Dollar am Morgen

Flucht in einen unsicheren Hafen

von Joachim Goldberg am 25. September 2020

EUR USD (1,1665)             Auch gestern ist der US-Dollar gestiegen, nicht mehr ganz so eindrucksvoll wie an den Tagen zuvor, aber wir konnten zumindest zum vierten Mal hintereinander in dieser Woche ein höheres Tageshoch notieren. Analoges galt für den Euro, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

 

Fragwürdige Fluchtwährung

Und abseits von all den Diskussionen, ob der Anstieg des Greenback, wenn schon nicht langfristig, wenigstens kurzfristig gerechtfertigt sei, bleibt doch vermutlich nicht nur für mich eine wesentliche Frage bestehen: Wie kann es sein, dass die Währung eines Landes, dessen Präsident sich gestern nicht festlegen wollte, ob er im Falle einer Wahlniederlage am 3. November einen friedlichen Machtübergang garantieren werde, so stark wie in den vergangenen Wochen gesucht ist?

Die Währung eines Landes, bei dem mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in den Wochen nach dem Wahltag ein hoher Grad an politischer Unsicherheit bestehen dürfte. Es ist doch fast paradox, wenn viele Akteure an den Finanzmärkten immer noch die Valuta eines Landes als Fluchtwährung bevorzugen, von dem man noch nicht einmal mit Sicherheit sagen kann, ob dessen Staatsform im kommenden Jahr noch Demokratie heißen wird.

 

Momentumsverlust bei Erholung

Aber zurück zum Tagesgeschäft. Da wären für gestern die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in den USA als viel beachtetes ökonomisches Datum zu nennen. Dieses Mal waren es in der Woche zum 18. September 870 Tsd. Erstanträge. Dabei ist gar nicht so entscheidend, dass die Medianerwartung der Ökonomen nur bei 845 Tsd. Anträgen lag – da haben wir schon viel stärkere Abweichungen in diesem Jahr registrieren müssen. Vielmehr wird deutlich, dass das Momentum der Erholung am Arbeitsmarkt anscheinend zum Erliegen gekommen ist, zumal die Folgeanträge (rd. 12,6 Mio.) ebenfalls auf der negativen Seite überraschten. Rund 850 Tsd. Erstanträge pro Woche scheinen derzeit so etwas wie eine neue Referenzgröße darzustellen. Und im gleichen Zuge sind die Verhandlungen im Kongress über ein weiteres Covid-19-Stimulusprogramm festgefahren.

 

Stimulus-Programm notwendig

Während einige Vertreter der US-Notenbank, allen voran ihr Chef Jerome Powell, in dieser Woche mehr oder weniger auf weitere fiskalpolitische Maßnahmen drängten, sieht es trotz der gestrigen Ankündigung von Finanzminister Steven Mnuchin, die Verhandlungen in Sachen Stimulus-Programm mit der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, wieder aufnehmen zu wollen, nicht nach einem schnellen Kompromiss aus. Während das Weiße Haus sich wohl mit einem Hilfs-Volumen von 1,5 Billionen USD anfreunden könnte, gibt es republikanische Senatoren, die sich gegen jedwede Art von zusätzlichen Hilfsmaßnahmen aussprechen.

Gut möglich, dass diese neuerliche Annäherung gestern nach einem anfänglich schwachen Beginn zu etwas mehr Risikofreude bei den Aktienmarktteilnehmern geführt hat. Und selbst der Euro konnte sich zum Handelsschluss von den Tiefständen des Tages (um 1,1625 herum) etwas erholen. Die Situation der Gemeinschaftswährung bleibt indes fragil (mit Abwärtspotenzial bis 1,1490), solange sie sich unterhalb von 1,1740/45 bewegt. Dort erwarte ich Euro-Angebot aus gestrandeten Long-Positionen, und oberhalb von 1,1825 wäre die Gemeinschaftswährung sogar weitgehend aus dem Schneider, weil das vielerorts beachtete technische Verkaufssignal (vgl. HIER) vom vergangenen Dienstag zudem erneut als sogenannter „false break“ bestätigt würde.

 

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

Der nächste Dollar am Morgen erscheint am Dienstag, den 29. September

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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