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	<title>begrenzte Rationalität Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Gesegnete Weihnachten?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Dec 2013 13:39:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich gehe vor Weihnachten nur ungern in die Stadt. Aber unlängst musste ich mich dann doch mal durch die Menschenmassen durchkämpfen. Und dann sah ich sie wieder. Vornehmlich junge Menschen, voll bepackt mit Primark-Taschen. Weil deren Kleidung cool, zum Wegwerfen billig und immer up to date sein soll. Eine Stunde später lese ich in der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ich gehe vor Weihnachten nur ungern in die Stadt. Aber unlängst musste ich mich dann doch mal durch die Menschenmassen durchkämpfen. Und dann sah ich sie wieder. Vornehmlich junge Menschen, voll bepackt mit Primark-Taschen. Weil deren Kleidung cool, zum Wegwerfen billig und immer up to date <span id="more-6808"></span>sein soll. Eine Stunde später lese ich in der heutigen Ausgabe der FT über Ereignisse, die Asien in diesem Jahr massiv beeinflussten. Über die Abenomics in Japan, über radikalen Reformen in China, über den eskalierten Streit zwischen Japan und China um ein  paar kleine Inseln im ostchinesischen Meer. Und über Rana Plaza in Bangladesch, wo der Einsturz eines Gebäudes 1.129 Menschen, überwiegend Textilarbeiterinnen, das Leben kostete. Ja, das war in 2013! Aber das scheint viele Verbraucher hierzulande (wie auch vermutlich anderswo) kaum zu beeindrucken, wie im Oktober eine ZDF-Dokumentation zeigte<a title="" href="#_ftn1">[1]</a>.</p>
<p>In der klassischen Morallehre wird unterstellt, dass Menschen ethische Dilemmata erkennen und darauf bewusst reagieren. Daraus folgt, dass ihrer Annahme nach unethische Handlungsalternativen mit Absicht gewählt werden. Ähnlich also wie in der Ökonomie, wo dem Menschen eine absolute Rationalität unterstellt wird.</p>
<p>Die Anhänger der Behavioral Economics sprechen dagegen vorzugsweise von begrenzter Rationalität (<i>bounded rationality</i><a title="" href="#_ftn2">[2]</a>), weil sie davon ausgehen, dass Menschen bei ihren Entscheidungen durch ihre kognitiven Beschränkungen beeinflusst werden. Und so wundert es nicht, wenn es dazu analog die Theorie einer begrenzten Ethik (<i>bounded ethicality</i><a title="" href="#_ftn3">[3]</a>) gibt.    </p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Begrenzte Ethik</b></p>
<p>Die begrenzte Ethik geht davon aus, dass unethisches Verhalten meist nicht intentional geschieht. Denn unsere ethischen Urteile basieren häufig auf Ursachen, die außerhalb des Bewusstseins liegen. So beschäftigt sich die verhaltensorientierte Entscheidungstheorie zunächst mit den Zielkonflikten, die entstehen, wenn Entscheider zwischen verschiedenen Handlungsoptionen wählen müssen. Das können auch verschiedene Produkte sein. Soll ich ein preisgünstiges T-Shirt oder ein teures Markenbekleidungsstück kaufen? Werde ich, rein ökonomisch betrachtet, erleben müssen, wie das billige Shirt schon nach kurzer Zeit in seine Einzelteile zerfällt während der Markenartikel möglicherweise länger hält?<i> </i></p>
<p>In ethischer Hinsicht bedeutet dies jedoch, dass ich den persönlichen Nutzen auch noch gegen einen möglichen gesellschaftlichen Schaden abwägen muss. Vielleicht sollte man sich dann die Frage stellen, warum ein T-Shirt einer großen Handelskette so billig angeboten wird. Wie kann es denn sein, dass ein Kleidungsstück, das im fernen Bangladesch hergestellt, nach Deutschland transportiert wurde und letztlich in einem Geschäft mit vielen Angestellten, entsprechender Werbung etc. landete, nur ein paar Euro kostet? Längst scheinen sie vergessen, die Bilder einer einstürzenden Fabrik in Bangladesch, das Foto eines toten, sich im Schutt der Trümmer umarmenden Paares, wenn man die Menschenmassen sieht, die völlig unbeeindruckt nach wie vor in die Läden der betroffenen Kette strömen. Hatte man sich nicht vorgenommen, das nächste Mal nicht mehr einen solchen Laden zu betreten? Aber schon ein paar Tage später geschieht es dann eben doch: Es war ja nur ein billiges T-Shirt, eine Jeans, die einen ins Auge gefallen ist.