Dollar am Sonntag

Ungebremste Risikofreude

am
7. Februar 2021

Mitunter kommt es vor, dass die Entwicklung am US-Arbeitsmarkt in der Version der privaten Arbeitsmarktagentur ADP vom Mittwoch oder auch in Gestalt anderer Indikatoren nicht der im Arbeitsmarktbericht des BLS (Bureau of Labor Statistics) entspricht. Auch am vergangenen Freitag zeigte sich dieses Phänomen, indem sich der anfängliche Optimismus nicht bestätigte. Um es kurz zu machen: Die Zahlen des Monats Januar waren eine einzige Enttäuschung.

 

Schlechte Zahlen = noch mehr Stimulus?

Die Zahl der neu geschaffenen Stellen lag mit einem Plus von lediglich 49 Tsd. nicht nur unter der letzten Median-Schätzung der Ökonomen (+105 Tsd.). Auch die Revisionen der beiden Vormonate waren mit negativen Vorzeichen versehen. Ganz zu schweigen davon, dass der Prozentsatz derjenigen, die nun 27 Wochen oder länger arbeitslos sind, auf knapp 40 Prozent hochgeschnellt ist. Die Reaktion der Finanzmärkte war dieses Mal auf jeden Fall eindeutig: Mehr denn je ist das Stimulus-Paket vonnöten und im Grunde, so war zu hören, müsse es eigentlich noch größer sein als bisher gedacht.

Nun hätte die Zahl der neu geschaffenen Stellen sogar die Medianprognose bei weitem übertreffen können, aber die Reaktion wäre wahrscheinlich selbst dann den Akteuren nur ein Schulterzucken wert gewesen. Denn die Erwartungen waren mancherorts ohnehin schon recht hochgesteckt – im Extrem ging man sogar von bis zu 700 Tsd. neu geschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft (modifiziert, vgl. meinen Kommentar zu den Ankern HIER) aus. Eine positive Überraschung wäre also nur schwerlich möglich gewesen.

 

Beste Woche seit November 2020

Dass die US-Aktienmärkte dabei die beste Woche seit drei Monaten produzierten, ist vermutlich anderen Umständen zu verdanken. Wobei der Hauptauslöser nicht einmal die Rückkehr des Reflations-Narrativs gewesen sein dürfte. Auch wenn die US-Anleihemärkte mit steigenden Renditen auf den Arbeitsmarktbericht reagierten. Vielmehr dürfte der (wahrscheinlich) zu Ende gegangene „GameStop-Aufstand“ der sogenannten „Reddit Crowd“ wesentlich zu den Kurssteigerungen der US-Aktienmärkte beigetragen haben, nachdem diese in der Woche zuvor noch in erster Linie deswegen den größten Wochenverlust seit vergangenem Oktober hinnehmen mussten.

Am Ende ist es für die Märkte vermutlich nur eine Randnotiz wert, dass der US-Senat nach einer Mammutsitzung und rund 400 Änderungsanträgen (Stand Mittwoch) in der Nacht zum Freitag in der Frühe einen wichtigen Verfahrensschritt verabschiedet hat. Mit einer Mehrheit von 51 zu 50 Stimmen (die Stimme der Vizepräsidentin Harris gab zum ersten Mal wegen der Pattsituation den Ausschlag) wurde nämlich ermöglicht, dass viele Teile von Joe Bidens 1,9 Billionen USD schweren Stimulus-Programms nicht mehr einer Mehrheit von 60 Stimmen (inklusive des damit verbundenen Filibustering) bedürfen, sondern mit einfacher Mehrheit beschlossen werden können. Eine Verfahrensänderung, die übrigens noch am selben Tage von der Mehrheit des Repräsentantenhauses bestätigt wurde.

 

Beschleunigte Gesetzgebung

Die Aussicht auf eine schnelle Verabschiedung des US-Stimulus-Pakets, inklusive der heimlichen Hoffnung auf mehr, hat sich auch beim US-Dollar niedergeschlagen, der sich zumindest am Freitag der sich vielerorts aufgekeimten Risikofreude anschloss. Und so sieht auch der Wochenverlust des Euro, der noch am Freitag früh 1,5 Prozent betragen hatte, mit einem Minus von nurmehr 0,8 Prozent längst nicht mehr so dramatisch aus.

Indes: Ein Teil der Marktteilnehmer dürfte auf die sinkenden Euro-Kurse der Tage zuvor insofern reagiert haben, so dass mancherorts Euro-Long-Positionen zurückgefahren wurden. Dies gilt auch für die spekulativen Euro-Long-Positionen an der Chicagoer Futures-Börse, die sich per vergangenem Dienstag (gemäß CFTC-Meldung vom Freitag) gegenüber der Vorwoche um rund 15 Prozent verringert haben. Allerdings handelt es sich bei den verbliebenen 137 Tsd. Kontrakten immer noch um die mit Abstand größte spekulative Währungsposition. Die jüngste Entwicklung hat zwar etwas Druck vom Euro genommen, der allerdings heute 1,2100/05 (modifiziert!!) überwinden muss, um aus seiner ungünstigen Situation herauszukommen.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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