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	<title>Ethik Archive - Joachim Goldberg</title>
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	<description>Behavioral Finance, Behavioral Ethics und Behavioral Living</description>
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		<title>Keine Spur von Kulturwandel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jun 2015 05:58:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als ich in der vergangenen Woche in einem Vorbericht zum G7-Treffen im Handelsblatt las[1], dass ein neuartiger Verhaltenskodex für Banker diskutiert würde, der die Finanzmärkte krisensicherer machen soll, musste ich innerlich den Kopf schütteln. Natürlich ist es klar, dass gegenseitiges Vertrauen und ein „integres Verhalten“ der Marktteilnehmer die Grundlage für ein funktionierendes Finanzsystem bilden. Aber [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Als ich in der vergangenen Woche in einem Vorbericht zum G7-Treffen im Handelsblatt las<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a>, dass ein neuartiger Verhaltenskodex für Banker diskutiert würde, der die Finanzmärkte krisensicherer machen soll, musste ich innerlich den Kopf schütteln. Natürlich ist es klar, dass gegenseitiges Vertrauen und ein „integres Verhalten“ der Marktteilnehmer die Grundlage für ein funktionierendes Finanzsystem bilden. Aber ich bin sicherlich nicht der Einzige, der Zweifel hegt, was die Integrität der Akteure an den Finanzmärkten betrifft. Insbesondere seit ständig der so genannte Kulturwandel in der Finanzbranche proklamiert wird. Ich habe mich vor zwei Jahren schon einmal zu diesem Thema <strong><u><a href="https://www.joachim-goldberg.com/fragwuerdiger-kulturwandel/">HIER</a></u></strong> geäußert. Damals weckte die New Yorker Anwaltskanzlei Labaton Sucharow meine Aufmerksamkeit, die eine Umfrage in Auftrag gegeben hatte, bei der 250 Angestellte aus der Finanzbranche die Geschäftsmoral ihrer Wettbewerber beurteilen sollten. Das war fünf Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise.</p>
<p>Zufall oder Fügung, dass ausgerechnet an demselben Tag, als ich den Bericht über den Verhaltenskodex las, mir ein Freund eine brandneue Studie<a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a> als E-Mail zusandte, an der ausgerechnet wieder Labaton Sucharow beteiligt war? Im Vergleich zu 2012 wurden dieses Mal sogar 1200 Berufstätige aus der Finanzindustrie der USA und Großbritannien befragt. Mich interessierte natürlich vor allem die Frage, ob sich nach all den Diskussionen und Bemühungen um eine ethisch verbesserte Investment-Bankenwelt etwas zum Positiven verändert hatte. Zumal seitdem wichtige Reformen eingeleitet und milliardenschwere Strafen verhängt worden sind.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie würden es wieder tun</strong></p>
<p>Die Ergebnisse sind schockierend. Trotz diverser Ethikseminare, die manches Kreditinstitut vor einigen Jahren seinen Angestellten verordnet hatte, um die schlimmsten Auswüchse der Gier zu bekämpfen. Demnach hält es immer noch rund die Hälfte der Befragten für wahrscheinlich, dass ihre Mitbewerber unethisch oder illegal handeln würden, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Mehr als ein Drittel derjenigen, die 500.000 US-Dollar oder mehr im Jahr verdienten, wurden nach dieser Umfrage Zeuge von Fehlverhalten am Arbeitsplatz oder hatten solches Wissen darüber aus erster Hand. 23 Prozent der Befragten – das sind fast doppelt so viele wie im Jahre 2012 – glauben, dass Kollegen im eigenen Unternehmen in unrechtmäßige oder unethische Aktivitäten verwickelt gewesen seien, um sich einen Vorteil zu verschaffen.</p>