</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> <a href="http://news-tresor.blogspot.de/2013/10/primark-mode-zum-wegwerfen.html">http://news-tresor.blogspot.de/2013/10/primark-mode-zum-wegwerfen.html</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Simon, H. (1983): <i>Reason in Human Affairs. </i>Stanford: Stanford University Press</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Vgl. auch Bazerman, Max H.; Gino, Francesca (2012): <i>Behavioral Ethics: Toward a Deeper Understanding of Moral Judgement and Dishonesty</i>, Annual Review of Law and Social Science, Vol. 8, pp. 85 – 104, 2012</p>
</div>
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		<title>Der Homo oeconomicus ist tot!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Feb 2013 08:43:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Herbert Simon]]></category>
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		<category><![CDATA[Satisficer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Las vor kurzem in der FAZ[i] mit Erstaunen einen Beitrag des Chefvolkswirts der Commerzbank, Jörg Krämer, in dem dieser die Meinung vertritt, der Homo oeconomicus sei noch am Leben. Tatsächlich handele es sich nur um eine Gruppe von jüngeren Volkswirten, die das Modell des Homo oeconomicus attackierten und unter dem Beifall von Kapitalismusgegnern eine Abkehr [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Las vor kurzem in der FAZ<a title="" href="#_edn1">[i]</a> mit Erstaunen einen Beitrag des Chefvolkswirts der Commerzbank, Jörg Krämer, in dem dieser die Meinung vertritt, der Homo oeconomicus sei noch am Leben. Tatsächlich handele es sich nur um eine Gruppe von jüngeren Volkswirten,<span id="more-5800"></span> die das Modell des Homo oeconomicus attackierten und unter dem Beifall von Kapitalismusgegnern eine Abkehr von der liberalen Wirtschaftspolitik forderten. Abgesehen davon, dass die Kritiker dieses Kunstmenschen weiß Gott nicht nur unter jüngeren Volkswirten zu finden sind, sondern durchaus auch unter „älteren“ Nobelpreisträgern, ist es andererseits nicht wahr, dass der Homo oeconomicus nur unter Neoliberalen seine Fans hat. Aber viel wichtiger ist doch der Umstand, dass dieses theoretische Konstrukt eben nicht zutreffend das tatsächliche Verhalten von Anlegern, Unternehmern und Politikern wiedergibt. So bewerten die meisten von ihnen Verluste viel stärker als Gewinne – eine Reaktion, die dem Homo oeconomicus, für den nur die realen Beträge gelten, völlig fremd ist. Auch sind Menschen im Gegensatz zu ihm keine reinen Nutzenmaximierer; vielmehr werden sie in ihrem Handeln von vielen verschiedenen Motiven angetrieben. Denn auch Momente wie Missgunst, Neid, Fairness oder Wohlbefinden beeinflussen uns bei jeder unserer Entscheidungen, bei denen es doch in der Logik des Homo oeconomicus nur darum gehen sollte, diejenige unter den Handlungsalternativen zu finden, die den größten ökonomischen Nutzen verspricht. Ganz zu schweigen davon, dass kein Börsianer so vollständig und umfassend informiert ist, wie es, der Theorie nach, der Kunstmensch stets sein soll. Längst haben Psychologen – und nicht nur sie – erkannt, dass ein Mensch nicht in der Lage ist, alle verfügbaren Informationen aufzunehmen, geschweige denn, sie adäquat zu verarbeiten und zu bewerten. Schlicht weil die Kapazität seines Gehirns nicht ausreicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Wir sind nur</b> <b><i>Satisficer</i></b></p>
