Dollar am Morgen

Die gut gefüllte Büchse der Pandora

am
6. Oktober 2020

EUR USD (1,1795)             Es ist schon merkwürdig, wenn auf der einen Seite die Nachrichtenlage an den Finanzmärkten von den Neuigkeiten zum Gesundheitszustand von US-Präsident Donald Trump beherrscht werden. Andererseits dürften viele Entscheider derzeit nicht wissen, wie es Trump tatsächlich geht. So gibt es viele Kommentatoren, die angesichts der widersprüchlichen Meldungen und Halbwahrheiten nicht so recht wissen, wie sie die Situation bewerten sollen. Gibt es Grund zum Optimismus? Oder ist alles nur eine Show? Bis zur Unterstellung, Trump habe die ganze Geschichte nur inszeniert. Fake News, sozusagen. Wenn dem so wäre, wäre dies allerdings eine sehr riskante Strategie des US-Präsidenten.

 

Neue Normen schleichend akzeptiert

Was alle diese Geschichten gemeinsam haben, ist, dass sich unser Referenzpunkt, der die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit definiert, klammheimlich nach unten verschoben hat. Was wir möglicherweise noch vor einigen Monaten diesbezüglich als inakzeptabel empfanden, ist mittlerweile zur Normalität geworden (vgl. dazu auch meinen früheren eingehenden Blogbeitrag aus dem Jahr 2016 Trump und „The New Normal“, insbesondere der Abschnitt Wie aus „unmoralisch“ „relativ moralisch“ wird). Die neue Norm bedeutet, dass man ungestraft und ohne Konsequenzen ganz offen die Unwahrheit äußern darf. Die Lüge ist salonfähig geworden. Interessanterweise begründen die Teilnehmer an den Finanzmärkten ihre angeblich rationalen Entscheidungen nach landläufiger Meinung aber gerade durch ebensolche Informationen, deren Wahrheitsgehalt eigentlich fragwürdig sein sollte.

 

Umstrittenes Wahlergebnis langsam ausgepreist

Umso bemerkenswerter ist es, dass die Risikofreude vor allen Dingen an den Aktienmärkten nach dem Wochenende ganz schnell wieder zurückgekehrt ist. Wie schon einige Male zuvor in den vergangenen Monaten. Die Kommentatoren, die noch am Freitag von dramatischen Kurseinbrüchen an den Aktienmärkten berichteten, die dann aber bei genauerem Hinsehen gar nicht so eindrucksvoll waren (vgl. mein Kommentar vom Sonntag HIER), wie es die Nachrichtenlage eigentlich hätte vermuten lassen, stießen nun in ein anderes Horn.

Die Hoffnung auf Trumps Genesung soll die Nachfrage beflügelt haben. So hieß es zumindest anfangs. Später – zumal die Trump-Story widersprüchlich blieb – hatte man dann eine andere Hoffnung aus der offenbar immer noch gut gefüllten Büchse der Pandora zur Hand: Die Hoffnung, dass es beim US-Stimulus-Programm doch noch zu einem Kompromiss zwischen Demokraten und Republikanern kommen werde. Doch nicht etwa, weil Trump die Abgeordneten am Sonntag aufgefordert hatte, das Paket endlich auf den Weg zu bringen? Nein: Die Märkte haben preisen schlichtweg ein enges und umstrittenes Wahlergebnis zugunsten von einem klaren Wahlsieg der Demokraten langsam aus.

 

Bidens Vorsprung und der schwache Dollar

Aber auch im Devisenhandel war der Dollar als Fluchtwährung angesichts der wieder aufgeflammten Risikofreude gestern nicht gefragt. Zumal der Handel offenbar die während der vergangenen Tage gestiegene Wahrscheinlichkeit, dass der Trump-Herausforderer Joe Biden einen deutlichen Wahlsieg einfahren könnte, langsam einzupreisen scheint.  Zumindest scheint sich die Meinung durchzusetzen, dass ein deutlicher Sieg Bidens als für den Dollar negativ zu bewerten sei. Und davon profitierte gestern auch der Euro. Allerdings muss er 1,1805 überwinden, um vorsichtig einen neuen kurzfristigen Aufwärtstrend zu beginnen, der sich oberhalb von 1,1860/65 bestätigen würde. Auf jeden Fall bleibt die Gemeinschaftswährung oberhalb von 1,1680/85 stabil.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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