsehen kann man sich natürlich auch darüber streiten, ob angesichts eines bevorstehenden quantitativen Lockerungsprogramms der EZB, das mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit den Euro weiter geschwächt hätte, ein stures Festhalten am 1,20er Interventionskurs tatsächlich sinnvoll gewesen wäre. Wenn mancher Kommentator nun von einer Kapitulation der SNB spricht, hat er natürlich Recht, denn mit der Aufgabe des Interventionskurses entstehen nach dem Anstieg der Währungsreserven auf zuletzt (Oktober 2014) mehr als 500 Milliarden Franken mit einem Schlage riesige (Buch)verluste. Zur Erinnerung: Jene Reserven betrugen im August 2011, also kurz vor Einführung der Euro-Untergrenze zum Franken, noch 253 Milliarden Schweizer Franken. Kritiker sollten allerdings auch nicht vergessen, dass der Wechselkurs des Franken seinerzeit, bevor eine möglichen Bindung der Schweizerischen Währung an den Euro angekündigt wurde, schon einmal aufgrund der damaligen massiven Kapitalzuflüsse in die Schweiz ein Niveau von zutiefst 1,0070 CHF pro Euro erreicht hatte. Ein Kurs, der gestern – allerdings nur kurzzeitig – in einer ersten Panik deutlich unterschritten wurde.</p>
<p>Es ist müßig, darüber zu debattieren, ob eine andere Strategie der SNB – etwa verdeckte Interventionen im freien Markt – besser gewesen wäre oder weniger Geld gekostet hätte. Wie auch bei anderen Ereignissen in der Geschichte der Devisenmärkte hat sich erneut gezeigt, dass sich keine Zentralbank der Welt (vgl. etwa die Bank von Japan oder die Bank von England) langfristig erfolgreich gegen große Kapitalflüsse stemmen kann. Dass dies der SNB – ungeachtet aller Nachteile, die nun für die Notenbank und Schweizerische Wirtschaft entstehen – über mehr als drei Jahre hinweg gelungen ist, bleibt für mich als ehemaligem Devisenhändler dennoch bemerkenswert.</p>
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		<title>Low Noon oder Kurssturz bei Warrens wohltätigem Lunch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Jun 2013 07:15:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Eskalierendes Commitment]]></category>
		<category><![CDATA[Fluch des Gewinners]]></category>
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		<category><![CDATA[US-Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Warren Buffett]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich staunte nicht schlecht, als ich am Wochenende erfuhr, dass Warren Buffett dieses Mal seine alljährliche Einladung zu einem wohltätigen Mittagessen[1] bei eBay nur für eine Million US-Dollar versteigern lassen konnte. Dieser Betrag nimmt sich geradezu mickrig aus, wenn man ihn mit dem Ergebnis der Versteigerungen in den beiden Jahre zuvor vergleicht. 2011 konnte sich [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ich staunte nicht schlecht, als ich am Wochenende erfuhr, dass Warren Buffett dieses Mal seine alljährliche Einladung zu einem wohltätigen Mittagessen<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> bei eBay nur für eine Million US-Dollar versteigern lassen konnte. Dieser Betrag nimmt sich geradezu mickrig aus, <span id="more-6193"></span>wenn man ihn mit dem Ergebnis der Versteigerungen in den beiden Jahre zuvor vergleicht. 2011 konnte sich der Gewinner der Auktion für ein Eintrittsgeld von 2,63 Millionen Dollar glücklich schätzen, mit dem Orakel von Omaha und weiteren sieben Freunden im berühmten New Yorker Steakhouse Smith &amp; Wollensky zu Mittag essen zu dürfen. Und im vergangenen Jahr musste man für einen Lunch mit Warren sogar 3,46 Millionen Dollar hinlegen. Insofern kann man die eine Million, die ein bislang unbekannter Bieter für dieses Vergnügen berappen muss, als wahres Schnäppchen ansehen. Oder als einen Kurssturz von mehr als 70 Prozent!</p>
