Dollar am Morgen

Christine Lagardes Hoffnung

von Joachim Goldberg am 20. Oktober 2020

EUR USD (1,1780)             Man kann nun wirklich nicht behaupten, dass der gestrige Handelstag zu großer Risikofreude bei den Akteuren geführt hätte. Zumindest trifft das auf die Aktienmärkte zu, die zwar anfangs eine positive Tendenz zeitigten, aber letztlich die Gewinne nicht konservieren konnten. Nach den Gründen für den anfangs positiven Wochenbeginn gefragt, wurde interessanterweise mancherorts wieder einmal auf die angeblich neu aufgekeimte Hoffnung verwiesen, dass es in den USA doch noch zu einem großen Stimulus-Programm kommen könnte. Ein Argument, das zwar immer wieder bemüht wird, aber dennoch nicht berechtigt erscheint. Denn die Positionen der Republikaner im Senat einerseits und den Demokraten plus US-Präsident Donald Trump andererseits liegen immer noch meilenweit auseinander. Letztere möchten mindestens ein 2 Billionen USD schweres Konjunkturprogramm verabschieden, während erstere in dieser Woche ein abgespecktes 500 Mrd. USD-Paket auf den Weg bringen möchten. Für ein großes Paket vor dem Wahltag ist es wahrscheinlich ohnehin zu spät.

 

China wächst offenbar nachhaltig

Etwas Positives konnte man indes den gestern publizierten chinesischen ökonomischen Daten abgewinnen. Zwar blieb das Wachstum mit einem Plus von 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr im dritten Quartal hinter der Medianerwartung der Ökonomen (5,5 Prozent) zurück. Aber das Bruttoinlandsprodukt war doch deutlich besser ausgefallen als das Plus des zweiten Quartals von 3,2 Prozent. Und so spricht einiges dafür, dass China als einzige große Volkswirtschaft der Welt auch über das Jahr gesehen wachsen wird.

Mehr noch zog die Industrieproduktion im September um 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr an – immerhin der höchste Zuwachs in diesem Jahr und gleich hoch wie im Dezember, bevor die Corona-Krise ausbrach. Auch die Einzelhandelsumsätze überraschten positiv. Kurzum: Auch wenn man diese Zahlen mit Vorsicht genießen möchte, haben sie doch einen positiven psychologischen Effekt. Natürlich kennt niemand die wahren Zahlen zu den Covid-19-Infektionen und -Opfern in China. Aber es entsteht zumindest der Eindruck, dass man dortzulande nicht nur die Covid-19-Krise in den Griff bekommen hat, sondern dass China darüber hinaus relativ schnell ökonomisches Licht im Tunnel gesehen hat. Das stimmt positiv, auch wenn wir hierzulande längst noch nicht so weit sind.

 

Weiter in Richtung EU-Fiskalunion

Nun ist der Dollar trotz der sinkenden Aktienkurse dies- und jenseits des Atlantiks gestern nach landläufiger Lesart im Verhältnis zum Euro nicht gestiegen. Aber vielleicht war es ein Interview von EZB-Präsidentin Christine Lagarde, das dennoch zur Euro-Nachfrage beitrug. Wir erinnern uns: Der Aufwärtstrend des Euro im Mai verdankte sich der Hoffnung der Akteure auf eine europäische Fiskalunion, deren Grundstein mit dem 750 Mrd. Euro schweren Wiederaufbaufonds gelegt wurde. Dabei sollte es sich bislang um ein einmaliges Programm zur Bewältigung der Folgen der Corona-Krise handeln. Indes: Die EZB-Präsidentin machte nun – im Gegensatz zu ihrem bisherigen Standpunkt im EU-Parlament im vergangenen Monat – deutlich, dass sie sich von den EU-Regierungschefs zumindest eine Debatte darüber erhoffe, den sogenannten „Recovery Fund“ als dauerhaftes Instrument für den Fall ähnlicher Umstände [Anmerkung: wie die Covid-19-Krise] vorzuhalten. Und damit wird auch deutlich, in welche Richtung Lagardes Gedanken gehen: zu einem gemeinsamen EU-Haushalt.

Allerdings hat sich der Euro innerhalb seines trendlosen Zustands noch nicht richtig stabilisieren können. Dies wäre nach wie vor erst oberhalb von 1,1820 der Fall. Aber die Chancen, dass es dazu kommt, stehen zumindest gut, solange sich die Gemeinschaftswährung oberhalb von 1,1740 halten kann.

 

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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