Dollar am Morgen

Mit Achselzucken

am
11. Juni 2021

Was war die Bedeutung der gestern publizierten US-Inflationsdaten von den Finanzmedien hochgespielt worden. Als ob seit Jahren kein wichtigeres Wirtschaftsdatum erwartet würde. Und selbst die eigentliche Veröffentlichung des US-Konsumentenpreis-Index wurde in einigen Überschriften so farbig dargestellt, dass man einen richtigen Schreck bekommen konnte. Natürlich war der Konsumentenpreis-Index im Mai mit +5,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr nicht nur stärker als erwartet gestiegen und markiert das höchste Niveau seit August 2008. Noch weiter muss man in den Geschichtsbüchern zurückgehen, um einen Wert für die Kernrate – sie lag im Jahresvergleich bei +3,8 Prozent – in dieser Höhe zu finden: Juni 1992.

 

Schock blieb aus

Diejenigen, die also darauf setzten, dass die April-Inflation in den USA nicht nur ein Ausrutscher, sondern der Beginn eines Trends sein würde, mögen sich gestern mit den Mai-Werten bestätigt gesehen haben. Indes: Die Finanzmärkte steckten den „Inflations-Schocker“ so weg, als ob es sich um ein Non-Event gehandelt hätte. Wo doch sowohl die Inflations- als auch die Kernrate von den Ökonomen im Konsens nur mit 4,7 bzw. 3,4 Prozent prognostiziert waren.

Die US-Anleihemärkte jedenfalls quittierten – gemessen an den US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Fälligkeit – die Inflationsdaten nur mit einem vorübergehenden Renditeanstieg von etwas mehr als 4 Basispunkten, um dann mit 1,435 Prozent auf das niedrigste Niveau seit dem 3. März zu fallen. Als ob die Akteure sagen wollten: „Was interessiert uns die Inflation, wenn die Mitglieder des Offenmarktausschusses der Fed (FOMC) sich derzeit ohnehin nicht äußern dürfen?“

 

Zwei Monate sind nicht genug

Aber selbst, wenn Ausschussmitglieder gestern etwas hätten sagen dürfen, spricht einiges dafür, dass die meisten von ihnen wohl weiterhin glauben, dass der starke Anstieg der Inflation lediglich vorübergehender Natur („transitory“) sei. Ob dies tatsächlich der Fall ist, lässt sich eben nicht an den Datenpunkten zweier Monate (vom April und Mai) festmachen. Wie ich an dieser Stelle bereits mehrfach angemerkt habe: Möchte man so etwas wie Beweise dafür, ob die Inflation tatsächlich nachhaltig hoch ist, wird man mindestens bis zum Herbst warten müssen.

 

Drei Falken im EZB-Rat?

Während die Aufmerksamkeit der Akteure bei den Inflationsdaten lag, fand gerade die Pressekonferenz der gestrigen Sitzung des EZB-Rates statt. Dabei bekräftigte die EZB, dass die Ankäufe von Wertpapieren im Rahmen ihres Pandemienotprogramms PEPP – exakt wie bereits in der März-Erklärung – im zweiten Quartal in einem deutlich höheren Tempo als in den ersten Monaten des Jahres durchgeführt würden. Kurzum: Die EZB hatte wie fast überall erwartet nichts Neues angekündigt. Indes: Einem Medienbericht zufolge gab es immerhin drei Falken im EZB-Rat, die sich für eine Verlangsamung des Tempos der Anleihekäufe ausgesprochen haben sollen. Drei von insgesamt 25 Entscheidern.

 

Diese Ratssitzung der „Nicht-Entscheidungen“ hat auch dazu geführt, dass der Euro am Ende des Tages wieder dort landete, wo er die Handelssitzung begonnen hatte. Gemessen an den vorab als großes Ereignisrisiko gehypten US-Inflationsdaten fiel die Handelsbandbreite gegenüber dem US-Dollar mit etwas mehr als 50 Punkten ausgesprochen bescheiden aus. Auch gestern gelang es der Gemeinschaftswährung dabei nicht, 1,2220 – jetzt 1,2210 – zu überwinden, um dem kurzfristigen Aufwärtstrend etwas mehr Dynamik zu verleihen.

 

Hinweis

 

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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