Dollar am Morgen

Der erste Verlust ist der kleinste

am
25. März 2021

Nun kann man über Angela Merkel denken, was man will, aber ihr gestriger Schritt war nicht nur aus verhaltensorientierter Sicht bemerkenswert. Denn das Eingeständnis der Bundeskanzlerin, sie habe mit dem radikalen Lockdown über die Ostertage einen Fehler gemacht, verdient Respekt. Vor allem, weil Frau Merkel im Gegensatz zu vielen anderen Entscheidern als Politikerin Nummer 1 naturgemäß Entscheidungen mit einem extrem hohen Commitment, mit einer extrem hohen Bindung eingehen muss. Entscheidungen, die, sofern sie sich als suboptimal oder gar falsch herausstellen sollten, abgesehen von den materiellen, nur mit hohen psychischen Kosten, sprich unter erheblichen kognitiven Dissonanzen revidiert werden können.

 

Wege aus der kognitiven Dissonanz

Viele Entscheider, auch an den Finanzmärkten, gehen lieber einen anderen Weg, um die Dissonanz, die sich aus offenbar fehlerhaften Entscheidungen und schal gewordenen Positionen ergibt, zu verringern. Man hält an ihnen fest und versucht – statt zu handeln –, diese immer wieder vor sich und anderen zu rechtfertigen. Die selektive Wahrnehmung und Verarbeitung von neuen Informationen hilft dabei enorm. Denn negative Nachrichten werden im Lichte eines Verlustes oder einer nicht nach Wunsch verlaufenden Entscheidung stark verkleinert, manchmal bis zur vollständigen Ignoranz, während Positives dagegen hervorgehoben und vergrößert wird. Mit der Folge, dass Verluste und Fehlentscheidungen manchmal über Wochen, Monaten oder gar Jahre ausgesessen werden. Immer in der Hoffnung, es werde sich noch einmal alles zum Guten wenden.

 

Schnell den Stopp-Loss gezogen

Nun kann man Angela Merkel nicht nachsagen, sie habe während ihrer jahrelangen Amtszeit nicht Dissonanzen ausgehalten, die ihr in Folge ihrer Entscheidungen und die kritische Reaktion der öffentlichen Meinung darauf, oftmals geschürt durch die Medien, häufig entgegengeschlagen sind. Man denke nur etwa an die Einwanderungspolitik der Kanzlerin und ihren legendären Satz dazu: „Wir schaffen das!“ Vielmehr ist durch die gestrige Rücknahme der Osterruhe und dem damit verbundenen Eingeständnis eine Art früher Stopp-Loss gezogen worden, frei nach dem händlerischen Motto, wonach der erste Verlust der kleinste ist.

 

Vorteil USA

Die hiesigen Märkte hat dies alles nicht sonderlich beeindruckt. Aber auf der anderen Seite gab es auch kaum stärkere Reaktionen auf ökonomisch positive Nachrichten. Die Rede ist von der ersten Schätzung der Einkaufsmanagerindices (Markit), die für die Eurozone, aber vor allem in Deutschland, sowohl beim verarbeitenden Gewerbe – ein Rekordwert – als auch bei den Dienstleistern positiv überraschten. Allerdings werden diese guten Daten vielerorts durch die dritte Covid-19-Welle und die unkoordinierten Antworten darauf überschattet. Inklusive der schleppenden Verimpfung der Bevölkerung. Es ist der unterschiedliche Umgang mit der Pandemie, der die Akteure an den Finanzmärkten zunehmend zu dem Schluss kommen lässt, dass die USA konjunkturell der EU davonlaufen könnte.

Und so hat sich der Euro gestern abermals abgeschwächt und gegenüber dem Greenback sogar ein neues Jahrestief markiert. Dabei ist es weniger die Geschwindigkeit des Kursrückgangs, die zum Nachdenken Anlass geben sollte. Denn das Momentum der Bewegung ist überschaubar. Vielmehr irritiert, dass die Gemeinschaftswährung seit zwei Tagen keine stärkeren Erholungsphasen mehr produziert. Damit bleibt der Euro in seinem kurzfristigen Abwärtstrend mit weiterem Schwächepotenzial in Richtung 1,1650. Eine erste Stabilisierung ist auf der anderen Seite nunmehr nach Überschreiten von 1,1920 möglich.

 

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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