Dollar am Morgen

Houston, wir haben ein Problem

von Joachim Goldberg am 23. Juli 2020

EUR USD (1,1570)             Wenn es brennt, eilt normalerweise die Feuerwehr herbei und versucht, den Brand schnellstens zu löschen. Dieses Mal war ihr Einsatz vermutlich nicht erwünscht, denn bei dem Feuer handelte es sich offenbar um die Verbrennung von Dokumenten. Nicht irgendwo, sondern im Hof des chinesischen Generalkonsulats in Houston (Texas). Die Bilder gingen um die Welt, und nur kurze Zeit später wurde deutlich, warum. Die USA hatten die Diplomaten und Konsulatsmitarbeiter aufgefordert, das Gelände und ein dazugehörendes Wohngebiet innerhalb von 72 Stunden zu räumen.

Nicht nur China sprach von einer „beispiellosen Eskalation“. Jedenfalls ist die Schließung von Konsulaten ungewöhnlich, so dass die Kommentatoren jetzt eine weitere Drehung in der Eskalationsspirale erwarten. Einem Medienbericht zufolge wird nun China im Gegenzug das US-Konsulat in Chengdu schließen. Kurzum: Mit jeder weiteren Eskalationsstufe werden die US-chinesischen Spannungen tiefer in den sogenannten Kalten Krieg 2.0 führen. Die Reaktionen an den Finanzmärkten blieben dennoch überschaubar.

 

Ausgeprägte Euro-Stärke

Am stärksten reagierte der Dollar, der in seinem kurzfristigen Abwärtstrend gegenüber einem Korb an Währungen, gemessen am Dollar-Index, den vierten Tagesverlust in Folge erlebte. Eine Entwicklung, die vor allen Dingen dem Euro einen weiteren Schub verlieh, so dass dieser mit rund 1,1600 nicht nur den höchsten Stand seit Oktober 2018 erreichte. Mit seinem Anstieg konnte der Euro gleichzeitig die Hälfte der kompletten Abwärtswelle, die vom Februar 2018 bis zum 27. März 2020 dauerte und von 1,2555 bis etwa 1,0630 reichte, wieder wettmachen.

Diese Eurostärke dürfte viele Beobachter überrascht haben, denn vielerorts schien es den Anschein zu haben, als ob erhebliche Long-Positionen in der Gemeinschaftswährung bereits seit einiger Zeit bestünden und damit ein Großteil etwaiger mittelfristiger Euro-Nachfrage bereits aufgebraucht wäre. Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte. Denn der Anstieg des Euro über die vergangenen beiden Handelstage trug zumindest den Charakter einer kurzfristigen Short-squeeze. Dies ist umso bemerkenswerter, da der Dollar im Zuge einer weiteren Eskalation in den US-chinesischen Beziehungen normalerweise als sogenannter sicherer Hafen gefragt wäre. Indes: Die US-Aktienhändler reagierten nur kurzzeitig, um nach einigen Dip-Käufen dem vorbezeichneten Aufwärtstrend zu folgen.

 

Schnell abrufbare Vergeltungsszenarien

Wie so häufig bei einer Eskalation im US-chinesischen Streit reagieren die Devisenhändler nicht nach dem Schema Risikofreude/Risikoaversion, sondern rufen fast schon in der Manier eines Pavlov‘schen Reflexes gut und längst abgespeicherte Szenarien (ich schrieb insbesondere HIER darüber) wieder auf, wie China an den USA Vergeltung üben könnte. Und dann machen immer wieder Gerüchte die Runde, China könnte möglicherweise seine massiven Bestände in US-Staatsanleihen als Druckmittel ins Spiel bringen oder einen Teil seiner hohen Dollar-Währungsreserven umschichten. Bislang hat es aber selbst auf dem Höhepunkt des Handelskrieges keine Anzeichen gegeben, dass China von diesen ohnehin nicht unumstrittenen Maßnahmen Gebrauch gemacht hätte. Oder ist der Euro seit dem Wochenende durch den gelegten Grundstein zu einer Fiskalunion eine ernstzunehmende Alternative zum Dollar geworden?

 

Nicht leicht zu begründen

Die Akteure möchten natürlich den kurzfristigen Aufwärtstrend des Euro begründen und dazu gehörten gestern auch wieder einmal Spekulationen, dass sich die Fed angesichts der sich in den USA verschärfenden Corona-Krise doch noch zu einem negativen Leitzins durchringen könnte.

Gute Trends sind indes dadurch gekennzeichnet, dass viele Akteure meist keine Chance mehr haben, daran noch zu günstigen Kursen teilzuhaben. Und dass die Trends gerade in ihrer deutlichsten Phase argumentativ oft nur schwer begründet werden können. Der Euro hat jedenfalls seinen ersten Potenzialpunkt bei 1,1610 beinahe und viel schneller als gedacht erreicht – darüber reicht die Fantasie bis 1,1770/75. Um den Euro in seiner starken Position und seinen steilen kurzfristigen Aufwärtstrend zu halten, darf nunmehr 1,1435 nicht mehr unterlaufen werden.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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