Dollar am Morgen

Nachspielzeit für Verhandlungen

von Joachim Goldberg am 22. Oktober 2020

EUR USD (1,1845)             Bei den Währungen tut sich etwas. Und das mit zunehmender Geschwindigkeit. So produzierte etwa der US-Dollar gestern gegenüber einem Korb an Währungen (gemessen am Dollar-Index) bis zum Ende der Handelssitzung zum vierten Mal hintereinander einen jeweils größeren Tagesverlust. Davon profitierte auch der Euro, der nun formal einen kurzfristigen Aufwärtstrend einleiten konnte.

 

Immer noch Hoffnung auf Stimulus-Paket

Die wesentliche Begründung für diese Entwicklung ist jedoch immer wieder gleich, so dass man sich zu Recht fragen kann, ob hinter dem Euro-Anstieg vielleicht mehr steckt als die Erwartung, dass möglicherweise doch noch vor dem Wahltag ein Stimulus-Paket in den USA beschlossen wird. Zumindest die Gespräche diesbezüglich werden weitergehen, obgleich die Demokraten ursprünglich angekündigt hatten, dass sie eigentlich nicht dazu bereit seien, über den vergangenen Dienstag hinaus zu verhandeln. Nun gehen die Gespräche zwischen Finanzminister Steven Mnuchin und der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, anscheinend auch an den kommenden Tagen weiter.

 

Setzen auf eine schnelle Lösung

Dabei ist allerdings immer noch völlig unklar, zu welchem Zeitpunkt ein Deal überhaupt in Kraft treten kann. Denn bis zum Wahltag am 3. November ist die Zeit – auch wenn immer wieder beteuert wird, dass man unbedingt zu einer Übereinkunft kommen wolle – für die Ausarbeitung eines rund 2 Billionen USD schweren Konjunkturpakets mit hoher Wahrscheinlichkeit zu knapp. Und je nach Wahlergebnis könnte es auch noch bis zum Ende des ersten Quartals 2021 dauern, bis ein großes Stimulus-Paket tatsächlich verabschiedet wird. Indes: Die Akteure an den Finanzmärkten scheinen weiter auf eine schnelle Lösung zu setzen, zumal vielerorts mit einem Erdrutschsieg der Demokraten gerechnet wird, die im besten Fall auch die Mehrheit im Senat übernehmen könnten.

 

Wie lange sieht die Fed am US-Anleihemarkt zu?

Diese Erwartung schlug sich gestern auch in den Renditen der langlaufenden US-Staatsanleihen nieder, bei denen beispielsweise Papiere mit zehnjähriger Laufzeit zeitweise fast 0,84 Prozent erreichten. Nicht zuletzt, weil der Stabschef des Weißen Hauses, Mark Meadows, durchblicken ließ, dass Nancy Pelosi und Steven Mnuchin tatsächlich innerhalb der kommenden 48 Stunden sich auf einen Deal einigen könnten. Abgesehen davon, dass sich im Senat trotz aller Bemühungen womöglich nach wie vor keine Mehrheit für ein großes Stimulus-Paket ergeben dürfte, sollte man am Anleihemarkt die Rechnung nicht ohne die US-Notenbank machen. Denn die Fed könnte einer unerwünschten, weil zu steilen Entwicklung bei den Renditen infolge eines großen Stimulus-Programms mit Anleihekäufen begegnen. Ohnehin gab es in der Vergangenheit immer wieder Gerüchte, dass die Fed im Zweifel den Durchschnitt der Fälligkeiten ihrer angekauften Bonds deutlich verlängern könnte (Weighted Average Maturity Extension).

 

Brexit-Verhandlungen frisch aufgelegt

Vielleicht hat der Euro gestern auch davon profitiert, dass die Freihandelsgespräche zwischen Großbritannien und der EU entgegen der ursprünglichen Deadline (spätestens Ende Oktober) nun doch noch gute Chancen haben, verlängert zu werden. Dies ließen zumindest drei Personen, die mit den Diskussionen betraut sind, sogenannte Quellen, die nicht genannt werden wollen, durchblicken. Danach soll das derzeitige Verhandlung-Patt aufgelöst und bis spätestens Mitte November doch noch ein Deal zustande kommen.

Durch das Überschreiten von 1,1860 am gestrigen Handelstag hat der Euro nun den Grundstein dafür gelegt, dass ein neuer kurzfristiger Aufwärtstrend (möglicherweise verbunden mit neuen Jahreshochs) beginnen kann. Technisch orientierte Analysten verweisen ohnehin seit Dienstag auf die Komplettierung und das damit verbundene Kaufsignal einer invertierten S-K-S-Formation. Ob es dieses Mal klappt? Der Euro bleibt jedenfalls in positivem Fahrwasser, solange 1,1760 nicht mehr unterlaufen wird.

 

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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