Dollar am Morgen

Schmelzprozess

von Joachim Goldberg am 31. Juli 2020

EUR USD (1,1890)             Gestern war ein bemerkenswerter Tag für den Euro. Nicht weil er gegenüber dem US-Dollar den Monat Juli womöglich so stark wie zuletzt September 2010 beenden könnte. Denn wenn man die Entwicklung an den Aktienmärkten, vor allen Dingen hierzulande, als Maßstab für Risikoaversion hinzuzieht, hätte es den Euro nach dieser von Kommentatoren gerne verwendeten Lesart eigentlich ordentlich erwischen müssen. Da bricht etwa der DAX im Tagesverlauf zeitweise um mehr als 4,4 Prozent ein, und dem EURO STOXX 50 geht es nicht viel besser; aber die Gemeinschaftswährung gab temporär gerade einmal um etwas mehr als 50 Stellen nach und holte diesen Mini-Verlust auch gleich wieder eindrucksvoll auf.

 

Daten überraschen kaum

Eigentlich hätte das, was gestern an ökonomischen Daten publiziert wurde, nicht für eine richtig negative Überraschung getaugt. Zwar war die erste Schnellschätzung für die Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im zweiten Quartal schlechter als erwartet ausgefallen. Aber wen schert es denn, ob die Schrumpfung gegenüber dem Vorquartal in den Monaten April bis Juni 9 oder 10 Prozent betragen hat. So oder so handelt es sich um die größte Kontraktion seit Beginn der vierteljährlichen Aufzeichnungen im Jahr 1970. Aber für eine fette Schlagzeile reicht das immer.

In den USA gab es ebenfalls eine erste Schnellschätzung für das BIP im zweiten Quartal, wobei diese mit einem Rekordminus von 32,9 Prozent[1] (annualisiert) besser als die Medianerwartung der Analysten ausfiel. Aber im Vergleich zu diesen angesichts der fortgeschrittenen Covid-19-Krise schon veralteten Daten dürften die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe größeres Interesse hervorgerufen haben. Allein, es gab bei diesen Daten (1,43 Millionen US-Bürger stellten in der vergangenen Woche einen Erstantrag) kein großes Überraschungsmoment.

 

Wahltermin nach Trumps Gnaden?

Wesentlich dramatischer las sich gestern ein Tweet von Donald Trump, der kurz nach Veröffentlichung der US-Schrumpfungszahlen die Öffentlichkeit erreichte. Denn der US-Präsident stellte zum ersten Mal ernsthaft und öffentlich den Wahltermin im November infrage. Natürlich gilt dieses Datum als nahezu unverrückbar, und eine Verschiebung per Dekret des Präsidenten bedürfte Medienberichten zufolge ohnehin der Zustimmung von Repräsentantenhaus (dort haben die Demokraten die Mehrheit) und dem Senat (dort sind die Republikaner in der Überzahl). Eigentlich kein Grund zur Beunruhigung. Aber allein, dass Kommentatoren die Frage stellen, ob denn Donald Trump im Falle einer knappen Niederlage überhaupt seinen Stuhl räumen würde, zeigt, dass es nicht nur für die Finanzmarktteilnehmer ein Extremrisiko dieser Art geben dürfte. Zumindest sollte man – wie bereits einmal nebenbei erwähnt – weder die Wahrscheinlichkeit, dass der Wahltermin tatsächlich verschoben werden könnte, noch die Folgen einer solchen Verschiebung als gering einschätzen. Der Dollar reagierte jedenfalls nach den Trump-Tweet mit einem leichten Schwächeanfall.

 

Dollar-Abschmelzungsprozess in Gang gesetzt?

Nun wird man nicht sogleich befürchten müssen, dass der Dollar deswegen seinen Status als Reserve-Währung verlieren könnte. Zumal etwas mehr als 60 Prozent der Zentralbankreserven in Dollar gehalten werden, während der Anteil des Euro gerade einmal 20 Prozent ausmacht. Mit anderen Worten: Die Rolle des Greenback als Reserve- und Verschuldungswährung ist vor allen Dingen deswegen so dominant, weil es derzeit keine Alternative gäbe, um etwa große Kapitalabflüsse aus US-Staatsanleihen aufzufangen. Aber allein deren schrittweises Abschmelzen in Form einer Verschiebung der internationalen Währungsreserven von ein paar Prozentpunkten, raus dem Dollar in Richtung Euro, würden zu dessen mittelfristiger Aufwertung beitragen.

Und es gibt Indizien dafür, dass dies bereits geschieht. Nicht nur aus psychologischen Gründen oder etwa der Angst heraus, womöglich als ein der Trump-Administration missliebiger Staat eines Tages vom Dollar-System abgeschnitten zu sein (vgl. immer meine Ausführungen dazu HIER und HIER). Denn der Euro ist gut nachgefragt, obwohl die Investorenstimmung bereits seit Wochen ausgeprägt bullish ist – normalerweise ein Warnzeichen für Aufwärtstrends.

Die Anzeichen mehren sich zumindest, dass der Euro auch mittel- und langfristig gegenüber dem Dollar profitieren wird. Kurzfristig befindet sich die Gemeinschaftswährung ohnehin im Aufwärtstrend und handelte heute früh in Fernost so hoch wie zuletzt im Mai 2018. Dabei wurde der nächste von uns avisierte Potenzialpunkt (1,1850) spielend überlaufen, so dass nun auch noch die Türe in Richtung 1,2020 geöffnet ist. Die steile Version dieses Trends bleibt jedenfalls intakt, solange nun an der Unterseite 1,1690/95 nicht verletzt wird.

 

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

[1] Die US-Zahl kann aufgrund der annualisiert ausgewiesenen Berechnung nicht mit der deutschen verglichen werden!

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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