<p>Fast schon ein wenig besorgt fragte ich mich, ob die Reichen aus Amerika und dem Rest der Welt wohl spendenmüde geworden sind oder ob einfach nur die Vernunft in den Gehirnen der Bieter Einzug gehalten habe. Vielleicht wollten sie angesichts der Auktionen der Vorjahre nicht mehr dem Fluch des Gewinners erliegen und sich gegenseitig beim Eintrittsbillett zu einem völlig überteuerten Mittagessen gegenseitig überbieten, auch wenn der Erlös dieser Versteigerung einem guten Zweck dienen soll. Immerhin hatte der Sieger von 2011 nach Angaben von Reuters als Dessert zum Luxus-Lunch einen Top-Job als Investmentmanager bei Buffetts Fonds <i>Berkshire Hathaway</i> serviert bekommen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Reiche noch reicher, aber knauseriger?</b></p>
<p>Doch noch am selben Tag las ich zufällig den jährlichen Report der Federal Reserve Bank von St. Louis. Dort erfuhr ich, dass 62 Prozent der Erholung der Vermögenswerte bis zum Ende des vergangenen Jahres allein den steigenden Aktienkursen zuzuschreiben gewesen wären. Und das bereitete mir Kopfzerbrechen. Denn im Jahr 2010 befanden sich gemäß einer Studie 91,4 Prozent der Aktien und Investmentfonds im Besitz des oberen Zehntels der US-Bevölkerung, und das oberste Prozent hielt etwa die Hälfte davon<a title="" href="#_ftn2">[2]</a>. Diese Zahl per se überrascht noch nicht, war doch der Anteil der Reichen und Superreichen am Gesellschaftsvermögen während der vergangenen 30 Jahre immer schon sehr hoch gewesen. Aber die äußerst lesenswerte Studie zeigt, dass die Finanzkrise diese ungleiche Verteilung der Vermögen in der US-Gesellschaft durch die Krise noch verstärkt hat: Die mittleren Vermögen sind im Zuge dieser Entwicklung real sogar auf den niedrigsten Stand seit 1969 gedrückt worden! Genauso wie sich die Lücke zwischen sinkenden mittleren und den hohen Einkommen (gemessen am Median) während dieser Zeit noch einmal vergrößert hat. Am Ende haben also die Haushalte der Reichen von der Erholung der Aktienkurse, ausgelöst durch die quantitativen Lockerungsprogramme der US-Notenbank, überproportional profitiert.  Unterdessen wurden die durch die Krise verloren gegangenen Arbeitsplätze durch schlechter bezahlte ersetzt – eine Tendenz, die gerade auch in den Arbeitsmarktdaten vom vergangenen Freitag zu Tage getreten ist: Mehr als die Hälfte der neu geschaffenen Stellen entstanden im Niedriglohnbereich.</p>
<p>Bleibt am Ende die Frage, warum die Reichen nicht mehr Geld für Warrens Einladung zum Lunch lockergemacht haben. War dies das Ergebnis einer konzertierten Kostensenkungsaktion von den Reichen dieser Welt?  Oder war die Zurückhaltung bei der Auktion bereits ein Hinweis darauf, dass man sich demnächst auf einen massiven Kursrückgang im Aktienmarkt vorbereiten muss, weil man unter den oberen 10.000 dieser Welt mit dem Versagen der Notenbankpolitik und massiven Kursverlusten rechnet?</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Der Erlös kommt der Wohltätigkeitsorganisation GLIDE in San Francisco zugute, die  die Armen des Bezirks mit Obdach, Essen und anderen Dienstleistungen versorgt</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Wolff, Edward N.: <i>The Asset Price Meltdown and the Wealth of the Middle Class</i>, New York University 2012</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
</div>
