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	<title>Selbstwahrnehmung Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Dogville</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 May 2014 19:51:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Märkte]]></category>
		<category><![CDATA[abnehmende Sensitivität]]></category>
		<category><![CDATA[Gewöhnung]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstwahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Verschiebung von Referenzpunkten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Normalerweise gebe ich nicht gerne Tipps, aber mein jüngster Besuch im Frankfurter Schauspielhaus erwies sich als Volltreffer. Dort wurde nämlich Dogville von Lars von Trier aufgeführt, ein Drama, das ich schon einmal als großartigen Film vor einigen Jahren bei einem Kinobesuch sehen durfte. Und wer Zeit hat, Dogville, den Ort von Rechtschaffenheit und Hilfsbereitschaft einmal [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/dogville/">Dogville</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Normalerweise gebe ich nicht gerne Tipps, aber mein jüngster Besuch im Frankfurter Schauspielhaus erwies sich als Volltreffer. Dort wurde nämlich Dogville von Lars von Trier aufgeführt, ein Drama, das ich schon einmal als großartigen Film vor einigen Jahren bei einem Kinobesuch sehen durfte. Und wer Zeit hat, Dogville, den Ort von Rechtschaffenheit und Hilfsbereitschaft einmal live zu erleben, sollte sich schnellstens einen Platz für eine der verbliebenen Veranstaltungen sichern.</p>
<p>In Dogville wird nämlich gezeigt, wie eine schöne Heldin (im Film gespielt von Nicole Kidman) namens Grace Schritt für Schritt ihre Persönlichkeit zu Gunsten der Bewohner eines Dorfes aufgibt, das sich permanent „moralisch aufrüsten“ muss. Und wenn man das erste und das siebte Kapitel der berühmten Verfilmung, miteinander vergleicht, hält man es kaum für möglich, wie Menschen einen anderen innerhalb von fünf Akten auf grausamste und unerträgliche Weise unterwerfen können.</p>
<p>Dieser erste Film aus von Triers Trilogie <em>USA – Land der Möglichkeiten </em>wurde von US-Kritikern als sinnloser und ignoranter Antiamerikanismus abgetan, was jedoch am Kern der Sache vorbeigeht. Denn eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses philosophischen Dramas besteht nämlich darin, wie sich Menschen peu à peu an immer stärkere Grausamkeiten <em>gewöhnen</em> können, während die Selbstwahrnehmung der moralischen Integrität intakt bleibt &#8211; ein Klassiker übrigens für die &#8222;Abteilung&#8220; Behavioral Ethics. Anders ausgedrückt: Eine kaum wahrnehmbare Verschiebung von Referenzpunkten kann mit der Zeit zu massiven Verhaltensänderungen führen.</p>
<p>Weniger um Ethik, aber dafür um Finanzmärkte, geht es in einem anderen „Filmchen“, dem allmonatlichen Interview zur Stimmungslage beim DAX, dass Viola Grebe vom Deutschen Anlegerfernsehen (DAF) heute (<a href="http://www.daf.fm/video/goldberg-markt-hat-noch-luft-nach-oben-50169439.html"><strong>hier</strong></a>) mit mir führte.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/dogville/">Dogville</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Fragwürdiger Kulturwandel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Sep 2013 06:14:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Investmentbanking]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Neutralisierungstechniken]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstwahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Survivorship bias]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht irgendein Institut aus der Finanzbranche ins Gerede kommt, in dem keine Fälle von Betrug, Manipulation oder Insiderhandel publik werden. Vor allem die Finanzkrise hat das erschreckende Ausmaß dieser Verfehlungen offenbart: Es müssen viele gewesen sein, die in irgendeiner Weise an vordergründig harmlos erscheinenden Geschäftsvorgängen beteiligt waren, ohne dass [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht irgendein Institut aus der Finanzbranche ins Gerede kommt, in dem keine Fälle von Betrug, Manipulation oder Insiderhandel publik werden. Vor allem die Finanzkrise hat das erschreckende Ausmaß dieser Verfehlungen offenbart: Es müssen viele gewesen sein, die in irgendeiner Weise an vordergründig harmlos erscheinenden Geschäftsvorgängen beteiligt waren, <span id="more-6447"></span>ohne dass sie jemals ein Bewusstsein dafür entwickelt hätten, ethisch nicht korrekt zu handeln. </p>
