Dollar am Morgen

Kein Wort gegen den Euro

von Joachim Goldberg am 11. September 2020

EUR USD (1,1835)             Der Ausgang der gestrigen EZB-Ratssitzung dürfte einigen Marktteilnehmern und Analysten nicht ins Konzept gepasst haben. Das lassen zumindest die Reaktion des Euro im Verhältnis zum US-Dollar sowie verschiedene Kommentare vermuten. Dabei hatte die EZB erwartungsgemäß keine geldpolitischen Entscheidungen getroffen – das Anleihekaufprogramm PEPP bleibt unverändert bei 1,35 Billionen, die „regulären „Anleihekäufe“ bei monatlich 20 Mrd. Euro, und die Leitzinsen wurden ebenfalls nicht angerührt.

Was die gestern ebenfalls fälligen Wachstumsprojektionen angeht, ist der Ausblick der EZB-Entscheider nicht mehr ganz so pessimistisch wie im Juni: Man erwartet für dieses Jahr nur noch eine Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts in der Eurozone um 8 Prozent (Juni: 8,7 Prozent).

 

Grünes Licht für Euro-Aufwertung?

Und so konzentrierte sich das Interesse der Akteure vornehmlich darauf, wie die EZB mit dem rund 10-prozentigen Anstieg des Euro seit Mitte Mai umgehen würde. Vor allem, nachdem EZB-Chefvolkswirt Philipp Lane erst vor einigen Tagen betont hatte, dass die Entwicklung der Währung [des Euro] für die EZB wichtig sei, obgleich die Zentralbank kein bestimmtes Wechselkursziel anpeile. Zwar betonte EZB-Präsidentin Christine Lagarde, dass der Anstieg des Euro und sein negativer Einfluss auf den Preisauftrieb in der Eurozone eingehend diskutiert worden seien. Indes: Lagarde betonte, es gebe keinen Grund für Überreaktionen auf den Euro-Anstieg. Auch machte sie keine Anstalten, den Euro herunter zu reden. Andererseits äußerte sie sich auch nicht dazu, ob dessen Anstieg als gerechtfertigt zu bezeichnen sei. Kurzum: Der kurzfristige Sprung des Euro auf 1,1915 zeigt, dass die Händler offenbar mit einer stärkeren Positionierung der EZB gegen den Euro gerechnet hatten.

 

Fundamental gerechtfertigt

Ein Kommentator brachte diese Enttäuschung gewissermaßen auf den Punkt, als er äußerte, die EZB habe sich nicht rechtzeitig um den Euro gekümmert. Dabei ist es nun einmal nicht das Mandat der EZB, sich primär um den Wechselkurs zu kümmern. Zumal der Anstieg der Gemeinschaftswährung während der vergangenen Monate fundamental nicht ungerechtfertigt erscheint. Was nicht in erster Linie daran liegt, dass Europa mit der Corona-Krise besser umgegangen sein mag als die USA. Vielmehr ist mit dem Wiederaufbaufonds der EU der Grundstein für eine europäische Fiskalunion gelegt worden. Und im gleichen Zuge hat sich das Vertrauen in den Euro erhöht. Paradoxerweise trägt nun ausgerechnet die Anhebung der Wachstumsprojektion der EZB für die Eurozone – und eine geforderte stärkere Kommunikation dieser Verbesserung – zu einer weiteren Stärkung dieses Vertrauens bei. Und des Euro.

 

Euro-Trend ist auch Dollar-Story

Der Anstieg des Euro ist naturgemäß nicht nur eine Euro-, sondern auch eine Dollar-Story. Vielleicht letzteres noch viel mehr. Zumal sich die Anzeichen mehren, dass das Vertrauen der Investoren, insbesondere Chinas in den US-Dollar, zuletzt nicht gerade gestiegen ist. Nicht nur wegen einer stark erhöhten US-Staatsverschuldung. Nicht zum ersten Mal haben wir erst unlängst wieder einmal zur Kenntnis nehmen können, dass China womöglich erwägt, seinen Bestand in US-Staatsanleihen zu senken – zuletzt ging es dabei um eine Größenordnung von etwas mehr als 200 Mrd. USD (vgl. Global Times).

Eigentlich hat sich Christine Lagarde gestern ganz gut aus der Affäre gezogen. Sie hat sich nicht festgelegt und Verbalinterventionen aus gutem Grund vermieden. Zumal Verbalinterventionen erfahrungsgemäß verpuffen, wenn sie nicht in absehbarer Zeit von Taten, also tatsächlichen Interventionen, gefolgt werden. Letztlich können sie Trends, gegen die sie gerichtet sind, sogar verstärken. Allerdings ist an direkte Deviseninterventionen gegen den Euro nicht im Entferntesten zu denken, zumal diese ohne die Hilfe anderer Zentralbanken in der Vergangenheit meist zum Scheitern verurteilt waren. Der EZB bleibt letztlich nichts anderes übrig, als ihre ohnehin schon lockere Geldpolitik noch einmal zu lockern, aber nicht primär wegen eines zu stark erscheinenden Euro.

Trotz des gestrigen Sprungs des Euro, konnte dieser interessanterweise den Auslöser für eine Beendigung der derzeitigen Korrekturphase im Aufwärtstrend bei 1,1915 nicht überwinden. Solange dies nicht der Fall ist, bleibt die Gemeinschaftswährung anfällig für erneute Korrekturen in Richtung 1,1690, insbesondere, wenn 1,1800 nicht gehalten werden kann.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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