<p>Auch waren 25 Prozent der Befragten bereit, für einen Betrag von 10 Millionen Dollar Insiderinformationen auszunutzen – vorausgesetzt, ihnen drohte im Falle einer Strafverfolgung keine Gefängnisstrafe. Im Gegensatz zu den Befragten aus den USA lag der vergleichbare Anteil der Kollegen aus Großbritannien sogar bei 32 Prozent der Interviewten.</p>
<p>Noch mehr gefällig?</p>
<p>27 Prozent der Bankmitarbeiter bestritten, dass die Finanzdienstleister im besten Interesse ihrer Kunden handeln würden. Dieser Prozentsatz steigt sogar auf 38 Prozent für diejenigen Banker, die 500.000 Dollar und mehr im Jahr verdienen. Anders ausgedrückt: Die Daten zeigen, dass zwischen dem Einkommensniveau und der Wahrscheinlichkeit, Zeuge von Fehlverhalten zu werden, ein Zusammenhang besteht.</p>
<p>Aber es kommt noch dicker. Einer von zehn Teilnehmern hat sogar (oder wurde dazu angehalten) eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben müssen, die ihm untersagt, unrechtmäßiges oder unethische Aktivitäten den Behörden zu melden. Bei einem Jahreseinkommen von 500.000 $ oder mehr steigt der Prozentsatz derjenigen, die nach eigenen Angaben ebenfalls den Maulkorberlass unterzeichnet haben, sogar auf 25 Prozent.</p>
<p>Wie hoch wäre der Prozentsatz derjenigen, die an die Wirksamkeit eines freiwilligen Verhaltenskodex glauben?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> online Ausgabe des Handelsblatts zum G7-Treffen: <em>Neuer Verhaltenskodex für Banker soll Märkte sicherer machen</em>, gelesen am 28.5.2015</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Tenbrunsel, A &amp; Thomas, J. (Mai 2015): <em>The Street, The Bull and The Crisis: A Survey of the US &amp; UK Financial Services Industry</em>, presented by The University of Notre Dame and Labaton Sucharow LLP</p>
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		<title>Gullivers Reichtum</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Feb 2014 07:30:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Behavioral Ethics]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Offenbar geht es der Finanzbranche prächtig. So musste ich gestern lesen, dass die Londoner Großbank HSBC anscheinend schon dabei ist, die von der EU verordnete Begrenzung der Boni für Spitzenverdiener zu umgehen. Wie jetzt bekannt wurde, soll der Konzern für seine Topleute – zu denen das Bankhaus sage und schreibe mehr als 600 Angestellte zählt [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Offenbar geht es der Finanzbranche prächtig. So musste ich gestern lesen, dass die Londoner Großbank HSBC anscheinend schon dabei ist, die von der EU verordnete Begrenzung der Boni für Spitzenverdiener zu umgehen. Wie jetzt bekannt wurde, soll der Konzern für seine Topleute – zu denen das Bankhaus sage und schreibe<span id="more-6958"></span> mehr als 600 Angestellte zählt – eine so genannte „fixe Zulage“ bezahlen. Diese wird von der Bankenaufsicht als festes Basisgehalt anerkannt, so dass sie nicht unter den Bonusdeckel fällt, der bei höchstens 200 Prozent des Jahresgehalts liegt. Immerhin wird die fixe Zulage wie der Bonus jährlich überprüft und gegebenenfalls verändert. Für die drei Spitzenkräfte von HSBC sollen nach Angaben der Financial Times die fixen Zulagen in diesem Jahr 130 Prozent der Grundgehälter ausmachen. Danach würde allein HSBC-Chef Stuart Gulliver zusätzlich zu seinem Grundgehalt von 1,25 Millionen noch eine Zulage von 1,7 Millionen englischen Pfund erhalten. Beide Beträge zusammen bilden schließlich die Grundlage für die Bonuszahlung, so dass Gullivers gesamtes Paket ähnlich hoch sein dürfte wie jenes, das er bereits im Jahr 2013 bekommen hat – damals waren das immerhin mehr als acht Millionen Pfund. Wenn dann auch noch Mister Gulliver mit der Aussage zitiert wird, er fände die Änderungen [in der Bezahlung] ausgesprochen bedauerlich, aber man sei nun mal dazu gezwungen worden, dann rührt mich das Mitleid mit ihm und seinen mehr als 600 Spitzenkräften fast zu Tränen.</p>