<p>Nur selten scheint sich ihr Gewissen gemeldet zu haben, weder als sie etwa bekanntermaßen vor Jahren in den USA Immobilienkredite an Leute vergaben, die sich die Häuser, die sie damit kaufen wollten, niemals hätten leisten können. Noch als sie zusammen mit ihren cleveren Analysten strukturierte Produkte entwickelt und diese anschließend so kompliziert verpackt hatten, dass sie selbst deren Zusammensetzung und mögliche Wirkung nicht mehr überblicken konnten. Auch die Verkäufer dieser Derivate, die um deren explosive Mischung hätten wissen müssen, wurden offenbar in keinem Moment von irgendwelchen Skrupeln befallen, während sie diese hochgefährlichen Produkte mit großem Erfolg in Umlauf brachten. Und wenn die Missetäter dann doch einmal mit den Folgen ihres unethischen Verhaltens durch andere oder ihr eigenes Gewissen konfrontiert wurden, fingen sie sofort an, die eigene Beteiligung an diesen kriminellen Machenschaften herunterzuspielen, nach dem Motto: „Ich habe das Derivat doch nur konstruiert“, oder: „Wenn ich es nicht verkauft hätte, hätte das jemand anderes getan“ oder: „Der Kunde muss doch selbst wissen, was gut für ihn ist.“ In der Soziologie bezeichnet man diesen Vorgang als „Neutralisierungstechnik“, die dem einen Zweck dient, das Selbstkonzept, ein moralisch einwandfreier Mensch zu sein, möglichst intakt zu halten<a title="" href="#_ftn2">[2]</a>.</p>
<p>Und sie alle ließen sich am Ende für ihr Handeln mit fürstlichen Boni belohnen.</p>
<p>Dabei hätten sie doch durchschauen müssen, dass, wenn nicht sie selbst, dann zumindest andere – zum Beispiel ihre Vorgesetzten – sich bei all diesen Geschäften keineswegs moralisch einwandfrei verhielten. Allein schon durch ihre Gewinn- und Zielvorgaben, bei denen jedem von vornherein klar gewesen sein muss, dass diese auf „anständige“ Weise niemals erreicht werden konnten. Wieso hat sich nie jemand darüber gewundert, dass die Gewinnziele jedes Jahr – unabhängig vom jeweiligen ökonomischen Umfeld und Wachstum – um rund 20 bis 30 Prozent erhöht wurden. Hat denn keiner gefragt, zu welchem Preis und auf wessen Kosten?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Minderleister und Querulanten?</b></p>
<p>Aber, Augenblick mal! Vielleicht ist dieses Urteil zu hart. Denn das klingt, als ob es nur im Investmentbanking und dort ausschließlich unethische Menschen geben würde. Vielmehr sollte man nicht vergessen, was man im Aktienmarkt mit dem Begriff Survivorship Bias<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> bezeichnet. Unter den vielen Mitarbeitern, die im Laufe der Jahre aus Banken und Unternehmen ausgeschieden sind, befinden sich sicherlich auch etliche, die ihren Arbeitsplatz aufgegeben haben oder entlassen wurden, gerade weil sie die vorherrschenden Normen als unethisch empfanden und sich ihnen deshalb nicht unterwerfen wollten. Was oft genug für sie bedeutete, dass sie auf Beförderung, Gehaltserhöhung oder einen Bonus verzichten mussten. Häufig wurden sie regelrecht kaltgestellt und von den angepassteren Kollegen gemobbt;  von wichtigen Entscheidungsprozessen hielt man sie fern, mit der Begründung, sie seien Minderleister oder Querulanten. Am Ende bleiben in einem Unternehmen, in dem dieser Prozess eingesetzt hat, von allen Beschäftigen nur die skrupellosesten übrig.</p>
<p>In der Finanzbranche, so lautet das Ergebnis einer Umfrage der New Yorker Anwaltskanzlei Labaton Sucharow, „scheinen viele ihren moralischen Kompass verloren zu haben“<a title="" href="#_ftn4">[4]</a>. So hatte die Kanzlei 2013 eine Umfrage in Auftrag gegeben, bei der 250 Angestellte aus der Finanzbranche die Geschäftsmoral ihrer Wettbewerber beurteilen sollten. Mehr als die Hälfte der Befragten zeigte sich davon überzeugt davon, dass die Konkurrenz unethisch, wenn nicht illegal agiere. Und knapp ein Viertel der Interviewten ging sogar so weit zu behaupten, dass sich auch Kollegen im eigenen Unternehmen moralisch nicht besser verhielten.</p>
