Dollar am Morgen

Als sei nichts geschehen

am
7. Januar 2021

Nun ist es schon einige Zeit her, dass ich den letzten Kommentar zum Euro publiziert habe; das war am 16. Dezember 2020. Deswegen möchte ich zunächst die Gelegenheit ergreifen und unseren Lesern ein gesundes und hoffentlich besseres Jahr 2021 zu wünschen.

Für die USA hat dieses Jahr in seiner ersten Woche jedoch mit einem negativen Ausrufezeichen begonnen: Anhänger des abgewählten Präsidenten Donald Trump sind in Washington in das Kapitol eingedrungen, um die Bestätigung des designierten Präsidenten Joe Biden durch den Kongress zu verhindern. Ein unglaublicher Vorfall, „ein beispielloser Angriff auf unsere Demokratie“ wie Biden diesen Sturm auf das Kapitol bezeichnete. Bilder aus Washington, die unglaublich sind, aber dennoch mancherorts nicht völlig unerwartet gewesen sein dürften. Zumindest beinhalteten die allerschlimmsten Albträume derjenigen, die um einen Fortbestand der Demokratie in den USA fürchteten, auch ein derartiges Szenario. Indes: Die Finanzmärkte haben auf den Putschversuch praktisch nicht reagiert.

Unbeirrt hat sich der Abwärtstrend des Dollar seit Mitte Dezember fortgesetzt, und im gleichen Zuge hat auch der Euro zulegen können. Per gestern hat die Gemeinschaftswährung nicht nur ein neues 33-Monats-Hoch erklommen, sondern auch in der Spitze rund 1,6 Prozent bzw. 200 Stellen an Wert gewonnen. Ein Fortschritt, der dennoch recht überschaubar erscheint.

 

Knappes Rennen um die zwei verbliebenen US-Senatssitze

Dennoch sollten wir nicht vergessen, dass es sich bei dieser Kursentwicklung vornehmlich um eine Dollarschwäche und weniger um eine Eurostärke handelt. Vielleicht ist auch deswegen nicht einmal ein Ruf nach Verbalinterventionen gegen den Euro zu vernehmen. Und letztlich, weil die jüngste Kursentwicklung vielen Akteuren in den Kram zu passen scheint. Den jüngsten Schub bekam die Gemeinschaftswährung, nachdem gestern deutlich wurde, dass die beiden Senatsposten im US-Bundesstaat Georgia im Rahmen der notwendig gewordenen Stichwahlen an die Demokraten gehen dürften. Auch wenn das Rennen zumindest um einen der beiden Posten nach Prognosen der Medien äußerst knapp ausfiel. Zumindest hatten die Finanzmärkte bereits Fakten geschaffen, zumal es im US-Senat mit zwei demokratischen Siegern zu einem Patt von 50 zu 50 Stimmen käme – eine Situation, die mit der Stimme der künftigen Vizepräsidentin Kamala Harris in ihrer Funktion als Senatspräsidentin im Zweifel zugunsten der Demokraten aufgelöst werden kann.

Auch wenn der designierte US-Präsident Joe Biden mit dieser äußerst knappen Mehrheit nicht wirklich durchregieren kann – ein einziger Abweichler in den eigenen Reihen würde schon ausreichen, um wichtige Vorhaben zu blockieren –, war die erste Reaktion vor allen Dingen an den US-Anleihemärkten zu beobachten, wo die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen zum ersten Mal seit dem 20. März 2020 wieder die 1,00-Prozent-Linie überschritt. Denn die Akteure erwarten offenbar vielerorts nicht nur weitere fiskalpolitische Stimuli, sondern auch eine deutliche Erhöhung der Staatsverschuldung, verbunden mit steigenden Inflationserwartungen.

 

Finanzmärkte bislang ohne nennenswerte Reaktion

Auch die US-Aktienmärkte und der hiesige DAX markierten neue Allzeithochs – erstere zeigten sich gestern am späten Abend trotz der Unruhen in Washington erstaunlich immun gegen etwaige Rücksetzer. Auch ist dies insofern bemerkenswert, als sich die Stimmung unter den heimischen institutionellen Investoren, gemessen am Börse Frankfurt Sentiment-Index (vgl meinen Kommentar dazu HIER), zum Jahresbeginn deutlich verschlechtert hat. Weniger eindeutig fiel unterdessen die Reaktion beim Euro aus, der zwar mit rund 1,2350 den höchsten Kurs seit April 2018 markierte, gestern Nachmittag aber zwischendurch innerhalb weniger Stunden einen Rücksetzer von zeitweise gut 85 Stellen hinnehmen musste. Das entspricht fast der Hälfte seines vorgenannten gesamten aufgelaufenen Kursgewinns gegenüber dem US-Dollar seit rund drei Wochen. Auch wenn der Aufwärtstrend (Potenzial 1,2430) träge wirkt, bleibt der Euro in positivem Fahrwasser, solange 1,2200/05 an der Unterseite nicht verletzt wird.

 

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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