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	<title>Kulturwandel Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Am Allzeithoch sieht eine Anlage immer gut aus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Mar 2014 09:01:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Investmententscheidungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nun sei also die Zahl der direkten und indirekten Aktienbesitzer in Deutschland im Jahr 2013 erneut zurückgegangen, stellte das deutsche Aktieninstitut (DAI) unlängst fest. Damit ist die Zahl der Aktionäre seit dem Jahr 2001, also ein Jahr nachdem seinerzeit noch der Begriff der Aktienkultur hierzulande die Runde machte, von 12,9 Millionen Anlegern um fast ein [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nun sei also die Zahl der direkten und indirekten Aktienbesitzer in Deutschland im Jahr 2013 erneut zurückgegangen, stellte das deutsche Aktieninstitut (DAI) unlängst fest. Damit ist die Zahl der Aktionäre seit dem Jahr 2001, also ein Jahr nachdem seinerzeit noch der Begriff der Aktienkultur hierzulande die Runde machte, <span id="more-6980"></span>von 12,9 Millionen Anlegern um fast ein Drittel gesunken. Danach hatten vor allem Menschen unter 40 Jahren weniger Interesse an Aktien – von den 20 bis 29jährigen besitzt nicht einmal jeder zehnte Aktien oder Aktienfonds. Natürlich könnte man jetzt hadern, das alles sei ja angesichts der nicht abflauen wollenden Skandalmeldungen aus dem Finanzsektor nicht weiter verwunderlich. Das Vertrauen sei einfach futsch, höre ich manchmal im Bekanntenkreis. Aber normalerweise scheren sich viele Menschen nicht um moralische Bedenken, sobald ihnen eine gute Rendite in Aussicht gestellt wird.</p>
<p>Tatsächlich verzeichnete der DAX im Jahr 2013 einen Kursanstieg von 26 Prozent, womit <i>im Nachhinein</i> die Aktie sicherlich als sinnvolle Anlageform geradezu hervorstechen mag. Besonders am Allzeithoch sieht jedes Investment selbst im langjährigen Vergleich gut aus. Allerdings wird dabei gerne vergessen, dass das Gros der Investoren diesen Trend Anfang 2013 (genauso wenig wie im Jahr 2012) eben nicht vorausgesehen und sich über weite Strecken sogar gegen diese positive Entwicklung gestellt hatte. Ganz zu schweigen, welche Erfahrungen Investoren mit den teils massiven Kurseinbrüchen an den Aktienmärkten während der Finanzkrise in den Jahren 2008 ff. gemacht hatten.</p>
<p>Ich sehe die Dinge auch noch aus einer anderen Perspektive. Während der schwierigen Zeiten für Aktieninvestments haben sich nicht nur immer mehr Menschen vom Aktienmarkt abgewandt. Oftmals sind auch deren Berater in den Zeiten heftiger Kursverluste abgetaucht – wer möchte schon freiwillig mit seinen Kunden Verlustdepots ansehen. Die Folge: Weniger Aktiengeschäft und konsequenterweise erhöhter Kostendruck bei den Kreditinstituten, nicht zuletzt infolge der Krise. Weswegen die Zahl der Berater mit der Zeit stark reduziert werden musste, wodurch für die verbliebenen durchaus anlagewilligen Kunden noch weniger Service und Zeit übrig blieb.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Kein Geld für Ausbildung</b></p>
<p>Auch die Ausbildung der Menschen in Gelddingen ist während der vergangenen Jahre deutlich zurückgegangen. Und zwar nicht nur wegen eines angeblichen Desinteresses der Anleger. Tatsächlich sind die Sparwellen im Bankgewerbe natürlich auch nicht an den Marketingbudgets vorbeigegangen. Wenn man jedoch in der Finanzindustrie einen Kulturwandel glaubhaft vermitteln möchte, gehört dazu auch die Transparenz, seinen Kunden zu erklären, wie die Dinge an den Märkten tatsächlich funktionieren. Wenn ich mir dann jedoch gestern den ausgezeichneten Blogbeitrag von Thomas Knüwer (<span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.indiskretionehrensache.de/2014/03/zdf-wirtschaftsjournalismus/">hier</a></span>) zu Gemüte führe, das ZDF habe offenbar kein Interesse an Wirtschaftsberichterstattung, ist das die Fortsetzung genau jenes ungesunden Trends.</p>
