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	<title>Überwachung Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Mit-Schnitt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2014 05:00:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nein, ich bin kein Freund von Alice Schwarzer und vieles, was die Frontkämpferin des Feminismus und Oberpriesterin der Moral in den vergangenen Jahren von sich gegeben hat, hat mir nicht gefallen. Kein Wunder, dass auch die Öffentlichkeit über sie hergefallen ist, nachdem ihre Selbstanzeige in Sachen Schweizer Kapitalanlagen bekannt wurde. Verständlich, nachdem man von dieser [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nein, ich bin kein Freund von Alice Schwarzer und vieles, was die Frontkämpferin des Feminismus und Oberpriesterin der Moral in den vergangenen Jahren von sich gegeben hat, hat mir nicht gefallen. Kein Wunder, dass auch die Öffentlichkeit über sie hergefallen ist, <span id="more-6921"></span>nachdem ihre Selbstanzeige in Sachen Schweizer Kapitalanlagen bekannt wurde. Verständlich, nachdem man von dieser Ikone der political correctness über viele mediale Kanäle und zahlreiche Talkshows immer wieder den moralischen Zeigefinger vorgehalten bekommt hat. Das ist so, als ob einem jemand immer wieder mentale Verluste unter die Nase hält. Aber wenn dann derjenige selbst eines Vergehens überführt wird, sind diese Verluste plötzlich null und nichtig, worüber man sich fast so wie über einen echten Gewinn freuen kann. Als ob Ethik und Moral nur von der Unbescholtenheit ihres Verkünders abhingen.</p>
<p>Und wer es gar wagte, auch nur eine klitzekleine Lanze für Frau Schwarzer zu brechen, lief sogleich Gefahr, in einen shit-storm zu geraten. Manchmal hatte ich den Eindruck, nicht wenige würden – falls diese Steuerhinterziehungen doch noch strafbar sein sollten – das Urteil gerne höchstpersönlich vollstrecken. Am liebsten würde manch einer Frau Schwarzer sogar das Recht auf einen Verteidiger absprechen. Ein Recht, das jedem Gewaltverbrecher und selbst Mördern zusteht. Aber einer gefallenen Moralistin? Ja, der Volkszorn, die Empörung war gewaltig. Viel weniger aus der Enttäuschung heraus, dass eine moralische Instanz wieder einmal nicht das gehalten, was sie versprochen hat. Vielerorts mag da auch die Erleichterung darüber mitgespielt zu haben, dass es doch viel weniger echte Gutmenschen gibt, als man denkt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Scheinheilige Medien</b></p>
<p>In den Medien wurde auch immer wieder scheinheilig die Frage gestellt, ob denn auch eine Frau Schwarzer das Recht auf Wahrung des Steuergeheimnisses hätte oder ob man schonungslos über ihren Fall berichten dürfe. Ja, man darf. Ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen. Aber die Frage danach, ob es legal oder zumindest legitim war, das Steuergeheimnis zu verraten, wurde gerade von den aufklärungssüchtig scheinenden Kommentatoren in der causa Schwarzer viel zu selten, wenn überhaupt gestellt. Natürlich sollen Informanten anonym bleiben. Aber durfte man in der Angelegenheit überhaupt Informationen über die Selbstanzeige der Schwarzer an die Presse weitergeben? War es womöglich eine undichte Stelle bei den Finanzbehörden, ein Schweizer Banker oder eine rachsüchtige Freundin: Wer hat den Medien einen Wink gegeben? Bei den ersten beiden würde dies einen Bruch des Steuer- bzw. Bankgeheimnisses darstellen und wäre sogar strafbar, bei der Freundin indes wäre es vor allem ein schwer zu verkraftender Vertrauensbruch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Über das Indiskutable nicht mehr reden wollen</b></p>
<p>Es ist schon fast beängstigend, wie leichtfertig mit Geheimnissen gerade seit Edward Snowdens Enthüllungen (die ich hier ganz bewusst nicht bewerten möchte) in der jüngsten Zeit umgegangen wird. So sah ich am vergangenen Wochenende auf dem Nachrichtensender n-tv eine Pressekonferenz, bei der die Kanzlerin Angela Merkel noch einmal zu der bei einem Telefonat abgehörten „F***k the EU“- Äußerung von Victoria Nuland befragt wurde. Was war schlimmer, wurde Merkel implizit gefragt: Die verbale Entgleisung der US-Diplomatin oder der Umstand, dass deren Telefon von den Russen angezapft worden war? Die Antwort der Kanzlerin darauf fiel für mich fast schon beängstigend nonchalant aus: <i>„Über die Frage des Abhörens haben [wir ja] ausführlich in Deutschland