<p>Auch die absolute Rationalität, die dem Homo oeconomicus nachgesagt wird, verlangt Übermenschliches von realen Akteuren. Vielmehr müssen wir wohl im Sinne des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Herbert Simon von begrenzter Rationalität (bounded rationality) sprechen. Denn der Mensch hat weder die Zeit noch die Ressourcen, nach der besten aller Entscheidungen zu suchen. Nicht umsonst identifizierte Simon den Menschen auf der Suche nach einer guten Entscheidung als <i>Satisficer,</i> eine englische Wortschöpfung aus <i>satisfying</i> (befriedigen) und <i>suffice </i>(genügen): Der Mensch sucht eben nur solange nach Alternativen, bis er die erstbeste Lösung gefunden hat, die seinen Ansprüchen genügt, Ansprüchen, die auf Erfahrungen der Vergangenheit beruhen. Und oftmals strebt er am Ende sogar nach etwas, das ihn oft gar nicht zufrieden stellt. All dies sind keine Ausnahmen, keine Patzer von einzelnen Minderleistern, sondern Phänomene, die in schöner Regelmäßigkeit auftreten, beim wissenschaftlichen Experiment wie auch auf dem Börsenparkett. Und im echten Leben.</p>
<p>Das von Jörg Krämer angeführte Beispiel, demzufolge die Politiker, ganz als „Homines oeconomici“, im Sommer 2012 die Europäische Zentralbank dazu gebracht haben sollen, die Währungsunion durch die Ankündigung zu stabilisieren, man werde im Zweifel Anleihen der Peripherieländer kaufen, beweist für mich eher das Gegenteil seiner These. So ist das Commitment der europäischen Politiker bei der Lösung der Probleme in der Eurozone mittlerweile extrem hoch, weswegen künftige Entscheidungen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht danach gefällt werden, ob sie ökonomisch sinnvoll oder gar optimal sind. Vielmehr werden neue Maßnahmen im Lichte des Erfolges oder Misserfolges vorangegangener Entscheidungen getroffen. Es ist gerade die Reduzierung des Homo oeconomicus auf wenige wesentliche Eigenschaften – wobei man ihm alles vorsorglich weggenommen hat, was auch nur im entferntesten mit Psychologie zu tun hat,  – die letztlich als Grundlage manch schöner Modelle dient, ihn aber leider stets realitätsfern bleiben lässt. Kein Wunder also, wenn sich Finanzmärkte als nicht effizient erweisen und viele Annahmen der Standardökonomie in der Krise nicht gezogen haben.</p>
<p>Christin Stock und ich haben es in unserem Buch <strong>„<i><a href="http://www.amazon.de/dp/3898797961/ref=as_li_tf_til?tag=httpwwwjoac0d-21&amp;camp=1410&amp;creative=6378&amp;linkCode=as1&amp;creativeASIN=3898797961&amp;adid=1WEMGB3XXW5HX6739V4W&amp;&amp;ref-refURL=http%3A%2F%2Frcm-de.amazon.de%2Fe%2Fcm%3Flt1%3D_blank%26bc1%3D000000%26IS2%3D1%26npa%3D1%26bg1%3DFFFFFF%26fc1%3D000000%26lc1%3D0000FF%26t%3Dhttpwwwjoac0d-21%26o%3D3%26p%3D8%26l%3Das1%26m%3Damazon%26f%3Difr%26ref%3Dtf_til%26asins%3D3898797961">Genial einfach entscheiden – Besser denken, handeln und investieren im täglichen Entscheidungsdschungel</a></i>“</strong> (siehe dazu auch unser <strong><a href="http://www.daf.fm/video/boersenpsychologie-so-entscheiden-sie-richtig-50160655.html">Interview im Deutschen Anlegerfernsehen [DAF]</a>)</strong> so ausgedrückt: „So viel man ihn auch modifiziert hat, um ihn menschlicher zu machen – der Homo oeconomicus bleibt dem Menschen fremd.“</p>
<div><br clear="all" /></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ednref1">[i]</a> FAZ vom 25.2.2013, S. 26</p>
</div>
</div>
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		<title>Moral und Märkte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Nov 2012 08:50:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Unlängst hatte ich Gelegenheit, den ehemaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin bei einem Vortragsabend persönlich zu überleben. Nida-Rümelin, der an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München den Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie innehat, sprach über „Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik&#8220;. Seine Ausführungen haben mich sowohl inhaltlich als auch rhetorisch so begeistert, dass ich mir umgehend sein neuestes [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/moral-und-markte/">Moral und