Dollar am Sonntag

Mit nachlassender Feuerkraft

von Joachim Goldberg am 20. September 2020

EUR USD (1,1835)             Es ist schon bemerkenswert, dass der Euro gegenüber dem US-Dollar jetzt die zweite Woche hintereinander praktisch auf dem gleichen Niveau beendet hat, auf dem er sie begonnen hatte. Und das trotz der wichtigen Zentralbanksitzung der EZB in der ersten und der US-Notenbank Fed in der darauffolgenden Woche. Offensichtlich wurden die Marktteilnehmer in beiden Fällen enttäuscht. Einmal von der EZB, die sich in Sachen Euro-Anstieg verbal sehr zurückhielt. Aber obwohl derartige Interventionen nun ausblieben, war die Gemeinschaftswährung nicht imstande, an Boden zu gewinnen.

 

Einflussmöglichkeiten der Notenbanken limitiert

Auch von der Fed schienen sich die Händler in der abgelaufenen Woche mehr versprochen zu haben, als es ursprünglich den Anschein hatte. Den bereits eingeschlagenen Weg als richtig zu bezeichnen und die bestehenden Maßnahmen zu bekräftigen war offenbar nicht genug. So reagierten sowohl die Aktienmärkte als auch die Devisenhändler leicht verschnupft darauf, dass Notenbank-Chef Jerome Powell es unterließ, zusätzlich zu den bereits bestehenden Anleihekäufen von derzeit 120 Mrd. USD pro Monat zusätzliche quantitative Lockerungsmaßnahmen anzukündigen. Der Dollar konnte sich trotzdem nur kurzzeitig erholen und auch nicht den Euro signifikant – geschweige denn dauerhaft – unter Druck setzen. Kurzum: Man könnte die vergangenen beiden Wochen unter der Erkenntnis subsumieren, dass die Feuerkraft der Notenbanken zurzeit eher begrenzt zu sein scheint.

 

Schwer auflösbares Patt

Tatsächlich wird die Rolle der Geldpolitik, zumindest was die USA betrifft, überschätzt. Vor allem, wenn die Fiskalpolitik nicht das Ihrige tut und nun endlich ein neues Stimulus-Paket verabschiedet. Allerdings gab es zum Wochenende nur wenig Indizien, dass die Pattsituation bei den Verhandlungen zwischen Demokraten und Republikanern über neue Hilfen im US-Senat aufgelöst werden könnte. Zuletzt lagen die Positionen beider Parteien immer noch sehr weit auseinander.

Auf der einen Seite stehen die Demokraten mit ihrem „allerletzten Angebot“, das letztlich ein Paket von 2,2 Billionen USD bedeuten würde. Auf der anderen Seite stehen die Republikaner, von denen einige sogar der Ansicht sind, man solle überhaupt kein zusätzliches Stimulus-Paket verabschieden. Und genau in so einem Moment betritt nun der weiße Ritter in Gestalt von US-Präsident Donald Trump die Bühne und spricht plötzlich von einem möglichen Paket von 1,5 Billionen USD. Gemessen am unteren Referenzpunkt von null US-Dollar und den 650 Milliarden USD, die die republikanische Seite möglicherweise anzubieten bereit gewesen wäre, sieht das schon richtig toll aus. Das ist Wahlkampf!

 

Unterschätzte US-chinesische Spannungen

Wie es unterdessen dem US-Verbraucher geht, zeigte am Freitag die erste Schätzung zum Verbrauchvertrauen der Uni Michigan, das für den September nicht nur besser als erwartet ausgefallen war, sondern sogar ein Sechs- Monatshoch markierte. Aber für Jubel ist es dennoch zu früh, denn das Verbrauchervertrauen, das noch vor dem Ausbruch der Pandemie mit einem Indexstand von rund 100 Punkten brillierte, rangiert seit dem bisherigen Höhepunkt der Krise in einem vergleichsweise niedrigen Band zwischen 71 und 79 Punkten.

Völlig unterschätzt von den Finanzmärkten werden indes die Spannungen im US-chinesischen (Hightech-) Krieg. Spannungen, die durch den jüngsten Beschluss des US-Handelsministeriums, die Messenger App WeChat in den USA praktisch nicht mehr nutzbar zu machen, ein weiteres Mal verstärkt werden – die ähnlich schwierige Lage um die Kurzvideo-Plattform TikTok hat sich am Samstag dagegen scheinbar verbessert [1]. Zumindest hat die jüngste Umfrage der Bank of America unter Fondsmanagern in der vergangenen Woche gezeigt, dass eine Eskalation im US-chinesischen Handelskrieg sich nicht mehr unter den drei meistgenannten Extremrisiken – angeführt von der Covid-19-Krise – befindet.

 

US-Anleihebestände Chinas unverändert

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass China über inländische Medien durchblicken ließ, seine US-Anleihebestände möglicherweise um 20 Prozent zu reduzieren. Davon ist jedoch in der jüngsten, allerdings auch schon wieder zwei Monate alten Aufstellung des US-Finanzministeriums, die am vergangenen Donnerstag publiziert wurde, nichts zu sehen. Denn die Bestände an von China gehaltenen US-Staatsanleihen lagen im Juli fast unverändert bei 1,073 Billionen USD.

Per Saldo bleibt der Euro also in seinem Aufwärtstrend, der derzeit durch eine Korrekturphase unterbrochen ist. Deren unteres Ende liegt aktuell bei 1,1690. Allerdings ist nach dem erneuten Fehlversuch am vergangenen Donnerstag, eine deutlichere Bewegung nach unten loszutreten, und der anschließenden eindrucksvollen Erholung eine gewisse Stabilisierung (solange oberhalb von 1,1785) eingetreten. Ein Ende der Korrekturphase wäre in jedem Fall erst nach Überschreiten von 1,1945 (modifiziert!) angezeigt.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

[1] Im Streit um die Kontrolle von TikTok gab US-Präsident Donald Trump am Samstag offenbar seine Zustimmung zu einem Deal mit dem Softwarekonzern Oracle.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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