diskutiert… das ist indiskutabel, da braucht man nicht weiter darüber zu reden“. </i>Doch! Wir dürfen nicht aufhören, darüber zu reden. Natürlich muss man Frau Merkel zugute halten, dass sie sich vermutlich nach dem ersten Schrecken an diese Ungeheuerlichkeit gewöhnt hat. Gewöhnung ist ein zwangsläufiger Prozess, der es auch immer mit sich bringt, dass man zunehmend etwas akzeptiert oder zumindest hinnimmt, was früher womöglich undenkbar gewesen wäre. Ja, es handelt sich um dieselbe Frau Merkel, die  die Äußerung der US-Diplomatin am Vortag noch als inakzeptabel bezeichnet hatte; eine Äußerung, die ohne dass illegale Abhören eines Gesprächs wahrscheinlich überhaupt nie ans Tageslicht gekommen wäre. Benutzen wir alle nicht, vor allen Dingen wenn wir uns unbeobachtet wähnen, manchmal Ausdrücke, die wir nie in der Öffentlichkeit sagen würden?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Schnelle Gewöhnung an Unerhörtes</b></p>
<p>Noch mehr stört mich aber, dass die Gewöhnung der Menschen an das gestern noch Unerhörte, das Verbotene eines Überwachungsstaates, schon sehr weit fortgeschritten ist. Nein, ich spreche nicht von den Ermittlungsarbeiten, die für die Aufdeckung und Verhinderung lebensbedrohlicher Kapitalverbrechen notwendig sind. Sondern davon, dass Abhören, heimlich Kopieren, ja, der Verrat am Mitmenschen hoffähig geworden ist. Wenn es zur Normalität wird, dass ein Staat über alles, was man tut, Aufzeichnungen machen und speichern darf, obwohl dies illegal ist, wenn man über das Indiskutable nicht mehr weiter zu reden bereit ist, wird auch das gegenseitige Ausspähen im privaten Bereich eines Tages normal werden. Vor allem, wenn einem großen Teil der Bevölkerung – wie unlängst für die USA in einer Studie ermittelt – kaum mehr Geld für den Konsum zur Verfügung steht<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>, muss man sich doch fragen, was diejenigen, die der großen Masse, ja am besten jedem Menschen auf der Erde, einen Tablet Computer mit eingebauter Kamera zum Schleuderpreis oder vielleicht sogar kostenlos zur Verfügung stellen wollen, dafür als Gegenleistung haben möchten. Denn das einzige, was die Armen dafür noch anbieten könnten, wäre deren Privatheit. Und plötzlich ist der Orwell‘sche Teleschirm aus dem Roman „1984“ tatsächlich bei uns im Wohnzimmer gelandet. Ganz nah. Ob dann unser Nachbar ins Gefängnis kommt, angezeigt von der eigenen kleinen siebenjährigen Tochter, weil er im Schlaf „Nieder mit dem großen Bruder!“ gemurmelt hat? Was heute noch undenkbar scheint, droht immer wahrscheinlicher zu werden, sobald wir beginnen, fast schon gelangweilt das bislang Indiskutable mehr und mehr zu akzeptieren.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Cynamon, Barry Z. and Fazzari, Steven M. (Jan 23rd, 2014): <i>Inequality, the Great Recession, and Slow Recovery</i>, <a href="http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2205524">http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2205524</a></p>
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		<title>Drauf gepfiffen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Jun 2013 06:38:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Adaption]]></category>
		<category><![CDATA[Normen]]></category>
		<category><![CDATA[Snowden]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>
		<category><![CDATA[Whistleblowing]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ist der US-Informant Edward Snowden ein Verräter oder ein Volksheld? – Eine Frage, die die Gemüter derzeit bewegt und für kontroverse Diskussionen sorgt. Ist Snowden ein Whistleblower, der einfach nur Alarm schlagen wollte, um Fehlverhalten, Missstände und Ähnliches an die Öffentlichkeit zu bringen? Jemand also, der von einem Denunzianten abzugrenzen ist, weil er uneigennützig handelt, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ist der US-Informant Edward Snowden ein Verräter oder ein Volksheld? – Eine Frage, die die Gemüter derzeit bewegt und für kontroverse Diskussionen sorgt. Ist Snowden ein Whistleblower, der einfach nur Alarm schlagen wollte, um Fehlverhalten, Missstände und Ähnliches an die Öffentlichkeit zu bringen? <span id="more-6269"></span>Jemand also, der von einem Denunzianten abzugrenzen ist, weil er uneigennützig handelt, der seinen Arbeitsplatz, seine beruflichen und privaten Kontakte riskiert, um einzig aus