Allgemein Dollar am Morgen

„Das sind nur Projektionen“

am
18. Juni 2021

Ich gehöre wohl zu denen, die in der am Mittwoch zu Ende gegangenen Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC) keine Zeitenwende oder gar einen Wendepunkt historischen Ausmaßes sehen. Tatsächlich geht es bei all der Aufregung praktisch nur um die veränderten Dot-Plots, die Zinsprognosen der FOMC-Mitglieder, denen zufolge sich nun statt einer ersten Zinserhöhung im Jahr 2024 für die Mehrheit bereits bis Ende 2023 zwei erste Zinserhöhungen ergeben würden. Einige Ausschussmitglieder – es handelt sich immer noch um eine Minderheit von sieben Voten – erwarten die erste Zinserhöhung bereits im kommenden Jahr.

 

Was ein paar Prognosen bewirken

Aber auch wenn wir einmal Ende 2023 gemäß der Dot-Plots als gegebenen Beginn von ersten Zinsanhebungen annehmen, führten sich gestern die Akteure mancher Märkte so auf, als ob in ein paar Tagen Neujahr 2023 gefeiert würde. Bis Ende 2023 sind es noch zweieinhalb Jahre, und wir sprechen über einen Zinsanstieg von 50 Basispunkten! Es geht hier nicht um eine riesengroße Veränderung von Prognosen. Aber stellen Sie sich einmal vor, wenn die Prognosen der FOMC-Mitglieder gegenüber März angesichts der jüngsten Datenlage in Sachen Arbeitsmarkt und Inflation unverändert geblieben wären. Wären wir dann nicht alle irritiert gewesen?

 

Überzogene Schlüsse

Ich gehe ja nicht davon aus, dass sich die FOMC-Mitglieder vor Abgabe ihrer Prognose lebhaft darüber austauschen, wer was vorhersagen wird. Und es sind und bleiben Prognosen. Nicht umsonst machte Jerome Powell einmal mehr deutlich, dass man solche Vorhersagen mit Vorsicht behandeln muss. „Diese Projektionen stellen keine Entscheidung des Ausschusses oder einen Plan dar“, erläuterte der Fed-Chef in der Pressekonferenz im Anschluss an das Notenbanktreffen.

Tatsächlich muss man sich fragen, warum diese eigentlich sinnlosen Prognosen zu wirtschaftlichen Ereignissen über mehrere Jahre hinweg überhaupt publiziert werden. Vielleicht hätten wir vorgestern und gestern mehr über das Tapering, das Zurückfahren der Anleihekäufe, diskutiert, wenn es nicht diese Dot-Plots gegeben hätte. Also über den Schritt, der vor der ersten Zinserhöhung vollzogen werden muss.

 

Vorpositionierungen spielen große Rolle

Noch interessanter ist natürlich, was die Finanzmärkte aus der ganzen Geschichte gemacht haben. So hat sich die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen nach dem vorgestrigen Anstieg von rund 10 Basispunkten gestern wieder komplett zurückgebildet. Man ist also per Saldo relativ gelassen geblieben. Ähnliches lässt sich auch von den Aktienmärkten sagen, die nur leichte Verluste hinnehmen mussten. Das gilt allerdings wiederum nicht für den Goldpreis, der innerhalb der vergangenen beiden Handelstage gegenüber dem US-Dollar einen Verlust von über 5 Prozent erlitt – eine völlig überzogene Reaktion. Ich vermute, dass die starke Bewegung eher positionsbedingt war, weil einige Akteure die Notbremse ziehen mussten.

Nach einem Ziehen der Notbremse sieht es auch bei der Euro-Entwicklung aus. Die Gemeinschaftswährung – ohnehin bereits angeschlagen – hat nicht nur unter der Dollar-Nachfrage gelitten. Vielmehr scheint es hier und da zur Auflösung mittelfristiger Euro-Long-Positionen gekommen zu sein. Interessant ist, auch wenn seltsamerweise gestern kaum jemand darüber sprach, dass die 200-Tage-Linie des Euro nun wieder von oben nach unten überquert wurde, woraus sich nach traditioneller Lesart ein Verkaufssignal ergeben müsste. Indes möchte ich noch einmal betonen, und regelmäßige Leser meiner Kommentare wissen dies: Ich halte nichts von der 200-Tage-Linie. Dennoch ist aus der jüngsten Euro-Entwicklung ein kurzfristiger Abwärtstrend geworden, dessen Dynamik unterhalb von 1,2040 hoch bleibt.

 

Hinweis

 

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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