<p>Wenn also fast 30 Prozent der Befragten noch fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise glauben, dass es in der Finanzbranche krimineller Energie bedarf, um erfolgreich zu sein, muss man sich fragen, was es mit dem vielerorts propagierten Kulturwandel im Investmentbanking tatsächlich auf sich hat.</p>
<p>Und als etwa Paul Fisher, Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank von England, kürzlich die Vermutung aussprach, es könnte bei den quantitativen Lockerungsprogrammen – also einer Maßnahme zur Bewältigung der Finanzkrise –  im Oktober 2011 zu Manipulationen zulasten der Steuerzahler gekommen sein<a title="" href="#_ftn5">[5]</a>, fiel die Reaktion auf diesen ungeheuerlichen Verdacht eher bescheiden aus. Man kann sich daher des Eindrucks nicht erwehren, dass alles, den skandalträchtigen Schlagzeilen zum Trotz, so weiter geht wie bisher. Zwar ist immer wieder von Ethik die Rede, aber fast immer bleibt es bei Lippenbekenntnissen. Probleme kann man nicht mit demselben Denken lösen, durch das sie erst entstanden sind, hat Albert Einstein einmal gesagt.</p>
<p>Aber auch nicht mit denselben Leuten.</p>
<p>Was aber könnte man tatsächlich tun? Darauf werde ich im nächsten Beitrag eingehen.  </p>
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<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Dieser Beitrag ist Bestandteil eines in Kürze erscheinenden Aufsatzes „Behavioral Ethics“</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Sykes, G., and Matza , D.  (1957): <i>&#8218;Techniques of Neutralisation: A Theory of Delinquency&#8216;</i><i>,</i>American Sociological Review, Vol 22: 664 – 70</p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Es handelt sich um eine Wahrnehmungsverzerrung, bei der man sich auf diejenigen Menschen oder Dinge zu stark konzentriert, die einen bestimmten Prozess „überlebt“ haben. Dabei werden naturgemäß all diejenigen übersehen, die im Laufe der Zeit ausgeschieden und deswegen nicht mehr sichtbar sein können. Beim Aktienmarkt sind dies etwa Aktien von Unternehmen, die aus einem Index ausgeschieden sind und durch andere Werte ersetzt wurden.</p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> Vgl. deren Anwalt Jordan Thomas, FAZ vom 17. Juli 2013</p>
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<p>[5] Vgl. The Telegraph online vom 16.7.2013: <i>„Bankers &#8218;tried to manipulate QE&#8216;, says BoE&#8217;s Paul Fisher</i>”</p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/fragwuerdiger-kulturwandel/">Fragwürdiger Kulturwandel</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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		<title>Hochgestapelt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Aug 2013 06:25:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
		<category><![CDATA[Ethische Korrektheit]]></category>
		<category><![CDATA[Hochstapelei]]></category>
		<category><![CDATA[Positionsgut]]></category>
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		<category><![CDATA[Signalling]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als ich neulich das neue Buch der Psychologin und Harvard Professorin Francesca Gino mit dem Titel „Sidetracked“ aufschlug, fühlte ich mich sofort an unseren jüngsten Venedig-Urlaub erinnert. Denn ich glaube, es gibt kaum einen anderen Platz in Europa, an dem den Touristen so viele Kopien edler Handtaschen angeboten werden. Ob Louis Vuitton, Chanel, Prada oder [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/hochgestapelt-2/">Hochgestapelt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Als ich neulich das neue Buch der Psychologin und Harvard Professorin Francesca Gino mit dem Titel „Sidetracked“ aufschlug, fühlte ich mich sofort an unseren jüngsten Venedig-Urlaub erinnert. Denn ich glaube, es gibt kaum einen anderen Platz in Europa, an dem den Touristen so viele Kopien edler Handtaschen angeboten werden. <span id="more-6434"></span>Ob Louis Vuitton, Chanel, Prada oder Gucci: Alles gibt es in mehr oder weniger guter Qualität zu kaufen. Und das zu erheblich günstigeren Preisen als die Originale, die unter den Wohlhabenden dieser Welt als Statussymbole, also als typische Positionsgüter gelten. Kein Wunder, dass diejenigen, die sich derlei Taschen im Original nicht leisten können oder wollen, zumindest dann und wann den Eindruck erwecken möchten, zum Kreis ihrer Besitzer zugerechnet zu werden. Vermutlich setzen sie darauf, dass die meisten Menschen ohnehin nicht in der Lage wären, Original und Fälschung voneinander zu unterscheiden.</p>