<p>Interessieren sich Menschen tatsächlich nicht genügend für das, mit dem man Güter und Dienstleistungen bewertet, mithin also für Geld? Wenn das wahr wäre, interessierten sich die Menschen natürlich erst recht nicht für dessen Vermehrung. Ja, Geldangelegenheiten und Aktieninvestments sind für viele komplex und mitunter schwer zu begreifen. Ich kann sogar verstehen, wenn man dafür weder Zeit, Nerven oder gar Geld übrig hat. Von letzterem sollte man dann aber lieber ganz die Finger lassen, denn sonst läuft man Gefahr, für die selbstgewählte Unwissenheit später (und dann oft viel mehr) nachzahlen zu müssen.</p>
<p>Immerhin scheint es noch eine ausreichend große Minderheit der Spezies Mensch zu geben, die sich für die DAX-Stimmung interessiert, vielleicht auch mit dem Motiv, mit Aktien zumindest kein Geld zu verlieren. Für diese Gruppe und für die Börse Frankfurt habe ich (<span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.boerse-frankfurt.de/de/nachrichten/boerse+frankfurt+news/marktstimmung+abgewartet+statt+gekauft+64696">an dieser Stelle</a></span>) die gestrige Sentiment Erhebung kommentiert.</p>
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		<title>Gullivers Reichtum</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Feb 2014 07:30:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Bonusdeckel]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Investmentbanking]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Offenbar geht es der Finanzbranche prächtig. So musste ich gestern lesen, dass die Londoner Großbank HSBC anscheinend schon dabei ist, die von der EU verordnete Begrenzung der Boni für Spitzenverdiener zu umgehen. Wie jetzt bekannt wurde, soll der Konzern für seine Topleute – zu denen das Bankhaus sage und schreibe mehr als 600 Angestellte zählt [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Offenbar geht es der Finanzbranche prächtig. So musste ich gestern lesen, dass die Londoner Großbank HSBC anscheinend schon dabei ist, die von der EU verordnete Begrenzung der Boni für Spitzenverdiener zu umgehen. Wie jetzt bekannt wurde, soll der Konzern für seine Topleute – zu denen das Bankhaus sage und schreibe<span id="more-6958"></span> mehr als 600 Angestellte zählt – eine so genannte „fixe Zulage“ bezahlen. Diese wird von der Bankenaufsicht als festes Basisgehalt anerkannt, so dass sie nicht unter den Bonusdeckel fällt, der bei höchstens 200 Prozent des Jahresgehalts liegt. Immerhin wird die fixe Zulage wie der Bonus jährlich überprüft und gegebenenfalls verändert. Für die drei Spitzenkräfte von HSBC sollen nach Angaben der Financial Times die fixen Zulagen in diesem Jahr 130 Prozent der Grundgehälter ausmachen. Danach würde allein HSBC-Chef Stuart Gulliver zusätzlich zu seinem Grundgehalt von 1,25 Millionen noch eine Zulage von 1,7 Millionen englischen Pfund erhalten. Beide Beträge zusammen bilden schließlich die Grundlage für die Bonuszahlung, so dass Gullivers gesamtes Paket ähnlich hoch sein dürfte wie jenes, das er bereits im Jahr 2013 bekommen hat – damals waren das immerhin mehr als acht Millionen Pfund. Wenn dann auch noch Mister Gulliver mit der Aussage zitiert wird, er fände die Änderungen [in der Bezahlung] ausgesprochen bedauerlich, aber man sei nun mal dazu gezwungen worden, dann rührt mich das Mitleid mit ihm und seinen mehr als 600 Spitzenkräften fast zu Tränen.</p>
