Dollar am Morgen

Rückkehr zur Besonnenheit

am
22. Juni 2021

Sind die Finanzmärkte über das Wochenende zur Vernunft gekommen? Diesen Eindruck konnte man fast bekommen, wenn man die gestrigen Marktreaktionen registriert. Die anfangs teils veritablen Abtaucher bei den Renditen der langlaufenden US-Staatsanleihen und auch an den Aktienmärkten dies- und jenseits des Atlantiks wurden wieder wettgemacht und der Anstieg des Greenback vom vergangenen Freitag fast vollständig ausradiert. Nun hat sich eigentlich nichts an der Datenlage oder den Fed-Prognosen vom vergangenen Mittwoch geändert. Aber für diese Woche werden eben doch noch andere Mitglieder des Offenmarktausschusses zu vernehmen sein. Noten- Banker, deren Dot-Plots für eine erste Zinserhöhung höchstwahrscheinlich nicht allesamt bereits per Ende 2022 zu finden sein werden. Denn 11 der 18 Prognostikern gehen von einem ersten Zinsschritt erst für Ende 2023 aus.

 

Ein Überraschungs-Falke ist nicht genug

Vielleicht sind aber auch die Finanzmarkt-Entscheider zu dem Schluss gekommen, dass hinter den teils „hawkish“ anmutenden Prognosen der FOMC-Mitglieder weniger stecken könnte als angenommen. Möglicherweise war es lediglich ein dummer Zufall, dass mit James Bullard am Freitag ausgerechnet eine zum geldpolitischen Falken mutierte, vormals moderate Taube als erstes den Reigen der Fed-Sprecher nach der FOMC-Sitzung eröffnet hat. Nicht umsonst habe ich (HIER) auf den möglichen Verfügbarkeitsirrtum der Marktteilnehmer hingewiesen.

Es fällt mir jedenfalls schwer, aus einer Verschiebung der Dot-Plots um 50 Basispunkte nach oben in zwei Jahren zu schließen, dass sich das FOMC nach zwei zugegebenermaßen hohen Inflationsdaten der Monate April und Mai bereits von der Idee verabschiedet haben könnte, in der derzeitigen Inflation nur ein vorübergehendes („transitory“) Phänomen zu sehen.

Aber vielleicht sind die Teilnehmer an den Finanzmärkten ursprünglich davon ausgegangen, dass die Fed-Entscheider nicht zuletzt wegen der vorübergehenden Natur der jüngsten Inflationsdaten die Ausreißer von April und Mai bei den Prognosen unter den Tisch fallen lassen würden. Dies aber war zumindest bei einigen FOMC-Prognostikern offenbar nicht der Fall. Aber es handelt sich – und darauf habe ich in der vergangenen Woche schon mehrfach hingewiesen – um Prognosen und nicht um eine neue geldpolitische Strategie.

 

Neu positioniert

Aber selbst wenn gesichert wäre, dass die Fed eine härtere Gangart in Sachen Geldpolitik angeschlagen hätte, tun sich Kommentatoren mit der Reaktion der Märkte in einigen Sektoren schwer. Denn ganz richtig beschrieb gestern der von mir so geschätzte John Authers (Bloomberg), dass eine aggressivere Fed letztlich zu höheren Renditen bei den US-Staatsanleihen hätte führen müssen. Stattdessen ist das Gegenteil passiert. Das von Februar bis April aufgebaute Reflations-Szenario wurde praktisch ausgepreist, die Rendite der zehnjährigen Papiere ist seither um rund 30 Basispunkte – gestern sogar zeitweise um rund 40 Basispunkten – gefallen. Man könnte es auch so ausdrücken: Die Bondmärkte trauen der Fed zu, auf steigende Inflation rechtzeitig zu reagieren.

Auf der anderen Seite sollte man natürlich nicht übersehen, dass die internationalen Fondsmanager noch in der jüngsten Umfrage der Bank of America in Anleihen extrem untergewichtet waren, so dass die jüngste Entwicklung bei den Staatsanleihen auch durch Rückkäufe bzw. Gewinnmitnahmen von Shortpositionen verstärkt worden sein könnte. Ähnliches kann man auch für den Greenback annehmen, den viele Akteure noch eine Woche zuvor mittelfristig abgeschrieben hatten. Mit anderen Worten: Zu dem Prognose-Schocker des FOMC kamen noch mittelfristige Positionsverschiebungen, die den Euro zeitweise stark unter Druck setzten. Und selbst die technischen Analysten sprechen nun in Sachen Euro von einem Durchbruch der 200-Tage-Linie (von oben nach unten) und einer vollendeten Schulter-Kopf-Schulter-Formation. Am kurzfristigen Abwärtstrend hat die gestrige Korrektur allerdings nichts geändert, zumal dessen Momentum überzeugend bleibt, solange 1,1945 nicht überwunden wird.

 

Hinweis 

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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