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Ungeliebter Dollar

von Joachim Goldberg am 7. September 2020

EUR USD (1,1840)             Auch am Freitag standen vor allem die US-Aktienmärkte erneut im Brennpunkt. Zumal es zunächst danach aussah, als ob sich die scharfe Korrektur des Vortages fortsetzen sollte. So zeitigte der breit gestreute S&P 500 Index zwischenzeitlich einen Rücksetzer, der seit Mittwoch vorübergehend immerhin rd. 6,6 Prozent betrug. Indes: Zum Wochenschluss konnte der Index wieder einiges wettmachen, so dass am Freitag nur noch ein Verlust von weniger als einem Prozent übrigblieb.

 

Dollar profitiert nicht

Im gleichen Zuge ist es bemerkenswert, dass der Dollar  per Saldo überhaupt nicht – wie sonst in Zeiten allgemeiner Risikoaversion üblich – davon profitieren konnte: Er wartet seit Mitte vergangener Woche gegenüber einem Korb an Währungen, gemessen am Dollar-Index, sogar mit einem kleinen Verlust auf. Tatsächlich ist es dem Greenback während der deutlichen Korrektur an den globalen Aktienmärkten noch nicht einmal zeitweise gelungen, im Rahmen seines kurzfristigen Abwärtstrends einen sehenswerten Sprung zu vollführen.

 

Zerbrochene Korrelationen

Offensichtlich ist der Dollar momentan als Fluchtwährung nicht gefragt. Mehr noch, scheinen zurzeit – und dies nicht erst seit vergangenem Freitag – jahrelang gültige Korrelationen (von denen ich sowieso nichts halte) ihre Gültigkeit zu verlieren. Vor allem hat der Dollar als Barometer für Risikoaversion bzw. Risikofreude anscheinend ausgedient. Nach gängiger Interpretation sollte er sich im ersten Fall befestigen bzw. bei steigender Risikofreude abschwächen.

 

US-Arbeitsmarktbericht erfreulich

Dabei hatte es am Freitag nach Publizierung des US-Arbeitsmarktberichts des Statistikamts (BLS) zunächst danach ausgesehen, als ob die US-Valuta darauf mit einem Plus reagieren würde. Zwar entsprach der Zuwachs der Stellen im Nicht-Agrarbereich (Nonfarm Payrolls) mit einem Zuwachs von 1,371 Mio. Jobs immerhin fast der Median-Schätzung der Ökonomen. Aber im gleichen Zuge wurden somit immerhin rund 48 Prozent der Jobverluste der Monate März und April infolge der Corona-Pandemie wettgemacht!

Die eigentliche Überraschung im positiven Sinne gab es jedoch bei der Arbeitslosenquote zu vermelden, die im August gegenüber dem Vormonat um fast 2 Prozent auf 8,4 Prozent gefallen war. Ökonomen hatten im Mittel eine Quote von 9,8 Prozent prognostiziert.

 

Powell bestätigt neuen Kurs der Fed

Stunden später relativierte Fed-Chef Jerome Powell allerdings die überraschend gute Entwicklung am US-Arbeitsmarkt. So erklärte er in einem Interview, die Wirtschaft würde nach wie vor für eine lange Zeit niedrige Zinsen benötigen. Wobei Powell hinzufügte, dass der Begriff „lange Zeit“ in Jahren zu bemessen sei.

Gut möglich, dass Wall Street von diesem Statement profitierte. Der Dollar gab seine Gewinne jedenfalls kurzerhand wieder ab, wodurch der Euro seinen Rücksetzer auf temporär 1,1780 fast vollumfänglich ausgleichen konnte. Denn Jerome Powell bestätigte ein weiteres Mal, dass die Fed in Zukunft asymmetrisch an den Arbeitsmarkt herangehen und die Geldpolitik selbst bei Erreichen der maximalen Beschäftigung nur bei gleichzeitig bedrohlicher Inflation straffen wird.

 

Bedrohliches aus China

Vielleicht ließen sich die Devisenhändler am Freitag aber auch durch einen Medienbericht der Global Times – die chinesische Tageszeitung gilt als Sprachrohr der Regierung – beeinflussen. Folgt man nämlich den Experten, die in diesem Blatt zitiert werden, wird China seine Bestände an US-Staatsanleihen unter normalen Umständen von derzeit mehr als 1 Billion USD schrittweise um etwas mehr als 20 Prozent auf rund 800 Mrd. USD zurückfahren. Nicht zuletzt, weil man sich bezüglich der zuletzt stark gestiegenen US-Staatsverschuldung Sorgen mache.

Natürlich könnte China im Extremfall sogar seine kompletten Bestände veräußern, sollte es etwa zu einem Militärkonflikt kommen, wird ein Experte zitiert – eine Drohung, die allerdings schon seit mehr als einem Jahr im Raum steht. Auch wenn eine derartige Maßnahme selbst in China umstritten sein dürfte, wird zumindest eine Tendenz deutlich: Andere Staaten und Investoren könnten diesem Vorbild folgen und zumindest einen kleinen Prozentsatz ihrer US-Währungsreserven peu à peu – etwa in Euro – umschichten (vgl. auch meine Kommentare HIER und HIER). Es gibt nicht wenige Analysten, die bezweifeln, dass die EZB eines derartigen Kapitalstroms Herr werden könnte.

Unterdessen hat der Euro trotz seiner stabilen Performance vom Freitag seine Korrekturphase – Kursrückgänge könnten durchaus noch zu einem Rücktest von 1,1735/40 bzw. 1,1690 führen – noch nicht abgeschlossen. Aber mit Überschreiten von 1,1925/30 würden sich die Vorzeichen für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends deutlich vermehren.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

SCHLAGWÖRTER

Die dargestellten Analysen, Techniken und Methoden dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine individuelle Anlageempfehlung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar, sondern spiegeln lediglich die Meinung des Autors wider. Goldberg & Goldberg übernimmt keine Art von Haftung für die Verwendung dieser Kommentare oder deren Inhalt. Die Berichte stellen keine Finanzanalyse im Sinne des § 34b WpHG, Anlageberatung, Anlageempfehlung oder Aufforderung zum Handeln dar. Darüber hinaus verweisen wir auf unseren Disclaimer.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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