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		<title>Um die Klippe herum</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Nov 2012 13:09:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Fiskalische Klippe]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Frage, ob es in 2012 eine Jahresendrallye geben wird, durfte ich in meinem Kurzinterview am Donnerstag bei n-tv beantworten, das Frank Meyer mit mir führte. Weil ich mich mit einer kurzen Antwort offenbar schwertat, lud mich der nette Moderator direkt im Anschluss zu einem längeren Zwiegespräch bei der n-tv Telebörse ein, wo ich dankenswerter [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Frage, ob es in 2012 eine Jahresendrallye geben wird, durfte ich in meinem Kurzinterview am Donnerstag bei n-tv beantworten, das Frank Meyer mit mir führte. Weil ich mich mit einer kurzen Antwort <span id="more-5456"></span>offenbar schwertat, lud mich der nette Moderator direkt im Anschluss zu einem längeren Zwiegespräch bei der n-tv Telebörse ein, wo ich dankenswerter Weise die Möglichkeit hatte, noch einmal ausführlich auf die kommenden Wochen in Sachen DAX eingehen zu dürfen. Dabei wagten wir auch mal einen Blick hinter die fiskalische Klippe, die er bekanntlich in den USA im kommenden Jahr droht. Dabei konnte ich noch einmal meine Ausführung aus meinem gestrigen Blogbeitrag <a href="http://www.blognition.de/blog/markte/falscher-referenzpunkt/">„falscher Referenzpunkt“</a> erläutern. Außerdem ging es noch um die eskalierten Commitments der Politiker und deren Auswirkungen auf den Aktienmarkt. <a href="http://www.teleboerse.de/mediathek/mediathek_videos/n-tv_mediathek_videos_wirtschaf/Wir-haben-die-falschen-Referenzpunkte-article7834156.html">Das ganze Interview finden Sie hier</a>.</p>
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		<title>Carlos&#8216; Kurve</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Feb 2011 10:49:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Total dedication]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Traf kürzlich einen alten Bekannten, einen Investmentbanker. Er sah blass aus. Ich wagte kaum zu fragen, wie es ihm gehe. &#8222;Jetzt hat es mich vermutlich auch erwischt, zwei aus unserer Fünfergruppe müssen gehen&#8220;, erzählte er mir. Und er begann, in kurzen Zügen sein relativ langes Berufsleben zu schildern. Und ich erinnerte mich daran, wie ich [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Traf kürzlich einen alten Bekannten, einen Investmentbanker. Er sah blass aus. Ich wagte kaum zu fragen, wie es ihm gehe. &#8222;Jetzt hat es mich vermutlich auch erwischt, zwei aus unserer Fünfergruppe müssen gehen&#8220;, erzählte er mir. Und er begann, <span id="more-911"></span>in kurzen Zügen sein relativ langes Berufsleben zu schildern. Und ich erinnerte mich daran, wie ich Carlos (Name geändert) als Trainee bei einer Großbank während einer Veranstaltung kennengelernt hatte. Ein junger Mann voller Motivation und Elan war er damals. Und er schien regelrecht an den Lippen seines Chefs zu hängen, der ein rosiges Bild hoher Einkommensmöglichkeiten und noch größerer Boni malte. Ja, das Investmentbanking sei ein Risikogeschäft, betonte er immer wieder, um sofort hinzuzufügen, dass diese Risiken adäquat entlohnt werden müssten. Eigentlich sollte der fixe Bestandteil eines Gehalts nur gerade so zum Leben reichen. Umso höher könne man dann die Erfolgskomponente des Einkommens gestalten. Kurzum: “Wenn Du risikoscheu bist, bist Du im falschen Job“. Es klang, als hätte sich Carlos in der Bank der unbegrenzten Möglichkeiten befunden.</p>