<p>Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Mitte der 1990er Jahre das Investmentbanking in Deutschland Einzug hielt und damals eine große Euphorie durch die Bankenlandschaft ging: Endlich würde nach Leistung bezahlt und Grundgehälter und Tantiemen nicht mehr im Gießkannenverfahren für Topleute und Minderleister gleichermaßen ausgegossen, hieß es damals vollmundig. Damit, so eine wichtige Begründung der Top-Manager von damals, würden die Personalkosten nicht ins Uferlose wachsen, ausgeschüttet würde nur, wenn die Performance stimmt. Dann aber richtig!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Gezahlt wird immer</b></p>
<p>Das scheint sich jetzt geändert zu haben. Ausgeschüttet wird offenbar nun auch, wenn die Performance nicht stimmt. Denn selbst wenn die fixen Zulagen jährlich überprüft werden sollen, sind sie angeblich nicht direkt an die Performance des Unternehmens gekoppelt und unterliegen damit einem gewissen Automatismus. Mehr noch: Im Gegensatz zu den Boni kann die Bank die Zulagen im Falle nachträglich auftauchender Verluste nicht zurückfordern. Darüber täuscht auch nicht hinweg, dass von den 665 „top risk takers“ die 111 Spitzenverdiener ihren Zuschlag zum Grundgehalt in Aktien und somit mit einer Verzögerung von mehreren Jahren ausgezahlt bekommen sollen.</p>
<p>Auch mache ich mir keine Illusionen darüber, Boni seien in der Vergangenheit immer leistungsabhängig ausbezahlt worden. Allein die Tatsache, dass es im Investmentbanking viele Jahre lang den eigentlich in sich widersprüchlichen Begriff des „garantierten Bonus“ gab, mit dem Handgelder und fixe Sonderzahlungen der ersten Dienstjahre eines Investmentbankers umschrieben wurden, ist ein Indiz dafür.</p>
<p>Die Erhöhung fixer Bezahlungsanteile offenbart dreierlei. Erstens, dass die gut gemeinte, aber letztlich lebensferne Bonusdeckelung in der Praxis eine paradoxe Wirkung entfaltet. Natürlich kann das zur Folge haben, dass etliche Banker weniger Risiken als früher eingehen werden – bei weiterhin ähnlich hoher Bezahlung in Spitzenpositionen. Zum zweiten sorgt die (vermeintlich) gelöste Finanzkrise und der damit fehlende Druck, diese lösen zu müssen dafür, dass sich letztlich nicht viel im Investmentbanking geändert hat. Und drittens: Was macht die Ethik? Natürlich ist es nicht illegal, Vorschriften wörtlich auszulegen, und sogar menschlich, sie zu umgehen zu versuchen. Trotzdem wirkt es in ethischer Hinsicht wenig überzeugend, wenn Regeln bewusst nicht in dem Geiste ausgelegt werden, wie sie eigentlich gemeint waren. Sich daran zu halten hätte dem so oft beschworenen Kulturwandel zu mehr Glaubwürdigkeit verholfen. So bleibt dieser wahrscheinlich nicht mehr als ein Wort, weil diejenigen, die ihn einleiten sollten, meist genau diejenigen sind, die ihn erst erforderlich gemacht haben.</p>
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		<title>Kulturwandel Teil 3: Behavioral Ethics als Lösung</title>
		<link>https://www.joachim-goldberg.com/kulturwandel-teil-3-behavioral-ethics-als-loesung/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Sep 2013 06:54:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Adaption]]></category>
		<category><![CDATA[Ethische Dissonanz]]></category>
		<category><![CDATA[Kognitive Dissonanz]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturwandel]]></category>
		<category><![CDATA[Normen]]></category>
		<category><![CDATA[relative Bewertung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In meinem vergangenen Blogbeitrag zum angestrebten Kulturwandel – vornehmlich im Investmentbanking – ging ich zum Schluss auf die so genannte Behavioral Ethics ein, die unter anderem helfen soll, ethisch bessere Entscheidungen zu treffen. Denn nach wie vor formulieren die meisten Unternehmen, Institutionen und Betriebe ihre ethischen Leitlinien und Verhaltenskodizes alleine auf Basis einer normativen Ethik, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In meinem vergangenen Blogbeitrag zum angestrebten Kulturwandel – vornehmlich im Investmentbanking – ging ich zum Schluss auf die so