Dollar am Morgen

Ein überbewertetes Protokoll

am
21. Mai 2021

Auf der einen Seite könnte man fast geneigt sein, die Reaktion der Marktteilnehmer auf das veröffentlichte Protokoll zur Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC) vom 27./28. April sei etwas kindisch gewesen. Und auf der anderen Seite verrät uns die Reaktion der Märkte in der Nacht zum Donnerstag, dass deren Akteure zurzeit ausgesprochen nervös zu sein scheinen. Natürlich, weil allein schon ein Nachdenken über eine mögliche Diskussion zu einem etwaigen Tapering, ein möglicherweise nur geringfügiges Zurückfahren der ultra-lockeren Geldpolitik der Fed, bei vielen für schlaflose Nächte sorgt. Und selbst etliche Kommentatoren, die ein FOMC-Protokoll, weil es bei seiner Publizierung bereits eine drei Wochen alte Sitzung zusammenfasst, normalerweise eher achselzuckend zur Kenntnis nehmen, schienen sich mit ihrer Aufregung gegenseitig angesteckt zu haben.

 

Tapering-Diskussionen sind normal

Dabei ist bei der April-Sitzung der Fed etwas ganz Normales geschehen: Es gab eine Lagebesprechung, bei der betont wurde, dass man mit Inflation rechne. Vielleicht sogar bei einigen Mitgliedern in einer stärker als gewünschten Version. Und für den Fall, dass die US-Wirtschaft robust wachsen sollte, müsse man bei einem der künftigen Meetings zumindest einmal die Diskussion über ein mögliches Tapering anstoßen. In vielen Analysen und Kommentaren stelle ich dabei immer wieder fest, dass die Autoren offenbar damit rechnen, dass der Offenmarktausschuss der Fed oder deren Präsident Jerome Powell an einem bestimmten Tag in der Zukunft oder bei einer bestimmten Sitzung so etwas wie den „Startschuss zur Tapering-Diskussion“ geben wird. Dabei ist es doch schon fast naiv zu glauben, dass bei einer FOMC-Sitzung nicht schon zurzeit besprochen wird, unter welchen Umständen an ein mögliches Zurückfahren der Anleihekäufe gedacht werden soll. Tatsächlich hat diese Diskussion (vgl. etwa meinen Kommentar vom 4. Mai HIER) doch schon längst begonnen – alles andere wäre kurzsichtig und töricht.

 

Überzogene Reaktionen korrigiert

Überhaupt: Wenn hier und da vereinzelt von FOMC-Mitgliedern zu Tapering-Diskussionen aufgefordert wird, wäre es doch für die Teilnehmer an den Finanzmärkten viel einfacher, sich langsam an diese Diskussion zu gewöhnen, als schockartig etwa beim Wirtschafts-Symposium in Jackson Hole Ende August – dieses Datum haben sich viele Akteure im Kalender rot angestrichen – mit einer „Freigabe“ der Tapering-Diskussionen konfrontiert zu werden.

Konsequenterweise haben die US-Anleihemärkte ihre etwas überzogene Reaktion – die Rendite der Papiere mit zehnjähriger Fälligkeit war in der Nacht zum Donnerstag zeitweise um rd. 6 Basispunkte auf fast 1,7 Prozent gesprungen – gestern wieder zurückgenommen. Und die Aktienmärkte in den USA und hierzulande konnten nach dem Rücksetzer an den beiden Tagen zuvor ihren bullishen Kurs fortsetzen. Natürlich gibt es vielerorts Inflationsängste, aber auch der gestern publizierte Philly Fed Index für den Monat Mai bestätigte einmal mehr, dass die Entwicklung der US-Ökonomie möglicherweise bereits ein (Zwischen)-Hoch hinter sich gelassen hat. Zumindest begrüßen die Börsianer ökonomische Daten, die schlechter als prognostiziert ausfallen, da sich damit in deren Wahrnehmung ein mögliches Heißlaufen der Konjunktur und damit verbunden etwaige Tapering-Ambitionen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

Auch der Greenback, der zeitweise im Zeichen leicht aufkommender Risikoaversion infolge vorgenannten Fed-Protokolls gefragt war, musste gestern im Tagesverlauf seinen wettgemachten Boden fast komplett wieder hergeben. Im gleichen Zuge verbleibt der Euro – solange an der Unterseite 1,2120/25 nicht verletzt wird – mit gutem Momentum in seinem kurzfristigen Aufwärtstrend.

 

 

Hinweise

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

Aufgrund des Pfingstwochenendes erscheint die nächste Ausgabe von Dollar am Morgen erst am Dienstag, den 25. Mai.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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