<p>Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Mitte der 1990er Jahre das Investmentbanking in Deutschland Einzug hielt und damals eine große Euphorie durch die Bankenlandschaft ging: Endlich würde nach Leistung bezahlt und Grundgehälter und Tantiemen nicht mehr im Gießkannenverfahren für Topleute und Minderleister gleichermaßen ausgegossen, hieß es damals vollmundig. Damit, so eine wichtige Begründung der Top-Manager von damals, würden die Personalkosten nicht ins Uferlose wachsen, ausgeschüttet würde nur, wenn die Performance stimmt. Dann aber richtig!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Gezahlt wird immer</b></p>
<p>Das scheint sich jetzt geändert zu haben. Ausgeschüttet wird offenbar nun auch, wenn die Performance nicht stimmt. Denn selbst wenn die fixen Zulagen jährlich überprüft werden sollen, sind sie angeblich nicht direkt an die Performance des Unternehmens gekoppelt und unterliegen damit einem gewissen Automatismus. Mehr noch: Im Gegensatz zu den Boni kann die Bank die Zulagen im Falle nachträglich auftauchender Verluste nicht zurückfordern. Darüber täuscht auch nicht hinweg, dass von den 665 „top risk takers“ die 111 Spitzenverdiener ihren Zuschlag zum Grundgehalt in Aktien und somit mit einer Verzögerung von mehreren Jahren ausgezahlt bekommen sollen.</p>
<p>Auch mache ich mir keine Illusionen darüber, Boni seien in der Vergangenheit immer leistungsabhängig ausbezahlt worden. Allein die Tatsache, dass es im Investmentbanking viele Jahre lang den eigentlich in sich widersprüchlichen Begriff des „garantierten Bonus“ gab, mit dem Handgelder und fixe Sonderzahlungen der ersten Dienstjahre eines Investmentbankers umschrieben wurden, ist ein Indiz dafür.</p>
<p>Die Erhöhung fixer Bezahlungsanteile offenbart dreierlei. Erstens, dass die gut gemeinte, aber letztlich lebensferne Bonusdeckelung in der Praxis eine paradoxe Wirkung entfaltet. Natürlich kann das zur Folge haben, dass etliche Banker weniger Risiken als früher eingehen werden – bei weiterhin ähnlich hoher Bezahlung in Spitzenpositionen. Zum zweiten sorgt die (vermeintlich) gelöste Finanzkrise und der damit fehlende Druck, diese lösen zu müssen dafür, dass sich letztlich nicht viel im Investmentbanking geändert hat. Und drittens: Was macht die Ethik? Natürlich ist es nicht illegal, Vorschriften wörtlich auszulegen, und sogar menschlich, sie zu umgehen zu versuchen. Trotzdem wirkt es in ethischer Hinsicht wenig überzeugend, wenn Regeln bewusst nicht in dem Geiste ausgelegt werden, wie sie eigentlich gemeint waren. Sich daran zu halten hätte dem so oft beschworenen Kulturwandel zu mehr Glaubwürdigkeit verholfen. So bleibt dieser wahrscheinlich nicht mehr als ein Wort, weil diejenigen, die ihn einleiten sollten, meist genau diejenigen sind, die ihn erst erforderlich gemacht haben.</p>