Gewissensgründen auf gesetzeswidriges Verhalten hinzuweisen? Und der nicht wegen finanzieller Anreize aktiv wird und den man mancherorts sogar als positiven Verräter bezeichnen würde. Unzweifelhaft ist dennoch, dass dem Whistleblowing der Beigeschmack des Verrats anhaftet. Hätte sich Snowden darüber im Klaren sein müssen, bevor er seine Stelle bei der NSA (National Security Agency) antrat, dass Spionieren zu seinem täglichen Arbeitsgebiet gehören würde und er somit kein Recht haben sollte, Informationen über Späh- und Abwehrprogramme der Geheimdienste der USA und Großbritanniens an die Medien weiterzugeben? Oder hat Snowden anfangs das Ausmaß und die Bedeutung seines Arbeitsfeldes unterschätzt und erst mit der Zeit Skrupel bekommen? Dies alles sind Fragen, die ich weder bewerten noch endgültig beantworten kann. Das Einzige, was sicher scheint, ist: Die betroffenen Staaten haben kein Interesse daran, dass der tatsächliche Umfang ihrer Überwachungsmethoden an die Öffentlichkeit gerät.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Whistleblowing für Geld</b></p>
<p>Aber es scheint noch andere Formen des Whistleblowing zu geben, nämlich die Aufdeckung von Verbrechen und Straftaten gegen Geld. Sei es, dass eine Frau Informationen über den Hedgefonds ihres Ex-Manns an die US-Börsenaufsicht SEC liefert, der darauf des Insider-Tradings überführt werden kann und dafür eine Million US-Dollar kassiert (Näheres dazu in einem früheren <span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.blognition.de/blog/wirtschaft/whistleblower/">Blogbeitrag hier</a></span>), sei es der Verkauf von Schweizer Kontendaten an die Steuerermittler europäischer Staaten. Verrat für einen guten Zweck also, der, obwohl in der Schweiz illegal, hierzulande legitimiert wird, weil der Staat ein starkes Interesse an diesen Informationen hat. Steuerhinterziehung und Insider-Tradings sind strafbar<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>;  deshalb ist auch das Pfeifen für Geld willkommen!</p>
<p>Vielleicht sollen die hohen Belohnungen ja auch diejenigen auf den Plan rufen, die bislang aufgrund materieller oder ideeller Hindernisse nicht bereit waren, gesetzwidriges Verhalten von Kollegen oder Vorgesetzten anzuzeigen, weil sie sich einer „lokalen“ Gruppennorm verbunden fühlten oder in einer vertrauensvollen Beziehung und nicht in Scheidung lebten. Hätte Judas Ischariot Jesus ohne finanziellen Anreiz verraten? Manchmal stellt Rache selbst in den Augen entlassener Mitarbeiter oder betrogener Ehefrauen und -männer einen zu niedrigen Beweggrund dar, als dass sie bereit wären, dem ehemaligen Arbeitgeber oder Partner auf diese Weise eins auszuwischen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Verrat nach Motivlage</b></p>
<p>Mir selbst geht es aber nicht um den Verrat nach Motivlage, denn Moral ist etwas Relatives und unterliegt Normen, die sich mitunter auch verändern können. Viel mehr stört mich, dass mit den Enthüllungen eines Edward Snowden ein Überwachungssystem ungeahnten Ausmaßes aufgedeckt wurde, das in wenigen Monaten bereits zur neuen Norm werden könnte. Dafür sorgt schon allein die Gewöhnung der Menschen an das heute Unerhörte, das Verbotene eines Überwachungsstaates. Da beruhigt mich nicht, dass der Absatz des Romans „1984“ von George Orwell in jüngster Zeit sprunghaft angestiegen ist und man sich hierzulande allzu schnell mit dem Versprechen mancher Politiker zufrieden gibt, dass sie für eine rückhaltlose Aufklärung sorgen wollen.</p>
<p>Wenn es zur Normalität wird, dass ein Staat über alles, das man tut, Aufzeichnungen machen und speichern darf, obwohl dies illegal ist, braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn eines Tages Privatleute einander ausspähen. Zum Beispiel aus Neid und Rachsucht. „Was regst du dich denn auf? Du bist doch auch bei Facebook, Twitter et cetera, du bist doch eh schon nackt!“, werden manche das achselzuckend kommentieren. Und dann kommt meist der Satz: „Ich hab‘ ja sowieso nichts zu verbergen.“ Wenn sie sich da mal nicht täuschen. Denn auch die Normen, was als erlaubt und was als schändlich oder verboten gilt, können sich leicht verschieben.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Streng genommen handelt es sich dabei nicht um Whistleblowing, denn die Motive dieser Menschen sind nicht uneigennützig</p>
<p>&nbsp;</p>
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