Märkte</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Unlängst hatte ich Gelegenheit, den ehemaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin bei einem Vortragsabend persönlich zu überleben. Nida-Rümelin, <span id="more-5361"></span>der an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München den Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie innehat, sprach über „Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik&#8220;. Seine Ausführungen haben mich sowohl inhaltlich als auch rhetorisch so begeistert, dass ich mir umgehend sein neuestes Buch &#8222;Die Optimierungsfalle&#8220; zulegte, das auch Grundlage des von mir gehörten Vortrags war. Darin versucht Nida-Rümelin, die Grundlagen einer humanen Ökonomie zu skizzieren. Was mich jedoch sofort befremdete, war, dass er dabei seinen Begriff von ökonomischer Rationalität dem traditionellen Bild des homo oeconomicus entlehnt, einem Verständnis von ökonomischem Handeln also, das mittlerweile vielerorts als völlig überholt gilt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Schwierige Nutzenmaximierung</strong></p>
<p>Um es kurz zu machen: Ich habe in der ganzen Argumentation die Erkenntnisse der Behavioral Economics vermisst. Denn spätestens seit Herbert Simon den Begriff der begrenzten Rationalität eingeführt hat, muss einem doch klar sein, dass der ökonomische Optimierer in der Praxis seine Präferenzen weder vollständig kennt noch jede seiner Handlungsalternativen durchrechnen oder deren Folgen richtig einschätzen kann. So vermögen wir uns zum Beispiel aktuell gar nicht auszumalen, wie sehr wir uns in der Zukunft an Gewinne und Verluste gewöhnen werden, weshalb wir deren tatsächlichen Nutzen nicht richtig einschätzen können. Weil wir in der Realität, im Gegensatz zum rationalen Entscheider, Verluste als viel gravierender erleben und bewerten als Gewinne in gleicher Höhe.</p>
<p>Zwar wurde mir auf meine Nachfrage, wo denn bei dem ganzen Diskurs die menschliche Psyche bleibe, freundlich vom Vortragsredner beschieden: „Ja, ja, Behavioral Economics, kenne ich natürlich auch.“ Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass Nida-Rümelin Erkenntnisse aus einer verhaltensorientierten Ökonomie nicht berücksichtigen wollte.</p>
<p>Stattdessen vertrat er in seinem Vortrag die Ansicht, der globale Finanzkapitalismus handle in seinem ausschließlichen Streben nach Effizienz und Optimierung verantwortungslos und habe auf diese Weise auch die seit dem Jahre 2008 herrschende Finanzkrise ausgelöst. Aber auch bei der Feststellung des Redners, eine funktionierende Kommunikation sei für den ökonomischen Erfolg unverzichtbar und eine gelingende Kommunikation setze die Befolgung der Normen Wahrhaftigkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit voraus, dachte ich weniger an Tugenden, von denen der eine Mensch mehr und der andere Mensch weniger hat. Sondern mir kam natürlich sofort Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz in den Sinn. Und dieser Theorie zufolge können selbst wahrhaftige Menschen bei aller Aufrichtigkeit Opfer einer selektiven Wahrnehmung werden. Was zu ihren Entscheidungen passt, wird stark vergrößert, und was nicht dazu passt, wird verkleinert oder manchmal sogar völlig ignoriert. Das betrifft sowohl die Rezeption als auch die Weitergabe von Informationen. So wird, um das Beispiel Nida-Rümelins aufzugreifen, der Rat, den eine Frau ihrer Freundin in einer Beziehungskrise erteilt, wesentlich auch davon abhängen, wie es gerade um ihr eigenes Liebesleben steht. Hat sie sich selbst gerade von ihrem Partner getrennt, wird sie die Freundin ermutigen, auch diesen Schritt ins Single-Dasein zu wagen. Hat sie sich indes dazu durchgerungen, trotz gravierender Verstimmungen einen Neuanfang mit ihrem Freund zu wagen, wird sie vermutlich auch der Freundin empfehlen, durchzuhalten und „an der Beziehung zu arbeiten“, wie sie selbst es sich vorgenommen hat. Ähnliche Verhaltensmuster finden wir auch an den Finanzmärkten. Empfohlen wird doch das, was jemand aufgrund seiner eigenen Entscheidungen für richtig hält, was aber nicht notwendigerweise das Richtige sein muss. Auf diese Weise können sogar „falsche“ Normen entstehen, die letztlich zu Herdenverhalten und Blasenbildung in den Finanzmärkten führen können. So gesehen, ist der ökonomische Mensch zumindest phasenweise durchaus zur Freundschaft fähig, eine Eigenschaft, die Nida-Rümelin ihm abspricht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Relative Moral durch Gewöhnung </strong></p>