genannte Behavioral Ethics ein, die unter anderem helfen soll, ethisch bessere Entscheidungen zu treffen. Denn nach wie vor formulieren die meisten Unternehmen, Institutionen <span id="more-6479"></span>und Betriebe ihre ethischen Leitlinien und Verhaltenskodizes alleine auf Basis einer normativen Ethik, was in etwa so effektiv ist wie ein moralischer Appell oder ein frommer Wunsch. Dabei wissen wir doch seit der Antike, dass als höchster moralischer Imperativ die Selbsterkenntnis gilt. Doch wie die Ökonomie operiert auch die Ethik mit idealisierten Modellen statt mit Menschen. Was diese tatsächlich im Innersten bewegt, wird in diesem Denken ausgespart. Kein Wunder also, dass die Welt seit Jahrtausenden kein besserer Ort geworden ist.</p>
<p>Erst vor wenigen Jahren entwickelte sich innerhalb der wissenschaftlichen Disziplin der Ethik eine neue Richtung, die als „Behavioral Ethics“ bezeichnet wird<a title="" href="#_ftn1"><i><b>[1]</b></i></a>. Einer ihrer Begründer ist der in Harvard lehrende Psychologe Max H. Bazerman. Ziel seiner Forschung sei es, so Bazerman, das tatsächliche Verhalten von Menschen zu beobachten und darzustellen, welche situativen und sozialen Kräfte sie beeinflussen, wenn sie sich mit einem ethischen Dilemma konfrontiert sehen. Die Erforscher der „Behavioral Ethics“ sind davon überzeugt, dass  sich das Entscheidungsverhalten von Menschen bei ethischen Fragestellungen systematisch erfassen, beschreiben und damit auch vorhersagen lässt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht übereinstimmen</b></p>
<p>Wenn wir etwa unser eigenes <i>künftiges</i> Verhalten vorhersagen sollen, formulieren wir zumeist Erwartungen, die mit unseren ethischen Vorsätzen, unseren Vorstellungen von Moral in Einklang stehen. Zum Zeitpunkt der Entscheidung aber, also in der <i>Gegenwart</i>, benehmen wir uns dann aber doch eher so, wie es unserem Charakter am meisten entspricht – manchmal unbewusst und ohne es tatsächlich zu wollen, manchmal eben unethisch.</p>
<p>Wird dieses unethische Verhalten schließlich offenkundig oder sogar nachweisbar, sind viele Menschen darüber erstaunt, wie es so weit kommen konnte. Dieses befremdliche Bild und unser idealisiertes Selbstbild eines moralisch weitgehend einwandfreien Menschen stehen in einem Gegensatz, der bekanntermaßen kognitive Dissonanz<a title="" href="#_ftn2">[2]</a> auslöst. Diese wiederum gleicht einem Unbehagen, das sich nur auflösen ließe, wenn wir unseren moralischen Fehltritt rückgängig machen würden, was allerdings nur selten möglich ist. Außerdem hindert uns die nahezu jedem Menschen innewohnende Verlustaversion<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> daran, einen solchen Schritt zu unternehmen.</p>
<p>Daher bleibt, um die Dissonanz zu verringern, oft nur das Umdeuten und Relativieren. Man nennt das auch Neutralisierungsstrategien (<a href="http://www.blognition.de/blog/gesellschaft/alles-ganz-harmlos%e2%80%a6/" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span> </a>und <a href="http://www.blognition.de/blog/behavioral-ethics/fragwuerdiger-kulturwandel/" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span></a>). Eine besteht darin, dem Opfer eine etwaige Mitschuld an dem Vorfall anzuhängen. Oder man versucht, die eigenen Fehler samt ihren Folgen herunterzuspielen und zu verharmlosen. Ein besonders beliebtes und erfolgreiches Ablenkungsmanöver aber ist die moralische Entrüstung: Man gibt den Saubermann und verurteilt mit großer Empörung die Sünden Anderer, gegen die sich die eigenen Verfehlungen plötzlich ganz unbedeutend und harmlos ausnehmen. Und wer dem Anschein nach so hohe moralische Maßstäbe hat, dem traut die Umwelt ohnehin nichts Böses zu<a title="" href="#_ftn4">[4]</a>.  </p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Eine Entscheidung zwischen relativ Gut und relativ Böse</b></p>
