Dollar am Morgen

Befremdliche Dollarstärke

von Joachim Goldberg am 24. September 2020

EUR USD (1,1655)             Es ist schon bezeichnend, wenn ein Kommentator, so wie es gestern geschah, die Frage stellt, ob die derzeitige Entwicklung im Devisenhandel als Vorbote für eine Katastrophe am Aktienmarkt gesehen werden muss. Denn die Entwicklung des Dollar während der vergangenen Tage gibt mancherorts Rätsel auf. Zumindest wenn man – ich habe diesbezüglich während der vergangenen Wochen immer wieder meine Zweifel angemerkt – dessen Entwicklung als Spiegel für gestiegene Risikoaversion ansieht. Indes: Während sich gestern die Aktienmärkte dies- und jenseits des Atlantiks zumindest zeitweise erholen konnten, präsentierte sich die US-Valuta fast durchwegs robust.

 

Dollar „eigentlich“ fundamental schwach

Dennoch war noch bis Anfang des Monats für das Gros der Akteure klar, dass sich der Greenback fundamental auf der Verliererstraße befinden müsste. Nicht nur weil sich das Differenzial der inflationsbereinigten Renditen zwischen den USA und dem Rest der Welt gemessen an zehnjährigen Staatsanleihen am unteren Ende der Entwicklung seit dem Jahr 2008 befindet. Zudem sehen sich die USA mit den Auswirkungen des bislang größten Haushaltsdefizits, das es jemals zu Friedenszeiten gegeben hat, konfrontiert. Und wenn man noch die angestrebte Inflation der US-Notenbank in Betracht zieht, gepaart mit einem möglichen Kaufkraftverlust, spricht eigentlich zumindest langfristig nicht viel für den Dollar.

 

Und erst recht politisch

Ganz zu schweigen von der politischen Komponente, die auf dem Dollar lastet. Dabei meine ich gar nicht einmal den Ausgang der US-Wahlen, deren Resultat mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin angefochten werden wird. Vielmehr denke ich an die möglichen großen Umschichtungen zulasten des Dollar und zugunsten des Euro durch diejenigen Staaten, die sich mit zunehmender Zeit immer unwohler mit US-Guthaben fühlen könnten.

Da ist in erster Linie China zu nennen, das vor nicht allzu langer Zeit indirekt angedeutet hatte, zumindest einen Teil seiner Bestände an US-Staatsanleihen abbauen zu wollen. Von alledem war allerdings bis Ende Juli in der Aufstellung des US-Finanzministeriums, den sogenannten TIC-Daten, noch nichts zu sehen. Aber große und schwere Marktteilnehmer wie China werden ohnehin versuchen, Dollar-Bestände möglichst unbemerkt und ohne Reibungsverluste abzubauen, und zwar dann, wenn das Gros der Akteure auf einen steigenden Dollar setzt.

 

Eurozone: Wirtschaftliches Erholungs-Momentum lässt nach

Die gestern publizierten Fundamentaldaten waren jedenfalls nicht dazu angetan, dem Euro oder dem Dollar kurzfristig einen Vorteil zu verschaffen. Die Rede ist von den ersten Schätzungen der Einkaufsmanagerindices für den Monat September (Markit), die in der Eurozone für das verarbeitende Gewerbe (53,7) positiv, bei den Dienstleistern dagegen negativ überraschten; zudem lag der Index der Dienstleister (47,6) auch noch deutlich unter der 50er-Trennlinie zwischen wirtschaftlicher Expansion und Kontraktion. Kurzum: Das Momentum der Erholung der vergangenen Monate hat abgenommen und bei den Dienstleistern sogar den Weg in „die falsche Richtung“ eingeschlagen. Indes: Der Euro bewegte sich nach Publizierung der Zahlen sogar ein wenig nach oben. Ganz nebenbei: Für die USA waren die vorläufigen Einkaufsmanagerindices dagegen ohne Überraschungsmoment geblieben.

 

Technik lastet auf Euro

Zumindest kurzfristig ist der Dollar weiterhin gefragt, nicht zuletzt aufgrund charttechnischer Kaufsignale, die analog für den Euro Verkaufssignale bedeuten. Letzterer befindet sich nun am Ende einer Distributionsphase, aus der sich nicht zum ersten Mal ein technisches Verkaufssignal bzw. Fehlsignal ergeben hat. Dummerweise ist diese gesamte Phase, die Mitte August irgendwo begonnen hat, für jedermann sichtbar – auch für Marktteilnehmer, die ungestört auf der anderen Seite ihre Euro-Engagements erhöhen könnten. Aber dafür gibt es noch keine Indizien. Am Ende lässt die Euro-Entwicklung der vergangenen Wochen nur dann eine bullishe Interpretation zu, wenn man auf ein erneutes Fehlsignal der Markttechniker setzt. Allerdings müsste für eine derartige Interpretation an der Oberseite mindestens 1,1845/50 überwunden werden. Ansonsten würde der Euro sogar in Richtung 1,1490 tendieren, sobald nun 1,1640/45 unterlaufen wird.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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