<p>Wenn Professor Nida-Rümelin postuliert, dass „der ökonomische Markt nicht moralfrei“ sei, dann stimme ich ihm zu 100 Prozent zu. Aber auf Grund ganz anderer Einsichten. Der homo oeconomicus kennt tatsächlich keine Moral, nur existiert er in der Realität gar nicht, weil auch an den Märkten hauptsächlich nicht auf Profit programmierte Menschen agieren. Und deren Motive sind vielfältiger als das ewige, eindimensionale Maximieren von Gewinnen. Ich sehe stattdessen in der Gewöhnung die conditio humana schlechthin. Wir gewöhnen uns an unseren Reichtum, an den Komfort, den er uns ermöglicht, mit der fatalen Folge, dass wir ihn immer mehr steigern müssen, um überhaupt noch Befriedigung zu spüren. So entsteht Gier. Der Bonus muss eben auch jedes Jahr höher ausfallen. Wohin das führt, zeigt die aktuelle Finanzkrise. Dass dieser Mechanismus auch in anderer Hinsicht gefährlich werden kann, beschreibt der großartige Film <em>Dogville</em> von Lars von Trier – ein philosophisches Drama, dessen Erkenntnis darin besteht, dass Menschen auf Grund abnehmender Sensitivität durch Gewöhnung immer heftigere Gewalt und Repression anwenden und immer grausamer werden können, während die Selbstwahrnehmung der eigenen moralischen Integrität davon unangetastet bleibt. Ursache dafür ist  eine kaum wahrnehmbare Verschiebung von Referenzpunkten, die mit der Zeit zu massiven Verhaltensänderungen führen kann. Diese psychologischen Faktoren sind allerdings jenseits von Gut und Böse angesiedelt. Und gegen selektive Wahrnehmung und Gewöhnungseffekte kann man mit moralischen Appellen nur wenig ausrichten. Gleichwohl darf auch eine humane Ökonomie und neue Wirtschaftsethik sie nicht übersehen.</p>
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		<title>Ökonomen im Schnee</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Jan 2011 13:54:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Märkte]]></category>
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		<category><![CDATA[Referenzpunkt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nicht nur in Deutschland hat es im Dezember des vergangenen Jahres außergewöhnlich viel geschneit. Auch die Engländer litten unter diesen teils extrem ungünstigen Wetterbedingungen. Während man hierzulande allerdings gerade in Hinblick auf die Bahn gerne von Versagen spricht und intensiv nach Schuldigen für die Zugverspätungen sucht, scheinen die Engländer mit derlei Problemen etwas humorvoller umzugehen. Es [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/okonomen-im-schnee/">Ökonomen im Schnee</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht nur in Deutschland hat es im Dezember des vergangenen Jahres außergewöhnlich viel geschneit. Auch die Engländer litten unter diesen teils extrem ungünstigen Wetterbedingungen. Während man hierzulande allerdings gerade in Hinblick auf die Bahn gerne von Versagen spricht und intensiv nach Schuldigen für die Zugverspätungen sucht, scheinen die Engländer mit derlei Problemen etwas humorvoller umzugehen.<span id="more-6659"></span> Es hat ganz einfach &#8222;die falsche Sorte Schnee&#8220; geschneit. Dies war zumindest die Entschuldigung eines Sprechers der britischen Eisenbahngesellschaft, als eine Schneefräse vor ein paar Jahren bereits nach einer kleineren Menge Schneefalls ihren Dienst versagte, so dass die Schienen nicht geräumt werden konnten. Ja, mittlerweile steht diese nette Ausrede für alles, was in England wegen ein paar Schneeflocken nicht mehr funktioniert. Jetzt aber hat das Schnee-Phänomen sogar die Ökonomen erreicht. Denn die Experten einer Reuters-Umfrage hatten für das vierte Quartal 2010 für Großbritannien ein Wachstum von durchschnittlich 0,5 Prozent prognostiziert. Wie wir gestern erfahren haben lagen sie um einen Prozentpunkt daneben, weil die britische Wirtschaft, statt zu wachsen, um 0,5 Prozent geschrumpft ist.</p>