<p>Unsere eigene Moral ist oftmals nicht stabil und zeitweise sogar scheinheilig. Auch, weil sich die eigenen ethischen Bezugspunkte mit der Zeit verändern können. Damit ist Moral in erster Linie nicht absolut, sondern etwas Relatives. Denn wenn man Moral als eine Entscheidung zwischen „Gut“ und „Böse“ auffasst, hängt dieses „Gut“ oder „Böse“ von Verhaltensstandards ab, die von der Mehrheit der Menschen <i>zurzeit </i>akzeptiert werden, also von der gegenwärtigen Kultur und den heute gültigen Normen. </p>
<p>So gesehen kann Verhalten, das in der Vergangenheit einmal als moralisch „schlecht“ angesehen wurde, für die Menschen heutzutage mit einem Male akzeptabel sein. Und was umgekehrt früher einmal hoffähig war, kann heute als verwerflich gelten. Folglich kann jemand ohne sein eigenes Zutun, allein durch einen schleichenden Wertewandel, vom einst moralisch Guten ins moralisch Schlechte abgleiten.  </p>
<p>Ohnehin dürfte sich nicht jeder stets an die moralischen Gebote halten – sie alle zu befolgen entspräche in den Augen Vieler einem zwar erstrebenswerten, aber unerreichbaren Idealzustand. Kleine Abweichungen von diesen Standards scheinen daher verzeihlich zu sein, doch was mit einer kleinen Verfehlung beginnt, kann sich mit der Zeit zu einer großen Sünde ausweiten, ohne dass das schlechte Gewissen im selben Umfang mitwächst.</p>
<p>Wie es dazu kommt, möchte ich im vierten und letzten Teil über den „fragwürdigen Kulturwandel“ darstellen.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Bazerman, Max H.; Tenbrunsel, Ann E. (2011): <i>Blind Spots, Why We Fail to Do What’s Right and What to Do about It</i>, Princeton University Press, Princeton New Jersey</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Festinger, Leon (1957): <i>A Theory of Cognitive Dissonance</i>, Stanford University Press, Stanford</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Das ist die dem Menschen innewohnende Abneigung, Verluste und Fehlentscheidungen nicht gerne  realisieren, d. h. festschreiben zu wollen.</p>
</div>
<div>
<p>&nbsp;</p>
<p>[4] Genau genommen, spricht man in der Behavioral Ethics von der sogenannten „Ethical Dissonance“ die enger als der ursprüngliche Begriff der kognitiven Dissonanz gefasst ist. Vgl. hierzu auch Barkan R., Ayal, S., Gino F., Ariely D. (2012): <i>The Pot Calling the Kettle Black: Distancing Response to Ethical Dissonance</i>, Journal of Experimental Psychology: General 2012, Vol 141, No. 4, 757-773 </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
</div>
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		<title>Neue Kultur mit alten Köpfen?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Dec 2012 09:09:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Keine Woche vergeht derzeit ohne negative Schlagzeilen über das Investmentbanking. Teils sind es alte Geschichten, teils auch neuere Skandale, die die Finanzwelt erschüttern. Subprime-Krise, Steuerbetrug, Libor-Manipulation, Geldwäsche, Frontrunning, dazu Ladder-Swaps und andere undurchschaubare Derivate, die etlichen Anlegern, darunter auch viele Kommunen, Millionen-Verluste beschert haben, all‘ das offenbart sich mehr und mehr als die zum Teil [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Keine Woche vergeht derzeit ohne negative Schlagzeilen über das Investmentbanking. Teils sind es alte Geschichten, teils auch neuere Skandale, die die Finanzwelt erschüttern.<span id="more-5552"></span> Subprime-Krise, Steuerbetrug, Libor-Manipulation, Geldwäsche, Frontrunning, dazu Ladder-Swaps und andere undurchschaubare Derivate, die etlichen Anlegern, darunter auch viele Kommunen, Millionen-Verluste beschert haben, all‘ das offenbart sich mehr und mehr als die zum Teil kriminelle Realität, die sich hinter der vermeintlichen Erfolgsgeschichte des Investmentbankings verbirgt. Und mehr scheint, zumindest in der Wahrnehmung vieler Außenstehender, von diesem vielversprechenden Geschäftsmodell nicht übrig geblieben zu sein. Und als ob man nur einen Schalter umzulegen bräuchte, wird jetzt mancherorts ein Kulturwandel im Bankgeschäft gefordert, damit das Vertrauen der Kunden zurückgewonnen werden kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Einst mit Lorbeer behängt</strong></p>
