Dollar am Sonntag

Die Angst vor der Ruhe

am
11. April 2021

Die vergangene Woche war insofern bemerkenswert, als der Euro gegenüber dem US-Dollar den stärksten Wochenanstieg seit gut vier Monaten produzierte. Und das, obwohl sich die Devisenhändler gerade erst daran gewöhnt hatten, dass sich die Gemeinschaftswährung womöglich in einer längeren Abwärtsphase befinden könnte. Zumindest wurden mancherorts vor Wochenfrist die einstigen Kursziele von 1,25 und ähnlich lautende bullishe Prognosen kassiert.

 

Ursachenforschung für Dollarschwäche

Nun könnte man natürlich nach guten Gründen für diese Entwicklung suchen, für die eigentlich weniger eine intrinsische Euro-Stärke als eine zumindest vorübergehende Dollarschwäche ursächlich gewesen sein dürfte. Natürlich ist es mit den Renditen der US-Staatsanleihen seit Ende März, als der Greenback noch ein neues Jahreshoch markierte, eher nach unten als weiter nach oben gegangen. Und wenn man diesen Gedankengang am Freitag fortgesetzt hat, dürfte einem der US-Produzentenpreisindex sauer aufgestoßen sein. Dieser fiel mit einem Plus von 1,0 Prozent (Kernrate 0,7 Prozent) doppelt so stark (die Kernrate sogar mehr als dreimal so hoch) wie von den Ökonomen im Mittel erwartet aus. Im Jahresvergleich sprechen wir vom höchsten Anstieg seit September 2011 – das Plus von über 4 Prozent fühlt sich fast schon brutal an.

 

Konsumentenpreisinflation nicht zwingend

Aber kam diese Entwicklung tatsächlich so überraschend? Die Einkaufsmanagerindices hatten doch hinsichtlich der Erzeugerpreise bereits seit einiger Zeit derartiges Ungemach erahnen lassen. Aber steigende Inflationsängste bei stagnierenden Anleiherenditen mögen vielleicht kein besonders überzeugendes Kaufargument für den Dollar sein. Indes: Es ist keineswegs ausgemacht, dass sich die gestiegenen Erzeugerpreise notwendigerweise in einer anhaltenden Konsumentenpreisinflation niederschlagen. Zumal man die Leute nicht zwingen kann, Produkte mit verteuerten Preisen auf den Etiketten tatsächlich auch zu kaufen. Vor allem wenn das Lohn- und Gehaltswachstum der Verbraucher nicht mit den Preissteigerungen mithalten kann. Vieles spricht indes dafür, dass der Dollar nicht deswegen unter Druck geraten ist. Am Freitag konnte er per Saldo gegenüber der Gemeinschaftswährung sogar etwas zulegen.

 

Seltsame Ruhe am US-Aktienmarkt?

Sicherlich könnte man für den Anstieg der Gemeinschaftswährung gegenüber dem US-Dollar die anhaltende Risikofreude der Akteure, insbesondere an den US-Aktienmärkten, als Begründung anführen. Zumindest wird dies von Händlern mangels anderer Narrative gerne angeführt. Indes: Nach Angaben von Bloomberg sank das Handelsvolumen der US-Börsen gemessen am 5-Tages-Durchschnitt über die US-Börsen verteilt zuletzt mit 9,5 Mrd. gehandelten Aktien auf den niedrigsten Stand seit Oktober vergangenen Jahres. Dabei hatte der S&P 500-Index am Freitag ein neues Allzeithoch markiert. Gleichzeitig war es dem Vernehmen nach, gemessen an den gehandelten Aktien, so ruhig wie zuletzt an Heiligabend.

 

Positives bereits verarbeitet

Eine plötzlich eingetretene Stille, die bei manchem Akteur offenbar für Unruhe sorgt. Zumal mit dem Allzeithoch des Index von rund 4129 Zählern das durchschnittliche Jahres-Endziel von 4099 Punkten, das die von Bloomberg befragten Strategen angegeben hatten, bereits erreicht ist und damit alle Aktien-Fantasie an der Oberseite für dieses Jahr mental verbraucht scheint. Zwar sind die US-Börsianer – gemessen an der jüngsten Stimmungsumfrage der AAII – so bullish wie zuletzt Anfang Januar 2018, aber die wichtigsten Nachrichten in Sachen geld- und fiskalpolitischer Stimuli sind bereits bei den Akteuren an den Finanzmärkten angekommen und auch verarbeitet worden.

Kurzum: Weitere positive Überraschungen aus dieser Ecke sind wenig wahrscheinlich, während die Erwartungen an die Berichtsaison für die Ergebnisse des ersten Quartals bei den Aktienunternehmen anspruchsvoll hoch gesteckt sein sollen. Mit anderen Worten: Positive Überraschungen können nur schwer gelingen.

Kurz zurück zum Euro, der die zurückliegende Handelswoche positiv beendet hat und oberhalb von 1,1780/85 seine Stabilität im kurzfristigen Abwärtstrend aufrechterhalten wird. Dieser Trend bleibt immer noch schwach und wäre nach Überschreiten von 1,1950/55 überdies beendet.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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