Dollar am Morgen

Der andere Joe

am
8. Juni 2021

Mancher Kommentator mag sich gestern gefragt haben, warum es an den US-Aktienmärkten nicht so richtig weitergehen will (in diesem Fall nach oben) und die Renditen der US-Staatsanleihen kein richtiges Momentum entwickeln. Ähnliches gilt auch für den US-Dollar. Kurzum: Die Kommentatoren sind auf der Suche danach, was diese relative Ruhe an den Finanzmärkten stören könnte. Denn Geschichten über richtungslose „Seitwärts-Märkte“ sind prinzipiell uninteressant. Zu dieser Seitwärtsentwicklung mag außerdem die turnusmäßige Schweigeperiode für die Mitglieder des Offenmarktausschusses der US-Notenbank bis zu der am kommenden Mittwoch endenden Sitzung der Fed beitragen.

 

Zwangsläufige Ruhephase

Aber vielleicht ist man auf Seiten der Notenbank sogar ganz froh über diese Pause, denn es gibt nichts Neues zu kommentieren. Der US-Arbeitsmarkt ist in ordentlicher Verfassung, aber eben nicht so gut, dass man ein Heißlaufen der US-Ökonomie befürchten müsste. Und die nächsten US-Inflationszahlen, der Konsumentenpreis-Index für den Monat Mai, wird erst am kommenden Donnerstag publiziert. Fast hätte ich es vergessen: Am selben Tag kommt übrigens auch noch der EZB-Rat zusammen, von dem ich mir jedoch weder eine Veränderung des Volumens des PEPP-Notfallprogramms (zurzeit ca. 80 bis 90 Mrd. EUR pro Monat) und schon gar keinen Hinweis auf ein mögliches Tapering erwarte.

 

Joe Manchin meldet sich zurück

Trotz dieser relativen Ruhe machte wieder einmal ein US-Politiker von sich reden, über den ich an dieser Stelle (etwa HIER) schon häufiger geschrieben habe. Es geht um Joe Manchin (West Virginia), dem wohl konservativsten Vertreter der Demokraten im US-Senat. Manchin hat auch in der Vergangenheit schon häufiger zusammen mit den Republikanern (früher zugunsten von Donald Trumps Programmen) gestimmt. Und weil die Mehrheitsverhältnisse im Senat von Demokraten und Republikanern mit 50 zu 50 Stimmen ausgeglichen und knapper nicht sein können, gibt zwar im Zweifel die Stimme der Vizepräsidentin Kamala Harris den Ausschlag. Aber eben nur, wenn es bei einer Abstimmung 50 zu 50 steht.

 

Joe Bidens Problem

Nun hat Manchin vorgestern in einer Kolumne der „Charleston Gazette Mail“ (vgl. HIER) geäußert, er werde gegen die große Wahlrechtsreform „For the People Act“ stimmen, mit der den Bemühungen der Republikaner, vor allem Minderheiten das Wählen zu erschweren, Einhalt geboten werden soll. Immerhin geht es um eine Gesetzesinitiative, die bereits das Repräsentantenhaus mit Mehrheit der Demokraten passiert hat und von allen anderen demokratischen Senatoren befürwortet wird. Ich möchte gar nicht darauf eingehen, dass Manchin seine Haltung, keine Gesetzgebung zu unterstützen, die die Unterdrückung von Wählern in einigen Bundesstaaten eindämmen soll, damit begründet, angeblich die Demokratie stärken zu wollen. Generell besteht die Gefahr, dass Manchin auch andere Vorhaben von US-Präsident Joe Biden blockieren könnte. Denn Manchin machte noch einmal klar, dass er auch gegen die Abschaffung des sogenannten Filibustering[1]  stimmen werde. Kurzum: Manchin sorgt mit seinen Veto-Drohungen für eine Lähmung der US-Regierung.

Nun ist nicht gesichert, dass der US-Dollar gestern deswegen leicht an Boden verloren hat. Aber spiegelbildlich hat davon der Euro ohne eigenes Zutun so weit profitiert, dass er fast die Schwächephase in seinem übergeordneten kurzfristigen Aufwärtstrend (mit Überschreiten von 1,2205) überwunden hätte. Um positives Momentum zu entwickeln, müsste jedoch ohnehin das Niveau um 1,2225/30 zusätzlich überschritten werden.

 

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

[1] Die Filibuster-Regel im Senat macht für den Beschluss der meisten Gesetze eine qualifizierte Mehrheit von 60 der 100 Senatoren erforderlich.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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