<p>Doch die Dinge gestalten sich nicht so einfach, weil die Skandale der vergangenen Monate nicht nur Auswüchse eines fragwürdigen Geschäftsmodells darstellen, sondern vielmehr ein klassisches Beispiel dafür sind, wie sich im Lauf der Zeit Normen schleichend verschieben können. Diese Normen wieder auf ein ethisch akzeptables Niveau zu bringen scheint mir eine wahre Herkulesarbeit zu sein. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als die ersten Investmentbanker Mitte der 1990er Jahre in Deutschland eintrafen. Über und über mit Vorschusslorbeeren behängt, zogen sie ein wie Heilsbringer in eine damals altmodische, möglicherweise verkrustete Bankenwelt. &#8222;Wir fliegen zum Mars!&#8220;,  hieß das euphorische Motto der Apologeten eines neuen, schier unbegrenzt scheinenden Wachstums. Und die Devise &#8222;Ab jetzt wird [Geld] geschüttet“ machte nicht nur klar, dass beamtenhafte Anstellungsverhältnisse mit sicheren Einkommen bis zur Rente und auch für die Zeit danach von leistungsabhängiger Bezahlung auf einer nach oben scheinbar grenzenlos offenen Bonusskala abgelöst werden sollte. Es war die Aussicht auf einen möglichen Jackpot, den Superbonus, die es den damals Verantwortlichen so leicht machte, ihren Followern die Erfolgsformeln als neue Normen zu verkaufen und die alten Grundsätze recht schnell ablösen zu können. Denn es ging ja um die Belohnung für harte Arbeit, deren Messlatte ganz nebenbei bemerkt und manchmal abseits jeder Realität mit jedem Jahr um einen willkürlich gewählten Prozentsatz höher gelegt wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Kulturwandel trotz schwerer Commitment-Bürde</strong></p>
<p>Diejenigen, die jetzt den Kulturwandel propagieren und durchsetzen möchten, müssen also von Normen Abschied nehmen, die die übrige Gesellschaft nicht mehr akzeptieren will. Aber die neuen Normen sind wesentlich schwerer zu verkaufen, denn an ihnen haftet ein Verlust. Damit meine ich nicht nur Kostensenkungen, Gehaltseinbußen und Entlassungen, die den Angestellten der betroffenen Banken drohen. Für die Verantwortlichen heißt das auch wirklich loslassen, von bisher gültigen Leitsätzen, die sich mittlerweile als ethisch zweifelhaft oder gar falsch erwiesen haben. Aber aus der Entscheidungspsychologie wissen wir, dass diejenigen, die für eine letztlich fragwürdige Norm eingestanden haben, von dieser nicht Abschied nehmen können. Dies fällt ihnen paradoxerweise noch schwerer, wenn sie damit Schiffbruch zu erleiden drohen und vielleicht sogar Verluste hinnehmen müssen. Denn Menschen machen nun einmal neue Entscheidungen vom Erfolg oder Misserfolg früherer Entscheidungen abhängig. Zu beweisen, dass ihr Geschäftsmodell, ihr System oder ihre Ideologie am Ende doch überlegen war, wird zur Lebensaufgabe. Und in diesem Fall, beim Investmentbanking, ist die Verführung besonders groß: Wer will schon statt zum Mars zu fliegen mit der Deutschen Bahn im Nahverkehr verreisen? Nicht immer wandelt sich verschwenderischer Saulus in einen bescheidenen Paulus. Albert Einstein hat einmal gesagt, man könne Probleme niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Will sagen: Wenn man wirklich schnell neue Normen und einen Strukturwandel durchsetzen möchte, wären hierfür neue Entscheider, unbelastet von den alten Erfolgs-Commitments, vonnöten.</p>
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