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	<title>relative Moral Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Moral ist relativ</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Sep 2015 11:01:38 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>VW drohen Strafen in Milliardenhöhe, mancherorts ist bereits die Rede von 18 Milliarden US-Dollar. Egal, wie hoch am Ende der Betrag sein wird, den VW zahlen muss, weil die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) dem Autobauer vorwirft, bei der Ermittlung von Abgaswerten seiner Dieselfahrzeuge manipuliert zu haben – die zur Diskussion stehende Größenordnung erinnert durchaus an die Skandale im Investmentbanking. Und wenn in der heutigen Ausgabe der „Financial Times“ John Gapper in seiner Kolumne die drei gefährlichsten Wörter im Geschäftsleben: „Jeder macht das“ zitiert, zeigt dies, dass die für den Skandal Verantwortlichen möglicherweise gar kein Bewusstsein dafür haben, etwas Unrechtes getan zu haben. Abgesehen davon, haben bereits schon vor VW auch andere Autohersteller durch kleinere oder größere Tricksereien dafür gesorgt, dass Dieselfahrzeuge ihrem Ruf, umweltfreundlich und niedrig im Kraftstoffverbrauch zu sein, gerecht wurden. Auch ist die Autoindustrie nicht allein, wenn es darum geht, Vorschriften und Regeln großzügiger als von ihren Erfindern gedacht auszulegen.</p>
<p>Einer fängt ganz klein damit an, und der harte Konkurrenzkampf, Kostendiktate oder auch interne Belohnungssysteme sorgen dafür, dass so ein unethisches Verhalten salonfähig wird. Und weil das alle tun, weil es scheinbar zur sozialen Norm wird, bekommen solche Tricks sogar den Anstrich des Legalen. Mit anderen Worten: Wie Menschen ihr eigenes Verhalten moralisch bewerten, hängt stark von den sozialen Normen ab, die in ihrem Umfeld herrschen. Deswegen wird auch niemand seine Handlung als unethisch empfinden, wenn er stets nur macht, was alle anderen auch tun.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Overconfidente Sünder?</strong></p>
<p>Problematisch wird es allerdings, sobald die Öffentlichkeit Wind davon bekommt. Schnell ist man dann – und auch meine erste Reaktion fiel ähnlich aus – mit Kommentaren zur Hand: „Wie kann man denn so blöde sein und glauben, nicht erwischt zu werden?“ Auch mag man aus verhaltensorientierter Sicht schnell dazu bereit sein, den Beschuldigten nachzusagen, sie seien in dem Vertrauen darauf, nicht erwischt zu werden, wohl etwas zu overconfident (= ein zu starkes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten) gewesen. Aber diese Sichtweise mag zu kurz greifen.</p>
<p>Tatsächlich geht es um die unterschiedliche Wahrnehmung dessen, was ethisch korrekt ist. Diese Bezugspunkte sind nämlich bei den Sündern andere als bei denjenigen, die sie erwischen und am Ende verurteilen. So mag es schon im Testlabor anfangen, wenn möglicherweise nicht ganz vorteilhafte Ergebnisse ein bisschen geschönt werden, um vor dem Chef gut dazustehen. Und es mag auch verständlich sein, wenn man mit möglichst geringen Kosten gesetzliche Vorschriften erfüllen möchte. Diese kleinen Verfehlungen, die sich mit der Zeit zu großen Sünden auswachsen können, werden von den Betroffenen manchmal sogar unbewusst und erst recht ohne schlechtes Gewissen begangen. Eigentlich müssten Gewissensbisse doch mit der Größe der Verfehlung mitwachsen. Stattdessen bewegt sich der Bezugspunkt, der die Grenze zwischen Recht und Unrecht markiert, mit der Akzeptanz innerhalb des eigenen sozialen Umfelds, etwa innerhalb des Unternehmens, in dem man beschäftigt ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Relativ schlechtes Gewissen</strong></p>
