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16. März 2021

Nun war es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland die Impfungen mit AstraZeneca vorübergehend eingestellt würden. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, versteht sich. Und es sollte auch niemanden verwundern, dass die Aktienmärkte hierzulande kaum darauf reagiert haben. Ob die Vorbehalte gegenüber AstraZeneca berechtigt sind oder nicht – in jedem Fall bedeutet der kurzfristige Stopp eine weitere Verzögerung bei den Verimpfungen, und damit rückt die Rückkehr zur Normalität noch mehr in die Ferne.

Wer etwa noch am Sonntag eine Impfung verpasst bekommen hat, mag sich, zusätzlich zu den erwarteten normalen Impfnebenwirkungen, nun besonders unwohl fühlen. Ein Umstand, der auch dem Verfügbarkeitsirrtum geschuldet sein mag, wonach Menschen dramatische, zeitnahe und medial stark hervorgehobene Informationen bevorzugt (und häufig überstark) wahrnehmen.

 

In letzter Minute

Es gab aber auch in meinem entfernteren Bekanntenkreis den Fall einer älteren Dame, die gestern zum Impftermin geladen war. Ja, sie wollte geimpft werden, aber nur mit einem bestimmten Impfstoff, der dummerweise nicht angeboten wurde. Zwei schlaflose Nächte wegen eventueller Nebenwirkungen hatte sie bereits hinter sich, und das Testament hatte sie am Tag des Impftermins für alle Fälle auf ihrem Schreibtisch platziert.

Mit gemischten Gefühlen fuhr sie zum Impfzentrum. Und nach 90 Minuten Fragebogen, Bürokratie und Wartezeit war es soweit und die Dame nur noch wenige Sekunden vom Einstich der Nadel entfernt. Der Arzt hatte die mit dem AstraZeneca-Vaccine gefüllte Spritze bereits in der Hand und wollte gerade die Einstichstelle am Oberarm der Patientin desinfizieren, als plötzlich sein Smartphone klingelte. Die Anweisung der Stimme aus dem Off war eindeutig: Stopp! Die Impfung darf auf keinen Fall vorgenommen werden.

 

Versunkene Kosten

Eigentlich hätte die Dame ja erleichtert sein müssen, weil der Impf-Kelch mit dem Vaccine, das nicht das ihrer Wahl war, an ihr vorübergegangen war. Aber ihre Reaktion bestand aus Ärger und Unmut. 90 Minuten Warten für nichts? Verhaltensökonomen sprechen in diesem Fall von versunkenen Kosten, die einen wesentlichen Einfluss auf das Entscheidungsverhalten haben. „Jetzt, nachdem ich so lange gewartet habe, möchte ich auch meine Impfung bekommen“, empörte sich die Dame. Vergessen waren die schlaflosen Nächte und all die Angst zuvor.

Es ist eine Geschichte, die mich an Anleger erinnert, die nach 30 Minuten Informationsbeschaffung und Analyse einer mittelprächtige Aktie diese alleine deswegen kaufen möchten, weil der zeitliche Einsatz nicht umsonst gewesen sein soll. Egal, ob das Papier etwas taugt oder nicht.

 

Fragwürdige Korrelation

Natürlich gab es gestern auch noch Märkte, deren Akteure sich jedoch eher abwartend zu verhalten schienen. Zumal das Hauptereignis in dieser Woche die am Mittwoch endende Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank sein wird. Per Saldo war der Dollar gegenüber dem Euro leicht im Vorteil, obwohl sich mancherorts Analysten ganz bewusst von der Idee vieler Kommentatoren distanzierten, dass die Stärke des Greenback zurzeit mit der Entwicklung der US-Anleiherenditen korreliert sei. Auch wenn ich selbst von derlei Zusammenhängen grundsätzlich nichts halte, muss ich einräumen, dass die Gemeinschaftswährung derzeit in ihrem kurzfristigen Abwärtstrend verharrt, der allerdings nach Überschreiten von 1,1990 große Teile seines Momentums verlieren würde.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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