<p>Von Zeit zu Zeit telefonierten wir miteinander. Und Carlos erzählte mir vom ersten Bonus-Tag, den er erleben durfte – aus dem Trainee war ein richtiger Sales-Profi geworden. Nach einem Jahr gab es die erste Bonus-Ausschüttung, an der Carlos angemessen, aber alles andere als großzügig beteiligt worden war. Dasselbe galt mehrheitlich auch für seine Kollegen. Nur zwei von ihnen hatten Glück gehabt und das große Los gezogen. Offensichtlich waren sie nach dem Zufallsprinzip reich belohnt worden, denn ihre Performance hatte – so meinte Carlos – nicht wirklich überzeugt. Aber es sollen ja auch weiche Faktoren bei der Beurteilung berücksichtigt werden. Jedenfalls hatten die beiden einen Superbonus bekommen, der ein Mehrfaches der durchschnittlichen Erfolgsprämie in der Abteilung betragen haben musste, wie mir Carlos versicherte. Das zumindest wollte er einem &#8222;vertraulichen Gespräch&#8220; in der Herren-Toilette, das er zufällig belauscht hatte, entnommen haben.</p>
<p>Die Freude über die eigene Ausschüttung war allerdings dahin, und Carlos fragte sich, warum er im Vergleich zu diesen zwei Kollegen den Kürzeren gezogen hatte. An seinem Einsatz konnte es nicht gelegen haben. Auch nicht an der Gewinnvorgabe, denn die hatte er bereits nach zehn Monaten erreicht gehabt. Trotzdem zeigte die gefühlte Zurücksetzung Wirkung. Denn alle in der Abteilung, die nicht so reich bedacht worden waren, und auch mein Bekannter legten sich noch mehr ins Zeug, um wenigstens im kommenden Jahr eine reelle Chance auf den Superbonus zu bekommen. Darin ähnelte ihr Verhalten dem eines Anlegers, der sich im Verlustbereich befindet und alles Mögliche anstellt und auch höhere Risiken eingeht, nur um seinen Referenzpunkt zu erreichen.</p>
<p>Carlos stellte fest, dass er noch lange nicht an seine Grenzen gestoßen war. Bei einem Offsite-Wochenende – einmal im Jahr traf sich die ganze Abteilung in der Abgeschiedenheit eines Wellness-Hotels –  lernte Carlos, worauf es wirklich ankam: auf die „total dedication“, die vollkommene  Hintanstellung der eigenen Interessen zugunsten der des Arbeitgebers. Wenn es sich bis dahin noch um ein normales Commitment gehandelt haben mag, konnte man spätestens jetzt von einem eskalierten Einsatz sprechen, stets verbunden mit der Hoffnung, dass am Ende als Belohnung vielleicht der Superbonus winkte. Im dritten Jahr hatte es Carlos dann geschafft. Als wir uns trafen, blickte er mir triumphierend ins Gesicht: &#8222;Dir gegenüber sitzt ein Gewinner.“ Mit diesen Worten begrüßte er mich. Selbstverständlich beglich er an diesem Abend die Rechnung.</p>
<p>Wie es in Carlos‘ Leben seitdem weiterging, ist schnell erzählt. Auf der materiellen Haben-Seite sind  drei teure Schlitten, ein freistehendes Haus Marke &#8222;Schloss&#8220; (natürlich noch lange nicht abbezahlt, wodurch sich das Commitment noch einmal erhöht) und diverse Status-Accessoires festzuhalten. Auf der menschlichen Ebene schlugen eine Heirat, zwei Kinder und am Ende eine Scheidung zu Buche. Weil Carlos&#8216; ganze Hingabe seiner wahren Liebe galt, mit der er eine viel intensivere Beziehung eingegangen war als mit seiner Ehefrau und für die er auch deutlich mehr Zeit aufbrachte. Es folgten sein Burnout und der Versuch eines Neuanfangs.</p>
<p>Nun stand Carlos fassungslos vor mir: &#8222;Ich habe wirklich alles gegeben, habe mich selbst ständig optimiert und jetzt will man mich aus meiner Familie einfach so verstoßen! Ist das nicht ungerecht?“</p>
<p>Ich schwieg, denn ich war mir nicht sicher, ob sein Vorwurf berechtigt war. Dafür, dass er alles gab, hatte er ja auch seine Risikoprämie bekommen. Das war der Deal. Aus Sicht eines homo oeconomicus ein faires Geschäft – oder?</p>
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		<title>Freund S.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Nov 2010 13:21:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Verschiedenes]]></category>
