Dollar am Morgen

Den Schalter umgelegt

am
13. Januar 2021

Die bemerkenswerteste Kursentwicklung der vergangenen sechs Tage ist sicherlich bei den Renditen langlaufender US-Staatsanleihen zu finden – den Bitcoin-Stress vom Wochenanfang blende ich einmal bewusst aus. Seitdem feststeht, dass die Demokraten in den USA die Mehrheit im Senat übernommen haben (am 6. Januar dieses Jahres), gab es bei den Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen erst gestern einen Tag, der mit einem kleinen Verlust endete. Ausgehend von rund 0,92 Prozent konnten wir bis zum gestrigen Handelsschluss ein Plus von rd. 22 Basispunkten feststellen. Als ob man einen Schalter umgelegt hätte. Im gleichen Zuge ist übrigens auch die negative Realverzinsung dieser Anleihen deutlich (15 Basispunkte) angestiegen; ein Grund offenbar, warum sich der Dollar zeitweise erholen konnte.

 

Hemmungslose Ausgabenpolitik wenig wahrscheinlich

Wie ich bereits mehrfach an dieser Stelle bemerkt habe, könnte man die Reaktion der Bondmärkte auf die neuen Mehrheitsverhältnisse im US-Senat möglicherweise als überzogen einstufen. Denn die von den Demokraten geplanten, „Billionen schweren“ Stimulus-Programme müssen von einer hauchdünnen Mehrheit getragen werden. Eine Mehrheit, die einem politisch breiten Spektrum von Senatoren gerecht werden muss. Auch wenn das geplante Konjunkturpaket angeblich riesig sein soll, wird es daher am Ende Kompromisse geben müssen. Eine hemmungslose Ausgabenpolitik ist so gesehen wenig wahrscheinlich.

Aber auch innerhalb der Fed scheint vor ein paar Tagen ein Schalter umgelegt worden zu sein. Plötzlich hat es den Anschein, als ob einige Mitglieder des Offenmarktausschusses (FOMC) zumindest über ein Zurückfahren der Anleihekaufprogramme (Tapering), womöglich noch in diesem Jahr, sehr bald diskutieren möchten. Und wo diskutiert wird, entstehen neue Meinungen und Prognosen. Natürlich wird immer wieder betont, dass die ökonomischen Rahmenbedingungen für einen solchen Schritt stimmen müssten, vor allem aber sei alles vom Erfolg bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie abhängig.

 

Optimistischer als die größten Optimisten?

Ein Beginn des Tapering noch in diesem Jahr würde einen mittelfristigen Ausblick bei den FOMC-Mitgliedern bedingen, der optimistischer als etwa derjenige von Goldman Sachs wäre. Deren jüngste Vorhersagen, wonach sich die Welt bereits auf der Zielgeraden befinde, gelten unter Beobachtern bereits als ausgesprochen positiv. Trotz mutierender Viren und einer politisch immer noch brisanten Lage in den USA, die bekanntlich in der vergangenen Woche mit einem Sturm auf das Kapitol in Washington einen bislang unrühmlichen Höhepunkt markierte. Dabei wird Goldman Sachs dergestalt zitiert, dass man dort eine erste Straffung der quantitativen Lockerungsmaßnahmen im Jahr 2022, eine erste Anhebung der Fed Funds nun im zweiten Halbjahr 2024 sieht. Und das bei einer Wachstumsprognose, die für 2021 ein Bruttoinlandsprodukt von +6,4 Prozent vorsieht, deutlich höher als der Konsens vieler anderer Ökonomen.

Und so haben sich auch mancherorts die Dollar-Prognosen während der vergangenen Tage von extrem bearish auf leicht bullish gedreht – eine Folge von möglichen Positionsveränderungen. Deswegen hat auch der Euro während der gleichen Zeit gelitten, musste aber gestern kein neues Tagestief hinnehmen. Der Korrekturmodus der Gemeinschaftswährung im übergeordneten Aufwärtstrend bleibt jedenfalls erhalten, solange sich die Kurse unterhalb von 1,2265 bewegen.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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