Dollar am Morgen

Verbalinterventionen verpuffen schnell

am
3. September 2020

EUR USD (1,1810)             Nicht wenige Kommentatoren haben Philipp Lane gestern ein gutes Timing bescheinigt. Der Chefvolkswirt der EZB scheint zumindest teilweise für die deutliche Korrektur des Euro seit vorgestern Abend verantwortlich zu sein. Und das, nachdem die Gemeinschaftswährung zuvor die „psychologisch wichtige Marke“ von 1,20 USD zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren wieder überschritten hatte. Lanes Äußerungen, dass die Wechselkursentwicklung einen wichtigen Einfluss auf die geldpolitischen Rahmenbedingungen habe, wurden von vielen Akteuren und Kommentatoren als eine Art Verbalintervention ausgelegt. Auch wenn Lane betonte, die EZB strebe keinen bestimmten Wechselkurs an.

 

„Überfällige Korrektur“

Man kann natürlich auch argumentieren, dass die Marktteilnehmer ohnehin im Vorfeld der Korrektur ziemlich stark im Euro auf der Long-Seite positioniert waren (vgl. HIER und HIER), so dass die recht deutliche Reaktion von bislang 1,7 Prozent in der Spitze überfällig gewesen sei. Aber war der Euro tatsächlich in zu kurzer Zeit zu stark gestiegen? Wobei nicht übersehen werden sollte, dass der Dollar im gleichen Zuge gegenüber einem Korb an Währungen, gemessen am Dollar-Index, in der Spitze um 1,3 Prozent zulegte.

 

Irrelevante Bezugspunkte

Hat sich der Euro zu Wochenbeginn auch im großen Bild zu fest gezeigt? Es gibt tatsächlich Analysten, die darauf verweisen, dass die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar nur unwesentlich von ihrem Eröffnungskurs von 1,1740 aus dem Jahr 1999 bzw. mit 1,20 ziemlich exakt auf ihrem Mittelwert seit der Einführung des Euro vor knapp 22 Jahren gelegen habe. Indes: Das ist in der Tat ein sehr langer Zeitraum, und seither ist viel zu viel passiert, als dass diese Werte noch eine Bedeutung haben könnten. Aber zur Orientierung und aus Gründen des menschlichen Kontrollbedürfnisses sind nun einmal Extrem- und Durchschnittswerte sowie runde Zahlen gefragt. Aber allzu oft stellen sich die für uns so wichtigen Bezugspunkte, um zu ermessen, was hoch oder tief sein soll, im Nachhinein als irrelevant dar.

 

Kurz bemerkt (Verbalinterventionen)

Und was Verbalinterventionen betrifft, zeigt meine jahrzehntelange Erfahrung, dass diese nicht nur relativ schnell verpuffen, wenn den Worten keine Taten folgen, sondern auch bei Wiederholung mit abnehmendem Interesse aufgenommen werden. Auch wenn das manche Währungsstrategen nicht wahrhaben wollen. Natürlich drückt ein weiter steigender Euro möglicherweise auf die Inflationserwartungen und die Exporte. Aber wenn „der Markt“ mit dem Euro etwas anderes im Sinn hat – etwa, weil es manchen schwergewichtigen Investor weg aus dem Dollar und in Richtung Euro zieht –, kann eine Zentralbank ohnehin nicht allzu viel dagegen ausrichten.

Unterdessen hat der Aufwärtstrend des Euro gestern deutlich an Momentum verloren und bleibt daher im Korrekturmodus, der sich auch noch in Richtung 1,1740 bzw. 1,1705 ausweiten kann. Auf der anderen Seite würde diese Phase nach Überschreiten von 1,1935/40 jedoch beendet.

 

Hinweis

Die genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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