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		<title>Moral und Märkte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Nov 2012 08:50:57 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[begrenzte Rationalität]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Unlängst hatte ich Gelegenheit, den ehemaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin bei einem Vortragsabend persönlich zu überleben. Nida-Rümelin, der an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München den Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie innehat, sprach über „Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik&#8220;. Seine Ausführungen haben mich sowohl inhaltlich als auch rhetorisch so begeistert, dass ich mir umgehend sein neuestes [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Unlängst hatte ich Gelegenheit, den ehemaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin bei einem Vortragsabend persönlich zu überleben. Nida-Rümelin, <span id="more-5361"></span>der an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München den Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie innehat, sprach über „Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik&#8220;. Seine Ausführungen haben mich sowohl inhaltlich als auch rhetorisch so begeistert, dass ich mir umgehend sein neuestes Buch &#8222;Die Optimierungsfalle&#8220; zulegte, das auch Grundlage des von mir gehörten Vortrags war. Darin versucht Nida-Rümelin, die Grundlagen einer humanen Ökonomie zu skizzieren. Was mich jedoch sofort befremdete, war, dass er dabei seinen Begriff von ökonomischer Rationalität dem traditionellen Bild des homo oeconomicus entlehnt, einem Verständnis von ökonomischem Handeln also, das mittlerweile vielerorts als völlig überholt gilt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Schwierige Nutzenmaximierung</strong></p>
<p>Um es kurz zu machen: Ich habe in der ganzen Argumentation die Erkenntnisse der Behavioral Economics vermisst. Denn spätestens seit Herbert Simon den Begriff der begrenzten Rationalität eingeführt hat, muss einem doch klar sein, dass der ökonomische Optimierer in der Praxis seine Präferenzen weder vollständig kennt noch jede seiner Handlungsalternativen durchrechnen oder deren Folgen richtig einschätzen kann. So vermögen wir uns zum Beispiel aktuell gar nicht auszumalen, wie sehr wir uns in der Zukunft an Gewinne und Verluste gewöhnen werden, weshalb wir deren tatsächlichen Nutzen nicht richtig einschätzen können. Weil wir in der Realität, im Gegensatz zum rationalen Entscheider, Verluste als viel gravierender erleben und bewerten als Gewinne in gleicher Höhe.</p>
<p>Zwar wurde mir auf meine Nachfrage, wo denn bei dem ganzen Diskurs die menschliche Psyche bleibe, freundlich vom Vortragsredner beschieden: „Ja, ja, Behavioral Economics, kenne ich natürlich auch.“ Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass Nida-Rümelin Erkenntnisse aus einer verhaltensorientierten Ökonomie nicht berücksichtigen wollte.</p>
<p>Stattdessen vertrat er in seinem Vortrag die Ansicht, der globale Finanzkapitalismus handle in seinem ausschließlichen Streben nach Effizienz und Optimierung verantwortungslos und habe auf diese Weise auch die seit dem Jahre 2008 herrschende Finanzkrise ausgelöst. Aber auch bei der Feststellung des Redners, eine funktionierende Kommunikation sei für den ökonomischen Erfolg unverzichtbar und eine gelingende Kommunikation setze die Befolgung der Normen Wahrhaftigkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit voraus, dachte ich weniger an Tugenden, von denen der eine Mensch mehr und der andere Mensch weniger hat. Sondern mir kam natürlich sofort Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz in den Sinn. Und dieser Theorie zufolge können selbst wahrhaftige Menschen bei aller Aufrichtigkeit Opfer einer selektiven Wahrnehmung werden. Was zu ihren Entscheidungen passt, wird stark vergrößert, und was nicht dazu passt, wird verkleinert oder manchmal sogar völlig ignoriert. Das betrifft sowohl die Rezeption als auch die Weitergabe von Informationen. So wird, um das Beispiel Nida-Rümelins aufzugreifen, der Rat, den eine Frau ihrer Freundin