<p>Immerhin räumte das <em>Office for National Statistics</em> ein, der starke Schneefall im Dezember hätte ein halbes Prozent Wachstum gekostet, so dass ohne die extremen Wetterbedingungen immerhin noch ein Nullwachstum übrig geblieben wäre. Will sagen: Selbst wenn die Experten im Winter aus dem Fenster gesehen und des Schneetreibens gewahr geworden wären, hätten ihre Prognosen immer noch kräftig danebengelegen. Nun kann man natürlich einwenden, dass es sich bei der jüngsten Wachstumszahl um ein vorläufiges Datum handelt, das möglicherweise noch revidiert werden muss. Aber nicht zwangsläufig nach oben. Und so wundert es nicht, wenn viele Akteure sich die Frage stellen, wie die Experten so falsch liegen konnten.</p>
<p>Tatsächlich sind die meisten dieser so genannten Experten überhaupt keine Analysten. Denn nur die wenigsten dürften sich die Mühe gemacht haben, selbstständig die entsprechenden Daten zusammenzusuchen und unabhängig auszuwerten. Das wäre nämlich angesichts knappen Personals und zusammengestrichener Etats viel zu viel Arbeit gewesen. Stattdessen hat man vielerorts einfach die am leichtesten verfügbare Wachstumsrate als Referenzpunkt für die eigene Vorhersage gewählt und diese gegebenenfalls während des Quartals adjustiert. So ein leicht verfügbarer Referenzpunkt war etwa die Wachstumszahl des vorherigen oder der Durchschnittswert der vergangenen vier Quartale, also 0,7 Prozent. Nachdem diese Daten während der vergangenen Monate unter dem Strich eher schlechter als erwartet ausgefallen waren, musste man jene Zahlen natürlich adjustieren. Fragt sich nur, um wie viel.</p>
<p>Auch hier orientieren sich die Auguren gerne an Erfahrungswerten. Tatsächlich haben sich die Schwankungen der vierteljährlichen BIP-Zahlen nach den volatilen Zeiten Ende 2008 und Anfang 2009 mittlerweile wieder auf ein Niveau eingependelt, das auch schon vor der Finanzkrise galt: Eine Varianz (Streuung) von 0,5 Prozent plus minus ein Viertelprozent.</p>
<p>Ein pessimistischer Experte hätte also ein Wachstum von etwa 0,2 Prozent<a href="http://www.blognition.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/paste/pasteword.htm?ver=327-1235#_edn1">[i]</a> prognostizieren können, und besonders pessimistische Zeitgenossen wären mit dieser Faustregel nach Abzug eines weiteren Viertelprozents auf ein Nullwachstum gekommen. Aber warum sollte man so pessimistisch sein, wenn alle Welt eher von einem leichten Wachstumsanstieg ausgegangen war? Zumal selbst unter Finanzexperten Spielverderber nicht sonderlich beliebt sind.</p>
<p>Aber Experten sind auch nur Menschen und verfügen daher nur über begrenzte physische und geistige Ressourcen. Sie haben eigentlich nichts falsch gemacht, denn sie sind mit ebendiesen Ressourcen „ökonomisch“ umgegangen. Sie wurden nach treffsicheren Vorhersagen gefragt, ohne dass man ihnen das dafür erforderliche Werkzeug zur Verfügung gestellt hätte. Auf sich selbst bezogen haben die Experten also effizient gearbeitet, nicht aber was die Finanzmärkte angeht.</p>
<hr size="1" /><a href="http://www.blognition.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/paste/pasteword.htm?ver=327-1235#_ednref1">[i]</a> =  Referenzpunkt Vorquartal 0,7 Prozent, abzüglich 0,5 Prozent Streubreite</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/okonomen-im-schnee/">Ökonomen im Schnee</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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