Dollar am Morgen

Öl für uns alle

am
21. April 2020

EUR USD (1,0830)             Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Öl eigentlich oft Mangelware war. Als 17-Jähriger habe ich 1973 die Ölkrise samt Fahrverbot miterlebt. Und ich kann mich daran erinnern, dass wir als Jugendliche außer Monopoly auch das – zugegeben eher langweilige – Spiel „Öl für uns alle“ zusammen gespielt haben. Langweiliger deshalb, weil die Ölpreise immer nur eine Richtung kannten: nach oben. Bei diesem Spiel waren diejenigen Gewinner, die das schwarze Gold fleißig produzierten und besaßen. Und wenn ich mir deshalb eines ganz bestimmt nicht vorstellen konnte, war, was gestern passiert ist: Dass die Rohölnotierungen in den USA je einmal unter Null, also in den negativen Bereich fallen könnten. Die Sorte WTI (West Texas Intermediate) fiel auf ein Rekordtief von zeitweise mehr als -40 USD (i. W.: minus vierzig) pro Barrel! Kein Wunder, dass schon gemutmaßt wurde, manche Ölproduzenten müssten bald wohl sogar Geld drauflegen, damit man ihnen das Öl überhaupt abnehme.

 

… aber bitte nicht jetzt gleich

Die Akteure brauchen zwar irgendwann wieder mehr Öl, aber heute bitte noch nicht. Denn die Pipelines und Lager sind voll davon bis an den Rand. Und wer am Futures-Markt per Mai Öl „long“ war und es bleiben wollte – und davon gibt es derzeit viele –, musste diese Position, weil der Mai-Kontrakt heute fällig ist, verkaufen und dafür etwa Juni-Kontrakte (fällig am 19.5.) erwerben. Und dieses sogenannte „Rollen“ der Futures hat gestern dazu geführt, dass der Juni-Kontrakt zeitweise rekordverdächtige mehr als 60 USD pro Barrel über demjenigen vom Mai lag. Man sprach mancherorts von einem „Super Contango“. Übrigens: Der Juni-Kontrakt schloss oberhalb von 20 USD pro Barrel.

Dieses „Rollen“ ist zwingend notwendig, da sich ansonsten eine alte Wall-Street- Legende bewahrheiten könnte. So soll es unerfahrene Commodity-Händler gegeben haben, die vergessen hatten, ihre „Futures Long-Position“ in den nächsten Monat zu „rollen“. Was zur Folge hatte, dass sie morgens, als sie ihr Haus verlassen wollten, ihnen vor der Tür meterhohe Weizenberge oder Tausende von Schweinehälften den Weg versperrten.

 

„Big short“ im Aktienmarkt

Ja, die Öl-Story hat den Aktienmärkten gestern den Rang abgelaufen. Und es hätte wohl niemanden sonderlich verwundert, wenn die Aktienmärkte anhand der Deflation verheißenden Öl-Notierungen ebenfalls massiv gelitten hätten. Aber wie bereits gestern von mir erwähnt, dürften viele Börsianer bereits „short“ sein und ihren Engagements nicht mehr so wahnsinnig viel hinzuzufügen haben. Auf diese Positionen ging übrigens auch am Sonntag ein Artikel im „Wall Street Journal“ (HIER) ein.

Zunehmend ruhiger wurde es indes um den US-Dollar, der gestern die geringste Range seit einer Woche produzierte und auch den Euro auf der anderen Seite kaum bewegte. Trotz dieser trägen Handelssitzung befindet sich letzterer nach wie vor in seinem kurzfristigen Abwärtstrend, dessen Risiko bis 1,0675 reicht. Und dieser Trend bleibt nach wie vor intakt, solange 1,1000/05 nicht mehr überwunden wird.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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