Dollar am Morgen

„Noch einmal gut gegangen“

am
8. Januar 2021

Angesichts der Ereignisse in Washington in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gab es gestern früh zwei typische Reaktionen. Die eine lautete: „Das ist ja noch mal gut gegangen.“ Und eine andere Gruppe von Akteuren und Beobachtern hatte dieses Ereignis, dass Anhänger des abgewählten Präsidenten Donald Trump ins Kapitol in Washington eindringen würden, ohnehin kommen sehen. Man könnte in manchen Fällen auch von einem typischen Beispiel für einen sogenannten Hindsight Bias sprechen. Der „Anschlag auf die US-Demokratie“ kam also offenbar bestenfalls für diejenigen, die selbige eigentlich in Washington DC aktiv verteidigen sollten, überraschend. Die Finanzmärkte machten indes weiter wie zuvor und zeigten sich unbeeindruckt und natürlich risikofreudig. Wie bereits am Vortag markierte der S&P 500-Index ein neues Allzeithoch, und auch die hiesigen Daxianer handelten mit einem Börsenbarometer jenseits der 14.000er Marke auf einem neuen historischen Rekordniveau.

 

Die Party geht weiter

Allein der Greenback wollte nicht so richtig mitspielen, wo doch alle Zeichen offenbar auf „Verkaufen“ stehen. Denn mit der neuen Zusammensetzung des US-Senats werden nicht nur weitere fiskalpolitische Stimuli, sondern auch eine deutliche Erhöhung der Staatsverschuldung erwartet. Ökonomen der alten Schule sprechen auch gerne wieder vom sogenannten Dollar-schädlichen „twin deficit“, der Kombination aus hoher Staatsverschuldung und Handelsbilanzdefiziten.

 

Auch wenn gestern noch einmal alles gut gegangen ist, bleibt doch eine gewissen Beklemmung zurück. Natürlich gibt es vermutlich rund 80 Millionen US-Amerikaner, die, wenn man die Wahlergebnisse vom vergangenen November zugrunde legt, sich nach wie vor für die Demokratie stark machen. Aber es ist andererseits eben nicht nur eine kleine Minderheit, die eigentlich kein Problem mit einer zumindest milden Form einer autokratischen Herrschaft hätte. Ein Kommentator bezifferte deren Zahl, nach Abzug der Mittwochnacht in Richtung Demokratie bekehrten Überläufer, immer noch mit gut 50 Millionen US-Bürgern.

 

US-Dollar legt Pause bei seinem Abwärtstrend ein

Man kann sich kaum vorstellen, dass die nächsten Wochen und Monate in der derart gespaltenen US-Gesellschaft konfliktfrei verlaufen werden. Aber selbst unter dem Eindruck der Ereignisse von vorgestern Nacht haben wohl die allerwenigsten Marktteilnehmer den Status des Dollar als Welt-Reservewährung Nummer 1, und sei es auch nur in Gedanken, infrage gestellt.

Und gestern konnte der Greenback sogar eine leichte Erholung produzieren, die Kommentatoren auf die weiter gestiegenen Renditen der langlaufenden US-Staatsanleihen und die daraus möglicherweise resultierende Nachfrage nach diesen Papieren zurückführten. Vielleicht waren es auch ökonomische Daten, wie der ISM-Einkaufsmanagerindex der Dienstleister oder die US-Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, die besser als erwartet ausgefallen waren und so dem Dollar möglicherweise geholfen haben könnten. Obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass diese Zahlen – genauso wie der heutige US-Arbeitsmarktbericht für den Monat Dezember – derzeit irgendjemanden interessieren. Tatsächlich musste der Euro gestern einen etwas stärkeren Rücksetzer als am Vortag in einer Größenordnung von rund 100 Stellen hinnehmen und scheint seinen Aufwärtstrend nicht fortsetzen zu wollen. Allerdings bleibt die Gemeinschaftswährung in stabilem Fahrwasser, solange 1,2200/05 an der Unterseite nicht verletzt wird.

 

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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