<p>Dieser Bezugspunkt, die Grenze zwischen Recht und Unrecht, stellt sich für Außenstehende ganz anders dar, weil er sich für sie in der Zwischenzeit nicht bewegt hat. Stattdessen gehen diese davon aus, dass Recht und Gesetz eingehalten werden, sie nehmen, wenn ein Gesetzesbruch aufgedeckt wird, für sich eine absolute Moral in Anspruch, während die Sünder im Laufe der Zeit ihre eigenen moralischen Ansprüche relativiert haben.</p>
<p>Ethik kommt immer dann ins Spiel, wenn Verluste entstanden sind, weil jemandes Verhalten unterhalb des allgemeingültigen Standards der sozialen Normen einer Gesellschaft als Ganzem liegt. Um solche Situationen zu vermeiden, genügt es jedoch nicht, sich auf Vorschriften und Regulierungen zu verlassen. Vielmehr müssen wir erkennen, dass es keine absolute Moral gibt. Außerdem sollten wir zu verstehen versuchen, warum Menschen unter bestimmten Bedingungen Dinge tun, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten. So ließe sich Fehlverhalten besser bekämpfen – ein Ziel, dem sich die so genannten Behavioral Ethics verschrieben haben.</p>
<p>Situationsabhängige Einflussfaktoren, die schleichende Veränderung von Normen im Laufe der Zeit können übrigens uns alle korrumpieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Referenzpunkt Jesus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Aug 2012 05:47:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Living]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Endlich gab es nach der langen Sommerpause wieder einen „Tatort“. Und anschließend gönnte ich mir dann auch noch Günther Jauchs Talk-Runde, die eine angeregte Debatte über Reiche, Schwarzgeld und mangelnde Steuergerechtigkeit führte. Ein Spiegel-Kommentator kritisierte an diesem Gespräch, dass keiner der Gäste, nicht einmal versuchsweise, in der Lage gewesen sei, moralische Maßstäbe zu formulieren, „an [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Endlich gab es nach der langen Sommerpause wieder einen „Tatort“. Und anschließend gönnte ich mir dann auch noch Günther Jauchs Talk-Runde, die eine angeregte Debatte über Reiche, Schwarzgeld und mangelnde Steuergerechtigkeit führte. Ein Spiegel-Kommentator kritisierte an diesem Gespräch, dass keiner der Gäste, nicht einmal versuchsweise, in der Lage gewesen sei, moralische Maßstäbe zu formulieren, <span id="more-4918"></span>„an denen sich solch eine Diskussion orientieren müsste&#8220;. Eine Kritik, die ich allerdings nicht zutreffend finde, weil zumindest Katja Kipping von der Linkspartei eine Antwort auf die Frage parat hatte, ab welchem Einkommen denn eigentlich Reichtum beginne. Sie zögerte nur ganz kurz, bis sie exakt den Betrag nannte, den viele von uns als die Schwelle zum Reichtum ansehen würden: ein Vermögen von mehr als einer Million Euro. Das ist ein leicht verfügbarer Referenzpunkt, der den Vorteil hat, schnell zur Hand zu sein, egal, ob diese Summe nun in Euro, Dollar oder Schweizer Franken oder, wie früher, in D-Mark gehandelt wird. Der Nachteil besteht allerdings darin, dass solche runden Zahlen nicht zwangsläufig korrekt sein müssen. Zumal sowieso noch nicht geklärt ist, wo die Grenze zwischen Reichtum und Überfluss zu ziehen ist. Denn immer wenn irgendjemand „Das ist zu viel!“&#8220; ruft, kommt die Moral samt Empörung der Massen ins Spiel. Da muss nur einer – und auch hier muss ich Frau Kipling zitieren – mehr als 40.000 Euro im Monat verdienen. Dagegen gibt es nur eines: einen Steuersatz von 100 Prozent. Das kapiert jeder.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Bischöfe in die Touristenklasse?</strong></p>