<p>Aber zurück nach Venedig. Wie klein doch die Welt ist, dachte ich mir, als ich eines Abends über den Markusplatz schlenderte und plötzlich in der Menschenmenge eine Bekannte aus Frankfurt erblickte. Wir begrüßten uns überschwänglich.  P. wollte allerdings die Lagunenstadt schon am nächsten Tage wieder verlassen und erklärte mir, nachdem wir uns ausgiebig darüber ausgetauscht hatten, welche Sehenswürdigkeiten man unbedingt besichtigt haben müsse, sie habe jetzt noch etwas Dringendes zu erledigen. Denn sie müsse unbedingt eine dieser wunderbaren Handtaschenkopien erwerben. Innerlich schüttelte ich zwar den Kopf, aber dennoch konnte ich es mir nicht verkneifen, meiner Bekannten einen Verhaltenstipp mit auf den Weg zu geben: Nie zu viel Interesse zeigen! „Komm doch am besten mit, dann kann mir nichts passieren“, forderte sie mich schließlich auf. Als wir gerade einmal ein paar Schritte nebeneinander her gelaufen waren, kam uns bereits der erste Straßenhändler entgegen. „Lauf einfach weiter!“ zischte ich P. zu, und prompt verfolgte uns der Verkäufer und rief: „Nice bag, nice bag!“ – „Geh weiter!“ – „Tell me, what’s your price?“ insistierte der Händler. „Das muss der doch besser wissen“, dachte ich, wohlwissend, dass selbst die Mitte zwischen meinem theoretischen Angebot von null Euro und dem angesagten Verkaufspreis des Händlers immer noch viel zu viel Geld für das Plagiat gewesen wäre. Aber es war zu spät. Denn meine Bekannte wollte – in einem fragwürdigen Sinne ethisch korrekt – den armen Straßenhändler, der womöglich auch noch in einem Flüchtlingsboot nach Italien gelangt war, nicht mit einem unverschämten Angebot herunterhandeln. Am Ende hatte P. für eine Fälschung viel zu viel bezahlt. Aber immerhin in dem Bewusstsein, dem armen Mann zu einem guten Deal verholfen zu haben. Wer weiß, was der sonst von seinem Chef zu erwarten gehabt hätte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Fälschung mit Folgen</b></p>
<p>Was hat das nun alles mit dem Buch von Francesca Gino zu tun? Sehr viel! Gleich zu Beginn ihres Buches verweist die Psychologin auf eine ihrer Studien, die sie zusammen mit zwei anderen Wissenschaftlern<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> durchgeführt hat. Ziel dabei war, herauszufinden, ob Menschen, die gefälschte Waren kaufen, sich genauso gut wie diejenigen fühlten, die ein Original erworben hatten. Denn eigentlich muss man doch davon ausgehen, dass jeder mit einem scheinbar  hochwertigen Produkt, mit einer teuren Marke signalisieren möchte, ein bewunderns- und begehrenswerter Mensch zu sein.</p>
<p>Doch die Studie förderte vor allem zu Tage, dass sich Menschen, die sich mit unechten Produkten ausstaffieren, nicht nur weniger authentisch fühlen, sondern auch noch einen starken Hang zur Unehrlichkeit haben. So zeigte sich in einem entsprechenden Versuch: 74 Prozent der Träger gefälschter Edel-Sonnenbrillen tendierten zu einem erhöht unehrlichen Verhalten, während von denjenigen, die eine echte Sonnenbrille trugen – nur 30 Prozent diese Neigung offenbarten.</p>
<p>Erst zögerte ich, aber dann rief ich doch meine Bekannte an, um ihr von der Studie zu erzählen. Nein, sie sei sich – wie übrigens auch ein Teil der Probanden aus dem Versuch – nicht darüber im Klaren, dass sich das von ihr günstig erworbene Handtaschenplagiat langfristig möglicherweise zumindest moralisch als teuer erweisen könnte, erklärte sie. Ihr ginge es ja auch gar nicht um Status und Sozialprestige. Sie habe nur einfach einen Handtaschenfimmel. Außerdem besitze sie in ihrer Sammlung durchaus auch einige wertvolle Originale. Womit sie sich  &#8211; und mich – gleichermaßen beruhigte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Gino, Francesca, Norton, Michael I., Ariely, Dan (2010): <i>The Counterfeit Self: The Decptive Costs of faking It, </i>Psychological Science 21 (5) pp. 712-720</p>
</div>
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