		<category><![CDATA[Commitment]]></category>
		<category><![CDATA[Eskalierendes Commitment]]></category>
		<category><![CDATA[Kognitive Dissonanz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Samstagnachmittag in Frankfurt. Mitten im Gewühl auf der Zeil erkannte ich meinen alten Freund S., den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Kurz entschlossen setzten wir uns ins nächstgelegene Café – etwas, was ich normalerweise wegen des Trubels am Wochenende nicht gerne mache. Beim Cappuccino erzählten wir einander, wie es uns in der Zwischenzeit [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/freund-s/">Freund S.</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Samstagnachmittag in Frankfurt. Mitten im Gewühl auf der Zeil erkannte ich meinen alten Freund S., den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Kurz entschlossen setzten wir uns ins nächstgelegene Café – etwas, was ich normalerweise wegen des <span id="more-6638"></span>Trubels am Wochenende nicht gerne mache. Beim Cappuccino erzählten wir einander, wie es uns in der Zwischenzeit ergangen war. S. machte nicht den allerglücklichsten Eindruck, als er auf seine Familie zu sprechen kam. Vor allem aber klagte er über die vielen Marotten seiner Frau. Kleine Fehler, Ticks und Lässlichkeiten, über die er früher einmal hinweg gesehen hatte – als er noch frisch verliebt gewesen war. Aber das war vor 20 Jahren. Und dann begann mein Freund, in Erinnerungen zu schwelgen. Was für ein glücklicher Mensch er damals gewesen war. Da erinnerte auch ich mich daran, wie er seine spätere Frau einst kennengelernt hatte.</p>
<p>Alles hatte, wie so oft,  mit einem harmlosen Abendessen begonnen, zu dem S. seine Angebetete – Hildegard – eingeladen hatte. Und weil die erste Einladung um Mitternacht mit einem Gutenachtküsschen auf die Wange geendet hatte, folgten eine zweite und eine dritte. Bei meinem Freund steigerte der ausbleibende Erfolg nicht nur die Verliebtheit, sondern auch seinen monetären Einsatz. Beim dritten Tête-à-Tête geschah jedoch etwas, was S. zu denken hätte geben müssen: Dieses Mal gab es nicht nur Sushi oder Fingerfood, sondern ein mehrgängiges Menü. Und nun beobachtete  S. leicht irritiert, wie Hildegard Gabel und Messer mit den Fäusten packte und senkrecht auf die Tischkante rammte. Nicht gerade die feine Art. Aber S. sah großzügig darüber hinweg, ein kleiner Schönheitsfehler, nicht mehr. Wie viele dieser kleinen Makel und Schwächen, die Hildegard im Laufe weiterer Treffen offenbarte und die mein Freund heute als Marotten bezeichnet.</p>
<p>S. ist übrigens Psychologe und weiß natürlich heute ganz genau, was damals passiert war. Er hatte nämlich bereits in zwei teure Abendessen investiert und war kurz davor, das dritte zu bezahlen. &#8222;Ich saß in der Commitmentfalle&#8220;, gab er zu. Dem Investment stand nämlich eine störende Wahrnehmung gegenüber, die S. als dissonant empfunden hatte. Und da gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Liebesgeschichte aufzugeben (was einer Rückgängigmachung einer Entscheidung entsprochen hätte) oder das Wahrgenommene zu ignorieren. S. entschied sich angesichts von Hildegards vielen anderen Vorzügen für die zweite Option.</p>
<p>Und das Schicksal nahm seinen Lauf.</p>
<p>Traf S. vor kurzem erneut auf der Zeil. Er kaufte sich gerade eine neue Krawatte. Für ein Abendessen, zu dem er seine Sekretärin eingeladen hatte.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/freund-s/">Freund S.</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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