Dollar am Sonntag

Grünes Licht für Euro-Käufe?

von Joachim Goldberg am 13. September 2020

EUR USD (1,1845)             Nun hat der Euro die Handelswoche mit einem winzigen Plus fast unverändert abgeschlossen. Und dies trotz der Aufregung wegen der Frage, ob die EZB dem Aufwärtstrend des Euro Einhalt gebieten würde oder nicht. Zumindest hat die EZB-Ratssitzung am vergangenen Donnerstag gezeigt, dass man sich über den Einfluss des relativ hohen Euro-Wechselkurses zum US-Dollar durchaus Gedanken macht, was dessen Auswirkungen wie zum Beispiel die einer importierten Deflation angeht.

Tatsächlich aber überwog der Eindruck, dass sich Christine Lagarde derzeit nicht besonders um den starken Euro schert. Zumindest erklärte die EZB-Chefin nach der Ratssitzung, es gebe keinen Grund für eine Überreaktion auf den Euro-Anstieg. Woraus einige Kommentatoren sogleich schlossen, dass nun der Markt grünes Licht erhalten habe, den Euro weiter nach oben treiben zu können, ohne den Eingriff der Zentralbank befürchten zu müssen.

 

Kaum direkte Interventionsmöglichkeiten

Nun kann man realistischerweise behaupten, dass die Interventionsmöglichkeiten der EZB ohnehin nicht allzu groß sein dürften – es sei denn, man würde eine noch lockerere Geldpolitik verfolgen, als dies ohnehin schon der Fall ist. Mit Verbalinterventionen allein hätte man die Gemeinschaftswährung sowieso nicht in den Griff bekommen. Allein schon der Gewöhnungseffekt an solche verbalen Eingriffe lässt die Wirkung derselben recht schnell verpuffen.

Es gab aber auch Marktteilnehmer, die hinter dem Statement von Christine Lagarde eine psychologische Komponente witterten. Denn die Verlautbarungen der EZB-Chefin ließen sich auch so interpretieren, als ob sie die Worte ihres Chefvolkswirts relativieren wollte. Denn Philip Lane hatte erst einige Tage zuvor betont, für die EZB sei die Entwicklung der Währung ein wichtiges Thema. Eine Aussage, die durch die EZB-Sitzung ihre Bedeutung sicherlich nicht verloren hat. Aber es gab eben trotzdem Akteure, die ein weiteres Statement von Philip Lane einen Tag nach der Ratssitzung fast als ein Nachtreten auffassten. So hatte Lane wiederholt deutlich gemacht, es gebe keinen Platz für Nachlässigkeit bei der Inflation.

 

US-Konsumentenpreise steigen deutlich

Da hat Lane sicherlich recht, aber man sollte nicht vergessen, dass die Inflation – gemessen am Inflationsziel der EZB – nicht erst seit August viel zu niedrig ist. Auch ist nicht davon auszugehen, dass die EZB primär und allein aufgrund des Wechselkurses ihren geldpolitischen Kurs lockern wird. Unterdessen gab es am Freitag aus den USA die Entwicklung der Konsumentenpreise zu vermelden. Die stiegen nämlich gegenüber dem Vormonat um 0,4 bzw. gegenüber dem Vorjahr um 1,3 Prozent und damit wesentlich stärker als von den Ökonomen erwartet. Gleiches gilt für die Kernrate, die mit 0,4 Prozent (ggü. Vormonat) bzw. 1,7 Prozent (ggü. Vorjahr) ausgewiesen wurde. Allerdings sollte man diesen deutlichen Veränderungen nicht zu viel Gewicht beimessen, sind sie doch letztlich ganz stark durch die Corona-Krise beeinflusst. Ganz besonders fällt nämlich der starke Anstieg für Gebrauchtwagen (+5,4 Prozent gegenüber Vormonat!) ins Gewicht – es handelt sich um den größten monatlichen Anstieg seit März 1969.

 

Keine hemmungslosen Eurokäufe

Die Kursentwicklung des Euro in der vergangenen Woche zeigt jedenfalls, dass wahrscheinlich überwiegend kurzfristig orientierte Marktkräfte am Werk waren. Dafür sprechen auch die CFTC-Meldungen zu den spekulativen Euro-Long-Positionen an der Chicagoer Futures-Börse, die sich per 8. September auf sehr hohem Niveau (198 Tsd. Kontrakte) hielten und sich demzufolge nicht verändert hatten. Damit wird deutlich: Das angebliche grüne Licht, das Christine Lagarde am Donnerstag gegeben haben soll, hat nicht zu hemmungslosen Eurokäufen mittelfristig orientierter Akteure geführt. Wahrscheinlich auch, weil besagte Positionen bereits bestehen. Außerdem reichte der kurzzeitige Anstieg der Gemeinschaftswährung auf 1,1915 (Auslöser für das Ende der derzeitigen Korrekturphase im Aufwärtstrend) auch nicht für eine Verbesserung der Ausgangsposition für den Euro aus. Dieser bleibt sogar anfällig für erneute Korrekturen in Richtung 1,1690/95, insbesondere, wenn 1,1790/95 nicht gehalten werden kann.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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