Dollar am Morgen Märkte

Aktienmärkte ignorieren fünf gravierende Risiken

von Joachim Goldberg am 9. Juni 2020

EUR USD (1,1285)             Gleich zu Beginn des gestrigen Handelstages wurde ich bei meiner täglichen Lektüre mit einer dieser typischen, abgedroschenen Weisheiten konfrontiert, die da lauten, die Märkte seien keine Einbahnstraße und an jeder Ecke lauerten Risiken. Und als ich die von dem Verfasser dieser Zeilen beschriebenen Risiken betrachtete, ahnte ich, dass der Urheber wohl in Euro, möglicherweise aber auch in Aktien „short“ gewesen sein dürfte.

 

An altbekannte Risiken gewöhnt

Natürlich kann man behaupten, dass die Märkte zu sehr auf die Erholung der Volkswirtschaften blicken würden, nachdem die erste Welle der COVID-19-Pandemie langsam verebbt. Möglich, dass einige kurzfristige Akteure etwas zu euphorisch sind. Indes: Die erwähnten Marktrisiken sind altbekannt und dürften sogar vielerorts dazu geführt haben, dass man zu lange an Verlustengagements festgehalten hat.

Da gibt es den Brexit, bei dem die Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien zurzeit feststecken. Dem Vereinigten Königreich bleibt noch bis Ende Juni Zeit, eine Verlängerung zu beantragen. Risiko Nummer 2: die Spannungen im US-chinesischen Handelskonflikt. Risiko Nummer 3: Der 750 Mrd. schwere Euro-Rettungsfonds kommt womöglich nicht zustande, weil nicht alle 27 Mitgliedstaaten dem deutsch-französischen Vorschlag zustimmen. Risiko Nummer 4: eine zweite COVID-19-Welle. All diese Risiken schweben scheinbar wie ein Damoklesschwert über den Finanzmärkten, insbesondere den Aktienmärkten. Aber es handelt sich um Risiken, die allesamt nicht neu sind, an die wir uns schon längst gewöhnt haben und die von den Kommentatoren immer wieder heruntergebetet werden, obwohl schon niemand mehr darauf hört.

 

Nicht viel aus der Rallye herausgeholt

Währenddessen sind die Aktienkurse so sehr gestiegen, dass man mittlerweile an eine V-förmige Erholung der US-Wirtschaft glauben muss. Je mehr sich die Aktienkurse nach oben bewegen, desto mehr gewinnt ein derartiges Szenario auch in der Wahrnehmung der Akteure – womöglich über die Maßen stark – an Wahrscheinlichkeit. Und daraus ergibt sich schon wieder ein Risiko, das fünfte in unserer Aufzählung. Kein Wunder, dass der berühmte Investor und Hedgefonds-Manager, Stanley Druckenmiller, in einem TV-Interview gestern zugab, aus der jüngsten, rund 40-prozentigen Rallye der US-Aktienmärkte lediglich 3 Prozent herausgeholt zu haben. Und damit befindet sich vormals für George Soros tätige Fondsmanager in guter Gesellschaft.

 

Ein Blick auf die Schieflagen

Mir macht aber nicht nur Sorge, dass die hiesigen mittelfristig orientierten institutionellen Anleger, die etwa die Börse Frankfurt wöchentlich befragt, möglicherweise ihre Absicherungen bzw. Shortpositionen im DAX immer noch nicht aufgelöst bzw. zurückgedeckt haben. Vielmehr zeigt mir vor allen Dingen ein Blick auf die 10jährigen US-Staatsanleihen, deren Renditen in der vergangenen Woche deutlich angezogen haben, dass es zu einer Verstärkung dieser Tendenz in Richtung eines veritablen Trends kommen kann. Und zwar, wenn es unter anderem aufgrund des massiven Angebots an Anleihen durch die US-Neuverschuldung, die durch die fiskalpolitischen, Billionen an USD schweren Stimulus-Programme verursacht wird, zu einer verstärkten Auflösung von Anleihe-Long-Positionen kommt: Die dabei frei werdende Liquidität könnte die Aktienmärkte dann noch weiter nach oben treiben.

 

US-Stimulus-Programm womöglich geringer als erwartet

Aber es gibt einen Gegenpol zu diesem Szenario. Denn das nächste Stimulus-Paket in den USA könnte eventuell eine Größenordnung von „nur“ 1 Billion USD erreichen. Dies hat zumindest der republikanische Mehrheitsführer im US-Senat, Mitch McConnell, nach einem Treffen mit Vertretern des Weißen Hauses gestern durchblicken lassen.

Natürlich ist das immer noch ein riesiger Betrag, aber angesichts der ökonomischen Verhältnisse doch ein fast schon überschaubares Volumen, wenn man bedenkt, dass die Demokraten vor nicht allzu langer Zeit ein 3,5 Billionen-Programm auf den Weg bringen wollten. Allerdings ohne Aussicht auf Erfolg, aber mit dem Effekt, dass mit der Zahl „3,5 Billionen“ ein Referenzpunkt gesetzt wurde. Zumindest dürfte sich die Trump-Administration dem Vernehmen nach mit einem solchen Programm wahrscheinlich bis mindestens Anfang Juli Zeit lassen. Wahrscheinlich auch, um festzustellen, ob sich der US-Arbeitsmarkt tatsächlich auf einem guten Weg befindet.

Der Euro ist gestern nicht so recht von der Stelle gekommen, obgleich die Risikofreude an den Aktienmärkten weiter anhielt. Allerdings blieb der Rücksetzer der Gemeinschaftswährung überschaubar und touchierte nicht einmal unser erstes Nachfrageniveau. Unterdessen bleibt der kurzfristige Aufwärtstrend in seiner steilen Version ohnehin intakt, solange 1,1185 nicht unterlaufen wird.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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