Dollar am Morgen

Hoffen und Warten auf (große) Rücksetzer

von Joachim Goldberg am 29. Juli 2020

EUR USD (1,1730)             Das hat man davon, wenn man zwei Tage aussetzt, dachte ich mir am Montagmorgen. Ich wollte mir, sozusagen als Auszeit, nur ein verlängertes Wochenende gönnen, konnte aber dann doch nicht davon ablassen, immer mal wieder einen Blick auf meinen Kurs-Bildschirm zu riskieren: Tatsächlich hatte der Euro gegenüber dem US-Dollar am Montag den besten Tag seit dem 30. Juni.

 

Zeit zum Atem holen

Kaum aber saß ich gestern Abend wieder an meinem Schreibtisch, schien sich alles beruhigt zu haben. Auch die extreme Gold-Bewegung, die gegenüber dem US-Dollar gestern immerhin eine Spanne von fast 4 Prozent (und ein neues Allzeithoch) produzierte, hinterließ am Ende nur einen vergleichsweise überschaubaren Tagesprofit.

Und der Euro? Es war der erste kleine Tagesverlust seit sieben Handelstagen ununterbrochenen Anstiegs. Nein, der Gemeinschaftswährung ist nicht wirklich die Luft ausgegangen, aber Großereignisse stünden in dieser Woche noch bevor, war als Begründung für die fast schon als lustlos zu bezeichnende Handelssitzung zu hören. Ähnliches galt auch für die hiesigen Aktienmärkte, wo seit fünf Handelstagen etwa DAX und Euro Stoxx 50 zwar nicht massiv unter Druck geraten sind, aber auf Basis Schlusskurs jeweils nicht mehr als einen einzigen Zähler Kursgewinn zustande brachten.

 

Gesucht: Bestimmte Risikoereignisse

Was alle drei Märkte gemeinsam haben: Viele Akteure warten auf eine viel deutlichere Korrektur, um verpasste Käufe nachzuholen. Aber gute Trends verfügen eben genau über diese Eigenschaft, so schnell zu laufen, dass sich keine richtig günstige Einstiegsmöglichkeit mehr ergibt. Im DAX dürfte die Mehrheit der Akteure immer noch short sein – zumindest, wenn man die Sentiment-Umfrage der Börse Frankfurt aus der vergangenen Woche zugrunde legt. Und bei Gold und Euro ist die Angelegenheit nicht viel anders. So liegt etwa laut unserem Modell, das auf Erkenntnissen der Behavioral Finance beruht, der (wahrgenommene) Einstandspreis der mittelfristig orientierten Marktteilnehmer im Euro bei 1,1375. Das ist der Kurs, zu dem schiefliegende Euro-Shortpositionen zurzeit vermutlich schmerzfrei zurück gedeckt werden könnten. Und so wartet man auf sogenannte Risiko-Ereignisse, die einen solchen Rücksetzer ermöglichen sollen.

 

FOMC-Sitzung ohne (negative) Überraschung erwartet

Eines dieser Risikoereignisse könnte die heute endende Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC) sein. Aber die Fed wird wohl kaum etwas verkünden, was so hawkish ausfällt, dass der Dollar richtig in die Luft schießen würde. Und da es im Offenmarktausschuss derzeit nur geldpolitische Tauben gibt, liegt dieses Risiko praktisch nahe null. Tatsächlich könnte die Fed sogar signalisieren, dass sie möglicherweise im Falle eines Falles ein Überschießen der Inflation tolerieren würde. Gestern bereits verkündete die US-Notenbank, dass sie u. a. die aufgrund der Covid-19-Krise eingerichteten Kreditprogramme um drei Monate bis zum Ende des Jahres verlängern werde.

Auch von den für diese Woche noch anstehenden ökonomischen Daten ist nicht zu erwarten, dass sie eine größere Veränderung der Marktgegebenheiten bewirken könnten. Denn wen interessiert es, wie stark die Abweichung von der Medianprognose der Ökonomen für die erste US-Wachstumsschätzung des zweiten Quartals am Donnerstag tatsächlich ist?

 

US-Kongress: Mindestens Teileinigung?

Wäre da noch das dritte, zurzeit von den Finanzmarktakteuren wahrgenommene Risiko: Der Kongress einigt sich in dieser Woche nicht mehr auf ein neues CoronaHilfsprogramm und der damit einhergehenden Verlängerung der staatlichen Arbeitslosenhilfen über den 31. Juli hinaus. Natürlich ist der jüngste Vorschlag der Republikaner mit Ach und Krach zustande gekommen, weil man sich sogar in den eigenen Reihen nicht einig war. Und die Vorstellungen der Demokraten für ein weiteres Hilfsprogramm liegen deutlich höher als bei einer 1 Billion USD. Auch wenn dem Kongress die Zeit davonläuft, kann ich mir trotzdem gut vorstellen, dass zumindest ein Teilabkommen noch rechtzeitig zustande kommen wird.

 

Für den US-Dollar werden daher mögliche Auslöser für eine Erholung wohl keine große Wirkung entfalten, während der kurzfristige Euro-Aufwärtstrend (Potenzial bis 1,1850/55, darüber auch 1,2020) oberhalb von 1,1590 in seiner steilen Version intakt bleibt.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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