Dollar am Morgen Märkte

Zu „short gewesen“, um sich zu freuen

von Joachim Goldberg am 19. Mai 2020

EUR USD (1,0915)             Der gestrige Handelstag dürfte durchaus zu den denkwürdigeren der jüngsten Zeit gehören. Nicht wegen der Entwicklung an den Devisenmärkten, wo sich der Dollar im Vergleich zu den Vortagen auffallend deutlich abschwächte. Vielmehr dürfte der gestrige Tag vielen Teilnehmern an den Aktienmärkten in unangenehmer Erinnerung bleiben. Zumindest wenn man die Marktstimmung der vergangenen Woche berücksichtigt, hatte die gestrige Entwicklung den Charakter einer veritablen Short-Squeeze.

 

Läuft an der Börse der falsche Film?

Wer gestern in der Frühe noch ein wenig verschlafen auf die Push-Nachricht eines bekannten Nachrichtensenders blickte, musste eigentlich einen Schreck bekommen. Denn kein geringerer als Fed-Chef Jerome Powell hatte in der Nacht zum Montag prognostiziert, dass die US-Wirtschaft im zweiten Quartal um bis zu 30 Prozent schrumpfen könnte. Auch wenn der Fed-Chef den Begriff Depression vermied, stellte er in den Raum, dass die Erholung der US-Ökonomie bis Ende 2021 dauern könnte. Ohne einen Impfstoff, so Powell, sei eine derartige komplette Erholung nicht möglich.

Wer jedoch gestern früh so gegen 8:00 Uhr dachte, dass seine bearishe Position nun doch noch Früchte tragen könnte, dürfte sich beim ersten Blick auf den Kursverlauf der Aktien-Futures gefragt haben, ob er sich im richtigen Film befinde. Hatte denn niemand von einer bevorstehenden Depression Kenntnis genommen?

 

Stabile Kurse „verletzen Gefühle“

„Rallye trotz Coronakrise: Gründe für den Börsen-Wahnwitz“ titelte Spiegel Online gestern um die Mittagszeit. Wie lange kann das gut gehen, wenn sich die Aktienkurse von der wirtschaftlichen Realität so entkoppelt haben? – so lautete die Einleitung des Beitrags. Ja, man konnte durchaus Verständnis dafür haben, wenn das Gros der Akteure nicht auf steigende Aktienkurse setzen wollte. Ein früherer US-Aktienhändler brachte es auf den Punkt, als er sagte, dass die nicht noch weiter fallen wollenden Aktienmärkte die Gefühle vieler [Börsianer] verletzen würden. Dass die Stimmung schlecht und die Positionen überwiegend auf „short“ gelautet haben müssen, belegen nicht nur die Stimmungsumfragen der vergangenen Woche. Vielmehr sprach dafür auch die gestrige Reaktion der Kurse auf neue Informationen. So etwa der gestrige Tagesgewinn des DAX von über 5 Prozent.

 

Hoffnung auf Moderna

Plötzlich braucht China wieder Rohöl, was sich sowohl an einem Preis von über 30 USD pro Barrel als auch am dritten Wochengewinn hintereinander für das schwarze Gold ablesen lässt. Und dann tauchten sie auch unvermittelt auf, die guten Nachrichten. Da brach sich plötzlich die Hoffnung Bahn auf einen neuen Impfstoff der US-Firma Moderna, der einer ersten Versuchsreihe zufolge das Zeug haben könnte, dass COVID-19-Virus besiegen zu können. Aber ohne zu skeptisch zu erscheinen: Es wird seine Zeit brauchen, bis wir wissen, ob damit wirklich der endgültige Durchbruch gegen Corona geschafft ist. Dennoch: Die Aktienkurse tendierten unmissverständlich weiter aufwärts, und plötzlich war es wieder Jerome Powell, der mit einem Male für die gestrige Rallye gesorgt haben sollte. Nun war die Lesart eine andere. In dieser neuen Deutung war es der Fed-Präsident, der in demselben Interview eben auch deutlich gemacht hatte, dass die Notenbank über unbegrenzte Munition zur Bekämpfung der Krise verfüge.

Und dann kamen auch noch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron daher und verkündeten die Planung eines 500 Milliarden Euro schweren Hilfsprogramms für die EU-Wirtschaft. Ob dieser Wiederaufbau-Fonds zustande kommt oder auch groß genug ist? Nein, Skepsis war gestern nicht gefragt.

 

Erzwungene Risikofreude

Man könnte die gestrige Aktien-Geschichte auch ganz einfach darunter subsumieren: Der Markt war zu „short“. Es lässt sich schwer sagen, ob das Gros der früheren Pessimisten (spätestens mit dem Überqueren der 11.000er Marke?) beim DAX bereits gestern das Handtuch geworfen hat. Auf jeden Fall dürfte sich durch die gestrige Squeeze die Zahl etwaiger Nachfrager bei einem erneuten stärkeren Rücksetzer der Aktienmärkte wahrscheinlich deutlich verringert haben.

Immerhin schlug sich die erzwungene Risikofreude auch in einem festeren Euro-Kurs nieder, der endlich gegenüber dem Dollar sein Stabilitätsniveau von 1,0920 – wenn auch recht knapp – überwinden konnte. Die Gemeinschaftswährung bleibt dennoch trendlos, wenngleich oberhalb von 1,0835 stabil.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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