Dollar am Morgen

Und plötzlich scheint die Welt wieder in Ordnung

von Joachim Goldberg am 29. September 2020

EUR USD (1,1665)             Wie schon so oft in den vergangenen Monaten bedurfte es nur eines Wochenendes, um eine schlechte Stimmung in Optimismus zu drehen. Dies gilt zumindest für die Börsen dies- und jenseits des Atlantiks, die sich gestern eindrucksvoll erholten. So etwa der heimische DAX mit einem Tages-Plus von rund 3,2 Prozent. Wo doch noch am Freitag zum x-ten Mal angeblich mit Unterlaufen von 12.500 DAX-Zählern eine Chart-Formation nach unten losgegangen (Tief 12.342) war. Aber diejenigen, die auf dieses zugegebenermaßen extrem bearishe Signal gesetzt hatten, mussten erneut an einem Wochenbeginn mit einer heftigen, schmerzhaften Gegenbewegung von zeitweise über 4 Prozent umgehen. Die dahinter stehende Short-squeeze beweist einmal mehr, wie fragwürdig charttechnische Muster[1] sind, wenn sie für das Gros der Akteure bekannt sind.

 

Brexit-Optimismus kehrt zurück

Dass sich eigentlich an der Risiko-Gemengelage nicht viel geändert hat, zeigt zumindest die Entwicklung des US-Dollar gegenüber dem Euro – letzterer notiert gegenüber dem vergangenen Freitag auf dem fast identischen Niveau von 1,1665. Dies ist nicht gerade ein Zeichen überbordender Risikofreude, wie wir sie am Aktienmarkt erleben durften. Zumal das „Aufbäumen“ des Euro noch nicht einmal für einen Test von 1,1740/45 reichte. Unterdessen hatten die Akteure und Kommentatoren gestern Vormittag ihre liebe Not, eine Begründung für die starke Nachfrage nach Aktien der Eurozone zu finden. Zumal sich die Corona-Sorgen eigentlich nicht verringert haben. Aber glücklicherweise fand man heraus, dass sich womöglich die Brexit-Situation mit einem Male wesentlich optimistischer bewerten lässt.

 

Durch die Hintertür in den „Tunnel“

Zwar ist es noch nicht allzu lange her, dass mit der sogenannten „Internal Market Bill“, Teile des sogenannten Nordirland-Protokolls im EU-Ausstiegsvertrag in Frage gestellt wurden. Aber die britische Regierung hat diesen Gesetzentwurf nach den ersten Abstimmungsrunden im Unterhaus offenbar in eine Parkposition verschoben, denn mit einer endgültigen Abstimmung wird wohl erst im Dezember gerechnet. Also deutlich nach der Deadline für Verhandlungen, die der britische Premierminister Boris Johnson für Mitte Oktober vorgesehen hatte. Dieser gerät allerdings zunehmend unter Druck. Denn als Krisenmanager ist er angesichts steigender Covid-19-Infektionszahlen keinesfalls unumstritten.

Zumindest hat sich nun klammheimlich eine diplomatische Hintertür geöffnet, um doch noch zu einem Verhandlungsergebnis zu kommen. So treffen sich zunächst heute EU-Chefunterhändler Michel Barnier und sein britisches Pendant David Frost zur neunten Verhandlungsrunde, an deren Ende man zumindest vereinbaren könnte, in einen sogenannten „Tunnel“ zu gehen. Darunter versteht man die finale Phase von diplomatischen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, um am Ende doch noch zu einem Ergebnis in einer scheinbar festgefahrenen Situation zu kommen. Immerhin befestigte sich das britische Pfund gegenüber dem Euro nicht nur wegen dieses wieder aufgeflammten Optimismus bereits seit Mittwoch vergangener Woche zeitweise um 1,6 Prozent.

Devisenhändler bleiben vorsichtig

Während sich also die Aktienhändler anscheinend in Optimismus ergehen, sind die Devisenhändler doch wesentlich vorsichtiger. Man ist vielerorts gerade hinsichtlich der sich wahrscheinlich schwierig gestaltenden US-Wahlen geradezu risikoavers. Zumindest hat sich offenbar die Zahl derjenigen Strategen erhöht, die deswegen den Greenback als „sicheren Hafen“ für die Investoren ansehen. Obwohl es eigentlich paradox ist, dass man ausgerechnet dort den sicheren Hafen sucht, wo sich der Ursprung dieser Risiken befindet (vgl. meinen Kommentar HIER). Und so ist zumindest bei den Analysten nicht mehr viel von der Euro-Liebe vom Monatsanfang übrig geblieben. Auch aus unserer Sicht bleibt die Situation der Gemeinschaftswährung (mit Abwärtspotenzial bis 1,1490) fragil, solange sie sich unterhalb von 1,1740/45 bewegt. Darüber hinaus ist das Maß der Dinge ohnehin das Niveau von 1,1810/15. Denn jenseits davon wäre die Gemeinschaftswährung tatsächlich aus dem Schneider.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

[1] Charttechniker hatten eine sogenannte Head & Shoulders Umkehrformation, eine bearishes Formation, identifiziert.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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