<p>Um ein „Zu viel“ geht es auch beim Fall des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst, der nach Spiegel-Informationen First Class nach Bangalore flog, um im Steinbruch arbeitenden Kindern persönlich seines Mitgefühls und Beistands zu versichern. Klar, dass bei Persönlichkeiten des öffentlichen Interesses die Referenzpunkte für unmoralisches Handeln besonders schnell zur Hand sind. Als Bischof trifft es einen doppelt hart: In dieser Liga gelten Jesus oder der Heilige Franz von Assisi als unumstrittener Maßstab für vorbildliches Handeln. Dagegen sieht man in den Augen von Moral-Aposteln ziemlich schnell ziemlich schlecht aus.  Aber es wirkt schon wie ein schroffer Widerspruch in sich, wenn man erster Klasse zur Besichtigung des Elends anreist. Da hilft auch nicht der Hinweis auf die internen Reisebestimmungen der Deutschen Bischofskonferenz. Oder die Rechtfertigungsversuche, das Upgrade in die erste Klasse sei mit privaten Bonusmeilen bezahlt worden. Auch das Argument, seine Exzellenz müsse den neunstündigen Flug zum Schlafen nutzen, um seine Leistungsfähigkeit als Oberhirte für so viele bedürftige Schäfchen zu erhalten, klingt nicht wirklich überzeugend. Als ob man nicht auch in der Business Class den Sitz zum Ruhen nach hinten stellen könnte. Aber auch da hätten sich vermutlich noch jede Menge Leute aufgeregt, denn es gibt ja immer noch als weiteren Referenzpunkt den Entwicklungshelfer, der sich in einem Internetforum meldete, um zu berichten, dass er zu einem humanitären Einsatz in der Eco, aber eben nur für 800 Euro zur selben Destination nach Indien fliege. Bitter, aber wahr ist allerdings, dass wohl auch niemand Tebartz-van Elst dafür loben würde, wenn er sich mit seiner langen Soutane auf die unbequemen Sitze in der Bretterklasse gezwängt hätte.</p>
<p>Offenbar gelten für den Limburger Bischof andere Normen als für den Rest der Gesellschaft. Sonst hätte ein Vertreter der Kirche doch nicht so ins Fettnäpfchen treten können. Ja, es hat den Anschein, als habe Tebartz-van Elst  jede Tuchfühlung mit den gesellschaftlichen Maßstäben verloren, weil sich seine eigenen &#8222;lokalen&#8220; Normen mit der Zeit langsam und unbemerkt von dem entfernt haben, was unter Laien als anständig gilt.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Moral ist relativ</strong></p>
<p>Natürlich liegen die meisten Verfehlungen, wie man sie Politikern oder anderen Prominenten gerne anlastet, jenseits dessen, was sich ein Normalbürger leisten kann. Aber auch dort sind Interessenskonflikte und kleinere Vergehen weit verbreitet. Aber wer regt sich schon darüber auf, wenn ein Bekannter sich damit rühmt, wie viele Praktikanten er kostenlos in seinem Betrieb schuften lässt, oder wenn Freunde verschämt grinsend erzählen, dass sie, um den gemeinsamen Opernbesuch nicht platzen zu lassen, ihrem Au-pair kurzerhand Ausgehverbot erteilt hätten. Würde man einen Freund anzeigen, weil er nach einer Party leicht angetrunken mit dem Auto nach Hause gefahren ist? Eine protestantische Kollegin des Limburger Bischofs hat deshalb ihr Amt aufgegeben. Moral ist also offenbar wie die Bewertung von Gewinnen und Verlusten relativ und daher abhängig von Referenzpunkten, die jedoch oft willkürlich gewählt scheinen. Und die künstliche Aufregung, die immer dann um sich greift, wenn jemandem ein Abweichen von gesellschaftlichen Standards nachgewiesen werden kann, hat vor allen Dingen eine Zweck: Sie beruhigt unser Gewissen und lenkt uns von unseren eigenen  kleinen Fehltritten und Verfehlungen ab, damit wir auch morgen wieder unbekümmert und unbemerkt gegen gesellschaftliche Normen verstoßen können. Dabei sollten wir es vielleicht doch mit Franz von Assisi halten, der einmal gesagt haben soll: „Selig der Mensch, der den Nächsten in seiner Unzulänglichkeit genauso erträgt, wie er ertragen werden möchte“.</p>
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