Dollar am Morgen Märkte

Nichts zu bereinigen

von Joachim Goldberg am 28. Mai 2020

EUR USD (1,1005)             Trendfolgende Devisenhändler scheinen es derzeit nicht so leicht zu haben – ganz im Gegensatz zu ihren Kollegen an den Aktienmärkten. Abgesehen von allen Neuigkeiten, die die Akteure gestern zu verarbeiten hatten, konnte man wieder einmal feststellen, dass sich der Euro gegenüber dem Dollar jenseits der Marke von 1,10 schwertut, etwas Dampf zu machen. Das war seit Mitte April bereits drei Mal zu beobachten. Dabei hat doch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Großes mit Europa vor: ein Wiederaufbauprogramm in Höhe von 750 Mrd. EUR. Zwei Drittel davon sind als nicht zurückzahlbare Zuwendungen und ein Drittel als Kredite an Länder gedacht, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind.

 

Große Pläne für die EU

Was für die hiesigen Aktienmärkte mancherorts wie ein Jubelruf ankam, sorgte beim Euro-Handel nur für kurzfristig bullishe Engagements, die zum Ende der europäischen Handelssitzung ohne Terraingewinn gegenüber dem Dollar wieder verpufften. Und wer erwartet hätte, dass die Anhänger der sogenannten „Safe-Haven-Währung“ Schweizerfranken endlich aus der Ruhe gebracht worden seien, musste Stunden später mit ansehen, dass der von der Leyen’sche Vorschlag noch nicht dazu geeignet war, einen größeren Kapitalfluss fort vom Franken in Richtung Euro loszutreten. Nicht nur, weil keineswegs gesichert ist, ob am Ende tatsächlich alle EU-Mitgliedsstaaten der, wie es ein Kommentator ausdrückte „möglicherweise größten politischen Veränderung auf dem [europäischen] Kontinent seit 30 Jahren“ zustimmen werden. So viel steht jetzt schon fest: Das Projekt braucht Zeit und wird wohl erst zu Beginn des Januar 2021 in Kraft treten – zumindest, wenn es nach der deutschen Kanzlerin Angela Merkel geht.

 

Wo Schieflagen fehlen und wo nicht

So recht will es derzeit mit dem Euro nicht vorangehen. Das liegt wohl daran, dass eine wesentliche Triebfeder für große Trends zu fehlen scheint: massive Kapitalverschiebungen zwischen einzelnen Valuten und damit einhergehend größere Schieflagen der Marktteilnehmer. Kurzum: Es gibt kaum etwas zu bereinigen. Immerhin bleibt der Euro stabil, solange nunmehr 1,0930 nicht unterlaufen wird.

Mit größeren Schieflagen scheinen die Börsianer hierzulande allerdings mehrheitlich zu tun haben. Denn was an der Nachrichtenfront wie eitel Freude aussieht, weil Regierungen und Notenbanken alles tun, um die negativen ökonomischen Folgen der COVID19-Krise zu minimieren, scheint nur ein Teil der Aktienmarktteilnehmer ebenso positiv zu sehen. Bei den mittelfristig orientierten Marktteilnehmern, insbesondere bei den institutionellen Akteuren, bleibt die Mehrheit gegenüber der näheren Zukunft der Aktienmärkte pessimistisch eingestellt. Mit den steigenden DAX-Notierungen hat sich die Zahl der Pessimisten – für mich angesichts der zuletzt einseitig positiven Nachrichtenlage überraschend – sogar noch einmal erhöht, wie die gestrige Umfrage der Börse Frankfurt (HIER) gezeigt hat.

 

Eine ganz „normale“ Bärenmarktrallye?

Dabei drängt sich mittlerweile der Verdacht auf, dass das ursprüngliche Motiv dieser Engagements, gegen eine zweite Verkaufswelle im Bärenmarkt gewappnet zu sein, von einem anderen nicht minder wichtigen Beweggrund abgelöst worden ist: Der Aversion, die mittlerweile entgangenen Gewinne aus Absicherungen bzw. Verlusten aus Short-Positionen zu realisieren. Offensichtlich glaubt immer noch eine Mehrheit daran – zumindest hat sich ein institutioneller Anleger gestern mir gegenüber entsprechend geäußert –, dass es sich beim nunmehr mehr als 40-prozentigen Kursgewinn des DAX seit den Corona-Tiefs vom März um eine „normale“ Rallye im Bärenmarkt handelt. Wobei man sich die Frage stellen muss, ob es sich beim Corona-Crash zuvor überhaupt um einen „normalen“ Bärenmarkt gehandelt hat.

Wie auch immer. Negative Nachrichten, etwa die Spannungen an der chinesisch-indischen Grenze oder die Gefahr neuer Sanktionen seitens der USA im Handelskonflikt mit China, fanden gestern bei den Finanzmarktteilnehmern kaum Gehör. Auch nicht die Drohung Donald Trumps, den Kurznachrichtendienst Twitter womöglich bald zu schließen oder zumindest regulieren zu wollen. Denn Twitter hatte es jüngst doch tatsächlich erstmals gewagt, den Wahrheitsgehalt eines Präsidenten-Tweets infrage zu stellen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Trump eine unwahrscheinlich klingende, weil auf den ersten Blick schwer durchführbare Drohung zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich auch umsetzt.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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