Dollar am Sonntag

Kapitulation der Risikoaversen

von Joachim Goldberg am 15. November 2020

EUR USD (1,1830)             Vielleicht wird die abgelaufene Woche einmal als Zeitpunkt der Wende zum Positiven bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie in die Geschichte eingehen. Aber nicht nur wegen der Meldung vom vergangenen Montag, den Pharma-Unternehmen BioNTech und Pfizer sei bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Corona-Virus der Durchbruch gelungen. Auch waren die vergangenen Tage davon gekennzeichnet, dass der Sieger im US-Präsidentschaftsrennen mit immer größerer Wahrscheinlichkeit Joe Biden heißen würde.

Die globalen Aktienmärkte quittierten die Ereignisse der vergangenen Woche jedenfalls mit einem massiven Kurssprung. Ein Sprung, der nicht nur einer neuen Euphorie geschuldet war, sondern vor allem auch deswegen zustande kam, weil viele Akteure offenbar auf dem falschen Fuß erwischt wurden. In einigen Fällen könnte man durchaus von einer Kapitulation der Risikoaversen sprechen, weil man sich – im Nachhinein betrachtet – zu stark gegen Extremrisiken abgesichert hatte.

 

Informationen neu bewertet

Kapitulation heißt aber auch immer, dass Informationen neu bewertet werden. Und zwar schlagartig. Alles, was noch vor der Impfstoff-Neuigkeit und vor dem US-Wahltag als Risiko galt, samt aller damit zusammenhängenden negativen Nachrichten, ist nun mit einem Schlag verdrängt und nicht mehr gefragt. Denn letztlich muss man hinterher auch die Kapitulation vor sich und ggf. vor anderen rechtfertigen – auch wenn man in Panik geraten sein mag.

Ermutigende Erkenntnisse und der wahrscheinliche Durchbruch bei der Entwicklung eines neuen Impfstoffs sind für die Menschheit natürlich wunderbar. Aber wäre der Tag des Durchbruchs nicht ohnehin in Bälde fällig gewesen? Es war doch weniger eine Frage des Ob, als eine Frage des Wann.

 

Negative Nachrichten ausgeblendet

Dass vor allem die Börsianer, die angeblich immer vorausschauend agieren und die Zukunft in den Aktienkursen vorwegnehmen, diese Möglichkeit überhaupt nicht in ihren Strategien frühzeitig berücksichtigt haben, mag daher verwundern. Aber vielleicht war es schlichtweg die Kombination der Ereignisse, die zu einer solch heftigen Reaktion geführt hat. Allein der hiesige DAX sprang innerhalb einer Stunde um fast 600 Zähler.

Die negativen Entwicklungen in der Pandemie, die vor allen Dingen zum Wochenschluss sichtbar wurden, passen natürlich nicht zu den jüngsten Engagements der Finanzmarktteilnehmer. Dass in den USA die Infektionszahlen zuletzt auf über 180 Tsd. an einem Tag anzogen, wurde genauso ignoriert wie die Tatsache, dass für mehrere große Städte eine neue Lockdown-Phase in unterschiedlicher Ausprägung droht.

Überdies wird es wohl auch beim Stimulus-Paket für die US-Wirtschaft in den kommenden Wochen keine Fortschritte geben. Denn mit der Angelegenheit betrauten Quellen zufolge scheint das Weiße Haus alle Verhandlungsmacht diesbezüglich an den republikanischen Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, delegiert zu haben. Und dieser tat sich schon in den vergangenen Wochen schwer, auch nur ansatzweise den Stimulus-Vorstellungen der Demokraten von rund 2 Billionen USD entgegenzukommen.

 

US-Verbrauchervertrauen kommt nicht auf die Füße

Auch die für November mit einem Wert von 77 enttäuschend ausgefallene Schnellschätzung für den Index des Verbrauchervertrauens der Uni Michigan (Medianprognose der Ökonomen: 82) zeigt nicht nur, dass sich die US-Aktienmärkte von dieser Entwicklung längst abgekoppelt haben. Vielmehr ist dieser Index, der im Februar noch über 100 notierte, nun seit Beginn der Pandemie nicht mehr richtig auf die Füße gekommen.

Einzig beim US-Dollar hat sich in der abgelaufenen Handelswoche vergleichsweise wenig getan. Wahrscheinlich auch, weil es zurzeit keine großen Schieflagen zu geben scheint. So bleibt auch der Euro trotz einer minimalen Erholung zum Wochenschluss immer noch innerhalb einer Seitwärtsentwicklung. Das Schlüsselniveau ist an der Unterseite unverändert 1,1735. Sollte es unterlaufen werden, würde sich die noch stabile Situation für den Euro verschlechtern.

 

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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