in einer Beziehungskrise erteilt, wesentlich auch davon abhängen, wie es gerade um ihr eigenes Liebesleben steht. Hat sie sich selbst gerade von ihrem Partner getrennt, wird sie die Freundin ermutigen, auch diesen Schritt ins Single-Dasein zu wagen. Hat sie sich indes dazu durchgerungen, trotz gravierender Verstimmungen einen Neuanfang mit ihrem Freund zu wagen, wird sie vermutlich auch der Freundin empfehlen, durchzuhalten und „an der Beziehung zu arbeiten“, wie sie selbst es sich vorgenommen hat. Ähnliche Verhaltensmuster finden wir auch an den Finanzmärkten. Empfohlen wird doch das, was jemand aufgrund seiner eigenen Entscheidungen für richtig hält, was aber nicht notwendigerweise das Richtige sein muss. Auf diese Weise können sogar „falsche“ Normen entstehen, die letztlich zu Herdenverhalten und Blasenbildung in den Finanzmärkten führen können. So gesehen, ist der ökonomische Mensch zumindest phasenweise durchaus zur Freundschaft fähig, eine Eigenschaft, die Nida-Rümelin ihm abspricht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Relative Moral durch Gewöhnung </strong></p>
<p>Wenn Professor Nida-Rümelin postuliert, dass „der ökonomische Markt nicht moralfrei“ sei, dann stimme ich ihm zu 100 Prozent zu. Aber auf Grund ganz anderer Einsichten. Der homo oeconomicus kennt tatsächlich keine Moral, nur existiert er in der Realität gar nicht, weil auch an den Märkten hauptsächlich nicht auf Profit programmierte Menschen agieren. Und deren Motive sind vielfältiger als das ewige, eindimensionale Maximieren von Gewinnen. Ich sehe stattdessen in der Gewöhnung die conditio humana schlechthin. Wir gewöhnen uns an unseren Reichtum, an den Komfort, den er uns ermöglicht, mit der fatalen Folge, dass wir ihn immer mehr steigern müssen, um überhaupt noch Befriedigung zu spüren. So entsteht Gier. Der Bonus muss eben auch jedes Jahr höher ausfallen. Wohin das führt, zeigt die aktuelle Finanzkrise. Dass dieser Mechanismus auch in anderer Hinsicht gefährlich werden kann, beschreibt der großartige Film <em>Dogville</em> von Lars von Trier – ein philosophisches Drama, dessen Erkenntnis darin besteht, dass Menschen auf Grund abnehmender Sensitivität durch Gewöhnung immer heftigere Gewalt und Repression anwenden und immer grausamer werden können, während die Selbstwahrnehmung der eigenen moralischen Integrität davon unangetastet bleibt. Ursache dafür ist  eine kaum wahrnehmbare Verschiebung von Referenzpunkten, die mit der Zeit zu massiven Verhaltensänderungen führen kann. Diese psychologischen Faktoren sind allerdings jenseits von Gut und Böse angesiedelt. Und gegen selektive Wahrnehmung und Gewöhnungseffekte kann man mit moralischen Appellen nur wenig ausrichten. Gleichwohl darf auch eine humane Ökonomie und neue Wirtschaftsethik sie nicht übersehen.</p>
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		<title>Behavioral Finance und Euro-Krise</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Goldberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Jun 2012 10:59:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn man heute früh die Zeitungen durchblättert, sich die Meinung von Analysten und Händlern zu Gemüte führt, gewinnt man ganz leicht den Eindruck, am kommenden Wochenende würde mit den Wahlen in Griechenland für die Eurozone ein Schalter umgelegt. Dabei hat mein Kollege Herman Brodie in unserem heutigen Blog bereits ausgeführt, dass ein Grexit zwar ein [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man heute früh die Zeitungen durchblättert, sich die Meinung von Analysten und Händlern zu Gemüte führt, gewinnt man ganz leicht den Eindruck, am kommenden Wochenende würde mit den Wahlen