Dollar am Morgen Märkte

Euro wird schwach geredet

von Joachim Goldberg am 9. September 2020

EUR USD (1,1780)             Devisenhändler mussten sich gestern letztlich mit zwei Themenblöcken beschäftigen. Der erste betraf die Entwicklung des Euro, bei dem zuletzt eine gewisse Abkühlung des vorherrschenden mittelfristigen Aufwärtstrends, dessen bestes Stück im Mai dieses Jahres begann, zu beobachten war. Einerseits wegen Glattstellung mitunter recht hoher Euro-Long-Positionen. Diese konnten von einem Trend profitieren, der sich zu einem guten Teil auch auf eine immanente Dollarschwäche zurückzuführen lässt. Zum anderen dürften sich vor allen Dingen kurzfristig orientierte Akteure wegen der Morgen anstehenden Sitzung des EZB-Rates nicht großartig festlegen wollen.

 

EZB-Sitzung der Worte?

Auch wenn man vielerorts nicht damit rechnet, dass die EZB neue geldpolitische Maßnahmen verkünden wird, werden die Akteure auf etwaige Statements zur derzeitigen Euro-Stärke warten. Dabei dürfte es bestenfalls bei der Bekundung von Besorgnis bleiben. Zwar mag der während der vergangenen Monate gestiegene Euro inflationsdämpfend wirken und die Position der europäischen Exporteure außerhalb der Eurozone schwächen. Aber für einen geldpolitischen Schritt wegen der Währungssituation scheint es zu früh. Zumal nicht vorstellbar ist, dass die EZB allein aus diesem Grunde reagieren würde. Man kann sich sogar darüber hinaus durchaus vorstellen, dass die USA bzw. die Trump-Administration bei einem derartigen Schritt im derzeitigen Stadium von einer Währungsmanipulation sprechen würde.

 

Die Angst, etwas zur verpassen

Der zweite Themenblock betraf gestern den erneuten Schwächeanfall der Aktienkurse, insbesondere der Tech-Werte an der Wall Street. Denn nach dem US-Feiertag vom Montag rechnete man vielerorts mit einer Erholung der Aktienkurse – ein Trugschluss, wie sich herausstellte. Tatsächlich verloren der Nasdaq Composite gestern 4,7, der breit gestreute S& P 500 Aktienindex immerhin noch 2,7 Prozent an Wert.

Natürlich kommt diese Reaktion für viele Akteure nicht unerwartet, denn schon lange ist man vielerorts der Ansicht, dass sich die Aktienkurse dramatisch von der Realwirtschaft abgekoppelt hätten – das Adjektiv „absurd“ klingt in diesem Zusammenhang fast schon harmlos. Eine technische Korrektur war überfällig. Allein über deren Ausmaß schien man sich allerdings nicht einig zu sein. Gut möglich, dass einige Börsianer nicht zuletzt, weil derartige Korrekturbewegungen bislang immer recht dürftig ausgefallen waren, bereits frühzeitig als Käufer aktiv geworden sind. Noch ist die Angst, die nächste Aufwärtsbewegung zu verpassen, größer als die Furcht vor Verlusten, die sich durch einen zu frühen Einstieg ergeben könnten.

 

Self-fulfilling prophecy

So war gestern hinsichtlich der Euro-Bewegung hier und da wieder einmal von gestiegener Risikoaversion und damit einhergehender Dollar-Nachfrage die Rede. Tatsächlich geriet der Euro im gleichen Zuge nicht deutlich unter Druck, aber für Charttechniker schrillten die Alarmglocken. Denn die Gemeinschaftswährung war an der Unterseite aus einem im August entstandenen und selten schönen kurzfristigen Aufwärtstrendkanal herausgefallen. Ein Verkaufssignal also?

Indes: Die Gefahr eines Fehlsignals ist bei so perfekt geschnittenen Formationen erfahrungsgemäß wesentlich größer, als dass sich solche Chartmuster als profitabel herausstellen. Ganz einfach, weil derart klar geschnittene Trendkanäle selbst für Laien erkennbar sind.

 

Und die Rolle der langfristig orientierten Marktteilnehmer

Somit entsteht bei deren Versagen ein Verkaufssignal, verstärkt durch eine sogenannte „self-fulfilling prophecy“, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung – ich habe darüber schon häufiger geschrieben –, die aber ganz schnell zu einer „self-fulfilling destruction“ mutieren kann. Nämlich, wenn die erhoffte Kursentwicklung versandet, weil sich große und schwere Marktteilnehmer gerade solche Informationen gerne zu Nutze machen. Diese würden nämlich bevorzugt als Käufer aktiv, wenn das Euro-Angebot durch klare technische oder ökonomische Signale besonders hoch ist. Nach dem Motto: Wenn alle verkaufen, können langfristig orientierte Marktteilnehmer klammheimlich ihre (Euro)-Engagements erhöhen, ohne dass sich das sofort in den Kursen niederschlägt.

Und so spricht vieles dafür, dass sich der Euro im Rahmen kleinerer Korrekturen in Richtung 1,1690 entwickeln kann. Auf der anderen Seite ist die Wiederaufnahme des kurzfristigen Aufwärtstrends und das Ende der Korrekturphase bereits nach Überschreiten von 1,1920 wahrscheinlich.

 

 

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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