in Griechenland für die Eurozone ein Schalter umgelegt. Dabei hat<span id="more-4401"></span> mein Kollege Herman Brodie in unserem <a href="http://www.blognition.de/blog/wirtschaft/falscher-masstab/" target="_blank">heutigen Blog</a> bereits ausgeführt, dass ein Grexit zwar ein binäres Ereignis (ja oder nein) ist, allerdings mit komplexer Wirkung. Und zwar von einer Komplexität, die für die meisten Finanzmarktbeobachter so undurchschaubar sein wird, dass die Griechenland-Thematik schon allein wegen der Komplexitätsaversion vieler Akteure bald in den Hintergrund gedrängt werden wird. Ganz zu schweigen davon, dass – egal welche Regierung in Zukunft über das Schicksal Griechenlands befinden wird – die Probleme die gleichen bleiben werden: In der Hauptsache verfügt das Land über zu geringe Mittel. Überhaupt hat es für mich schon fast etwas Befremdendes, wenn angesichts der Renditen von 7 Prozent für zehnjährige spanische Staatsanleihen das Griechenland-Problem immer noch so stark im Fokus steht. Die Welt hat sich bereits schon weiter gedreht.</p>
<p>Letztlich geht es um ein Politikum, wobei man den Eindruck bekommt, Deutschland bewege sich nur ganz langsam und wolle eigentlich gar nichts von der Position seiner Partner wissen. Und wenn sich unsere Kanzlerin bewegt, dann sei das bestenfalls schrittweise, wie sie es selbst ausdrückte. Dabei ist die deutsche Regierung unlängst doch erst erstaunlich schnell vorangekommen, wenn man bedenkt, mit welcher Geschwindigkeit die Rettung der spanischen Banken am vergangenen Wochenende vorangetrieben wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Behavioral Economics erhöht Verhandlungsgeschick </strong></p>
<p>Es scheint also bei der derzeitigen Krise der Eurozone nicht nur um den großen Wurf zu gehen, wie immer wieder gefordert wird. Eine Lösung, die von der deutschen Seite derzeit noch abgelehnt wird. Sei es, dass es um Eurobonds oder eine europäische Einlagensicherung geht. Vielmehr scheint Verhandlungsgeschick gefragt und damit auch der Einsatz der Erkenntnisse der Behavioral Economics/Finance.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Einfluss auf Fragen von Ethik und Moral</strong></p>
<p>Ich selbst durfte am Mittwochabend vor dem Länderspiel gegen Holland Gast bei Frank Meyers Metallwoche sein, wo es in einer Diskussionsrunde zum einen um die Verfassung der Finanzmärkte, zum anderen aber auch um die derzeitige Positionierung der Behavioral Economics ging. Im Laufe der Diskussion stellten wir schließlich fest, dass die Ideen der Verhaltensökonomik viel weiter gehen als eine Synthese aus Ökonomie und Psychologie zu bilden. Ihre Erkenntnisse beeinflussen auch die gesellschaftlichen, ethischen, moralischen und philosophischen Fragen der Finanzmärkte, aber letztlich unserer Gesellschaft. Dabei stellten wir immer wieder fest, wie ähnlich sich doch die Verhaltensweisen in den Märkten und in unserem Privatleben sind.</p>
<p>Einen fünfzehnminütigen Audioausschnitt der Diskussion, der sich vornehmlich mit den derzeitigen Entwicklungen an den Märkten beschäftigt, können Sie hier herunterladen.</p>
[audio:http://www.blognition.de/wp-content/uploads/2012/06/Metallwoche-LIVE-Joachim-Goldberg.mp3|titles=Metallwoche LIVE Joachim Goldberg]
<p>Das ganze Gespräch sowie einen Video-Zusammenschnitt finden Sie <a href="http://www.metallwoche.de/" target="_blank">hier</a>.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.joachim-goldberg.com/behavioral-finance-und-euro-krise/">Behavioral Finance und Euro-Krise</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.joachim-goldberg.com">Joachim Goldberg</a>.</p>
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